Sezession
23. Juli 2010

Neue Priester braucht das Land, oder: was macht eigentlich Jürgen R. ?

Gastbeitrag

von Yorck Tomkyle

Seit einer guten Woche ist es amtlich: Jürgen Rüttgers ist die längste Zeit Ministerpräsident in NRW gewesen. Längst jedoch hat er auf sein neues Projekt aufmerksam gemacht: Es hat mit Auschwitz zu tun.

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Die Einlassungen verschiedener Würdenträger der Republik zur Bedeutung von Auschwitz als zentralem Gründungsmythos der Bundesrepublik bedürfen hier keiner Wiederholung. Auch ist es müßig, erneut auf den weltweiten Siegeszug dieses Gründungsmythos hinzuweisen, der in der Zwischenzeit zum Bezugspunkt sämtlicher Großverbrechen in Geschichte und Gegenwart herangewachsen ist und zumindest in der westlichen Welt immer wieder als Druckmittel herhalten muß, wenn Politik mit Moral verpackt durchgesetzt werden will.

Im Ursprungsland dieser reinen Lehre, in dem viele kleine Jakobiner drüber wachen, dass die Fatwas der Hohepriester vom Schlage Habermas streng befolgt werden, ist dieser Gründungsmythos über die Jahre zur inquisitorisch bewehrten Ersatzreligion mutiert.

Während das Alte seit dem Krieg mit immer größerer Dynamik auf dem Rückzug ist und abstirbt, durchdringt der neue Kult spätestens seit der 68er Kulturrevolution mit zunehmender Vehemenz die frei gewordenen Positionen. Und natürlich tummeln sich dort, wo ein Großverbrechen der Geschichte in eine orthodoxe Religion transformiert wird, auch all die, die man früher Kriegsgewinnler genannt hätte: die immer dort sind, wo oben oder vorne ist; die mit dem guten Gefühl der moralischen Überlegenheit; die Erzieher und Mahner; die Profiteure und Absahner; die, die immer wissen, was richtig und was falsch ist (falsch ist immer das, was nicht meiner Meinung entspricht).

Wie praktisch, daß man als Priester der neuen Religion unangreifbar und per definitionem gut ist. Das ist schon was anderes als das mühselige Geschäft eines Landesvaters. So denkt sich das Rüttgers wohl, der bereits seit längerem die „Gefahr des Vergessens“ wittert - er hat wohl keinen Fernseher und auch noch nie einen Blick in die Geschichtsbücher seiner Landeskinder geworfen, Ex-Bildungsminister, der er ist …

Und so kam er auf die Idee mit Hilfe von Sponsoren – vielleicht etwas unpassend, also sagen wir: Spendern – eine Stiftung ins Leben zu rufen. Das ist auch gleichzeitig ihr Name: DIE STIFTUNG. Der Name ist nicht so profan, wie es zunächst scheint. Auf der Homepage des Ex-Ministerpräsidenten erfahren wir:

Dabei soll das "S" im Wort Stiftung zu einem späteren Zeitpunkt noch in besonderer Weise gestaltet werden. Dieses "S" steht einerseits stellvertretend für den Anfangsbuchstaben des hebräischen Wortes "sachar" (Erinnerung), zum anderen aber auch für das Wort Shoa. Jürgen Rüttgers: "Die Tatsache, dass diese Worte aber gleichsam auf einen Buchstaben reduziert werden und dann auch noch im Wort Stiftung aufgehen, sollen das für immer Verschwundene, nicht mehr Existente symbolisieren, das es aber zu bewahren und vor dem Vergessen zu schützen gilt."

Das klingt nach S-Klasse im hiesigen reichhaltigen Mahn- und Gedenkbetrieb. Was aber ist nun das Ziel der Stiftung? Rüttgers:

Die STIFTUNG soll die Auseinandersetzung mit dem Holocaust unmittelbar in Auschwitz fördern. So soll die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte wach gehalten werden.

Erreichen möchte Rüttgers dieses Ziel, indem die Stiftung zunächst jedem Schüler in NRW, später in ganz Deutschland eine Reise nach Auschwitz finanziert. Die WAZ berichtete am 2. Juni 2010:

Die Stiftung bezahlt Schulklassen zwei- bis dreitägige Reisen nach Polen. Die Schüler selbst zahlen dafür pro Kopf nur 35 Euro. Den Rest (rund 400 Euro pro Person) legt die Stiftung drauf.

Rüttgers möchte damit „…unsere Welt ein Stück weit zum Guten verändern.“ und outet sich damit werbewirksam als Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets --. Spender fanden sich aus den unterschiedlichsten Motiven. So gab einer der Mitinitiatoren der Stiftung an, er habe auch persönliche Gründe: sein Vater sei unter anderem wegen Kriegsdienstverweigerung von den Nazis ins Gefängnis geworfen worden.

Die Stiftung hat bereits Spendenzusagen in Höhe von 20 Millionen Euro, so daß es gar nicht so unrealistisch ist, dass Rüttgers sein ehrgeiziges Ziel erreicht. So könnte es also sein, dass in gar nicht so ferner Zukunft die deutschen Schüler flächendeckend nach Auschwitz pilgern werden, um bereits in der Phase ihrer Persönlichkeitsfindung am Zentralheiligtum auf die Zivilreligion eingeschworen zu werden. Was läge da näher als der Vergleich mit einer Pilgerreise nach Mekka, die jedem frommen Muslim vorgeschrieben ist?

Analogien finden sich selbstverständlich auch im Christentum, wobei die eine solche Pilgerreise heute begleitenden Bußrituale unter Umständen etwas subtiler sind als bei den mittelalterlichen Geißlerzügen. Aber was nicht ist kann ja noch werden.

Widerspruch haben Rüttgers & Co. angesichts des Topos nicht zu erwarten. Niemand wird es hierzulande wagen, die Sinnhaftigkeit einer solchen flächendeckenden Zwangspilgerfahrt anzuzweifeln. Dennoch muß die Frage erlaubt sein: Wird die Welt dadurch tatsächlich „ein Stück weit zum Guten verändert“? Meine Antwort: Sie wird es nicht. Es wird dadurch keinen Informationsgewinn geben für junge Menschen, deren Geschichtsunterricht sich zum großen Teil um dieses Thema dreht und denen man täglich in den Medien die Schuld ihrer Vorväter präsentiert.

Auch KZ-Besuche wären aufgrund des gut erhaltenen Gedenkstättennetzes sozusagen vor der Haustür nahezu jedes Schülers möglich. Aber Informationsgewinn ist wohl auch gar nicht das Ziel der Initiative. Hier geht es wie in jeder Religion vornehmlich um die Beeinflussung des Unterbewusstseins. Sünde, Schuld und Scham sind die Schlüsselbegriffe. Der Auschwitz-Besuch stellt gleichsam eine Initiation dar, eine Katharsis, in der die Kinder auf den Kern ihrer Existenz als Nachfahren der Täter von einst reduziert werden sollen.

Die Distanz der Deutschen zu ihrem Land und ihrer reichhaltigen Geschichte wird so weiter zunehmen. Und mit ihr auch das Desinteresse am weiteren Schicksal ihrer Nation. Das vorläufige Ende dieses Weges könnte eine Gesellschaft sein, in der die Deutschen unfrei und gesenkten Hauptes durch ihr Land schleichen, während die vielen Migranten alles andere wollen werden, als sich – durch Integration – mit so einem Volk gemein zu machen.

Eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft also: vorne/oben die „Unbelasteten“ und die „Wächterkaste“. Darunter dann die qua Geburt vorbelasteten „Autochthonen“. Die Integrations- und Gesellschaftsfeindlichkeit von derart negativen Bezugspunkten liegt auf der Hand. Schwer vorstellbar, daß die Jakobiner dies nicht erkennen.


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