1. April 2010

Nicht alle sind Elite

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 35 / April 2010

von Johann Ludwig

Daß sich geschichtliche Tatsachen zweimal ereignen – »das eine mal als Tragödie, das andere Mal als Farce« (Karl Marx) – erscheint in bezug auf die deutsche Hochschulpolitik nur als Halbwahrheit. Das erste Mal war nämlich alles andere als eine Tragödie: Wilhelm II. und seine Wissenschaftspolitiker schufen ein Bildungssystem, das ebenso zeitgemäß wie erfolgreich war und Deutschland zum weltweiten Vorbild machte. In Schule wie Hochschule erreichte man das durch konsequente Elitenförderung bei gleichzeitiger Breitenbildung. Daß so etwas nur in einem von leistungsorientierter Auslese geprägten differenzierten Bildungswesen möglich war, verstand sich damals von selbst – womit wir bei der Wiederholung dieser geschichtlichen Tatsache als Farce wären, bei der deutschen Hochschulpolitik der Gegenwart.

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In den 1960ern wurde hierzulande eine Bildungskatastrophe ausgerufen und durch immer neue egalitaristische Reformen auch tatsächlich herbeigeführt. Das führte zu einem sukzessiven Niveauverlust der Studiengänge, der aber mit dem massenhaften Zustrom ungenügend vorbereiteter und unzureichend begabter Studenten nicht mithalten konnte. Die Zustände an den Universitäten wurden dadurch so unerträglich, daß von politischer Seite eingegriffen wurde. Es sollten »Eliteuniversitäten« geschaffen werden, um den Hochbegabten eine adäquate wissenschaftliche Ausbildung zu sichern, und gleichzeitig sollte der »Bologna-Prozeß« das Studium verschulen, um den Fähigkeiten und der Zahl der restlichen Studenten Rechnung zu tragen.
Zur Farce wurden die Reformansätze, weil sie nur durchführbar gewesen wären unter der Bedingung einer Wiederherstellung von Prinzipien, die man bisher bekämpft hatte: Leistung und Auslese. Da man das nicht wollte, wurde so getan, als könne die Hochschule ohne Differenzierung alle einander direkt widersprechenden Ziele erfüllen. Auf den damit verbundenen Schwindel hat nun ein von Jürgen Kaube herausgegebener Sammelband aufmerksam gemacht (Jürgen Kaube: Die Illusion der Exzellenz. Lebenslügen der Wissenschaftspolitik, Berlin 2009): »Man muß blind sein, um nicht zu sehen, daß die Ausstattung immer größerer Anteile eines Jahrgangs mit Hochschulzertifikaten und die Förderung von Begabung nicht mit denselben Maßnahmen zu erreichen sind.«
Der Band versammelt Hochschullehrer verschiedener Fachrichtungen, die auf konkrete hochschulpolitische Probleme hinweisen. Wegen der Grundsätzlichkeit ihrer Fragestellung stechen die Beiträge Kaubes und Wolfgang Eßbachs hervor. Eßbach zeigt, daß der Bologna-Prozeß systematisch fachliche Qualifikation untergräbt, das Studierverhalten demoralisiert und die Gleichheit der Bildungschancen zerstört zugunsten einer Gleichheit der Bildungsabschlüsse. Das ganze wird getragen von einer Professorenschaft, die seit Jahrzehnten »verantwortungslose Überfüllungspolitik, die Verwahrlosung der Universität, den Abbau von Leistungskontrollen, das Durchwinken bei Zwischenprüfungen, das Absenken des Niveaus« betreibt. Kaube weist darauf hin, daß dieselben Gründe zur Zerstörung des ursprünglichen Impulses der Exzellenzinitiative geführt haben, die nun die Universität zu einer eierlegenden Wollmilchsau nach dem Prinzip »Alle sind Elite« gemacht hat.
Kaube ist als Redakteur der FAZ zuständig für Wissenschafts- und Bildungspolitik und zeigt in dieser Funktion zunehmend die Tendenz zu einer Art linkskonservativem Denken, das sich darin äußert, daß er zwar keinen offenen Bruch mit der herrschenden linken Weltanschauung vollzieht, sie aber um so genüßlicher vorführt vor dem Forum von Vernunft und gesundem Menschenverstand. Weil dies sein vorrangiges Interesse ist, stellt er auch – noch – nicht die weiterführende Frage nach den Konsequenzen aus dem Verfall der Hochschulen. Diese Konsequenzen werden sich allerdings kaum von denen aus dem Verfall der übrigen Institutionen von Staat, Kirche und Armee unterscheiden: Solange weder eine Revolution »von oben« noch ein erfolgreicher Marsch durch die Institutionen »von unten« in Sicht ist, bleibt den verbliebenen Resten nichts als Ausharren und das Bilden von Traditionskompanien.


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