Faschismus an der Macht

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

von Hugo Hermans

Am 29. Oktober 1922 bestieg Benito Mussolini im Mailänder Hauptbahnhof, gekleidet wie ein Al Capone im Schwarzhemd, den Nachtzug nach Rom, um dort am Folgetag durch König Viktor Emanuel III. zum italienischen Ministerpräsidenten ernannt zu werden. Vor der Abreise versäumte er es nicht, seine Mitstreiter anzuweisen, die Redaktionsräume der Tageszeitung Avanti! in Brand zu setzen. Derartige Maßnahmen gehörten zu diesem Zeitpunkt längst zum Traditionsbestand seiner noch jungen Bewegung, es handelte sich bereits um den vierten Übergriff der Faschisten auf das Parteiorgan der Sozialisten seit 1919. Dieses zog daraus die überfällige Konsequenz und verlegte den Erscheinungsort nach Turin.

 Gastbeitrag

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Die hart­nä­cki­gen Atta­cken gegen die Avan­ti!-Redak­ti­on waren nicht frei von dem Bei­geschmack eines per­sön­li­chen Rache­feld­zu­ges gegen Weg­ge­fähr­ten von einst. Mus­so­li­ni hat­te sich, durch sein Eltern­haus ent­spre­chend vor­ge­prägt, schon in jun­gen Jah­ren kurz nach der Jahr­hun­dert­wen­de der sozia­lis­ti­schen Par­tei ange­schlos­sen. In die­ser erwarb er ins­be­son­de­re dank sei­ner jour­na­lis­ti­schen Bega­bung schnell eine gewis­se Pro­mi­nenz. In den sich in die­ser Zeit nicht auf Ita­li­en beschrän­ken­den Flü­gel­kämp­fen inner­halb der Arbei­ter­be­we­gung bezog er Posi­ti­on auf sei­ten der­je­ni­gen, die kom­pro­miß­los auf eine revo­lu­tio­nä­re Ver­än­de­rung der Ver­hält­nis­se setz­ten. Die­ser Strö­mung gelang es unter sei­ner maß­geb­li­chen Mit­wir­kung im Jahr 1912, die refor­mis­ti­schen Kräf­te, jene also, die im Rah­men und nach den Spiel­re­geln der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie sozia­lis­ti­sche Ziel­set­zun­gen ver­fol­gen woll­ten, aus der Par­tei zu drän­gen. Auf die rich­ti­ge Kar­te gesetzt zu haben, zahl­te sich für Mus­so­li­ni auch per­sön­lich aus: Er avan­cier­te zum Her­aus­ge­ber des Avan­ti! und präg­te fort­an als sol­cher das öffent­li­che Erschei­nungs­bild der Partei.
Trotz oder gera­de wegen sei­ner revo­lu­tio­nä­ren Ent­schie­den­heit läßt sich der Mus­so­li­ni jener Jah­re nicht zu den ortho­do­xen Mar­xis­ten zäh­len, die in Ita­li­en per se eine Rari­tät waren. Die Vor­stel­lung einer qua­si natur­ge­setz­li­chen Ent­wick­lung zur Auf­he­bung der Klas­sen­ge­sell­schaft, die im Mar­xis­mus ange­legt ist und zu einem opti­mis­tisch ver­bräm­ten Atten­tis­mus ein­lud, stand nicht bloß sei­nem Natu­rell, son­dern auch den im poli­ti­schen Kampf gewon­ne­nen Erfah­run­gen ent­ge­gen. Spon­ta­ne Erhe­bun­gen, die in dem wirt­schaft­lich unter­ent­wi­ckel­ten und durch schar­fe sozia­le Gegen­sät­ze gekenn­zeich­ne­ten ita­lie­ni­schen König­reich immer wie­der auf­fla­cker­ten, wur­den ent­we­der nie­der­ge­schla­gen oder lie­fen ins Lee­re. Die Mas­sen, so die Ana­ly­se der revo­lu­tio­nä­ren Sozia­lis­ten, waren unfä­hig zur Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, und ihnen man­gel­te es an einem Bewußt­sein, das sie ihre jeweils per­sön­li­che, als unge­recht emp­fun­de­ne Situa­ti­on in einen Gesamt­zu­sam­men­hang stel­len ließ. Sie bedurf­ten daher einer Füh­rung, die sie theo­re­tisch und prak­tisch an die Hand nahm. Die­ser eli­tä­re Ansatz ist, etwa wenn man ihn im Sin­ne Lenins auf­faßt, nicht not­wen­di­ger­wei­se nicht-mar­xis­tisch, er speist sich aber aus ande­ren Tra­di­ti­ons­li­ni­en der Lin­ken wie ins­be­son­de­re Lou­is Augus­te Blan­qui, eine Art Rekord­hal­ter hin­sicht­lich auf­stands­be­ding­ter Gefäng­nis­auf­ent­hal­te, und Michail Baku­nin. Bei­de waren Mus­so­li­ni durch­aus bekannt, wenn­gleich man die Theo­rie als Aus­lö­ser oder Moti­va­ti­on für sein poli­ti­sches Han­deln nicht über­schät­zen sollte.

Grö­ße­rer Ein­fluß auf sein Den­ken und poli­ti­sches Stil­emp­fin­den ist in ers­ter Linie Geor­ges Sorel zuzu­er­ken­nen. Die sich vor allem auf die­se schil­lern­de, zwi­schen links und rechts oszil­lie­ren­de Figur beru­fen­de Sek­te des revo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­lis­mus zeig­te nur wenig Ver­ständ­nis für die Buch­hal­ter­ge­duld ortho­do­xer Mar­xis­ten, die Kri­sen des Kapi­ta­lis­mus peni­bel aus­zu­deu­ten, um einen Hin­weis dar­auf zu erhal­ten, wann sein uner­schüt­ter­lich erwar­te­ter Zusam­men­bruch denn nun end­lich erfol­gen wür­de. Die Sorelia­ner ver­kün­de­ten statt­des­sen die uner­freu­li­che Bot­schaft, daß er den Keim sei­ner Ver­nich­tung bedau­er­li­cher­wei­se gar nicht in sich trü­ge und daher nach­zu­hel­fen sei, wenn man ihm den­noch den Gar­aus machen wol­le. Der Klas­sen­kampf wur­de von ihnen nicht als Selbst­läu­fer ange­se­hen, er spitz­te sich auch nicht auto­ma­tisch immer wei­ter zu, so daß schließ­lich der Ant­ago­nis­mus zwi­schen Kapi­tal und Pro­le­ta­ri­at auf­ge­ho­ben wür­de und eine klas­sen­lo­se Gesell­schaft an sei­ne Stel­le trä­te. Die Ver­elen­dung der Mas­sen sei kein Garant für ihre Revo­lu­tio­nie­rung, es müß­ten Mythen bemüht wer­den, um ihre Gewalt­be­reit­schaft zu wecken und sie zum Auf­stand auf­zu­sta­cheln. Der Sozia­lis­mus wür­de auf die­se Wei­se sei­nes Anspruchs auf Wis­sen­schaft­lich­keit beraubt. Den Klas­sen­kampf zu füh­ren, hie­ße nicht län­ger, die his­to­ri­sche Ver­nunft zu exe­ku­tie­ren. Es han­del­te sich bei ihm nur noch um einen blo­ßen Wil­lens­akt, und er rich­te­te sich auf Zie­le, die nicht not­wen­dig, son­dern belie­big und aus­tausch­bar sind.
Unter dem Vor­wand, neue Ele­men­te in den Mar­xis­mus hin­ein­zu­tra­gen, um des­sen poli­ti­sche Wirk­mäch­tig­keit zu för­dern, betrieb der revo­lu­tio­nä­re Syn­di­ka­lis­mus tat­säch­lich die Abna­be­lung von die­sem. Sei­ne Kriegs­er­klä­rung erging nicht mehr gegen die Klas­se der Kapi­ta­lis­ten (die aller­dings auch nur für Vul­gär-Mar­xis­ten der »Feind« ist), son­dern gegen die »Deka­denz«. Es war eher ein his­to­ri­scher Zufall, das Ergeb­nis eines nicht unum­kehr­ba­ren Ver­falls, daß die­se der Bour­geoi­sie ange­las­tet wer­den muß­te, und der Klas­sen­kampf bot somit auch dem Bür­ger­tum die Chan­ce, zum Jung­brun­nen zu wer­den. Es war somit belang­los, Pri­vat­ei­gen­tum, per­sön­li­ches Pro­fit­stre­ben und die Markt­wirt­schaft abzu­leh­nen. Der Ant­ago­nis­mus, den es bis zum Äußers­ten zuzu­spit­zen galt, war nicht mate­ri­ell, son­dern psy­cho­lo­gisch begründet.
Zu den drei Ver­hal­tens­mus­tern gegen­über dem Phä­no­men des Krie­ges, die im inter­na­tio­na­len Sozia­lis­mus anzu­tref­fen waren, füg­ten die Sorelia­ner ein vier­tes hin­zu. Gemä­ßig­te, wie etwa veri­ta­ble Sozi­al­de­mo­kra­ten, nah­men ihn bei allem huma­ni­tä­ren Bedau­ern hin, sofern er zur Ver­tei­di­gung des Lan­des und sei­ner poli­ti­schen Ord­nung, als deren Teil man sich bereits emp­fand, unver­meid­bar sein soll­te. Buch­gläu­bi­ge Sozia­lis­ten ent­larv­ten ihn als eine Ver­an­stal­tung der herr­schen­den Klas­se, die in Kon­flikt mit den herr­schen­den Klas­sen ande­rer Län­der gera­ten ist, und lehn­ten ihn kom­pro­miß­los ab. Sozia­lis­ten mit tak­ti­scher Raf­fi­nes­se, wie etwa die rus­si­schen Bol­sche­wis­ten, teil­ten die­se Ana­ly­se, ver­spra­chen sich jedoch vom Krieg eine Schwä­chung des Sys­tems, aus der sie einen Nut­zen zie­hen könn­ten. Die Sorelia­ner hin­ge­gen betrach­te­ten den Krieg in ihrer Fokus­sie­rung auf das psy­cho­lo­gi­sche Moment im Gesell­schafts­le­ben und gespeist vom vita­lis­ti­schen Vor­ur­teil als Chan­ce, Kräf­te frei­zu­set­zen, die bis­lang däm­mer­ten und nur gele­gent­lich erup­tiv zuta­ge tra­ten. Die­se Dif­fe­ren­zen ent­fes­sel­ten im inter­na­tio­na­len Sozia­lis­mus Zen­tri­fu­gal­kräf­te, als sich die Fra­ge Frie­den oder Krieg mehr als nur in den Dimen­sio­nen von Kolo­ni­al­aben­teu­ern stell­te. Im Som­mer 1914 ver­stumm­ten die bis zuletzt auf Kon­gres­sen beschwo­re­nen Phra­sen einer natio­nen­über­grei­fen­den Ver­brü­de­rung der Arbei­ter­klas­se gegen mili­ta­ris­ti­sche Aben­teu­er der Bedrü­cker im Nu. Die Mehr­heit der Sozia­lis­ten schloß den Burg­frie­den mit den Herr­schen­den und erteil­te der Ent­sen­dung der Volks­mas­sen an die Front ihren Segen. Nur eine Min­der­heit moch­te bei ihrer alt­ver­trau­ten Auf­fas­sung blei­ben, daß der Feind doch eigent­lich im eige­nen Lan­de stün­de, zu ihr zähl­te die sozia­lis­ti­sche, 1912 auf revo­lu­tio­nä­ren Kurs gebrach­te Par­tei Ita­li­ens. Sie ver­sag­te sich der im Lan­de immer mäch­ti­ger wer­den­den und alle poli­ti­schen Par­tei­un­gen über­wöl­ben­den Ten­denz, die Neu­tra­li­tät auf­zu­ge­ben und an der Sei­te der Entente gegen die Mit­tel­mäch­te in den Krieg zu zie­hen. Die Geschlos­sen­heit, die sie dabei auf­wies, ist im euro­päi­schen Ver­gleich nahe­zu unheim­lich, wur­de jedoch durch­bro­chen durch einen Füh­rer, der ihr von der Fah­ne ging.

Am 18. Okto­ber 1914 ver­öf­fent­licht Mus­so­li­ni, der drei Jah­re zuvor noch gegen den Liby­en-Feld­zug agi­tiert und dafür im Gefäng­nis geses­sen hat­te, im Avan­ti! einen Arti­kel, der in behut­sa­mer Wei­se und mit eher prag­ma­ti­schen Argu­men­ten einer Betei­li­gung Ita­li­ens am Krieg das Wort redet. Der Par­tei ist bereits dies zuviel, sie ent­fernt ihn aus ihren Rei­hen und der Redak­ti­on ihres Organs. Ihn gänz­lich aus­zu­schal­ten, gelingt ihr jedoch nicht. Bereits vier Wochen spä­ter mel­det er sich publi­zis­tisch zurück. Die Zei­tung Il Popo­lo d’Italia, zu deren Finan­zie­rungs­quel­len – bür­ger­li­che Inter­ven­tio­nis­ten oder auch das inter­es­sier­te Aus­land – es an Mut­ma­ßun­gen nicht man­gelt, führt hete­ro­ge­ne, mit­un­ter bis­lang ein­an­der befeh­den­de Kräf­te auf der gemein­sa­men Grund­la­ge des Bel­li­zis­mus zusam­men, radi­ka­le und gemä­ßig­te Sozia­lis­ten, revo­lu­tio­nä­re und natio­na­le Syn­di­ka­lis­ten, repu­bli­ka­ni­sche Radi­ka­le und lin­ke Natio­na­lis­ten. Sie ist der Aus­gangs­punkt des faschis­ti­schen Cha­mä­le­ons (und bis zum bit­te­ren Ende sein publi­zis­ti­scher Weg­be­glei­ter), der schon früh einen Vor­ge­schmack auf den Cha­rak­ter der Bewe­gung als einer Schritt für Schritt nach rechts aus­grei­fen­den Legie­rung dis­pa­ra­ter Tra­di­ti­ons­strän­ge gibt, die nie zu einem Gan­zen ver­schmol­zen wer­den konnten.
Am 23. Mai 1915 war das Ziel der inter­ven­tio­nis­ti­schen Agi­ta­ti­on erreicht, das König­reich Ita­li­en trat in den Krieg ein. An des­sen Ende zähl­te es zwar zu den Sie­ger­mäch­ten, doch die desas­trö­se Lage, in die das Land gera­ten war, ließ den Erfolg ver­blas­sen. Der vor dem Krieg kurz­fris­tig aus­ge­gli­che­ne Staats­haus­halt ver­moch­te nur noch 30 Pro­zent der Aus­ga­ben durch Ein­nah­men zu decken. Die Regie­rung ließ in ihrer Not­la­ge die Noten­pres­se Fahrt auf­neh­men, wor­auf die Teue­rungs­ra­te in die Höhe schnell­te, was wie­der­um staat­lich dik­tier­te Höchst­prei­se in eini­gen Berei­chen der Grund­ver­sor­gung nach sich zog. Die Umstel­lung der Pro­duk­ti­on und des Trans­port­we­sens auf den Frie­dens­be­trieb führ­te eben­so wie die Zer­rüt­tung der wirt­schaft­li­chen Außen­be­zie­hun­gen, die für das von Roh­stoff­im­por­ten abhän­gi­ge Land beson­ders pre­kär war, zu Ver­wer­fun­gen, die kurz­fris­tig nicht zu behe­ben waren. Loka­le Revol­ten, Fabrik­be­set­zun­gen und Streiks mit hoher Gewalt­be­reit­schaft ver­schaff­ten dem Unmut brei­ter Bevöl­ke­rungs­schich­ten, die sich von dem gewon­ne­nen Krieg auch eine sozia­le Bes­ser­stel­lung erhofft hat­ten, Raum. Moti­viert durch das Bei­spiel des Erfol­ges der rus­si­schen Bol­sche­wis­ten wit­ter­ten die Sozia­lis­ten Mor­gen­luft. Ihnen gegen­über stand eine para­ly­sier­te Staats­füh­rung. Die Aus­wei­tung des Wahl­rechts, bis 1912 stand es ledig­lich sie­ben Pro­zent der Bevöl­ke­rung zu, hat­te die qua­si geschlos­se­ne Gesell­schaft des geho­be­nen Bür­ger­tums in Par­la­ment und Regie­rung gesprengt. Libe­ra­le, Lin­ke und die neue katho­li­sche Volks­par­tei stan­den ein­an­der arg­wöh­nisch gegen­über und zeig­ten sich unfä­hig, sta­bi­le Mehr­hei­ten zu bil­den. Sechs Regie­rungs­wech­sel zwi­schen Kriegs­en­de und dem »Marsch auf Rom« waren die Konsequenz.
Auch auf außen­po­li­ti­schem Gebiet erfüll­ten sich die an den Krieg gerich­te­ten Erwar­tun­gen nicht. Zwar wur­den die im Nor­den angren­zen­den Gebie­te, die man aus der Hin­ter­las­sen­schaft der öster­reich-unga­ri­schen Mon­ar­chie bean­sprucht hat­te, annek­tiert, doch gelang es nicht, auf dem west­li­chen Bal­kan oder im öst­li­chen Mit­tel­meer­raum Fuß zu fas­sen oder gar neue Kolo­nien zu erwer­ben. Die­ses Schei­tern, man sprach als­bald von einem »ver­stüm­mel­ten Sieg«, ent­frem­de­te die Natio­na­lis­ten von der libe­ra­len Staats­füh­rung und unter­grub die Loya­li­tät des Mili­tärs. Mit des­sen klan­des­ti­ner Unter­stüt­zung bemäch­tig­te sich der exzen­tri­sche Lebe­mann und Fin-de-Siè­cle-Schrift­stel­ler Gabrie­le D’Annunzio mit einem Frei­korps der Hafen­stadt Fiume, ein Zank­ap­fel zwi­schen Ita­li­en und Jugo­sla­wi­en, und errich­te­te ein fünf­zehn­mo­na­ti­ges Regi­ment, aus des­sen Insze­nie­rung der Faschis­mus so man­ches sei­ner poli­ti­schen Stil­mit­tel adap­tie­ren soll­te. Die­se Epi­so­de war es, die Mus­so­li­ni dazu ver­half, sei­ne Bewe­gung zu for­mie­ren und auf die poli­ti­sche Büh­ne zurück­zu­keh­ren. Er durch­brach damit die Iso­lie­rung, in die ihn der Krieg geführt hat­te. Eine Rück­kehr zu den Sozia­lis­ten als eine von ihm wohl ernst­haft aus­ge­lo­te­te Opti­on schei­ter­te an deren kon­se­quen­ter Hal­tung, daß nun die Ver­ant­wort­li­chen für das Desas­ter des Krie­ges zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen wären.

Die im März 1919 in Mai­land gegrün­de­ten Fasci ita­lia­ni di com­bat­ti­men­to mel­de­ten sich zwar mit mar­ki­gen Wor­ten und einem radi­ka­len, aus unter­schied­lichs­ten Quel­len gespeis­ten Pro­gramm zu Wort, blie­ben aber zunächst als Sam­mel­su­ri­um ver­spreng­ter Sek­tie­rer ohne Rele­vanz. Ent­spre­chend kläg­lich schei­ter­te der Ver­such, sich bei einem ers­ten Wahl­an­tritt eine Mas­sen­ba­sis zu ver­schaf­fen. In der Fiume-Kam­pa­gne jedoch gelang es Mus­so­li­ni, sich in der Unter­stüt­zung D’Annunzios an die Spit­ze zu stel­len und damit den Schul­ter­schluß mit den Natio­na­lis­ten zu voll­zie­hen. Die Abkehr vom Sozia­lis­mus konn­te damit als unwi­der­ruf­lich erschei­nen, zumal sie mit einer Selbst­kri­tik sei­ner frü­he­ren Posi­ti­on ein­her­ging. Da D’Annunzio sich nach dem kläg­li­chen Schei­tern des Fiume-Aben­teu­ers aus dem poli­ti­schen Leben zurück­zog, fiel Mus­so­li­ni des­sen Erbe in den Schoß. Im Namen der Nati­on und damit sich ver­meint­lich über alle Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zun­gen erhe­bend, trieb er nun die Dyna­mik, in die sei­ne rasch wach­sen­de Bewe­gung gera­ten war, wei­ter an und setz­te sie gegen die »rote Gefahr« in Marsch. Sein Glück war es, daß die Auf­stands­wel­le zum Zeit­punkt des Los­schla­gens der Faschis­ten ihren Zenit bereits über­schrit­ten hat­te. Ver­un­si­chert durch die Zwei­fel, ob die Revol­ten zur Revo­lu­ti­on ver­dich­tet wer­den könn­ten, und in der Erkennt­nis, daß die Kon­trol­le über leicht zu ent­täu­schen­de Mas­sen nur fra­gil wäre, gerie­ten die Sozia­lis­ten in die Defen­si­ve. Der selbst für ita­lie­ni­sche Maß­stä­be bei­spiel­lo­sen Gewalt­kam­pa­gne der Faschis­ten hat­ten sie nichts Ver­gleich­ba­res ent­ge­gen­zu­set­zen, zumal die­se den tak­ti­schen Vor­teil besa­ßen, von der Obrig­keit gedul­det oder gar begüns­tigt zu wer­den. Die libe­ra­le Regie­rung und die bür­ger­li­chen Schich­ten, auf die sie sich stütz­ten, moch­ten zwar viel­leicht Unbe­ha­gen ob der Zügel­lo­sig­keit der Gewalt emp­fin­den, sie erkann­ten und nutz­ten jedoch die Chan­ce, durch eine aus eige­nen Kräf­ten nicht zu bewerk­stel­li­gen­de Ent­schei­dung in dem dif­fu­sen Bür­ger­kriegs­sze­na­rio die Befrie­dung des Lan­des zu errei­chen und damit auch die als bedroht emp­fun­de­nen Eigen­tums­ver­hält­nis­se abzu­si­chern. Inso­fern ist die mar­xis­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on des Faschis­mus als einer ulti­ma ratio des Kapi­ta­lis­mus zumin­dest an den ita­lie­ni­schen Ver­hält­nis­sen beleg­bar, wenn­gleich sie bloß funk­tio­nel­le Zusam­men­hän­ge betrach­tet und die sub­jek­ti­ven Beweg­grün­de der han­deln­den Per­so­nen ignoriert.
Den Faschis­ten selbst, per se jeder Ver­dam­mung der Gewalt abhold, berei­te­te die theo­re­ti­sche Legi­ti­mie­rung ihres Vor­ge­hens kei­ne Pro­ble­me: In einer Lage, in der es kei­nen Schieds­rich­ter gibt, und der Staat war als sol­cher aus­ge­fal­len, kön­nen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen unver­söhn­li­chen Fein­den nur mit Waf­fen­ge­walt ent­schie­den wer­den, und es ist der Erfolg, der der obsie­gen­den Sei­te recht gibt. Aller­dings blieb in die­sem kon­kre­ten Fall des Ita­li­ens der begin­nen­den 1920er Jah­re eine Fra­ge offen: War die Auf­ga­be der Faschis­ten mit der Nie­der­wer­fung der Lin­ken erle­digt und das Gewalt­mo­no­pol in die Hän­de des Staa­tes, so wie er sich dar­bot, zurück zu über­tra­gen? Oder soll­te der Faschis­mus nun auch zur Erobe­rung des Staa­tes schrei­ten? Mus­so­li­ni ten­dier­te zunächst dazu, daß der Faschis­mus sich in Selbst­be­schei­dung mit einer Neben­rol­le in einem ansons­ten wei­ter durch die tra­di­tio­nel­len libe­ra­len Eli­ten gepräg­ten Staat zufrie­den­ge­ben möge. Die­ser mode­ra­te Kurs war gegen die ande­ren Gran­den der Bewe­gung jedoch nicht durch­zu­set­zen. Nach kur­zer Demis­si­on und reu­mü­ti­ger Wie­der­ver­söh­nung mit den faschis­ti­schen Fron­deu­ren streb­te er nach der Regie­rungs­ver­ant­wor­tung, ohne sich aller­dings fest­zu­le­gen, was er mit der ein­mal errun­ge­nen Macht anzu­stel­len gedach­te. Die­ses Ziel war mit dem alles ande­re als eine mili­tä­ri­sche Ope­ra­ti­on dar­stel­len­den »Marsch auf Rom« als ope­ret­ten­haf­tem Abschluß eines Rin­gens um die Macht erreicht.

Die Macht­er­grei­fung des Jah­res 1922 erfolg­te im Zei­chen einer Rück­kehr zu ver­fas­sungs­ge­mä­ßen Zustän­den. Mus­so­li­ni stand einem Kabi­nett mit Ver­tre­tern meh­re­rer Par­tei­en vor, in ihm nah­men ins­be­son­de­re die Rechts­li­be­ra­len und die katho­li­sche Volks­par­tei Schlüs­sel­po­si­tio­nen ein. Die Oppo­si­ti­on blieb nahe­zu unbe­hel­ligt, und die auf ein Jahr beschränk­ten Son­der­voll­mach­ten, die die Regie­rung vom Par­la­ment zuge­spro­chen erhielt, beschränk­ten sich auf die Berei­che Haus­halt und Steu­ern. Die­ser Kon­for­mis­mus Mus­so­li­nis irri­tier­te in ers­ter Linie die Radi­ka­len unter den eige­nen Anhän­gern, die began­nen, eine »zwei­te Revo­lu­ti­on « zu for­dern. Aus ihren Rei­hen kam der Aus­lö­ser einer Kri­se, die die Regie­rung ins Wan­ken brach­te und in die Ent­schei­dung für die Dik­ta­tur mün­de­te. Die Ermor­dung des zuvor durch Mus­so­li­ni im Popo­lo d’Italia ver­bal bedroh­ten sozia­lis­ti­schen Abge­ord­ne­ten Gia­co­mo Matteot­ti durch Schwarz­hem­den im Juni 1924 ließ Befürch­tun­gen auf­kei­men, die Faschis­ten könn­ten doch dem Schre­ckens­bild ent­spre­chen wol­len, das ihre Fein­de von ihnen gezeich­net hat­ten. Die Oppo­si­ti­on ging auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs, und auch bei den Ver­bün­de­ten mach­te sich Skep­sis breit, ob man auf das rich­ti­ge Pferd gesetzt hat­te. Mus­so­li­ni fand sich unver­se­hens zwi­schen zwei Stüh­len wie­der. Woll­te er an der bis­he­ri­gen Regie­rungs­füh­rung fest­hal­ten, waren wei­te­re Kon­zes­sio­nen an die ande­ren Akteu­re im plu­ra­lis­ti­schen Spiel der Kräf­te uner­läß­lich. Dies wür­de jedoch die Gefahr einer Spal­tung der faschis­ti­schen Bewe­gung und einer neu­er­li­chen Ent­fes­se­lung ihrer revo­lu­tio­nä­ren Dyna­mik nach sich zie­hen. Es folg­te mehr als ein hal­bes Jahr des Lavie­rens und dann die Flucht nach vorn. Mus­so­li­nis Regie­rungs­er­klä­rung vom 3. Janu­ar 1925 setz­te die zügi­ge Errich­tung der faschis­ti­schen Allein­herr­schaft in Gang, die knapp zwei Jah­re spä­ter voll­endet war. Dabei konn­te er auf das bereits in der Zeit des Kamp­fes um die Macht bemüh­te Argu­men­ti­ons­mus­ter zurück­grei­fen: Wo ande­re Lösun­gen zur Her­bei­füh­rung einer Ent­schei­dung ver­sa­gen, muß die Gewalt die Din­ge richten.
Der »tota­li­tä­re Staat«, ein von den Faschis­ten nicht als denun­zia­to­risch ver­stan­de­ner Begriff, trat an die Stel­le des libe­ra­len. Der Libe­ra­lis­mus im Wirt­schafts­le­ben blieb hin­ge­gen unan­ge­tas­tet und wur­de als legi­tim betrach­tet, da er die Pro­spe­ri­tät stei­gern und damit die öko­no­mi­schen Vor­aus­set­zun­gen für die poli­ti­sche Macht­ent­fal­tung des Staa­tes schaf­fen soll­te. Nicht allein die auf­ge­schlos­se­ne Hal­tung gegen­über den Eigen­tums­ver­hält­nis­sen und der die­se repro­du­zie­ren­den Wirt­schafts­ord­nung war es aber, die man­che Libe­ra­le und Kon­ser­va­ti­ve im Aus­land mit einem gewis­sen Wohl­wol­len nach Ita­li­en bli­cken ließ. Die Fra­ge, ob – wie es die Faschis­ten behaup­te­ten – Indi­vi­dua­lis­mus, libe­ra­le Demo­kra­tie und Sozia­lis­mus nicht Ideo­lo­gien des 19. Jahr­hun­derts und unter­des­sen über­holt sei­en, war in der Zwi­schen­kriegs­zeit alles ande­re als unge­wöhn­lich und ange­sichts der kri­sen­haf­ten Lage zahl­rei­cher Demo­kra­tien offen. Erst zwan­zig Jah­re nach Mus­so­li­nis 1925 erteil­tem Marsch­be­fehl in den tota­len Staat konn­te sie als abschlie­ßend beant­wor­tet gelten.

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