Sezession
1. August 2008

Deutsche Geschichte, diffus

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 25/August 2008

sez_nr_258von Martin Voelkel

„Jetzt spricht die Enkelgeneration" war wohl der Schlüsselsatz des Verlegers Ulrich Hopp in einem Interview, das er Ende Mai dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels gegeben hat. Den Anlaß bildete die Vorstellung einer neuen Reihe zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, die der Verlag „Be.bra" (für Berlin-Brandenburgisches Verlagshaus) auf den Markt bringen will. Bis Ende 2010, so das ehrgeizige Ziel, sollen insgesamt sechzehn Bände vorliegen. Die Äußerung über die „Enkelgeneration" erklärt sich vor allem daraus, daß unter den Herausgebern wie unter den Mitarbeitern die jüngeren - jünger nach Maßgabe des Alters, in dem man Aussicht auf einen Lehrstuhl hat - dominieren. Das gilt unter den Verantwortlichen sicher für Frank-Lothar Kroll und Sönke Neitzel, weniger für Manfred Görtemaker. Bei den Mitarbeitern gibt es einige, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen, von denen mancher sich aber durch außergewöhnliche Leistungen schon einen Ruf erworben hat (wie etwa Peter Hoeres).

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Begonnen wird die Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit drei Bänden, die sich dem Ersten Weltkrieg, dem Zweiten Weltkrieg und der Vernichtung der Juden widmen. Der erste (Weltkrieg und Revolution, geb, 204 S., 19.90 €) wurde von Neitzel verfaßt, der ohne Zweifel zu den besten Kennern dieser Materie in Deutschland gehört. Gegen die Darstellung der Ereignisse ist im großen und ganzen auch kein Einwand zu erheben, allerdings gegen die Wertungen, vor allem soweit sie Kriegsanfang und Kriegsende betreffen. Man liest schon die Verbeugung vor Fritz Fischer und der Sozialgeschichte im Vorwort mit einem gewissen Unbehagen, und das wird noch verstärkt angesichts einer knappen Abhandlung des Kriegsausbruchs, die zwar auf die fatale Bündniskonstellation und die grundsätzliche Kriegsbereitschaft der Großmächte abhebt, um dann aber doch ohne weiteres den Mittelmächten die Hauptverantwortung zuzuschieben. Der Eskalationswille Greys und die vorgeschobene Begründung für den Kriegseintritt Großbritanniens - Deutschlands Bruch der Neutralität Belgiens - werden sowenig ernst genommen wie die aggressiven Pläne in der Führung Frankreichs oder Rußlands. Neitzels Deutung ist konventionell, was man genauso für Darstellung und Interpretation des Zusammenbruchs von 1918/19 sagen muß. Sicher ist es notwendig, Schwäche und Versagen der militärischen und politischen Spitze klar herauszustellen, aber das Wohlwollen, mit dem hier das Verhalten der neuen sozialdemokratischen Regierung präsentiert wird, erscheint doch in der Sache kaum begründet, sondern einem bestimmten Verständnis politischer Bildung geschuldet, von dem man gehofft hatte, daß es die Historiographie allmählich hinter sich lassen könnte.
Ähnliche Vorbehalte muß man leider auch gegenüber der Darstellung des Zweiten Weltkriegs aus der Feder von Rainer Schmidt (Der Zweite Weltkrieg. Die Zerstörung Europas, geb, 208 S., 19.90 €) äußern. Sein Buch bringt eine solide Darstellung, die aber vielen prekären Fragen ausweicht. So erscheint die Vorgeschichte des Krieges - vor allem der deutsch-polnische Konflikt im Frühjahr/Sommer 1939 - fast völlig in den Hintergrund gedrängt, auch die Umstände des Hitler-Stalin-Paktes kommen praktisch nicht zur Sprache.

Vielleicht soll das Thema in dem Band zur Friedenszeit abgehandelt werden (den Lars Lüdecke abfassen wird), aber ohne eine Klärung dieser Sachverhalte hängt die Darstellung der Kriegsentwicklung zwischen 1939 und Dezember 1941 eigenartig in der Luft. Die Kriegsabsicht Hitlers unbestritten, wäre es doch sinnvoll gewesen, auf die mittlerweile sehr breite Forschung zu den Expansionszielen Stalins einzugehen. Die Diskussion der Motive und der Entscheidungen vor Beginn von „Barbarossa" bleibt bei Schmidt mehr oder weniger ergebnislos, während die Andeutungen über die außenpolitischen Linien Churchills und Roosevelts kritische Akzente ahnen lassen, aber mehr eben auch nicht. Was soll man schließlich davon halten, daß es am Ende heißt, mit dem Zweiten Weltkrieg hätten „sich die europäischen Mächte zu Tode bekriegt", um dann hinzuzufügen, Hitler habe letztlich den wilhelminischen Expansionismus in seine „extremste Ausprägung" getrieben und: „Der Zweite Weltkrieg war die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Für die Deutschen aber brachte er einen Neuanfang und die Befreiung von politischen Strukturen, Zielen und Mentalitäten, die ins Verhängnis und in die Irre führten."
Anders als Neitzel und Schmidt gehört Alexander Brakel als Autor tatsächlich noch zum wissenschaftlichen Nachwuchs. Eine gewisse Unsicherheit, die man seiner Darstellung (Der Holocaust. Judenverfolgung und Völkermord, geb, 205 S., 19.90 €) anmerkt, mag auch diesem biographischen Umstand geschuldet sein. Wenn man andererseits der Judenpolitik des NS-Regimes - in geringerem Maß auch der Verfolgung und Vernichtung anderer Gruppen (Zigeuner, Homosexuelle, Behinderte) - einen eigenen Band widmet und dem Thema damit einen zentralen Stellenwert zumißt, wäre man vielleicht besser beraten gewesen, einen erfahrenen Autor zu gewinnen; es ist allerdings nicht auszuschließen, daß ein solcher nicht zu finden war. Jedenfalls beginnt das Buch gleich mit einer Irritation, insofern Brakel erkennen läßt, daß er um die Unangemessenheit des Begriffs „Holocaust" weiß („strenggenommen nicht nur unpassend, sondern auch pietätlos"), der eigentlich das „Ganzopfer" eines Tieres als Sühne bedeutet, aber diesen dann doch - weil „durchgesetzt" - benutzt. Dieses Schwankende zieht sich weiter durch den Text, so wenn der Autor einerseits die Kontinuität der antisemitischen Maßnahmen betont, die in einen ursächlichen Zusammenhang mit der physischen Vernichtung der Juden gesetzt werden, aber auf den Bruch, entstanden durch das Ende des Auswanderungsdrucks, nicht hinreichend eingeht und die Gründe für den Entschluß zur „Endlösung" letztlich unverständlich wirken. Für Unsicherheit spricht auch das Fehlen jedes Hinweises auf die begründete Kritik der üblichen Darstellung dieses Vorgangs und eine Diskussion der Opferzahlen.
Um ein endgültiges Urteil über das Projekt Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert des be.bra-Verlages zu fällen, ist es sicherlich zu früh. Man wird das Erscheinen der Folgebände abzuwarten haben und darf angesichts einiger in Aussicht genommener Autoren die Hoffnung hegen, Schwächen ausgeglichen zu sehen. Aber leider wurde jetzt schon mit der Darstellung von drei entscheidenden Themen die Chance vergeben, ein besseres und gerechteres Gesamtbild zu entwerfen. Das wäre um so nötiger, als die Auseinandersetzung um die Darstellung unserer Nationalgeschichte in eine neue Phase tritt.


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