Sezession
1. Februar 2010

Faschismus an der Macht

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

von Hugo Hermans

Am 29. Oktober 1922 bestieg Benito Mussolini im Mailänder Hauptbahnhof, gekleidet wie ein Al Capone im Schwarzhemd, den Nachtzug nach Rom, um dort am Folgetag durch König Viktor Emanuel III. zum italienischen Ministerpräsidenten ernannt zu werden. Vor der Abreise versäumte er es nicht, seine Mitstreiter anzuweisen, die Redaktionsräume der Tageszeitung Avanti! in Brand zu setzen. Derartige Maßnahmen gehörten zu diesem Zeitpunkt längst zum Traditionsbestand seiner noch jungen Bewegung, es handelte sich bereits um den vierten Übergriff der Faschisten auf das Parteiorgan der Sozialisten seit 1919. Dieses zog daraus die überfällige Konsequenz und verlegte den Erscheinungsort nach Turin.Die hartnäckigen Attacken gegen die Avanti!-Redaktion waren nicht frei von dem Beigeschmack eines persönlichen Rachefeldzuges gegen Weggefährten von einst. Mussolini hatte sich, durch sein Elternhaus entsprechend vorgeprägt, schon in jungen Jahren kurz nach der Jahrhundertwende der sozialistischen Partei angeschlossen. In dieser erwarb er insbesondere dank seiner journalistischen Begabung schnell eine gewisse Prominenz. In den sich in dieser Zeit nicht auf Italien beschränkenden Flügelkämpfen innerhalb der Arbeiterbewegung bezog er Position auf seiten derjenigen, die kompromißlos auf eine revolutionäre Veränderung der Verhältnisse setzten. Dieser Strömung gelang es unter seiner maßgeblichen Mitwirkung im Jahr 1912, die reformistischen Kräfte, jene also, die im Rahmen und nach den Spielregeln der bürgerlichen Demokratie sozialistische Zielsetzungen verfolgen wollten, aus der Partei zu drängen. Auf die richtige Karte gesetzt zu haben, zahlte sich für Mussolini auch persönlich aus: Er avancierte zum Herausgeber des Avanti! und prägte fortan als solcher das öffentliche Erscheinungsbild der Partei.
Trotz oder gerade wegen seiner revolutionären Entschiedenheit läßt sich der Mussolini jener Jahre nicht zu den orthodoxen Marxisten zählen, die in Italien per se eine Rarität waren. Die Vorstellung einer quasi naturgesetzlichen Entwicklung zur Aufhebung der Klassengesellschaft, die im Marxismus angelegt ist und zu einem optimistisch verbrämten Attentismus einlud, stand nicht bloß seinem Naturell, sondern auch den im politischen Kampf gewonnenen Erfahrungen entgegen. Spontane Erhebungen, die in dem wirtschaftlich unterentwickelten und durch scharfe soziale Gegensätze gekennzeichneten italienischen Königreich immer wieder aufflackerten, wurden entweder niedergeschlagen oder liefen ins Leere. Die Massen, so die Analyse der revolutionären Sozialisten, waren unfähig zur Selbstorganisation, und ihnen mangelte es an einem Bewußtsein, das sie ihre jeweils persönliche, als ungerecht empfundene Situation in einen Gesamtzusammenhang stellen ließ. Sie bedurften daher einer Führung, die sie theoretisch und praktisch an die Hand nahm. Dieser elitäre Ansatz ist, etwa wenn man ihn im Sinne Lenins auffaßt, nicht notwendigerweise nicht-marxistisch, er speist sich aber aus anderen Traditionslinien der Linken wie insbesondere Louis Auguste Blanqui, eine Art Rekordhalter hinsichtlich aufstandsbedingter Gefängnisaufenthalte, und Michail Bakunin. Beide waren Mussolini durchaus bekannt, wenngleich man die Theorie als Auslöser oder Motivation für sein politisches Handeln nicht überschätzen sollte.


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