Sezession
1. Juni 2008

Massenpolitik

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 24/Juni 2008

sez_nr_241von Karlheinz Weißmann

Unter „Massenpolitik" wird im folgenden jeder Versuch des aktiven Eingreifens zwecks Führung von Massen verstanden. Als Masse gilt dabei eine größere Zahl von Menschen ohne festen sozialen Verband, die aber fallweise ein - „psychologisches" (Gustave Le Bon) - Ganzes bilden und dadurch zum politischen Faktor werden. Damit ist der Begriff Massenpolitik in zwei Richtungen abgegrenzt: gegen jede mehr oder weniger ästhetische Beziehung zu Massen und gegen Politik im allgemeinen, die es selbstverständlich immer mit vielen zu tun hat.

Was die ästhetische Beziehung zu Massen angeht, so muß vor allem über den Ekel vor ihnen gesprochen werden. Entsprechende Empfindungen sind offenbar zeitlos und in der Weltliteratur nachweisbar bis zu den Upanishaden, die bereits wortreich die Vermehrung und den Aufstieg der niederen Kasten beklagten, auch in der christlichen Lehre von der massa perdita - der „verlorenen Masse", also denen, die Gott nicht erwählt - spielt so etwas mit und selbstverständlich in dem „schon eure Zahl ist Frevel" (Stefan George) der feinen Geister. Solcher an sich unpolitische Widerwille kann eine gewisse politische Färbung erhalten, wenn er mit Allmachtsphantasien verknüpft wird, in denen die Masse als Material oder Opfer eines großen Zwingherrn erscheint; auch dieser Wunsch scheint ewig und reicht von den Frustrationen der nachhomerischen Aristokratie bis zu den Zukunftsentwürfen des Vortizismus.
Was den zweiten Aspekt betrifft, so ist im Blick zu halten, daß es immer eine Notwendigkeit gibt, sich mit den Beherrschten zu befassen. Der Widerspruch, den Thersites in der Ratsversammlung gegen Agamemnon erhob, mochte lästig, der Sprecher eine unerfreuliche, auch häßliche, Erscheinung sein, aber an seinem Recht, gehört zu werden, bestand so wenig Zweifel wie am Recht der römischen Plebs über die Magistrate mitzubestimmen. In der Antike waren allerdings schon jene sozialen Zersetzungsprozesse zu beobachten, die zur Entstehung von Massen im genaueren Sinn führen und aus dem guten Recht eine problematische Größe des politischen Lebens werden lassen. Das hatte vor allem mit der Bedeutung von Massierung und Masse in der Stadt zu tun, der Möglichkeit, auf der Agora zusammenzulaufen, den Demagogen zu folgen und das zu schaffen, was man als „Ochlokratie" - Herrschaft des Haufens, Massenherrschaft, bezeichnet hat. Die Bürgerkriege in den griechischen Poleis und der späten römischen Republik gehören ebenso in diesen Zusammenhang wie die hilflosen Versuche der Restauration und die Errichtung von Tyrannis oder Prinzipat.


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