Das Tier, das “wir” sagt

pdf der Druckfassung aus Sezession 35 / April 2010

von Karlheinz Weißmann

Es ist an sich schon bemerkenswert, daß man einem Biologen den nach Hegel benannten Staatspreis des Landes Baden-Württemberg verleiht, und noch bemerkenswerter, daß Jürgen Habermas die Laudatio hält. Die Irritation wird nicht geringer, wenn man zur Kenntnis nimmt, daß der Biologe – Michael Tomasello – das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig leitet und der Widerwille gegen die Anthropologie zu den Konstanten im Denken von Habermas gehört. Immerhin versteht man das unerwartete Wohlwollen etwas besser, wenn man den Schlußpassus der Rede betrachtet, die Habermas am 16. Dezember des vergangenen Jahres zu Ehren von Tomasello hielt. Da hieß es über dessen Theorie menschlicher Kommunikation: »Der sozialpragmatische Ansatz erklärt die Entstehung der Sprache funktional aus der Lösung jener allgemeinen Kommunikationsaufgaben, die sich in kooperierenden Gruppen aus Problemen der Handlungskoordinierung ergeben. Nach dieser Lesart ist die evolutionär vorteilhafte gestenvermittelte Kooperation der Geburtsort für semantische Konventionen.«

 Gastbeitrag

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Es sind im wesent­li­chen zwei Über­le­gun­gen Toma­sel­los, die die Zustim­mung von Haber­mas fin­den: sei­ne Behaup­tung, daß das Mensch-Sein ganz wesent­lich durch kom­mu­ni­ka­ti­ve Akte bestimmt wird, und daß es einen erheb­li­chen und qua­li­ta­ti­ven Abstand zwi­schen Mensch und Tier gibt. Die­se Auf­fas­sun­gen hat Toma­sel­lo zuerst in sei­nem 2002 erschie­ne­nen Buch Die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung des mensch­li­chen Den­kens für ein brei­te­res Publi­kum dar­ge­stellt. Bei Fach­kol­le­gen sorg­te die Ver­öf­fent­li­chung für eine gewis­se Unru­he. Denn betrach­tet man die Geschich­te der Bezie­hung zwi­schen Bio­lo­gie und jenen Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, die in irgend­ei­ner Wei­se mit dem Men­schen befaßt sind, so ent­stand zuletzt der Ein­druck, als ob man sich auf wech­sel­sei­ti­ge Nicht­be­ach­tung geei­nigt hät­te. Hier die natur­wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin, die unter Ver­weis auf empi­ri­sche Daten zu dem Ergeb­nis kommt, daß wir nichts ande­res sind als arri­vier­te Affen, dort die Phi­lo­so­phen und His­to­ri­ker, Sozio­lo­gen etc., die auf der Annah­me behar­ren, daß der Mensch so etwas wie »Natur« gar nicht habe.
Die Kon­fron­ta­ti­on hat ihrer­seits his­to­ri­sche Grün­de, deren Ursprung man schon in den Vor­be­hal­ten Dar­wins gegen eine Ver­öf­fent­li­chung sei­nes Buches Die Abstam­mung des Men­schen auf­wei­sen kann. Denn die­se Vor­be­hal­te rühr­ten nicht nur aus der Erfah­rung her, wie hef­tig die Debat­ten nach Erschei­nen sei­nes Ban­des Die Ent­ste­hung der Arten gewe­sen waren, son­dern auch aus dem Wis­sen um die nahe­lie­gen­den Schluß­fol­ge­run­gen, die sich aus der Behaup­tung erga­ben, daß der Mensch voll­stän­dig in das Sys­tem der Natur ein­ge­fügt wer­den kön­ne und sei­ne Stel­lung als »Kro­ne der Schöp­fung« damit erle­digt sei. Dar­win hat­te immer­hin ver­sucht, den Geist von den Geset­zen des strugg­le for life aus­zu­neh­men, aber über­zeu­gend war das nicht ange­sichts sei­ner eige­nen metho­di­schen Vor­ga­ben. Und jener Teil sei­ner Anhän­ger, die man spä­ter als »Sozi­al­dar­wi­nis­ten« bezeich­ne­te, zeig­te im Grun­de kon­se­quen­ter als er selbst, daß sein Deu­tungs­an­satz eine voll­stän­di­ge natu­ra­lis­ti­sche Erklä­rung des Men­schen nahe­leg­te. Die Fol­ge­run­gen wur­den nicht von jedem bis zum letz­ten getrie­ben, aber der Argu­men­ta­ti­on des fran­zö­si­schen Anthro­po­lo­gen Geor­ges Vacher de Lapouge war im Rah­men des Dar­wi­nis­mus auch nur schwer zu wider­spre­chen: »Jeder Mensch ist ver­wandt mit allen Men­schen und mit allen leben­den Wesen. Es gibt also kei­ne Men­schen­rech­te, nicht mehr als es Rech­te des Gür­tel­tie­res oder des Gib­bons syn­d­ac­tylus gibt, des Pfer­des, das man anschirrt, oder des Och­sen, den man auf­ißt. Sobald der Mensch das Vor­recht ver­liert, ein beson­de­res Wesen nach Got­tes Eben­bild zu sein, hat er nicht mehr Rech­te als jedes ande­re Säu­ge­tier. Der Gedan­ke der Gerech­tig­keit ist eine Täu­schung. Es gibt nichts als Gewalt.«

Bis in die Zeit vor dem Ers­ten Welt­krieg konn­ten die für die Deu­tung des Men­schen ton­an­ge­ben­den Dis­zi­pli­nen sol­che Auf­fas­sun­gen igno­rie­ren oder ver­dam­men, ohne die dahin­ter­ste­hen­den Über­le­gun­gen zur Kennt­nis zu neh­men. Das änder­te sich infol­ge eines intel­lek­tu­el­len Kli­ma­wan­dels am Ende des 19. Jahr­hun­derts, der den Dar­wi­nis­mus zur neu­en Leit­idee mach­te, die es zu erlau­ben schien, auch jede gesell­schaft­li­che oder kul­tu­rel­le Erschei­nung zu deu­ten. Ein Gelehr­ter vom Rang Edu­ard Mey­ers konn­te etwa in sei­ner Ein­lei­tung zur Alten Geschich­te selbst­ver­ständ­lich davon aus­ge­hen, daß der Mensch ein »Her­den­tier« sei und sich dar­aus wesent­li­che Dis­po­si­tio­nen der his­to­ri­schen Ent­wick­lung ablei­ten ließen.
Es hat bis zum Ende der zwan­zi­ger Jah­re gedau­ert, bevor eine »Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie« dar­an­ging, die neue Her­aus­for­de­rung wirk­lich anzu­neh­men und nach Ant­wor­ten zu suchen, die die »Stel­lung des Men­schen im Kos­mos« (Max Sche­ler) nicht mehr nur unter Ver­weis auf die Denk­tra­di­ti­on begrün­de­ten. Für die­sen Ansatz stan­den die gro­ßen Namen Sche­ler, Pless­ner, Geh­len. Sie setz­ten sich tat­säch­lich mit den Erkennt­nis­sen der moder­nen Bio­lo­gie aus­ein­an­der, behaup­te­ten aber, daß die »Stel­lung« des Men­schen eine »Son­der­stel­lung« sei, ganz wesent­lich auf sei­ne »Welt­of­fen­heit« zurück­zu­füh­ren, inso­fern als das Tier (wie die Pflan­ze) »Umwelt«, der Mensch aber »Welt« habe. Selbst­ver­ständ­lich gab es gegen die­se Inter­pre­ta­ti­on Wider­stän­de, aber die Dis­kre­di­tie­rung eines har­ten Natu­ra­lis­mus durch die NS-Zeit führ­te doch dazu, daß nach 1945 eine Anschau­ung als kon­sens­fä­hig betrach­tet wer­den konn­te, die die »eigen­tüm­li­che Zwit­ter­na­tur des Men­schen« beton­te, »der auch Tier ist, aber eine beson­de­re Spe­zi­es unter den Homi­ni­den dar­stellt, kraft deren Beson­der­heit er wie­der­um aus dem gan­zen Umkreis des Tie­ri­schen her­aus­fällt « (Hel­muth Plessner).
Erst in den sech­zi­ger Jah­ren geriet die­se Posi­ti­on unter Druck: durch den Auf­stieg der Sozio­lo­gie einer­seits, die zu der Auf­fas­sung neig­te, daß der Mensch ganz gesell­schaft­lich bestimmt sei und die Bio­lo­gie gar kei­ne Rol­le spie­le, und der Etho­lo­gie ande­rer­seits, die mit Hil­fe des Ver­hal­tens­ver­gleichs auf zahl­rei­che Ana­lo­gien zwi­schen Mensch und Tier hin­wies. Aus Grün­den, die mit Wis­sen­schaft­lich­keit wenig, mit Ideo­lo­gie viel zu tun hat­ten, konn­te die Sozio­lo­gie ihre Auf­fas­sung durch­set­zen und jenes »Anthro­po­lo­gie­ver­bot« (Odo Mar­quard) eta­blie­ren, das im Prin­zip bis heu­te wirk­sam ist.
Aller­dings han­delt es sich dabei um ein brü­chi­ges Tabu, des­sen Gel­tung durch die fak­ti­schen Fort­schrit­te der Bio­lo­gie, vor allem auf der Mikro­ebe­ne, nach und nach in Fra­ge gestellt wur­de und außer­dem von der Ent­kop­pe­lung der Dis­zi­pli­nen betrof­fen ist, die dazu führt, daß eine Denk­schu­le wie die der Sozio­bio­lo­gie auch an den Uni­ver­si­tä­ten in Deutsch­land ver­an­kert wer­den konn­te, die aus­drück­lich in Anspruch nimmt, das gesell­schaft­li­che Leben des Men­schen unter Ver­weis auf den »Ego­is­mus« der Gene zu deu­ten, dabei von der Sozio­lo­gie igno­riert wird, wie sie ihrer­seits dazu neigt, deren Erkennt­nis­se zu übergehen.
In die­ser Lage bie­tet der Ansatz von Toma­sel­lo eine Alter­na­ti­ve, denn sei­ne Kom­pe­tenz als Natur­wis­sen­schaft­ler ist eben­so unbe­streit­bar wie sei­ne Bereit­schaft, sich mit Fra­ge­stel­lun­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen, die jen­seits der Gren­zen sei­ner Dis­zi­plin lie­gen. In sei­nem neu­en Buch Die Ursprün­ge der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on (Frank­furt a. M.: Suhr­kamp 2009. 410 S., geb, 39.80 €) zeigt sich das beson­ders deut­lich. Aus­gangs­punkt sei­ner Über­le­gun­gen ist das, was er »Hyper­ko­ope­ra­ti­vi­tät« nennt, das heißt die dem Men­schen eigen­tüm­li­che Nei­gung zu Zusam­men­ar­beit und Hilfs­be­reit­schaft selbst dann, wenn ihm dar­aus kein – unmit­tel­ba­rer – Nut­zen ent­steht oder eine – direk­te – Auf­for­de­rung ergeht. Er weist dar­auf hin, daß die ver­brei­te­te Annah­me, auch Men­schen­af­fen neig­ten zu der­ar­ti­gem Ver­hal­ten, irrig sei. Sei­ne eige­nen und die Beob­ach­tun­gen von Kol­le­gen leg­ten viel­mehr den Schluß nahe, daß Pri­ma­ten im all­ge­mei­nen nur dann koope­rie­ren, wenn ihnen das indi­vi­du­el­le Vor­tei­le ver­schafft (und sei es nur Ruhe vor den bet­teln­den Art­ge­nos­sen beim Fres­sen eines Lecker­bis­sens) und daß sogar auf den ers­ten Blick als Gemein­schafts­ak­tio­nen erschei­nen­de Tätig­kei­ten, wie etwa die Jagd der Hor­de, fak­tisch auf der Bün­de­lung von Ein­zel­ak­tio­nen beru­hen, jeden­falls nichts mit kol­lek­ti­ver Pla­nung und Orga­ni­sa­ti­on der Beu­te­tei­lung nach Prin­zi­pi­en von »Gerech­tig­keit« zu tun haben.

So groß die Nähe zwi­schen Schim­pan­sen und Men­schen in man­cher Hin­sicht sein mag: Der Affe hat nie ein ver­gleich­ba­res Inter­es­se an sei­nem Mit­af­fen wie der Mensch selbst­ver­ständ­lich an sei­nem Mit­men­schen. »Geteil­te Inten­tio­na­li­tät« ist das, was Toma­sel­lo als Schlüs­sel zur Erklä­rung unse­rer Son­der­stel­lung betrach­tet. Unse­re Fähig­keit, Ver­mu­tun­gen – qua »Rol­len­tausch« – über die Gedan­ken­gän­ge und Gefüh­le der ande­ren anzu­stel­len, ver­setzt uns auch in die Lage, eine fun­da­men­ta­le wesens­mä­ßi­ge Über­ein­stim­mung zu begrei­fen, die den selbst­ver­ständ­li­chen Hin­ter­grund jeder mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on bil­det. An ein­fa­chen Bei­spie­len erklärt Toma­sel­lo, auf wel­che kom­ple­xe Men­ge an Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten wir dau­ernd Bezug neh­men, um uns wech­sel­sei­tig zu begrei­fen. Das ers­te die­ser Mit­tel ist die Ges­tik, wobei auch die­se »natür­li­che« Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on nur uns eigen ist, inso­fern als wir selbst simp­le Ges­ten – vor allem Zei­ge­ges­ten – mit einem gro­ßen, in sich hete­ro­ge­nen, Infor­ma­ti­ons­ge­halt ver­knüp­fen kön­nen und die­se Fähig­keit schon als Klein­kin­der erlernen.
Auf­grund der Mög­lich­kei­ten, die die Ges­tik bie­tet, sieht Toma­sel­lo in ihr den Ursprung der mensch­li­chen Spra­che, nicht in den Lau­ten, die unse­re Vor­fah­ren von sich gaben. Tie­re nut­zen Lau­te, wie er über­zeu­gend dar­legt, um rasche, aber unspe­zi­fi­sche Reak­tio­nen aus­zu­lö­sen. Sie sind wenig geeig­net, eine geord­ne­te Infor­ma­ti­ons­fol­ge wei­ter­zu­ge­ben. Das ändert sich erst, seit­dem der Mensch begon­nen hat, Ges­ten und Lau­te zu kom­bi­nie­ren und dann Ges­ten durch Lau­te zu erset­zen. Toma­sel­lo weist in dem Zusam­men­hang auch dar­auf hin, daß das für die mensch­li­che Sprech­fä­hig­keit zustän­di­ge Gen nach heu­ti­gem Wis­sen erst mit dem Erschei­nen von homo sapi­ens auftrat.
Der Sie­ges­zug der Spra­che hängt wie­der­um mit zwei Aspek­ten zusam­men, die zei­gen, wie sehr man den »eige­nen evo­lu­tio­nä­ren Pfad« des Men­schen als »Son­der­weg« betrach­ten muß: Denn nicht nur, daß das Funk­tio­nie­ren der Spra­che wie­der­um geteil­te Inten­tio­na­li­tät vor­aus­setzt – also eine Men­ge an gemein­sa­men Kennt­nis­sen und Emo­tio­nen –, sie gibt uns über­haupt erst die Gewiß­heit, daß unse­re nur sprach­lich aus­drück­ba­ren Vor­stel­lun­gen von die­sen Über­ein­stim­mun­gen zur Gel­tung kom­men. Etwas salopp hat Toma­sel­lo in einem Inter­view den Men­schen defi­niert als »das Tier, das ›wir‹ sagt«. »Wir« ist dabei etwas hoch Abs­trak­tes, eine Ein­heit, die nicht durch pri­mä­re Bin­dun­gen – etwa Ver­wandt­schaft zwi­schen Eltern und Kin­dern – begrenzt sein muß, die über Raum und Zeit hin­weg bestehen kann und sich für den ein­zel­nen nur in Sym­bo­len mani­fes­tie­ren mag. Noch die ver­blüf­fend gro­ße Zahl ver­schie­de­ner Spra­chen und damit die Tat­sa­che, daß der Mensch die ein­zi­ge Spe­zi­es ist, in der sich das Indi­vi­du­um nicht sicher mit dem bevor­zug­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel allen ande­ren Indi­vi­du­en mit­zu­tei­len ver­mag, erklärt Toma­sel­lo letzt­lich aus dem Bedürf­nis, das eige­ne Wir von dem frem­den Wir mög­lichst scharf abzugrenzen.

Die Fähig­keit zu spre­chen hängt sei­ner Mei­nung nach wesent­lich mit der Fähig­keit zu han­deln zusam­men, die wie­der­um setzt uns in den Stand zu imi­tie­ren, das heißt – nicht wie Men­schen­af­fen sonst – auf das Ergeb­nis, son­dern auf das Vor­ge­hen selbst die Kon­zen­tra­ti­on zu len­ken. Eine Kom­pe­tenz, die uns wei­ter ermög­licht, zu ler­nen und zu tra­die­ren, mit­hin Kul­tur zu schaf­fen. »Die mensch­li­che Art von Koope­ra­ti­on«, heißt es bei Toma­sel­lo, habe »ein­zig­ar­ti­ge Merk­ma­le, die sich am deut­lichs­ten in den kul­tu­rel­len Insti­tu­tio­nen des Men­schen mani­fes­tie­ren, ange­fan­gen bei der Ehe über das Geld bis hin zur Regie­rung, die ein­zig wegen der kol­lek­ti­ven Prak­ti­ken und der Über­zeu­gun­gen mensch­li­cher Grup­pen existieren.«
Wer bei dem Ver­weis auf »Spra­che«, »Hand­lung«, »Kul­tur« und »Insti­tu­ti­on« an die Anthro­po­lo­gie Geh­lens denkt, liegt in der Sache rich­tig, wird aller­dings jeden Hin­weis auf des­sen Arbei­ten ver­geb­lich suchen. Das mag mit Toma­sel­los Her­kunft aus den USA zusam­men­hän­gen, hat sei­nen Grund aber mög­li­cher­wei­se auch in einem blin­den Fleck sei­nes theo­re­ti­schen Ansat­zes, der es dann Haber­mas ermög­licht, ihn so vor­be­halt­los zu loben. Denn wenn die Sozia­li­tät des Men­schen ganz wesent­lich auf spe­zi­fi­schen Leis­tun­gen beruht, also nicht aus einer Men­ge sicher auf­ruf­ba­rer Instink­te folgt, dann ergibt sich dar­aus ein beun­ru­hi­gen­des Maß an Fra­gi­li­tät all des­sen, was unse­re Ord­nun­gen aus­macht. Dann muß betont wer­den, daß unse­re kol­lek­ti­ve Iden­ti­tät von bestimm­ten »Zucht­for­men « – um Geh­lens Begriff zu benut­zen – abhängt und davon, daß unse­re Mög­lich­keit der Ver­ge­wis­se­rung in bezug auf die Iden­ti­tät ver­knüpft ist mit Ritua­li­sie­rung und Sta­bi­li­sie­rungs­an­stren­gun­gen ver­schie­de­ner Art.
Ganz offen­sicht­lich ist des­halb das Stre­ben nach einer gewis­sen Homo­ge­ni­tät der eige­nen Gemein­schaft zwin­gend, gera­de weil wir uns in »Pseu­do­spe­zi­es « (Kon­rad Lorenz) orga­ni­sie­ren müs­sen. Die kön­nen im je kon­kre­ten Fall, aber nicht prin­zi­pi­ell besei­tigt wer­den. Das heißt, wenn ich ein Kol­lek­tiv, das mir Ver­hal­tens­si­cher­heit qua Insti­tu­tio­nen bie­tet, ableh­ne, und die­ses Ver­hal­ten mas­sen­haft wird, mag das zum Ver­schwin­den die­ses Kol­lek­tivs füh­ren, aber es wer­den unbe­dingt ande­re an sei­ne Stel­le tre­ten, wobei von Fall zu Fall zu klä­ren ist, ob die bes­ser leis­ten, was das ers­te Modell nicht zu leis­ten vermochte.
Es erge­ben sich von hier aus vie­le wei­te­re Fra­gen, die zu beant­wor­ten gar nicht Toma­sel­los Absicht ist. Das soll kein Vor­wurf sein, ganz im Gegen­teil. Sei­ne Bücher sind nicht nur außer­or­dent­lich gut les­bar, sie errei­chen auch etwas, was man nur von weni­gen Lek­tü­ren sagen kann: sie regen zum Wei­ter­den­ken an und kön­nen dazu bewe­gen, sich mit Pro­ble­men aus­ein­an­der­zu­set­zen, die sonst viel­leicht unbe­merkt blei­ben würden.

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