Neue Priester braucht das Land, oder: was macht eigentlich Jürgen R. ?

von Yorck Tomkyle

Seit einer guten Woche ist es amtlich: Jürgen Rüttgers ist die längste Zeit Ministerpräsident in NRW gewesen. Längst jedoch hat er...

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

auf sein neu­es Pro­jekt auf­merk­sam gemacht: Es hat mit Ausch­witz zu tun.

Die Ein­las­sun­gen ver­schie­de­ner Wür­den­trä­ger der Repu­blik zur Bedeu­tung von Ausch­witz als zen­tra­lem Grün­dungs­my­thos der Bun­des­re­pu­blik bedür­fen hier kei­ner Wie­der­ho­lung. Auch ist es müßig, erneut auf den welt­wei­ten Sie­ges­zug die­ses Grün­dungs­my­thos hin­zu­wei­sen, der in der Zwi­schen­zeit zum Bezugs­punkt sämt­li­cher Groß­ver­bre­chen in Geschich­te und Gegen­wart her­an­ge­wach­sen ist und zumin­dest in der west­li­chen Welt immer wie­der als Druck­mit­tel her­hal­ten muß, wenn Poli­tik mit Moral ver­packt durch­ge­setzt wer­den will.

Im Ursprungs­land die­ser rei­nen Leh­re, in dem vie­le klei­ne Jako­bi­ner drü­ber wachen, dass die Fat­was der Hohe­pries­ter vom Schla­ge Haber­mas streng befolgt wer­den, ist die­ser Grün­dungs­my­thos über die Jah­re zur inqui­si­to­risch bewehr­ten Ersatz­re­li­gi­on mutiert.

Wäh­rend das Alte seit dem Krieg mit immer grö­ße­rer Dyna­mik auf dem Rück­zug ist und abstirbt, durch­dringt der neue Kult spä­tes­tens seit der 68er Kul­tur­re­vo­lu­ti­on mit zuneh­men­der Vehe­menz die frei gewor­de­nen Posi­tio­nen. Und natür­lich tum­meln sich dort, wo ein Groß­ver­bre­chen der Geschich­te in eine ortho­do­xe Reli­gi­on trans­for­miert wird, auch all die, die man frü­her Kriegs­ge­winn­ler genannt hät­te: die immer dort sind, wo oben oder vor­ne ist; die mit dem guten Gefühl der mora­li­schen Über­le­gen­heit; die Erzie­her und Mah­ner; die Pro­fi­teu­re und Absah­ner; die, die immer wis­sen, was rich­tig und was falsch ist (falsch ist immer das, was nicht mei­ner Mei­nung entspricht).

Wie prak­tisch, daß man als Pries­ter der neu­en Reli­gi­on unan­greif­bar und per defi­ni­tio­nem gut ist. Das ist schon was ande­res als das müh­se­li­ge Geschäft eines Lan­des­va­ters. So denkt sich das Rütt­gers wohl, der bereits seit län­ge­rem die „Gefahr des Ver­ges­sens“ wit­tert – er hat wohl kei­nen Fern­se­her und auch noch nie einen Blick in die Geschichts­bü­cher sei­ner Lan­des­kin­der gewor­fen, Ex-Bil­dungs­mi­nis­ter, der er ist …

Und so kam er auf die Idee mit Hil­fe von Spon­so­ren – viel­leicht etwas unpas­send, also sagen wir: Spen­dern – eine Stif­tung ins Leben zu rufen. Das ist auch gleich­zei­tig ihr Name: DIE STIFTUNG. Der Name ist nicht so pro­fan, wie es zunächst scheint. Auf der Home­page des Ex-Minis­ter­prä­si­den­ten erfah­ren wir:

Dabei soll das “S” im Wort Stif­tung zu einem spä­te­ren Zeit­punkt noch in beson­de­rer Wei­se gestal­tet wer­den. Die­ses “S” steht einer­seits stell­ver­tre­tend für den Anfangs­buch­sta­ben des hebräi­schen Wor­tes “sachar” (Erin­ne­rung), zum ande­ren aber auch für das Wort Shoa. Jür­gen Rütt­gers: “Die Tat­sa­che, dass die­se Wor­te aber gleich­sam auf einen Buch­sta­ben redu­ziert wer­den und dann auch noch im Wort Stif­tung auf­ge­hen, sol­len das für immer Ver­schwun­de­ne, nicht mehr Exis­ten­te sym­bo­li­sie­ren, das es aber zu bewah­ren und vor dem Ver­ges­sen zu schüt­zen gilt.”

Das klingt nach S‑Klasse im hie­si­gen reich­hal­ti­gen Mahn- und Gedenk­be­trieb. Was aber ist nun das Ziel der Stif­tung? Rüttgers:

Die STIFTUNG soll die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Holo­caust unmit­tel­bar in Ausch­witz för­dern. So soll die Erin­ne­rung an das dun­kels­te Kapi­tel der deut­schen Geschich­te wach gehal­ten werden.

Errei­chen möch­te Rütt­gers die­ses Ziel, indem die Stif­tung zunächst jedem Schü­ler in NRW, spä­ter in ganz Deutsch­land eine Rei­se nach Ausch­witz finan­ziert. Die WAZ berich­te­te am 2. Juni 2010:

Die Stif­tung bezahlt Schul­klas­sen zwei- bis drei­tä­gi­ge Rei­sen nach Polen. Die Schü­ler selbst zah­len dafür pro Kopf nur 35 Euro. Den Rest (rund 400 Euro pro Per­son) legt die Stif­tung drauf.

Rütt­gers möch­te damit „…unse­re Welt ein Stück weit zum Guten ver­än­dern.“ und outet sich damit wer­be­wirk­sam als Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets –. Spen­der fan­den sich aus den unter­schied­lichs­ten Moti­ven. So gab einer der Mit­in­itia­to­ren der Stif­tung an, er habe auch per­sön­li­che Grün­de: sein Vater sei unter ande­rem wegen Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung von den Nazis ins Gefäng­nis gewor­fen worden.

Die Stif­tung hat bereits Spen­den­zu­sa­gen in Höhe von 20 Mil­lio­nen Euro, so daß es gar nicht so unrea­lis­tisch ist, dass Rütt­gers sein ehr­gei­zi­ges Ziel erreicht. So könn­te es also sein, dass in gar nicht so fer­ner Zukunft die deut­schen Schü­ler flä­chen­de­ckend nach Ausch­witz pil­gern wer­den, um bereits in der Pha­se ihrer Per­sön­lich­keits­fin­dung am Zen­tral­hei­lig­tum auf die Zivil­re­li­gi­on ein­ge­schwo­ren zu wer­den. Was läge da näher als der Ver­gleich mit einer Pil­ger­rei­se nach Mek­ka, die jedem from­men Mus­lim vor­ge­schrie­ben ist?

Ana­lo­gien fin­den sich selbst­ver­ständ­lich auch im Chris­ten­tum, wobei die eine sol­che Pil­ger­rei­se heu­te beglei­ten­den Buß­ri­tua­le unter Umstän­den etwas sub­ti­ler sind als bei den mit­tel­al­ter­li­chen Geißl­er­zü­gen. Aber was nicht ist kann ja noch werden.

Wider­spruch haben Rütt­gers & Co. ange­sichts des Topos nicht zu erwar­ten. Nie­mand wird es hier­zu­lan­de wagen, die Sinn­haf­tig­keit einer sol­chen flä­chen­de­cken­den Zwangs­pil­ger­fahrt anzu­zwei­feln. Den­noch muß die Fra­ge erlaubt sein: Wird die Welt dadurch tat­säch­lich „ein Stück weit zum Guten ver­än­dert“? Mei­ne Ant­wort: Sie wird es nicht. Es wird dadurch kei­nen Infor­ma­ti­ons­ge­winn geben für jun­ge Men­schen, deren Geschichts­un­ter­richt sich zum gro­ßen Teil um die­ses The­ma dreht und denen man täg­lich in den Medi­en die Schuld ihrer Vor­vä­ter präsentiert.

Auch KZ-Besu­che wären auf­grund des gut erhal­te­nen Gedenk­stät­ten­net­zes sozu­sa­gen vor der Haus­tür nahe­zu jedes Schü­lers mög­lich. Aber Infor­ma­ti­ons­ge­winn ist wohl auch gar nicht das Ziel der Initia­ti­ve. Hier geht es wie in jeder Reli­gi­on vor­nehm­lich um die Beein­flus­sung des Unter­be­wusst­seins. Sün­de, Schuld und Scham sind die Schlüs­sel­be­grif­fe. Der Ausch­witz-Besuch stellt gleich­sam eine Initia­ti­on dar, eine Kathar­sis, in der die Kin­der auf den Kern ihrer Exis­tenz als Nach­fah­ren der Täter von einst redu­ziert wer­den sollen.

Die Distanz der Deut­schen zu ihrem Land und ihrer reich­hal­ti­gen Geschich­te wird so wei­ter zuneh­men. Und mit ihr auch das Des­in­ter­es­se am wei­te­ren Schick­sal ihrer Nati­on. Das vor­läu­fi­ge Ende die­ses Weges könn­te eine Gesell­schaft sein, in der die Deut­schen unfrei und gesenk­ten Haup­tes durch ihr Land schlei­chen, wäh­rend die vie­len Migran­ten alles ande­re wol­len wer­den, als sich – durch Inte­gra­ti­on – mit so einem Volk gemein zu machen.

Eine Art Zwei-Klas­sen-Gesell­schaft also: vorne/oben die „Unbe­las­te­ten“ und die „Wäch­ter­kas­te“. Dar­un­ter dann die qua Geburt vor­be­las­te­ten „Auto­chtho­nen“. Die Inte­gra­ti­ons- und Gesell­schafts­feind­lich­keit von der­art nega­ti­ven Bezugs­punk­ten liegt auf der Hand. Schwer vor­stell­bar, daß die Jako­bi­ner dies nicht erkennen.

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