Sezession
1. Februar 2010

Autorenportrait Zeev Sternhell

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

von Karlheinz Weißmann

Zeev Sternhell ist ein Musterbeispiel für den engagé, für den »engagierten Intellektuellen«. Er mischt sich in öffentliche Debatten ein, schreibt Kommentare für Tageszeitungen und unterzeichnet Petitionen. Das ist in Europa, vor allem in Deutschland, weniger bekannt, weil die inneren Verhältnisse seiner Heimat Israel weit entfernt scheinen. Der Bombenanschlag auf Sternhells Haus im Herbst 2008 hat allerdings international und auch hierzulande für Aufmerksamkeit gesorgt. Ursache war seine Mitgliedschaft in der Bewegung Peace now, die sich nicht nur für die Anerkennung eines Palästinenserstaates einsetzt, sondern auch massive Kritik an der Siedlerbewegung übt. Unter deren Anhängern vermutet man die Attentäter.Sternhells Angriffe auf die zionistische Rechte haben eine besondere Stoßrichtung, da sie nicht von einem Liberalen oder Religiösen, sondern von einem linken Zionisten kommen. Seine Polemik speist sich aus der Sorge, daß die Rechte »faschistisch« werden könnte, wenn sie sich weiter radikalisiert. Eine Versuchung, gegen die Sternhell gleichzeitig sein eigenes Lager immunisieren will, weil ihm bewußt ist, daß beide Flügel des Zionismus in der nationalen Idee einen gemeinsamen Bezugspunkt haben. Auch jüdischer Nationalismus kann in Faschismus umschlagen: »Juden haben kein Gen, das sie davor schützt.«
Für Sternhell ist Faschismus ein Nationalismus, der seine Dynamik dadurch erhält, daß er aus dem Zerfall linker wie rechter Weltanschauungen hervorgeht, die sich zu retten suchen, indem sie ihren ursprünglichen Antagonismus abschwächen und in der Nation Identitätsbezug und revolutionäres Subjekt gewinnen. Daher rührt seiner Meinung nach der primär »ideologische« Charakter des Faschismus, dessen Aufstieg im 20. Jahrhundert nur zu erklären sei, wenn man ihn als Orientierungsangebot für eine tief verunsicherte Gesellschaft begreift. Als Sternhell diese Deutung in den siebziger Jahren zuerst formulierte, brachte er große Teile der etablierten Historiographie gegen sich auf, soweit die von marxistischen Ansätzen ausging, dem Faschismus jede ideologische Selbständigkeit bestritt und ihn nur als Vehikel bürgerlicher Herrschaft in der Endphase des Kapitalismus sehen wollte. Der eigentliche Skandal von Sternhells Auffassung bestand aber darin, daß er behauptete, die faschistische Ideologie habe sich nicht zuerst in Italien und schon gar nicht in Deutschland, sondern in Frankreich ausgebildet, jenem Land, das ganz in dem Bewußtsein lebte, Erbe der Aufklärung und der »Ideen von 1789«
zu sein.
Daß ein Faschismus avant la lettre in Frankreich auftrat, führt Sternhell darauf zurück, daß nur hier schon am Ende des 19. Jahrhunderts die Massengesellschaft etabliert war. Nur in der Dauerkrise zwischen dem Zusammenbruch von 1871 und der Dreyfus-Affäre konnte sich eine Atmosphäre bilden, in der Antirationalismus und Antiliberalismus, Antiindividualismus und Antikapitalismus den Boden für die Entstehung einer neuen Synthese bereiteten; daß der Antisemitismus dabei eine wichtige Rolle spielte, hatte wiederum mit dessen besonderer Virulenz in Frankreich zu tun, wo es nicht nur eine traditionelle – katholische –, sondern auch eine moderne – republikanische – Judenfeindschaft gab und der Jude zum Inbegriff all dessen werden konnte, was verhaßt war: »zersetzender « Denker, Nutznießer von Parlamentarismus und Demokratie, Glied einer verschworenen Gemeinschaft wie bindungsloser Einzelner und ein »Dieb«, der sich schamlos bereichert.


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