Sezession
1. Februar 2010

Gibt es eine faschistische Philosophie?

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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In einem geistigen Klima, in dem Faschismus keine Meinung, sondern ein Verbrechen darstellt, der Marxismus hingegen nach wie vor eine Alternative zum Liberalismus, ist es schwierig, die Frage nach der faschistischen Philosophie zu beantworten. Niemand wird derzeit von sich behaupten, daß er ein faschistischer Philosoph sei. Wir sind im Fall des Faschismus also auf Fremdzuschreibungen angewiesen, während wir im Fall des Marxismus, neben denen, die es nicht zugeben wollen, genügend Denker finden, die dieses Bekenntnis offensiv vertreten. Man denke nur an den Schriftsteller und Philosophen Dietmar Dath oder an den Politologen Antonio Negri, der vor kurzem in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau ungerührt behauptete: »Den Faschismus gibt es, der ist heute aber das demokratische System. Wir müssen endlich den Mut haben, es zu erkennen.«Damit sind wir bereits bei einer Wurzel der »faschistischen Philosophie« angelangt. Da der Begriff »Faschismus« sich seit den dreißiger Jahren hervorragend eignete, den politischen oder philosophischen Gegner zu diffamieren, erfanden marxistische Philosophen die »faschistische Philosophie «. Nach welchem Muster dort verfahren wurde, zeigt recht anschaulich das Buch Wie ist die faschistische Philosophie in Deutschland entstanden? von Georg Lukács, einem der bekanntesten marxistischen Denker des 20. Jahrhunderts. Er verfaßte es 1933 im Moskauer Exil, ohne es zu veröffentlichen. Es erschien erst nach seinem Tod in Ungarn und schließlich 1989 in der untergehenden DDR.
Obwohl dieses Buch 50 Jahre lang keine Wirkung entfalten konnte, ist es in unserem Zusammenhang wichtig, weil es die marxistische Argumentation als reine Lehre vertritt. Als jemand, der aus wohlhabenden Verhältnissen stammte, war Lukács zu solcher Theoriebildung besonders angehalten. In der Tendenz jedenfalls unterscheidet sich die Arbeit nicht von einer anderen aus seiner Feder: Die Zerstörung der Vernunft (1954) konzentriert sich aber mehr auf das 20. Jahrhundert. Ein Vorteil von Lukács im Gegensatz zu anderen Marxisten ist, daß er die deutsche Philosophie aus eigener Lektüre und Anschauung gut kannte: »Als Schüler Simmels und Diltheys, als Freund Max Webers und Emil Lasks, als begeisterter Leser Stefan Georges und Rilkes habe ich die ganze hier geschilderte Entwicklung selbst miterlebt.«
Aber Lukács deutet diese Entwicklung einseitig, und zwar ausgehend von der bekannten These, daß der Faschismus nichts anderes sei als »die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals«. So wird ihm die bürgerliche Philosophie, beginnend bei Nietzsche, zur Verfallsgeschichte, die in den Faschismus führen mußte. In typischer Manier des Antifaschisten sieht er überall einen verkappten Faschismus, den es zu entlarven gelte: »Es ist also notwendig, die Analyse der faschistischen Philosophie in Deutschland nicht auf die Naziphilosophen im engeren Sinne zu beschränken. Denn in diesem Fall würde man vor dem Rätsel stehen, wie mit solchem blühenden Unsinn Millionenmassen erobert werden konnten.« In dieser Linie taucht dann Georg Simmel ebenso auf wie Walther Rathenau oder Max Weber.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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