Sezession
29. Juli 2010

Oliver Stones sozialistische Selbstkritik

Martin Lichtmesz

"Bei Streitigkeiten innerhalb der Linken trifft es immer einen Richtigen", schrieb mir augenzwinkernd ein Bekannter, als er mir einen Link über die "umstrittenen Äußerungen" des dezidiert linken Starregisseurs (und Chávez- & Castro-Fans) Oliver Stone, bekannt durch "Platoon", "Wall Street" oder "Natural Born Killers", zuschickte. Stone war vermutlich wieder tüchtig eingekokst, als er in einem verbalen Rundumschlag gleich mehrere heilige Kühe schlachtete, unter denen natürlich die folgende die Allerheiligste war:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Gefragt, warum der Holocaust dennoch stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert sei, antwortete der Regisseur: "Das ist die jüdische Dominanz in den Medien. Da gibt es eine große Lobby in den Vereinigten Staaten. Sie sind fleißige Arbeiter. Sie sind ganz oben bei den Kommentaren, die mächtigste Lobby in Washington."

Er fügte weiters hinzu, daß "Israel die amerikanische Außenpolitik seit Jahren ruiniere".

Was darauf an Entrüstung, Gegenattacken und "Antisemitismus"-Vorwürfen folgte, war vorhersehbar, weniger allerdings, daß das notorische Hollywood-Großmaul so schnell klein beigeben würde, und eine demütige Total-Entschuldigung vorbrachte, die wohl nicht von ungefähr an die berüchtigte "sozialistische Selbstkritik" erinnert:

Bei dem Versuch, die deutschen Kriegsverbrechen in einem breiteren historischen Kontext einzuordnen, habe ich eine plumpe Bemerkung über den Holocaust gemacht, die mir leid tut und die ich bereue.(...)

Juden kontrollieren natürlich nicht die Medien oder irgendeine andere Branche. Der Umstand, daß der Holocaust heutzutage noch immer ein sehr wichtiges und präsentes Thema ist, ist das Verdienst einer hart arbeitenden Koalition von Leuten, die sich der Erinnerung an diese Greueltat verpflichtet haben - und es war eine Greueltat.

Die Ironie dieser ganzen Szene schreit natürlich nach Orwell. Nein, es gibt natürlich keine mächtige jüdische Lobby in Hollywood oder sonstwo, aber immerhin ist diese nichtvorhandene Macht imstande, einen Druck aufzubauen, der in Windeseile einen rauhen Knochen wie Oliver Stone (der übrigens einen jüdischen Vater hat) um 180° Grad herumdreht und zu Kreuze kriechen läßt. (Wenn die ganze Entschuldigung nicht ohnehin bloß ein blutiger Witz ist.)

Neu ist das alles nicht: Schon Marlon Brando, wie Stone ein enfant terrible seines Metiers, hatte sich mächtig Ärger eingehandelt, als er anno 1996 in einem TV-Interview äußerte: "Hollywood is run by Jews; it is owned by Jews...", und er fügte hinzu, daß es diesen an "Sensibilität für das Leiden anderer Menschen" fehle. ("...and they should have a greater sensitivity about the issue of people who are suffering.")

Daraufhin antwortete die jüdische Zeitschrift "Moment" mit einer provokanten Titelgeschichte - Brando habe recht:  "Juden kontrollieren Hollywood - Na und?".  Das begann schon in der klassischen Zeit, als sämtliche großen Studios von eingewanderten (ost-)europäischen Juden wie etwa Louis B. Mayer, den Warner-Brothers, Carl Laemmle, Adolph Zukor, Samuel Goldwyn, William Fox, Irving Thalberg oder Joseph Schenck gegründet und/oder geleitet wurden.

Es bedarf nur geringer Netzrecherchen, um festzustellen, daß sich an dieser jüdischen Dominanz im US-Show-Biz bis heute kaum etwas geändert hat. Nun könnte man tatsächlich fragen: na und? Ist diese Tatsache etwas, wofür sich die amerikanischen Juden, die nun Stones Kopf fordern, schämen müßten? Oder fühlt man sich etwa ertappt?

Dabei darf im positiven Kontext durchaus geäußert, ja positiv hervorgehoben werden, was Stone nun öffentlich verleugnen mußte. 2008 etwa schrieb der Journalist Joel Stein in der LA Times, daß er "als stolzer Jude" wolle, "daß Amerika von unseren Leistungen erfährt."

How deeply Jewish is Hollywood? When the studio chiefs took out a full-page ad in the Los Angeles Times a few weeks ago to demand that the Screen Actors Guild settle its contract, the open letter was signed by: News Corp. President Peter Chernin (Jewish), Paramount Pictures Chairman Brad Grey (Jewish), Walt Disney Co. Chief Executive Robert Iger (Jewish), Sony Pictures Chairman Michael Lynton (surprise, Dutch Jew), Warner Bros. Chairman Barry Meyer (Jewish), CBS Corp. Chief Executive Leslie Moonves (so Jewish his great uncle was the first prime minister of Israel), MGM Chairman Harry Sloan (Jewish) and NBC Universal Chief Executive Jeff Zucker (mega-Jewish). If either of the Weinstein brothers had signed, this group would have not only the power to shut down all film production but to form a minyan with enough Fiji water on hand to fill a mikvah. (...)

But I don't care if Americans think we're running the news media, Hollywood, Wall Street or the government. I just care that we get to keep running them.

Artikel dieser Art aus jüdischer Feder in dezidiert jüdischen Publikationen finden sich reichlich im Netz - es kommt also offenbar eher darauf an, wer etwas sagt, als was er sagt.

Was nun den anderen Aspekt von Stones angeblich so skandalöser Kritik betrifft, so sind es auch hier gerade amerikanische Juden wie Peter Novick , Norman Finkelstein oder Tova Reich, die seit Jahren mit dem Märchen aufräumen, daß "diese hart arbeitende Koalition von Leuten, die sich der Erinnerung an diese Greueltat verpflichtet haben" allesamt selbstlos schuftende Engel seien, die nichts weiter im Sinn hätten, als zur Mahnung der Menschheit die reine Flamme der Erinnerung an die Shoah zu bewahren. Es geht hier vielmehr längst auch um handfeste politische, kommerzielle, ethnische und kulturelle Eigeninteressen, um Geld, Macht und Einfluß. Wer daran wirklich noch zweifelt, dem empfehle ich dringend, sich den Dokumentarfilm "Defamation" des israelischen Regisseurs Yoav Shamir zu Gemüte zu führen.

Daß die Filmindustrie zu diesem Komplex mehr als nur ein Schärflein beiträgt, muß wohl nicht weiter ausgeführt werden. Ein Autor des Jewish Journal vermutet hier - nicht anders als Stone -, daß es ohne den ( "Gott sei Dank") enormen jüdischen Einfluß in Hollywood "neunzig Prozent weniger Holocaust-Dramen" gäbe. Diese sind inzwischen zum eigenen Genre wie einst der Western oder das Musical mutiert, und Filme mit dieser Thematik werden mehr als je zuvor produziert, in allen möglichen Sub-Variationen vom Psychodrama ("Der Vorleser", "Adam Hundesohn" ) über den Kinderfilm ("Der Junge im gestreiften Pyjama") und den heroischen Kriegsfilm ("Defiance") bis zum postmodernen Gewalt-Klamauk ("Inglourious Basterds").  Das hängt inzwischen auch vielen Juden zum Halse raus, wie etwa Stuart Klawans 2008 in dem Magazin Tablet: "Saying 'Never again' to Holocaust movies": "Indem sie ständig die Geschichte nachspielen, neu interpretieren und neu erfinden, vernebeln diese Filme das, woran sie zu erinnern behaupten."

Was immer man von Oliver Stones Filmen halten mag, als politisch bewußter, streitbarer und vor allem inkorrekter Filmemacher mit einem Hang zu starken Thesen, mußte er wohl früher oder später über diesen Komplex stolpern, und es entspricht seiner "Crash & Burn"-Natur, daß er das Maul nicht halten konnte. Daß er es so schnell wieder schließen mußte, wird wohl nur die Allernaivsten nicht zum Nachdenken bringen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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