Kein zweiter Faschismus

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Ein Interview mit Dominique Venner

Dominique Venner ist Historiker, Schriftsteller und Chefredakteur der Pariser Zeitschrift Nouvelle Revue d’Histoire. Zuletzt erschien von ihm die Monographie Ernst Jünger. Un autre destin européen (Le Rocher, Monaco 2009). Zu seinen wichtigsten Buchveröffentlichungen zählen die Großessays Histoire et tradition des Européens (Le Rocher, Monaco 2002/2004) und Le Siècle de 1914 (Pygmalion, Paris 2006), in denen Venner die Grundlagen der europäischen Identität und die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts neu interpretiert. Zudem veröffentlichte er Le coeur rebelle (Belles Lettres, 1994), eine persönliche Reflexion über seine radikale Jugend, den Algerienkrieg, seine Haftzeit, die Bewegung »Europe Action« und die Ursprünge der »Nouvelle Droite«. Sein erstes zeitgeschichtliches Werk (Baltikum, 1974) befaßte sich mit den Freikorps. Die deutsche Ausgabe erschien unter dem Titel Söldner ohne Sold (Paul Neff Verlag, Wien 1974).

Kontakt: www.dominiquevenner.fr

 Gastbeitrag

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Sezes­si­on: Herr Ven­ner, in Deutsch­land hat man nur eine recht vage Vor­stel­lung von den Ent­wick­lun­gen im Frank­reich der fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jah­re. Wel­che Kräf­te bestimm­ten das Schick­sal Ihres Lan­des zwi­schen Dien Bien Phu und dem Ende der Algé­rie fran­çai­se?
Ven­ner: Die »patrio­ti­sche« Strö­mung im Den­ken und Han­deln zur Zeit des Alge­ri­en­kriegs läßt sich nicht iso­liert von einer sehr viel brei­te­ren his­to­ri­schen Bewe­gung betrach­ten. Um jene Epo­che eben­so wie unse­re eige­ne zu ver­ste­hen, muß man die euro­päi­sche Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts deu­ten ler­nen. Bis 1914 ver­moch­te eine »euro­päi­sche Ord­nung« Tra­di­tio­nen und Moder­ne zu ver­söh­nen. Der Ers­te Welt­krieg zer­stör­te die­se Ord­nung, die von dyna­mi­schen Aris­to­kra­tien errich­tet wor­den war. Auf den Trüm­mern die­ser Zivi­li­sa­ti­on spiel­ten sich ab 1920 gewal­ti­ge sozia­lis­ti­sche und natio­na­lis­ti­sche Revo­lu­tio­nen ab. Daß die­se Revo­lu­tio­nen, der ita­lie­ni­sche Faschis­mus eben­so wie der Natio­nal­so­zia­lis­mus, schei­ter­ten und einen neu­en Welt­krieg und wei­te­re Kata­stro­phen aus­lös­ten, lag vor allem an ihrem aggres­si­ven Natio­na­lis­mus und der Bru­ta­li­tät, mit der sie gegen ihre Geg­ner vor­gin­gen. All­mäh­lich beginnt sich die Erkennt­nis durch­zu­set­zen, daß Euro­pa zwi­schen 1914 und 1945 einen zwei­ten »Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg« erleb­te. Er ende­te mit dem über­wäl­ti­gen­den Sieg der USA und der Sowjet­uni­on. Die­se bei­den Mäch­te teil­ten Euro­pa zwi­schen sich auf und zwan­gen ihm ihre jewei­li­ge Ideo­lo­gie auf. Gebro­chen von einem hal­ben Jahr­hun­dert erst des Gewalt­wahns, dann des Schuld­ge­fühls, ist Euro­pa dar­auf­hin in tie­fen Schlaf gefal­len. Die »patrio­ti­schen« und mili­tä­ri­schen Bewe­gun­gen, die in Frank­reich zwi­schen Dien Bien Phu (1954) und dem Ende des Alge­ri­en­kriegs (1962) ent­stan­den, las­sen sich als instink­ti­ve Revol­ten gegen die­se Ernied­ri­gung Euro­pas deu­ten, die in Frank­reich durch die Deko­lo­ni­sie­rung schmerz­haft spür­bar wurde.

Sezes­si­on: Sie haben damals die Her­aus­for­de­rung gesucht. Mit zwan­zig kämpf­ten Sie in Alge­ri­en, um die fran­zö­si­sche Herr­schaft dort zu ver­tei­di­gen. Zu Zei­ten des Buda­pes­ter Volks­auf­stands kämpf­ten Sie gegen die Kom­mu­nis­ten. Sie waren am Putsch der Gene­rä­le vom April 1961 betei­ligt, dem Ver­such, Staats­prä­si­dent Charles de Gaul­le zu stür­zen. Für Ihre Betei­li­gung am Kampf der Unter­grund­be­we­gung Orga­ni­sa­ti­on de l’ Armée Secrè­te (OAS) ver­büß­ten Sie eine Gefäng­nis­stra­fe. Was war der Anstoß, daß Sie zu einem »rebel­li­schen Her­zen« wurden?
Ven­ner: Ich hat­te damals ein sehr aus­ge­präg­tes Lebens­ge­fühl. Gemein­sam mit einer Hand­voll Kame­ra­den bekämpf­te ich das poli­ti­sche und intel­lek­tu­el­le Hun­de­pack, das wir für unse­ren Nie­der­gang ver­ant­wort­lich mach­ten. Unse­re Ideen waren kurz­le­big, unse­re Instink­te aber tief. In toll­küh­nen Aktio­nen ris­kier­ten wir Kopf und Kra­gen. Die­ses Enga­ge­ment hat­te wenig mit dem gemein, was man land­läu­fig als »poli­tisch« bezeich­net. Wir träum­ten weni­ger davon, eine »Par­tei« zu grün­den als viel­mehr einen mys­tisch-mili­tä­ri­schen Orden. Unse­re Vor­bil­der waren die spa­ni­schen Falan­gis­ten von 1936 oder ein Mann wie Oberst Nas­ser 1952.

Sezes­si­on: Wenn Sie von der dama­li­gen Zeit spre­chen, bezeich­nen Sie sich sel­ber als einen »Natio­na­lis­ten«. Warum?
Ven­ner: Wir nann­ten uns damals »natio­na­lis­tisch «, um zuvor­derst unse­re Radi­ka­li­tät zu beto­nen und uns von der bür­ger­li­chen Rech­ten abzu­gren­zen, die sich als »natio­nal« bezeich­ne­te. Scher­zes­hal­ber pfleg­ten wir zu sagen: »Der Natio­na­le ver­hält sich zum Natio­na­lis­ten wie das Rind­fleisch zum Stier.« Zudem ver­stan­den wir uns als euro­päi­sche Natio­na­lis­ten. Wir waren unse­rer Zeit voraus.

Sezes­si­on: Spä­ter ver­faß­ten Sie eine »posi­ti­ve Kri­tik « des Natio­na­lis­mus. Was hat sich verändert?
Ven­ner: Das Mani­fest Pour une cri­tique posi­ti­ve habe ich im Gefäng­nis geschrie­ben, Ende 1962, nach­dem der Kampf für die fran­zö­si­sche Kolo­ni­al­herr­schaft in Alge­ri­en geschei­tert war. Es ent­stand als Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung einer his­to­ri­schen Nie­der­la­ge und woll­te neue Denk­an­sät­ze und Stoß­rich­tun­gen für den Kampf for­mu­lie­ren. Die Situa­ti­on, in der wir uns heu­te befin­den, ist eine radi­kal ande­re. Damals muß­te alles wie­der­auf­ge­baut wer­den, ohne daß irgend­ei­ne Grund­la­ge vor­han­den gewe­sen wäre. Der kraft­vol­le Gestal­tungs­wil­le der zwei Jahr­zehn­te zwi­schen 1920 und 1940 war durch den Sieg des Kom­mu­nis­mus und des ame­ri­ka­ni­schen Demo­kra­tis­mus gebro­chen, zu schwei­gen von den anti­fa­schis­ti­schen »Säu­be­run­gen«. Der Alge­ri­en­krieg bewirk­te zwar eine patrio­ti­sche Erneue­rung, die jedoch, statt Impul­se für ein neu­es Den­ken zu geben, gro­ße Ver­wir­rung stif­te­te. Nach 1962 war unse­re Ideen­welt dem­entspre­chend ver­ödet. Der Ver­öf­fent­li­chung von Pour une cri­tique posi­ti­ve folg­te 1963 die Grün­dung der Zeit­schrift Euro­pe Action, die sich in vie­ler­lei Hin­sicht spür­bar aus­wirk­te. Wenn­gleich Euro­pe Action nicht alle in sie gesetz­ten Erwar­tun­gen erfül­len konn­te, gelang es doch, Grund­la­gen zu schaf­fen. Dazu zählt die Öff­nung des Natio­na­lis­mus für die euro­päi­sche Dimen­si­on, die Befrei­ung vom Chris­ten­tum, die Frucht­bar­ma­chung sämt­li­cher For­schungs­er­geb­nis­se aus der Phi­lo­so­phie und Geschichts­wis­sen­schaft. Dies bil­de­te die Vor­la­ge für das spä­te­re intel­lek­tu­el­le Wir­ken der Nou­vel­le Droi­te.Sezes­si­on: Im Janu­ar 2010 sind seit dem »Bar­ri­ka­den­putsch « in Algier genau fünf­zig Jah­re ver­gan­gen. Wie den­ken Sie heu­te über Ihren dama­li­gen Haupt­feind: Gene­ral de Gaulle?
Ven­ner: Ich habe ein Buch über die­se kom­ple­xe Figur geschrie­ben: De Gaul­le. La gran­deur ou le néant? (Le Rocher, Mona­co 2004). Der Titel »De Gaul­le. Die Grö­ße oder das Nichts« unter­streicht die Ambi­va­lenz sei­ner Per­sön­lich­keit. De Gaul­le ver­füg­te über gro­ße poli­ti­sche Fähig­kei­ten. Er hät­te sie zuguns­ten der euro­päi­schen Eini­gung und unse­rer Los­lö­sung von den USA ein­set­zen kön­nen. Lei­der blieb er zeit­le­bens der Logik des anti­fa­schis­ti­schen Bür­ger­kriegs ver­haf­tet, auf die er in zwei Schick­sals­kämp­fen gesetzt hat­te: 1940/45 und erneut 1958/62. Das Ergeb­nis ist bekannt. Im Mai 1958 kam de Gaul­le an die Macht zurück, getra­gen von einer brei­ten Bewe­gung der natio­na­len Erneue­rung. Zehn Jah­re spä­ter hat­te er die­ser Bewe­gung so sehr das Rück­grat gebro­chen, daß ihr poli­ti­sches Gegen­teil tri­um­phier­te: der Geist vom Mai ’68, der heu­te noch domi­nant ist.

Sezes­si­on: Armin Moh­ler, der von 1953 bis 1960 als Kor­re­spon­dent für Schwei­zer und deut­sche Zei­tun­gen in Paris arbei­te­te, schrieb 1958 in der Zeit, Frank­reich sei das ein­zi­ge Land, in dem der Faschis­mus eine »zwei­te Chan­ce« hat­te. War­um, glau­ben Sie, ent­wi­ckel­te sich aus dem Natio­na­lis­mus, der OAS und den Bewe­gun­gen der pieds-noirs, der Alge­ri­en­fran­zo­sen, nie eine neue Form des Faschismus?
Ven­ner: Aus sozio­lo­gi­scher Sicht läßt sich die Exis­tenz eines all­ge­mei­nen Phä­no­mens namens »Faschis­mus« fest­stel­len, ein­schließ­lich des frei­lich sehr anders gear­te­ten deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus. Dabei han­delt es sich um eine ein­ma­li­ge his­to­ri­sche Erschei­nungs­form, die nur in einer bestimm­ten Epo­che auf­trat. Ent­ge­gen den Vor­stel­lun­gen der Anti­fa­schis­ten ist der Faschis­mus weder räum­lich noch zeit­lich über­trag­bar. Ohne den Ers­ten Welt­krieg, ohne den Tod der vor­ma­li­gen euro­päi­schen Ord­nung hät­te es kei­nen Faschis­mus gege­ben. Sei­ne Ent­ste­hung ver­dankt er den ver­zwei­fel­ten Umstän­den sowie dem Auf­kom­men einer Ersatz-Eli­te inner­halb der Kriegs­ge­nera­ti­on. Er ist im übri­gen nur eine Reak­ti­on auf die bol­sche­wis­ti­sche Bedro­hung. Hin­zu kom­men die Aus­wir­kun­gen eines ver­wun­de­ten Natio­na­lis­mus. Nach 1945 und der his­to­ri­schen Nie­der­la­ge einer neu­en, aus den »Stahl­ge­wit­tern« her­vor­ge­gan­ge­nen Eli­te bestand nie­mals irgend­ei­ne Chan­ce für einen ande­ren »Faschis­mus«. Eine Wie­der­kehr des Faschis­mus wird es genau­so­we­nig geben wie eine neue Refor­ma­ti­on. Die Geschich­te der gro­ßen Bewe­gun­gen wie­der­holt sich nicht. Wir leben längst in einer ande­ren Zeit, näm­lich jener des Zusam­men­pralls der Zivi­li­sa­tio­nen und ihres Wie­der­auf­le­bens – und nicht zu ver­ges­sen: Europas.

Sezes­si­on: Herr Ven­ner, wir bedan­ken uns für­das Gespräch.Das Inter­view führ­te Karl­heinz Weißmann

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