Sezession
24. Juli 2010

Anekdote zur umgekehrten Integration

Martin Lichtmesz

Die Fernseh-Reportage "Kampf in Klassenzimmer" anzusehen, war mir beinahe unerträglich. Er hat mir jedenfalls bestätigt, was ich an dieser Stelle schon mehrfach bemerkt habe: daß der Begriff "Integration" inzwischen in beinah Orwellscher Manier seine Bedeutung verkehrt hat.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Das hat in erster Linie damit zu tun, daß der deutsche Staat kein verbindliches Ziel der dauerbeschworenen "Integration" mehr kennen will (das natürlich nur die Nation sein kann), womit der Begriff zur tautologischen Schleife geworden ist.  Die (logische) Folge hat Michael Paulwitz auf den Punkt gebracht: "Weigert sich die Aufnahmegesellschaft aus Schwäche, eine Leitkultur vorzugeben, wird dieses Machtvakuum von anderen gefüllt."

Einen ersten Einblick in diesen Prozeß der umgekehrten "Integration" bekam ich vor etwa fünf Jahren auf einer Kreuzberger WG-Einweihungsfeier. Ich kam ins Gespräch mit einer etwa 22jährigen Berlinerin, die gerade eine handwerkliche Lehre absolvierte. Es muß im Herbst 2005 gewesen, jedenfalls noch vor der epochalen Fußball-WM vom Folgejahr. "Ich bin hier geboren, aber ich kann hier nicht mehr bleiben. Ich kann mir aber nicht vorstellen, in irgendeiner anderen deutschen Stadt als Berlin zu leben.  Ich glaube, ich werde aus Deutschland weggehen, vielleicht nach Spanien", erzählte sie. "Warum?" -"Weil Deutschland so ein trauriges Land ist."

Sie selbst sah in der Tat traurig und verdrückt aus, als sie das sagte. - "Wieso denkst du das?" - "Willst du wissen, was ich für die Gründe halte?" - "Ja, bitte." - "Erstens weil es soviel Arbeitslosigkeit gibt. Zweitens weil die Kinder in der Schule immer noch mit dem Zweiten Weltkrieg belastet werden. Und drittens, weil die Deutschen sich nicht über sich selbst freuen dürfen."

Auf diese drei Punkte greife ich seither immer wieder zurück, um möglichst einfach und griffig zu illustrieren, was ich für den Minimalkonsens einer dringend gebotenen, nicht-linken Politik erachte, die ich an dieser Stelle bewußt weder "konservativ" noch "rechts" noch "nationalkonservativ", und was es da alles noch so gibt, nennen möchte. Denn es geht nicht um partikuläre Interessen, sondern um das Ganze.

Um den letzteren Punkt zu erläutern, erzählte sie Anekdoten aus ihrem Bekanntenkreis, wie sie mehrfach angemacht wurde, weil sie sich eine Jacke mit einem Aufnäher gekauft hatte, der den Berliner Fernsehturm mit schwarzrotgoldener Umrandung zeigte, womit sie ein Stück Lokalpatriotismus demonstrieren wollte. Der Turm sei ja in Ordnung, aber das Schwarz-Rot-Gold? Nun kam sie aber zum emotionalen Kern ihres Problems: eine ihrer Schwestern hatte ebenfalls wegen des Aufnähers einen Streit vom Zaun gebrochen: "Damit habe ich ein Problem, warum trägst du das?"

Diese Schwester nun hatte einen Kurden geheiratet und war zum Islam übergetreten."Du darfst doch auch eine kurdische Flagge tragen!" - "Das ist etwas anderes!" Die Schwester legte allen Übereifer der Konvertiten an den Tag, trug nur mehr Kopftuch, schüttelte anderen Männern als ihrem Ehemann nicht mehr die Hand, schimpfte gegen die "Ungläubigen" und versuchte, die verbliebene deutsche Familie zu bekehren. Die beiden Kinder aus der Ehe mit dem Kurden wurden religiös erzogen, von einem zuständigen Menschen beschnitten und in einen ausschließlich kurdischen Kindergarten geschickt.  Die Konflikte mit der eigenen Familie wurden immer heftiger - immerhin waren schon die Großeltern der beiden Schwestern aus einem "gekippten" Viertel an die Ränder Berlins gezogen. Schließlich kappte die konvertierte Schwester jegliche Verbindung zu ihrem Familienangehörigen.

All dies hatte auf meine Gesprächspartnerin offenbar einen tiefgreifenden, ja traumatischen Eindruck gemacht. Sie begann, sich mit islamkritischer Literatur einzudecken, vor allem Ayaan Hirsi Alis berühmtes "Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen", "Ich klage an" hatte es ihr angetan. An ihrer Ausbildungsstelle wurde sie prompt wegen ihrer Lektüre angefeindet und schief angesehen. Was sie nicht begreifen konnte: Wieso hat sich ihre Schwester dieser Welt freiwillig unterworfen? Sie hatte dazu eine Theorie: Sie war immer schon ein unstabiler Charakter und ein Problemkind gewesen, zum Teil eine pathologische Lügnerin.  Der Islam mit seinen strengen, unumstößlichen Regeln gäbe ihr nun endlich Halt und eine Identität.

Was auch immer an persönlich übersteigerter Pathologie hineingespielt haben mag: Der Zusammenhang zwischen Identitätsschwäche, nationalem Selbsthaß, Werte- und Strukturverfall und der Assimilation in die andere Richtung, die mehr Festigkeit verspricht, liegt auf der Hand.  Ohne jemals die JF oder ähnliches in der Hand gehabt zu haben, war meine Gesprächspartnerin ganz von selbst auf diese Zusammenhänge gestoßen. Ein Jahr später tauchten diese vier Punkte in verblüffender Offenheit in dem TV-Film "Wut" wieder auf, auch dieser bezeichnenderweise von einem Türken inszeniert, allerdings von einem Deutschen Jahrgang 1955 geschrieben.

Wenn auch solche Fälle wie derjenige der konvertierten Schwester noch nicht allzu häufig sind, sind sie beunruhigende Symptome, die man früh genug ernst nehmen muß. Das löst natürlich Angst aus und führt zu grotesken Abwehrmanövern, in denen mal wieder der Elefant im Zimmer geleugnet wird. Über eine frühere Reportage der "Kampf im Klassenzimmer"-Macherin Güner Balci aus Neukölln berichtete Christian Dorn:

Bezeichnend war denn auch die verdruckste Anmoderation, in der ausdrücklich davor gewarnt wurde, „diesen Beitrag unter deutschnationalem Blickwinkel“ anzuschauen. „Dann“, drohte Moderatorin Anja Reschke, „wären Sie in guter Gesellschaft mit der NPD.“ Es gehe hier nicht um Nationalitäten, sondern um eine gescheiterte Integration.

Frei nach dem Motto "Denke jetzt nicht an einen rosa Elefanten", mitsamt dem wohlfeilen, zu "Crimestop"-Zwecken aufgefahrenem NPD-Vogelscheuchen-Warnschild. Das beleidigt nicht nur die Intelligenz. Wie lange soll das noch gutgehen? Aladags "Wut" oder Peckinpahs Klassiker "Straw Dogs" haben es filmisch vorgeführt, Ernst Jünger in seinem Essay "Über den Schmerz" beschrieben: Wer die Konfrontation aus Feigheit hinausschleppt, wird sie nicht los, sondern um ein Vielfaches multipliziert und mit gesteigerter Härte zurückbezahlt bekommen. Das goldene Zeitalter von Rassenhaß, Völkerhaß und Intoleranz liegt noch vor uns, nicht hinter uns, und die Verantwortung dafür werden die Beschwichtiger, die Heuchler, die "Buntrepublikaner",  die Multikulturalisten und die Unentschlossenen tragen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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