Casa Pound

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

»With usura hath no man a house of good stone«, schrieb der Dichter Ezra Pound in seinem Canto XLV. »Usura« (lateinisch: »der Wucher «) ist hier das Sinnbild für die kulturzerstörende, lebensfeindliche und unmenschliche Herrschaft des Zinses, des Kapitals und der Banken. Pound sagte auch: »Ein Mensch kann ein Haus bewohnen, auch ein zweites, ein drittes aber ist ein Kapital, mit dem er Geld verdienen will.«»Contro ogni Usura«, »gegen jeglichen Wucher« stand in großen, handgemalten Buchstaben auf den Transparenten, die am 27. Dezember 2003 an der Fassade eines leerstehenden sechsstöckigen Hauses in der Via Napoleone III, Nummer 8 im Stadtzentrum von Rom entrollt wurden. Neben einem halben Dutzend Trikoloren war auch eine Fahne mit einer stilisierten Schildkröte auf schwarzem Grund zu sehen. Ein weiteres Transparent verkündete die Taufe des Gebäudes in »Casa Pound«. Das Haus war in einer Blitzaktion von einer Gruppe junger Männer besetzt worden. Kurz darauf wurde in dem Stadtviertel ein Flugblatt mit folgender Erklärung verteilt: »Wir haben ein Gebäude besetzt, das viele Jahre leerstand. Wir haben das Haus an zwanzig Familien übergeben. Wir sind Italiener. Wir sind keine sozialen Außenseiter. Wir sind Arbeiter, Studenten, Mütter und Väter.«

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Sozia­les Pathos, anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Rhe­to­rik, natio­na­le Sym­bo­lik – die Beset­zer stamm­ten aus der mili­tan­ten rechts­ra­di­ka­len Sze­ne Roms, und mach­ten damals wie heu­te kei­nen Hehl aus ihren Über­zeu­gun­gen: die sei­en »weder links noch rechts«, son­dern schlicht »fascis­ta«. (Eine Vari­an­te ist das iro­ni­sche Amal­gam »Estre­mo­cen­tro­al­to« – etwa »Extrem-Mit­te-oben«.) Zu den expo­nier­ten Köp­fen der Casa Pound gehö­ren der Vor­den­ker Gabrie­le Adi­nol­fi, Mit­be­grün­der der in den sieb­zi­ger Jah­ren akti­ven, mit dem »schwar­zen Ter­ro­ris­mus« eng ver­knüpf­ten Grup­pie­rung Ter­za Posi­zio­ne und der 1973 gebo­re­ne Macher Gian­lu­ca Ian­no­ne, ein bär­ti­ger, täto­wier­ter Rie­se, der das Image eines rau­hen Motor­radro­ckers pflegt und als Kopf der Hard­core-Band Zeta­ze­ro­al­fa zusätz­li­chen Kult­sta­tus inne­hat. Zum Netz­werk der Casa Pound zäh­len außer­dem die Buch­hand­lung »Tes­ta di Fer­ro« (Kopf aus Eisen), »Cut­ty Sark«, der »meist­ge­h­aß­te Pub Ita­li­ens«, und die »Area 19«, eine still­ge­leg­te Bahn­hofs­hal­le in den Ber­gen hin­ter dem unter Mus­so­li­ni erbau­ten Olym­pi­schen Forum.
Im Umkreis des »Casa­po­un­dis­mus« hat sich ein poli­ti­scher Stil ent­wi­ckelt, der fri­schen Wind in die äußers­te Rech­te Ita­li­ens gebracht hat. Der Erfolg ver­dankt sich nicht zuletzt dem geschick­ten Selbst­mar­ke­ting. Das ein­präg­sa­me Logo der »Casa Pound«, eine Schild­krö­te, ist zu einem Mar­ken­zei­chen gewor­den, das inzwi­schen eben­so berüch­tigt ist wie das Kel­ten­kreuz oder das Ruten­bün­del. Für eine dezi­diert faschis­ti­sche Bewe­gung ist die Kür eines fried­fer­ti­gen, defen­si­ven und trä­gen Wap­pen­tie­res zunächst über­ra­schend. Die Sym­bo­lik besitzt aller­dings eine poe­ti­sche Schlüs­sig­keit. Die Schild­krö­te trägt ihr Haus auf dem Rücken, sie kann dar­aus nicht ver­trie­ben wer­den, zugleich ist sie mobil und zäh­le­big. Auf den zwei­ten Blick zeigt sich, daß das Sym­bol eine ver­bor­ge­ne krie­ge­ri­sche Kon­no­ta­ti­on hat: es spielt auch auf die Marsch­for­ma­ti­on »Testu­do« (Land­schild­krö­te) des anti­ken römi­schen Hee­res an, in der die anein­an­der­ge­reih­ten Schil­de den Trupp in einen mensch­li­chen Pan­zer ver­wan­del­ten. Das prä­zi­se Acht­eck des sti­li­sier­ten Pan­zers und die nach innen gerich­te­ten Pfei­le ver­wei­sen auf ein geis­ti­ges Ord­nungs­prin­zip und eine spi­ri­tu­el­le Kon­zen­tra­ti­on. Fol­ge­rich­tig gren­zen sich die Ver­ant­wort­li­chen der Casa Pound trotz ihres anar­chi­schen Ges­tus scharf vom Stil lin­ker besetz­ter Häu­ser ab: Ord­nung, Sau­ber­keit und Ästhe­tik spie­len eine eben­so wich­ti­ge Rol­le wie das stren­ge Ver­bot von Waf­fen, Dro­gen und Prostitution.

Ent­spre­chen­de »Casas« gibt es inzwi­schen unter ande­rem in Mai­land, Bolo­gna und Nea­pel, alle­samt Städ­te, in denen den Schwarz­hem­den zum Teil gewalt­sa­mer Wider­stand ent­ge­gen­ge­setzt wird. Die Wut der Lin­ken ent­springt dabei wohl auch der Empö­rung, daß die Rech­te nun in ihren urei­ge­nen Gewäs­sern fischt. Dazu gehö­ren akti­ve Soli­da­ri­tät mit den sozi­al Unter­pri­vi­le­gier­ten und Sym­pa­thie­be­kun­dun­gen für unter­drück­te Völ­ker wie die Tibe­ter eben­so wie der Kampf gegen die Pri­va­ti­sie­rung von Bil­dung und Gesund­heits­we­sen und radi­ka­le For­de­run­gen nach einem staat­lich garan­tier­ten Woh­nungs­recht für alle ita­lie­ni­schen Fami­li­en. Im April 2009, nach dem gro­ßen Erd­be­ben in den Abruz­zen, wur­de unter dem Slo­gan »Bau­en wir Ita­li­en wie­der auf« zur frei­wil­li­gen Hil­fe­leis­tung auf­ge­ru­fen. Dabei soll die poli­ti­sche Rekru­tie­rung hint­an­ge­stellt wer­den: Die zwan­zig in der Casa Pound unter­ge­brach­ten Fami­li­en stam­men zwar zum Groß­teil aus dem rech­ten Umfeld, es herrscht aber nach Aus­kunft der Orga­ni­sa­to­ren kei­ner­lei ideo­lo­gi­scher Bekenntniszwang.
Gezielt wer­den auch die Frau­en ange­spro­chen, etwa mit der Initia­ti­ve »Zeit, Mut­ter zu sein«, die sich für die Rech­te von allein­er­zie­hen­den Müt­tern ein­setzt. Die seit den neun­zi­ger Jah­ren ange­stie­ge­ne Mas­sen­ein­wan­de­rung nach Ita­li­en wird in den affi­nen Publi­ka­tio­nen pri­mär unter einem »glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen« Aspekt gese­hen: der Kapi­ta­lis­mus brau­che bil­li­ge Arbeits­kräf­te und ver­su­che die­se Aus­beu­tungs­stra­te­gie mit mul­ti­kul­tu­ra­lis­ti­scher Rhe­to­rik zu kaschie­ren. Unter den Mili­tan­ten sol­len sich auch gele­gent­lich far­bi­ge Akti­vis­ten ein­fin­den, und zu den inter­nen Legen­den gehört die Geschich­te von der Piz­ze­ria eines Ägyp­ters, die von Anti­fas ver­wüs­tet wur­de, die es auf Gian­lu­ca Ian­no­ne abge­se­hen hat­ten – wor­auf die­ser die Reno­vie­rung des Lokals durch ein Bene­fiz­kon­zert unterstützte.
So ent­stand mit­ten im »mul­ti­kul­tu­rel­len« Stadt­teil Esqui­li­no, in einer fast aus­schließ­lich von Chi­ne­sen bewohn­ten Stra­ße, gedul­det von der Poli­zei und der Stadt­ver­wal­tung, eine Insti­tu­ti­on, die sowohl eine prak­ti­sche als auch eine sym­bo­li­sche Wir­kung ent­fal­tet hat. Sie steht eben­so für eine Phi­lo­so­phie der Ver­or­tung wie für eine sozia­le Uto­pie und fun­giert als Zen­trum für poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten. Monat­lich fin­den Vor­trä­ge zu breit gestreu­ten The­men statt, für die durch klu­ges Net­wor­king auch regel­mä­ßig Gäs­te gewon­nen wer­den, die der Sze­ne denk­bar fern­ste­hen, wie etwa Nico­lai Lilin, Autor des Best­sel­lers Sibi­ri­sche Erzie­hung. Bei einem The­men­abend über Che Gue­va­ra kam gar ein Ver­tre­ter der radi­ka­len Lin­ken, ein ande­res Mal Vale­rio Moruc­ci, ehe­ma­li­ges Mit­glied der Roten Bri­ga­den und einer der Ent­füh­rer Aldo Moros. Man bemüht sich, dem Slo­gan »Casa Pound – Wo die Aus­ein­an­der­set­zung frei ist« gerecht zu wer­den, ohne die pro­non­cier­te Selbst­po­si­tio­nie­rung auf­zu­ge­ben. So sind die Gän­ge und die rund um die Uhr besetz­ten Büro­räu­me aus­ge­schmückt mit Paro­len wie »Fang an zu glau­ben! Begin­ne zu kämp­fen! « und mit Male­rei­en im mar­tia­li­schen Stil der Mussolini-Zeit.

Wäh­rend die sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Pro­gram­ma­tik durch­aus an den frü­hes­ten und den spä­tes­ten Faschis­mus (der »Sozi­al-Repu­blik« von Salò) anschlie­ßen kann, ist die Über­nah­me lin­ker Prak­ti­ken wie die eigen­mäch­ti­ge Errich­tung von »cen­tri socia­li« (sozia­len Zen­tren) ein rela­tiv jun­ges Phä­no­men. Bereits im Dezem­ber 1990 besetz­ten Anhän­ger der »Fron­te del­la Gio­ven­tù« ein Haus im römi­schen Stadt­teil Mon­te­ver­de, 1998 wur­de die »Por­tA­per­ta« in San Gio­van­ni in Latera­no eröff­net. Als im Juli 2002, wie­der­um in Rom, die »Casa Mon­tag« aus­ge­ru­fen wur­de, kün­dig­te sich ein unge­hör­ter Ton­fall an. »Mon­tag«, der Held von Ray Brad­bu­rys Fah­ren­heit 451, ist »Feu­er­wehr­mann« eines Zukunfts­staa­tes, der den Besitz und die Lek­tü­re von Büchern jeg­li­cher Art ver­bo­ten hat. Die »Feu­er­wehr« hat die Auf­ga­be, die Bücher zu ver­nich­ten, doch Mon­tag beginnt heim­lich die ver­bo­te­nen Güter zu sam­meln und zu lesen, bis er sich zum Rebel­len ent­wi­ckelt. Wäh­rend gewöhn­lich tota­li­tä­re Gesell­schafts­ord­nun­gen mit dem Begriff »Faschis­mus« belegt wer­den, dre­hen die »non-kon­for­men« Mili­tan­ten den Spieß um: die Rebel­li­on gegen die Gedan­ken­po­li­zei, die Frei­heit des ein­zel­nen stün­den nun auf ihrer Sei­te. Die Chif­fre »451« taucht seit­her immer wie­der auf Demons­tra­tio­nen der Faschis­ten auf – gele­gent­lich, das Para­dox noch stei­gernd, auf einem wei­ßen kreis­för­mi­gen Feld auf rotem Grund, optisch an die Fah­ne der NSDAP erinnernd.
Der »Casa Mon­tag« folg­te die »Casa Pound«, deren Namens­ge­bung einen ähn­lich anspruchs­vol­len Unter­bau ver­rät. Der Ein­gangs­flur des Hau­ses ist zu einer Art Pop-Ruh­mes­hal­le gestal­tet, in der die Namen all derer in bun­ten Let­tern an die Wand gemalt sind, die als Inspi­ra­to­ren geschätzt wer­den. Die Run­de der zitier­ten Geis­ter ist von einer ver­blüf­fen­den Viel­falt. Neben obli­ga­ten Iko­nen des Euro­fa­schis­mus wie D’Annunzio, Evo­la, Cod­rea­nu, Mos­ley und Degrel­le fin­den sich in einem wil­den Misch­masch Namen wie Saint-Exu­pé­ry, Jün­ger, Maja­kow­skij, Kerou­ac, Bukow­ski, Stir­ner, Tol­ki­en, Orwell oder Leo­ni­das. Der »Skrewdriver«-Kopf Ian Stuart ist eben­so ver­tre­ten wie Höl­der­lin, der India­ner­häupt­ling Geroni­mo und die Comic­fi­gu­ren Cor­to Mal­te­se und Cap­tain Har­lock. Mit Aus­nah­me von Wal­ter Dar­ré fin­den sich kei­ne Natio­nal­so­zia­lis­ten. Dage­gen genießt ein Ernst Jün­ger in der Sze­ne einen hohen Sta­tus: Im Herbst 2009 waren in Rom quer über den Bezirk Esqui­li­no und angren­zen­de Stadt­tei­le bis hin zum Kolos­se­um ver­teil­te Pla­ka­te zu sehen, die sich von einem ver­stor­be­nen Kame­ra­den mit einem Jün­ger-Zitat verabschiedeten.
Die Hel­den­ga­le­rie setzt sich auf dem Trep­pen­gang fort, der aus­schließ­lich bedeu­ten­den Frau­en gewid­met ist: bil­den­de Künst­le­rin­nen wie Camil­le Clau­del und Tama­ra de Lem­pi­cka, Dich­te­rin­nen wie Ada Negri und Sibil­la Ale­r­a­mo, die von kom­mu­nis­ti­schen Par­ti­sa­nen ermor­de­te Film­di­va Lui­sa Feri­da, Leni Rie­fen­stahl sowie Sport­le­rin­nen und Pilo­tin­nen. Eine ähn­lich eklek­ti­zis­ti­sche Aus­wahl fin­det sich auch im Sor­ti­ment des »Tes­ta di Fer­ro«. Dort wer­den auch T‑Shirts und Anste­cker ange­bo­ten, deren Moti­ve von Yukio Mishi­ma bis zur Fuß­ball­le­gen­de Geor­ge Best rei­chen. Als zen­tra­le Refe­ren­zen tau­chen immer wie­der Fil­me wie »Fight Club«, »300«, »Uhr­werk Oran­ge« oder »Pulp Fic­tion« auf.

Im Haupt­quar­tier selbst gip­felt die Iko­nen­pfle­ge in einer kom­men­tier­ten Samm­lung sel­te­ner Fotos aus dem Leben Ezra Pounds. Der ame­ri­ka­ni­sche Avant­gar­dist gehör­te zu jenen bedeu­ten­den Köp­fen, die Par­tei für den Faschis­mus ergrif­fen. Pound hat­te sich 1924 in Rapal­lo nie­der­ge­las­sen und hielt wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs anti­se­mi­tisch gefärb­te Pro­pa­gan­da­re­den wider die Alli­ier­ten, die er als Hand­lan­ger des »Leih­ka­pi­tals « betrach­te­te. Nach dem Krieg wur­de er als Hoch­ver­rä­ter ange­klagt und einer ernied­ri­gen­den Behand­lung unter­wor­fen, die in einer jah­re­lan­gen Inter­nie­rung in eine psych­ia­tri­sche Anstalt gipfelte.
Für den über­wie­gen­den Anteil der Sze­ne­an­hän­ger dürf­te es aller­dings aus­rei­chen zu wis­sen, daß Pound der »Dich­ter gegen den Wucher« und Ver­eh­rer des Duce war. Die kom­pli­zier­te Eso­te­rik der »Can­tos« ist selbst unter lite­ra­risch gebil­de­ten Lesern noto­risch, und glei­ches gilt für den von der Sze­ne ver­kul­te­ten Juli­us Evo­la. Die ent­schei­den­de­ren welt­an­schau­li­chen Quel­len dürf­ten eher die Tex­te von Zeta­ze­ro­al­fa und ande­ren »Musi­ca Alternativa«-Bands sein. Das Publi­kum des mehr­tä­gi­gen Fes­tes zur Fünf­jah­res-Fei­er der Casa Pound in der »Area 19« im Juni 2009 war zu etwa 80 Pro­zent von jenem pro­le­ta­ri­schen Skin­head- und Hoo­li­gan-Typus domi­niert, den man gemein­hin mit der extre­men Rech­ten asso­zi­iert. Pro­vo­kan­te Täto­wie­run­gen und ultra­kur­zer Haar­schnitt sind da eben­so ein Muß wie eine recht beschränk­te Aus­wahl an T‑S­hirt-Moti­ven. Das scheint für die Sze­ne ins­ge­samt reprä­sen­ta­tiv zu sein, wenn auch vor allem über die Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­ti­on »Bloc­co Stu­den­tes­co« ein beträcht­li­cher Anteil an Mit­tel­stän­di­schen hin­zu­kommt. Hier wird frei­lich an einen wei­te­ren Strang des his­to­ri­schen Faschis­mus ange­knüpft: an die Beto­nung des Phy­si­schen, des Vita­lis­mus, des Män­ner­bun­des, des Ago­na­len, aber eben auch der Gewalt. Als Ven­til wird dafür etwa das Ritu­al des »Cinghia­mat­t­an­za« (unge­fähr: »Gür­tel­aus­flip­pen«) genutzt, in dem sich frei nach DAF »alle gegen alle« mit nack­tem Ober­kör­per in eine wüs­te Mas­sen­prü­ge­lei mit dem Gür­tel­rie­men (die Schnal­le ist ver­bo­ten) stürzen.
Auch die belieb­te, zum Teil mit Rocker­ro­man­tik (»libe­ri, bel­li, ribel­li« – »frei, schön, rebel­lisch«) legier­te Squa­dris­ten­iko­no­gra­phie mit ihren Toten­köp­fen, schwar­zen Fah­nen, Dol­chen und Rosen unter­mau­ert das zwie­späl­ti­ge »Bad Guys«-Image, das vor allem für jun­ge Män­ner und Frau­en eben­so anzie­hend ist, wie es auf dem Weg zu einem Anschluß an den Main­stream hin­der­lich ist – denn für die Lin­ke ist es damit natür­lich ein leich­tes, die Sze­ne pau­schal als Ansamm­lung von Schlä­gern hin­zu­stel­len. Trotz des im Ver­gleich zu Deutsch­land beacht­li­chen Spiel­raums, den die Rech­ten und sogar die immer­hin offi­zi­ell ver­bo­te­nen Faschis­ten in Ita­li­en bean­spru­chen kön­nen, hat auch dort die »Poli­ti­cal Cor­rect­ness« die Ober­hand. Der Foto­band Oltre­Nero der anti­fa­schis­ti­schen Jour­na­lis­ten Alles­san­dro Cos­mel­li und Mar­co Mathieu, der zunächst in enger Kol­la­bo­ra­ti­on mit Gian­lu­ca Ian­no­ne ent­stand, ließ die Sze­ne in sty­li­schen Schwarz­weiß­fo­tos eben­so ver­füh­re­risch wie abgrün­dig-absto­ßend schil­lern und beton­te deren Sub­kul­tur-Cha­rak­ter sowie die Aura der Gewalt. Ian­no­ne emp­fand die­se Dar­stel­lung als ver­fäl­schend und ein­sei­tig und über­warf sich in der Fol­ge mit den Autoren.

Die Fra­ge nach der eigent­li­chen Ideo­lo­gie der »Faschis­ten des drit­ten Jahr­tau­sends« ist nicht leicht zu beant­wor­ten. Trotz aller Beteue­run­gen, kei­ne Nost­al­gie-Num­mer bemü­hen zu wol­len, bleibt der emo­tio­na­le Kern der Bewe­gung eben doch auf die heroi­schen Erzäh­lun­gen von vor­ges­tern fixiert: D’Annunzios Fiume, der Marsch auf Rom, der Futu­ris­mus, der Mythos der Squa­dris­ten, die »Repu­blik von Salò« und die »schwar­zen Her­zen« der »blei­er­nen« sieb­zi­ger Jah­re, als es in Ita­li­en zum blu­ti­gen, von Geheim­diens­ten unter­wan­der­ten Ter­ror­krieg zwi­schen links- und rechts­ex­tre­men Grup­pen kam. Unklar ist, was für ein kon­kre­tes Gesicht der ange­peil­te »moder­ne« Faschis­mus haben soll, zumal der Dia­log mit ande­ren Milieus aktiv gesucht wird und Quer­fron­ten nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Was bleibt, ist vor allem die Rhe­to­rik der Tat und der Vor­rang des Akti­vis­mus vor ideo­lo­gi­scher Geschlos­sen­heit sowie die Pfle­ge und Schaf­fung von Iko­nen und eines »non­kon­for­men « Lebensgefühls.
Pro­gram­ma­tisch ist dafür der Leit­ar­ti­kel der haus­ei­ge­nen Zeit­schrift Occi­den­ta­le vom August 2009. Einer der gelun­gens­ten Casa-Pound-Coups des Jah­res war die flä­chen­de­cken­de öffent­li­che Pla­ka­tie­rung eines Pos­ters, das im Pop-Art-Stil den 1980 ver­stor­be­nen lin­ken Lie­der­ma­cher Rino Gaeta­no zeig­te, wort­los kom­men­tiert allein durch das berüch­tig­te Schild­krö­ten­lo­go. In dem Leit­ar­ti­kel erklär­te der Autor, »war­um es rech­tens ist, daß Casa Pound Rino Gaeta­no fei­ert.« Man müs­se bei­lei­be kein Lin­ker sein, um den frei­heit­li­chen und vita­len Geist der Lie­der Gaeta­nos zu bewun­dern. In ihnen fin­de sich alles, wofür auch die »Casa Pound« ste­he: »Die Lie­be zu allem, das die Welt mit Iro­nie betrach­tet, zur Poe­sie, Pro­vo­ka­ti­on, Frei­heit, zur Gerech­tig­keit.« Dabei dür­fe man nicht an rück­wärts­ge­wand­ten Vor­stel­lun­gen hän­gen­blei­ben, hät­ten doch auch »D’Annunzio, Mari­net­ti, Jün­ger, Evo­la, sogar Mus­so­li­ni« auf der Höhe ihrer Zeit gelebt und gedacht: »Kei­ne Welt­flucht, kei­ne Welt­un­ter­gangs­hys­te­rien. Wil­le, Taten, Freu­de, Frei­heit. Das allein zählt.«

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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