Sezession
1. August 2008

Neues von Carl Schmitt

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 25/August 2008

sez_nr_2510von Karlheinz Weißmann

Die Ausgabe 4/2008 von Literaturen, dem „Journal für Bücher und Themen" (eine Art deutscher Abklatsch des legendären französischen Magazine littéraire), erschien mit seinem Kopfbild auf dem Umschlag, dazu die Titelzeile „Nazi-Jurist und Terror-Denker: Carl Schmitt. Eine deutsche Karriere". Die „deutsche Karriere" soll natürlich an Hitler gemahnen, der Rest der Ausrichtung des lesenden Publikums dienen, das man vorbereitet wissen möchte auf den „Geist" respektive „Ungeist" des „katholischen Nihilisten" und „Rechtsdenker des Führerstaats", dessen Grundauffassungen „Politische Theologie" und ein „starres Freund-Feind-Schema" bestimmt haben sollen.

Man kann der redaktionellen Einleitung entnehmen, daß die Verantwortlichen von Literaturen keine Ahnung haben, jedenfalls keine Ahnung von Carl Schmitt. Der Eindruck verbessert sich nur unwesentlich, wenn man die Beiträge zum Thema genauer durchmustert, etwa die Rezension Friedrich Balkes über den Briefwechsel zwischen Schmitt und Ernst Forsthoff, die dessen Kern systematisch verfehlt, oder die Auslassungen Micha Brumliks, der, erfreut über den gelungenen Nachweis von „Rassismus", seine Unkenntnis in der Sache kaum als gravierend empfindet (nicht Schmitt hat den Reichsparteitag von 1935 als „Reichsparteitag der Freiheit" „gefeiert", es handelte sich um die offizielle Bezeichnung; selbstverständlich wird die „Neue Rechte" nicht bestreiten, daß Schmitt auch die Vernichtung des „gerechten Feindes" für legitim gehalten hat).
Da den Anlaß für Brumliks Ausführungen eine wohlwollende Besprechung von Christian Lindners Der Bahnhof von Finnentrop (Eine Reise ins Carl-Schmitt-Land, Berlin: Matthes & Seitz 2008. 448 S., geb, 34.90 €€) bot, neigt man zu Mißtrauen gegenüber der Leseempfehlung, wird allerdings angenehm überrascht, wenn man diese „Großreportage" zur Hand nimmt. Es handelt sich nicht um eine Biographie, eher um eine Verknüpfung von Lebenslauf und geistiger Entwicklung Schmitts mit Reflexionen, Impressionen und Assoziationen des Autors. Das bietet zwar im Hinblick auf die Kenntnis Schmitts und die Deutung seines Werkes nicht viel Neues, ist aber manchmal überraschend und immer kurzweilig zu lesen und wirkt erhellend vor allem im Hinblick auf zwei Punkte: die Verankerung Schmitts im Sauerland - der Bahnhof von Finnentrop lag an der Rhein-Ruhr-Strecke und mußte angefahren werden, wenn man Plettenberg per Zug ansteuerte - und die Funktion der Judenfeindschaft im Denken Schmitts. Daß der eine über die Kollaboration mit dem NS-Regime hinausreichende Bedeutung zukam, ist nicht zu bestreiten. Allerdings macht Lindner auch deutlich, wie wenig man es mit dem landläufigen oder dem hochideologischen Antisemitismus zu tun hat, und wie sehr mit Schmitts ganz persönlicher Politischer Theologie, die ihre widerwärtigen Züge hatte, aber doch nicht reduziert werden kann auf das Weltbild eines „Täters", nicht einmal eines „Schreibtischtäters".


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