Sezession
1. August 2008

Der gemeinste Céline der Welt

Gastbeitrag

Sezession 25/August 2008

sez_nr_259von Wiggo Mann

Am 3. Juli 2004 las der Berliner Schauspieler Martin Wuttke im Schloß Neuhardenberg, auf halber Strecke zwischen Berlin und polnischer Grenze gelegen, aus einem Text, dem folgendes Motto vorangestellt ist: „Mir fehlen noch etliche Haßgefühle. Ich bin gewiß, daß sie existieren." Der Text erschien unter dem Titel Mea Culpa 1936 in Frankreich, ein Jahr später auch in Deutschland. Mittlerweile ist der Nachdruck durch die Rechteinhaber untersagt. Sein Autor ist Louis-Ferdinand Céline (1894-1961). Er gilt als der bedeutendste französische Autor des 20. Jahrhunderts neben Marcel Proust. Und als ein extrem widerwärtiger Kerl dazu: „... der bescheidene Erfolg meines Lebens besteht darin, daß ich immerhin das Kunststück fertiggebracht habe, unter allen, der Rechten, der Linken, dem Zentrum, den Sakristeien, Logen, Zellen, Leichenhaufen, dem Grafen von Paris, Joséphine, meiner Tante Odile, Krukrubezeff, dem Pfarrer Groschengrab, für einen Augenblick Einigkeit darüber herzustellen, daß ich das größte lebende Dreckschwein bin!" (Nord, 1960) Nun ist Céline schon 47 Jahre tot. Und statt „Dreckschwein" fallen eher die Worte Rassist, Kollaborateur, Faschist und vor allem Judenhasser. Gemeint aber ist das gleiche.

Durch die Troika Schmitt-Heidegger-Benn sind wir ja einiges gewohnt, was die Problematik der Verstrickung von Intellektuellen mit dem Nationalsozialismus und ihre Folgen betrifft. Auch Ezra Pound, mit seiner Mussolini-Verehrung, gehört zu diesen problematischen Personen, ebenso Knut Hamsun, der gar seine Nobelpreis-Medaille dem Führer vermachte - sei es nun aus Verehrung oder aus Verwirrung. Doch sind die Genannten politisch eher der Rechten zuzuordnen, passen also in das gängige, vorgefertigte Schema von Intellektualität und Ressentiment. Anders verhält es sich bei Céline: radikaler Pazifist, lange gehegte Sympathien für den Kommunismus, selbsternannter Anarchist. Erst 1936, nach einem Besuch im damaligen Leningrad, wendet er sich enttäuscht und verbittert von den kommunistischen Idealen und deren sowjetischer Realität ab. Also einer, der sich irgendwo auf dem Dritten Weg, zwischen Liberalismus und Kommunismus, verzettelte? Doch gegen diese, vielleicht unglückliche, Verzettelung sprechen die Indizien, die wie erdrückende Beweise daherkommen. Es sind vor allem seine drei Pamphlete aus den Jahren 1937 bis 1941 (Bagatelles pour un massacre, L'École des cadavres, Les Beaux Draps), durchzogen von einem absurd krassen Judenhaß, deren Nachdruck bis heute von den Erben untersagt ist (worunter komischerweise auch sein antikommunistischer Text Mea Culpa fällt).


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