Sezession
26. Juli 2010

Wille zur Macht, Teil 2 der Absage …

Gastbeitrag / 8 Kommentare

von Gunther Konstanz

Die Debatte von neulich aufgreifend - meine Argumente nochmals in vier Punkten zusammengefaßt:

1. Wer tatsächlich Gelegenheit hat, in unserem Sinne Macht auszuüben, möge sie nützen. Niemand hindert Einzelne daran, ihre Chancen jenseits pragmatischer Erfolgserwartungen auszuloten oder sich auch mal testweise am Aktionsfelsen seine Schürfwunden zu holen. Für die „Sezession“ als ganzes hielte ich dies allerdings für einen problematischen Rückschritt, weil es mit erheblichen Diagnoseverlusten verbunden wäre.

2. Man wolle, lese ich, nichts mehr vom übermächtigen Feind hören. Ist er dadurch plötzlich weniger stark? Wer das Beispiel Hitler nicht mag, kann auch Fabius Maximus einsetzen. „Cunctator“ schimpfte man ihn, „Zauderer“ oder gar „Feigling“, was er gewiss nicht war und später bewies. Man wählte ihn ab, weil er Hannibal zunächst in Italien gewähren ließ. Ob Rom mit Varro bei Cannae besser gefahren ist, bezweifle ich.

3. Noch ein Wort zu A.H.: Nicht als moralistisches Totschlagargument habe ich ihn angeführt, sondern als klassischen Ungeduldigen. Gerade wer Stefan Scheils historische Grundthese wenigstens für diskutabel hält, ahnt, welche Falle Dynamik sein kann.

4. Ich glaube nicht, dass sich aufs „Jammern“ beschränkt oder Quietismus, wer sich von gängigen Formen des Realitätsverfalls freihält und in dem ihm gegebenen Wirkungskreis Schlimmeres verhütet oder Zukunftsträchtiges einleitet. Wenn ich manche Verbalradikalismen mustere - stets vom Feldherrnhügel, so als stünden uns ganze Armeen zur Verfügung -, erinnert mich dies ein wenig an die Zeit, als „Studenten“ glaubten, die „Arbeiterklasse“ zum Aufstand bewegen zu können. Dass die meisten dann bei den Fleischtöpfen des neuen Establishments landeten, andere bei Baader-Meinhoff, habe ich nicht vergessen.


 Gastbeitrag

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Kommentare (8)

Thorsten
26. Juli 2010 14:12

Wer ist Gunther Konstanz?

Antwort Kubitschek:
Ein Gastbeiträger, ein Selbstdenker, einer, der ausführlich seine Befürchtung kundtat, daß wir in die Aktivismus-Falle tappen könnten.

w. wolfo
26. Juli 2010 14:35

Richtig, eine Gesellschaft kann niemals besser entwickelt sein, als es ihre Mitglieder sind. Wenn also im Staate heute die unkontrollierte Gier vorherrscht, die Abkehr vom Allgemeinwohl, dann wirft dies ein bezeichnendes Schlaglicht auf uns, die dies unterstützen, tolerieren oder dulden.

Der blanke Wille zur Macht über Sachen und Menschen um uns herum ist ein Kind des Egoismus, der uns auch davon abhalten kann, eigene Verluste in Kauf zu nehmen, die das Allgemeinwohl von uns abverlangt. Kurz: Der "Wille zur Macht" und der Unwille, etwas zu ändern, sind Spiegelbilder desselbens Willens zum Selbsterhalt.

Der Selbsterhalt ist nützlich, auch ein Tier hat ihn, aber für uns Menschen ist er nicht alles, wir haben auf der anderen Seite ein auch noch ein größeres Potential.

Fazit: Die Kritik an der Gesellschaft durch viele, die sich als "Rechts" bezeichnen, ist heuchlerisch. Geht es ihnen doch nur darum, ihren Egoismus, ihre unkontrollierte Gier zu befriedigen. Ich sehe sogar gar keinen Unterschied im biologischen, dialektischen, kapitalistischen Materialismus.

Also ist die aufgemachte Alternative (Wille zur Macht - ja oder nein) eine falsche. Die totale Hinwendung auf die materielle Welt - und dies möchte ich den Lesern hier noch sagen - ist alles andere als "konservativ".

Deshalb: Was ich bei der "neuen Rechten" so lese, erscheint mir in weiten Teilen nicht logisch. Beispiele:
1. Innerlich "fremd" ist mir eher der Egoist im Ministeramt, im Bankvorstand, der Günstling in der Wirtschaftspresse oder auch der bombenwerfende Oberst im Dienste der größten Militärmacht - nicht der einfache, ehrliche Mensch sonstwo auf der Welt. Von der ersten Gruppe möchte ich mich abgrenzen.
2. Der Konservative bewahrt m. E. seinen menschlichen Wert und entwickelt ihn. Da verstehe ich nicht, wie man Neoliberale, Verrohte, Machtgeile, Feinde jeder Weltreligion und eitle Wirtschaftsfanatiker als Freunde und Verbündete betrachten kann.

Ich möchte daher zur Diskussion stellen: Muss nicht jeder zuerst in sich schauen, bevor man über Machtansprüche in der Welt um uns reden sollte? Wer diese Perspektive auf die ganze Wirklichkeit vernachlässigt, wird doch bald in persönlicher Depression enden. "Haben wollen" füllt keinen Menschen aus.

Euer W. Wolfo

Harry
28. Juli 2010 01:36

Bleibt mehr als Strategem Nr. 9?

Die Feuer am anderen Flussufer beobachten

Welches hier nicht verstanden werden kann als Zuwarten der "eigenen Truppen". Sondern mehr als Blick zurück auf die brennende Marina.

Braquemart und Sunmyra haben einen anderen Weg gewählt, den Weg der Tat (nebenbei bemerkt: ohne jeden Verbalradikalismus).

Gunther Konstanz und w. wolfo sprechen letztlich von anderen Pfaden als den der Tat. Geistige Brückenköpfe + zuerst in sich schauen.

Drei mögliche Pfade. Es gibt noch einen vierten. Geschwätz.

Distelherz
28. Juli 2010 14:25

W. Wolfo spricht mir aus der Seele. Hier ist ein Anknüpfungspunkt zur anderen aktuellen Debatte hier (zur möglichen Neugründung einer rechten Partei), in der man genau jene...

Neoliberale, Verrohte, Machtgeile, Feinde jeder Weltreligion und eitle Wirtschaftsfanatiker als Freunde und Verbündete betrachten kann.

...[Zitat W. Wolfo] als mögliche Verbündete präsentiert bekommt, die doch eben so gar nicht konservativ im wahren, schönen und guten Sinne sind.

Insgeheim hege ich gelegentlich den Verdacht, daß so manche, die durch die einschlägigen Blogs und Foren geistern und die sich selbst als konservativ bezeichnen würden, nichts weiter als gewöhnliche Besitzstandswahrer sind.

Faschist
30. Juli 2010 14:21

Der „Wille zur Macht“ und der Unwille, etwas zu ändern, sind Spiegelbilder desselbens Willens zum Selbsterhalt.

Der Wille zur Macht ist im Gegenteil etwas völlig anderes als der Wille zum Selbsterhalt.

Braquemart und Sunmyra haben einen anderen Weg gewählt, den Weg der Tat (nebenbei bemerkt: ohne jeden Verbalradikalismus).

Man könnte natürlich auch den Oberförster als Identifikationsfigur setzen.

Abgesehen davon ist die ganze Diskussion darum, ob Sezession nun Willen zur Macht hat oder nicht völlig falsch aufgezogen: der Wille zur Macht ist ein umfassenderes Prinzip das weit über reinen Aktivismus hinausgeht, politisch-kulturelle Analyse kann genauso gut im Dienste des Willens zur Macht stehen wie ein Bombenleger oder sonst eine Gestalt aus dem aktivistischen Spektrum.

Harry
30. Juli 2010 23:29

@ "Faschist"

Mit dem Oberförster will ich mich nicht identifizieren. Armin Mohler hat dazu passend folgende Anekdote erzählt: Er habe sich während des Krieges mit einem überzeugten Nationalsozialisten unterhalten. Als Mohler Ernst Jünger erwähnte, habe ihn dieser missbilligend angesehen und (abwertend) bemerkt, dass Ernst Jünger ein Faschist sei. Und die Erklärung angefügt, dass EJ nicht für sein Volk, sondern um des Kampfes willen gekämpft habe.

Faschist
1. August 2010 16:20

@Harry

Die Anekdote ist mir bekannt, mir erschließt sich der Zusammenhang zum Oberförster allerdings nicht ganz.

Die Analogie von MK ist relativ eindeutig: Die Marina ist die dekadente heutige Gesellschaft, Braquemart und der Adelige mit dem schwierigen Namen sind relativ undegenerierte Einzelelemente innerhalb dieser.

Der Oberförster (Stalin, Hitler wer auch immer) ist die reinigende archaische Kraft, die die Schwäche der Marina ausnützt und sie vernichtet, womit wieder Raum für neue, undegenerierte Kulturen geschaffen ist.

Was nun die Frage angeht, ob man um des Kampfes willens kämpft oder besser für Familie, Vaterland etc., so ist ersteres natürlich bewundernswert nihilistisch, aber weder geistig noch praktisch durchführbar, da der Kampf, genau wie der Wille zur Macht, immer einen Aufhängepunkt braucht, um den gekämpft wird.

Das Volk bietet sich hierbei als klassisches Modell der Kampfgemeinschaft natürlich besonders als Bezugspunkt an, wichtig ist nur, dass man sich der Subjektivität solcher Werte wie Vaterland und Volk bewusst bleibt, ohne deshalb Abstriche an ihrer Gültigkeit vorzunehmen.

Harry
2. August 2010 18:38

@ Faschist

Mit der Anekdote wollte ich auf die Differenz zwischen Oberförster und Braquemart/Sunmyra/Erzähler in dem Roman hinweisen, die auch eine Entsprechung in der Realität hat. Man kann sich m.E. nicht ernsthaft zugleich mit allen eben genannten identifizieren. Und man muss wohl auch die Erkenntnis anfügen, dass die Beseitigung des einen Übels durch ein anderes Übel nichts verbessert. Nicht nur der Kollateralschäden wegen. Ernst Jünger hat deshalb sein Alter Ego bereits 1939 gegen den Oberförster gestellt. Er wusste warum.

Ob man eine "reinigende archaische Kraft" begrüßt, ob ein Tabula rasa wirklich sinnvoll wäre, ist eine Frage, bei der wir wohl unterschiedlicher Meinung sind. Eine konservative Ansicht ist dies jedenfalls nicht; aber Ihr "Neckname" zeigt ja auch in eine andere Richtung.

Ein Unterschied jedenfalls ist in der Anekdote deutlich: Der Nationalsozialist setzt "sein Volk", EJ den "kategorischen Imperativ des Herzens". Letzteres ermöglicht einen Wechsel des "Aufhängepunktes" auf der Suche nach einer neuen Ordnung und erst dadurch den von Ihnen angesprochenen Spagat zwischen Bezugspunkt und Subjektivität (den wir beide sicher nicht mit Beliebigkeit verwechseln).

Die Wahrnehmung der Vielgestaltigkeit der Welt ist eine Aufgabe, an welcher sich u.a. SiN versucht. Das ist mehr als genug. Um Strategien zur Machtergreifung (die hier unter dem missverständlichen Etikett "Wille zur Macht" diskutiert werden) können sich auch andere Gruppen kümmern.

Beim Stabhochsprung empfiehlt es sich, einen guten Anlauf zu nehmen und zahlreiche Schritte vor dem Absprung zu machen. Zum jetzigen Zeitpunkt stellt sich die Machtfrage für die Rechte nicht ernsthaft. Das kann natürlich auch mit einem (oder mehreren) derzeitigen Aufhängepunkt(en) der Rechten zu tun haben.

Kurz noch zu einem ergiebigeren Thema.

Ein interessanter Gedanke: Nihilistischer Kampf ohne Bezugspunkt! L'art pour l'art! Satori!

Sicher kein Köder für die Masse, sicher auch nichts für einen christlich geprägten Europäer oder Anhänger der anderen Buchreligionen (mystische Bewegungen innerhalb dieser Religionen natürlich ausgenommen).

Aber eine Idee, die womöglich zu Nietzsches "Wille zur Macht" besser passt, als "Machtergreifung" :)

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