Massenpolitik

pdf der Druckfassung aus Sezession 24/Juni 2008

sez_nr_241von Karlheinz Weißmann

Unter „Massenpolitik" wird im folgenden jeder Versuch des aktiven Eingreifens zwecks Führung von Massen verstanden. Als Masse gilt dabei eine größere Zahl von Menschen ohne festen sozialen Verband, die aber fallweise ein - „psychologisches" (Gustave Le Bon) - Ganzes bilden und dadurch zum politischen Faktor werden. Damit ist der Begriff Massenpolitik in zwei Richtungen abgegrenzt: gegen jede mehr oder weniger ästhetische Beziehung zu Massen und gegen Politik im allgemeinen, die es selbstverständlich immer mit vielen zu tun hat.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag


Was die ästhe­ti­sche Bezie­hung zu Mas­sen angeht, so muß vor allem über den Ekel vor ihnen gespro­chen wer­den. Ent­spre­chen­de Emp­fin­dun­gen sind offen­bar zeit­los und in der Welt­li­te­ra­tur nach­weis­bar bis zu den Upa­nis­ha­den, die bereits wort­reich die Ver­meh­rung und den Auf­stieg der nie­de­ren Kas­ten beklag­ten, auch in der christ­li­chen Leh­re von der mas­sa per­d­i­ta – der „ver­lo­re­nen Mas­se”, also denen, die Gott nicht erwählt – spielt so etwas mit und selbst­ver­ständ­lich in dem „schon eure Zahl ist Fre­vel” (Ste­fan Geor­ge) der fei­nen Geis­ter. Sol­cher an sich unpo­li­ti­sche Wider­wil­le kann eine gewis­se poli­ti­sche Fär­bung erhal­ten, wenn er mit All­machts­phan­ta­sien ver­knüpft wird, in denen die Mas­se als Mate­ri­al oder Opfer eines gro­ßen Zwing­herrn erscheint; auch die­ser Wunsch scheint ewig und reicht von den Frus­tra­tio­nen der nach­ho­me­ri­schen Aris­to­kra­tie bis zu den Zukunfts­ent­wür­fen des Vortizismus.
Was den zwei­ten Aspekt betrifft, so ist im Blick zu hal­ten, daß es immer eine Not­wen­dig­keit gibt, sich mit den Beherrsch­ten zu befas­sen. Der Wider­spruch, den Ther­si­tes in der Rats­ver­samm­lung gegen Aga­mem­non erhob, moch­te läs­tig, der Spre­cher eine uner­freu­li­che, auch häß­li­che, Erschei­nung sein, aber an sei­nem Recht, gehört zu wer­den, bestand so wenig Zwei­fel wie am Recht der römi­schen Plebs über die Magis­tra­te mit­zu­be­stim­men. In der Anti­ke waren aller­dings schon jene sozia­len Zer­set­zungs­pro­zes­se zu beob­ach­ten, die zur Ent­ste­hung von Mas­sen im genaue­ren Sinn füh­ren und aus dem guten Recht eine pro­ble­ma­ti­sche Grö­ße des poli­ti­schen Lebens wer­den las­sen. Das hat­te vor allem mit der Bedeu­tung von Mas­sie­rung und Mas­se in der Stadt zu tun, der Mög­lich­keit, auf der Ago­ra zusam­men­zu­lau­fen, den Dem­ago­gen zu fol­gen und das zu schaf­fen, was man als „Och­lok­ra­tie” – Herr­schaft des Hau­fens, Mas­sen­herr­schaft, bezeich­net hat. Die Bür­ger­krie­ge in den grie­chi­schen Pol­eis und der spä­ten römi­schen Repu­blik gehö­ren eben­so in die­sen Zusam­men­hang wie die hilf­lo­sen Ver­su­che der Restau­ra­ti­on und die Errich­tung von Tyran­nis oder Prinzipat.

So deut­lich die Par­al­le­len mit der spä­ten Moder­ne sein mögen, unbe­streit­bar ist Mas­sen­po­li­tik wesent­lich vom quan­ti­ta­ti­ven Anwach­sen der Bevöl­ke­rungs­zahl im 19. Jahr­hun­dert und dem Vor­han­den­sein bestimm­ter tech­ni­scher Mög­lich­kei­ten abhän­gig. Erst das Wahr­neh­men von Kon­zen­tra­ti­on und Über­fül­lung, das Auf­tre­ten von Mas­sen in Revo­lu­tio­nen und auf Schlacht­fel­dern hat bei so ver­schie­de­nen Den­kern wie Alexis de Toc­que­vil­le, Hip­po­ly­te Tai­ne, Tho­mas Car­lyle, Sig­mund Freud, Miguel de Unamu­no oder José Orte­ga y Gas­set ein Emp­fin­den von Bedro­hung erzeugt, auf das mit der Mas­sen­po­li­tik reagiert wer­den soll­te, die sich wie­der­um bestimm­ter tech­ni­scher, vor allem moder­ner Kon­troll- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, bedie­nen sollte.
Zu tren­nen sind dabei sol­che Reak­tio­nen, die die Bedro­hung pro­duk­tiv machen und sol­che, die sie zu dämp­fen trach­te­ten. Aus­schei­den kann man alle Bemü­hun­gen, aus der Bedro­hungs­la­ge in einen davor lie­gen­den sta­bi­le­ren Zustand – ohne Mas­se – zurück­zu­keh­ren. Hier­her gehö­ren alle Ver­su­che der stän­di­schen Reor­ga­ni­sa­ti­on oder ver­gleich­ba­re kon­ser­va­ti­ve Projekte.
Nimmt man die Ver­su­che, die Ent­ste­hung der Mas­se pro­duk­tiv zu machen, so erscheint die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on als ers­tes Expe­ri­men­tier­feld. Das hing wesent­lich damit zusam­men, daß sich die Revo­lu­ti­on vor allem in Paris voll­zog und die städ­ti­sche Bevöl­ke­rung schon alle Züge jener moder­nen Mas­se besaß, die kom­pakt han­deln kann. Die Radi­ka­li­sier­bar­keit hing damit eng zusam­men, und die städ­ti­sche Mas­se folg­te in der Atmo­sphä­re revo­lu­tio­nä­rer Erre­gung regel­mä­ßig dem, der die schärfs­ten For­de­run­gen erhob. Prin­zi­pi­ell war sie bereit, sich gegen jeden Feind zu wen­den, den man ihr hin­rei­chend ein­drucks­voll zeig­te. Der Auf­stieg und die Macht­aus­übung Robes­pierres las­sen sich so erklä­ren: die Unter­stüt­zung der agi­tier­ten klein­bür­ger­li­chen und pro­le­ta­ri­schen Bevöl­ke­rung für einen Mann ohne Amt und offi­zi­el­le Befug­nis, ohne Rede­ta­lent und ein­drucks­vol­le kör­per­li­che Erschei­nung, aber begabt mit einer beson­de­ren Art des Cha­ris­ma, das ihn als Reprä­sen­tan­ten der Mas­se geeig­net machte.
Der eigen­ar­ti­ge Enthu­si­as­mus, den die Unter­stüt­zung der Mas­se erzeugt, ist typisch für die Lin­ke geblie­ben, und was die Jako­bi­ner als „Güte” des „Vol­kes” ver­stan­den, das wur­de danach von den Sozia­lis­ten jeder Cou­leur auf­ge­nom­men und zur Vor­stel­lung von der Mas­se als dem eigent­li­chen und selb­stän­di­gen Bewe­ger der Geschich­te wei­ter­ge­dacht. Man kann die lin­ke Mas­sen­po­li­tik inso­fern als eine „rous­se­auis­ti­sche” bezeich­nen, als Ver­such, durch die Selbst­tä­tig­keit und Selbst­dar­stel­lung der Mas­se die volon­té géné­ra­le zum Aus­druck zu brin­gen. Daher auch die zahl­rei­chen Ver­su­che der Lin­ken, durch öffent­li­che Mobi­li­sie­rung den Zusam­men­halt der vie­len Ein­zel­nen zu för­dern und der Mas­se ein gemein­sa­mes Emp­fin­den ein­zu­flö­ßen, das über den Augen­blick des aku­ten, sicht­ba­ren und spür­ba­ren Zusam­men­tre­tens hinausreichte.

Ein typi­sches Bei­spiel für die­se Art der Mas­sen­po­li­tik waren die Mas­sen­in­sze­nie­run­gen der pro­le­ta­ri­schen Bewe­gun­gen am Ende des 19. Jahr­hun­derts. Nach­dem die euro­päi­schen Sozia­lis­ten 1890 die Grün­dung der Zwei­ten Inter­na­tio­na­le beschlos­sen hat­ten, faß­ten sie den Plan, den 1. Mai mit ‑ille­ga­len – Arbeits­nie­der­le­gun­gen zur Demons­tra­ti­on der Soli­da­ri­tät des Pro­le­ta­ri­ats zu machen. Als der Mai-Fei­er­tag im sel­ben Jahr began­gen wur­de, mar­schier­ten, zur Über­ra­schung der Orga­ni­sa­to­ren und zum Ent­set­zen des Bür­ger­tums, in Paris 100.000 und in Lon­don 300.000 Men­schen auf; in Deutsch­land sol­len zehn Pro­zent der Arbei­ter­schaft an der Ver­an­stal­tung teil­ge­nom­men haben.
Die Lin­ke ent­deck­te so die „selbst­be­wuß­te Mas­se” und in der „Mas­sen­de­mons­tra­ti­on” die Mög­lich­keit, allein durch den „Mas­sen­tritt” zu beein­dru­cken. In der Bro­schü­re eines zeit­ge­nös­si­schen sozia­lis­ti­schen Autors hieß es: „Nichts kann das Selbst­ge­fühl und Macht­be­wußt­sein der unter­drück­ten Klas­se so sehr heben und stei­gern, als wenn sich die Arbei­ter in Mas­se ver­ei­ni­gen und mit ihren Fah­nen die Stra­ßen durch­zie­hen … Es ermut­higt einen jeden Theil­neh­mer, wenn er sieht, daß vie­le Tau­sen­de von Men­schen, die er nicht kennt, die er nie­mals gese­hen, mit ihm für eine gemein­sa­me Sache kämp­fen. Es ent­wi­ckelt sich aus dem ele­men­ta­ren Gefühl der Zusam­men­ge­hö­rig­keit ein Mas­sen­geist, der alle Ein­zel­nen erfüllt und fort­reißt und wie ein ange­schwol­le­ner Strom jeden Wider­stand anders Gesinn­ter über­flu­thet und bricht. Es ist, als ob die Tau­sen­de von ein­zel­nen Per­so­nen zu einem ein­zi­gen Wesen zusam­men­ge­schmol­zen wären …”
Die selbst­tä­ti­ge Mas­se wur­de für die Lin­ke zum Motor des Fort­schritts und Garant eines Zustands der all­ge­mei­nen Gleich­heit, den sie in ihrer ega­li­tä­ren Struk­tur bereits vor­weg­nahm. Des­halb sah man im Auf­ge­hen des Ein­zel­nen in der Mas­se kei­nen Gegen­satz zur Ent­fal­tung von Indi­vi­dua­li­tät. Der Sozia­lis­mus setzt gera­de dar­auf, daß spä­tes­tens bei opti­ma­ler Aus­nut­zung der Pro­duk­tiv­kräf­te der „Kol­lek­ti­vis­mus” nur noch ein kaum spür­ba­res sozia­les Band für die Ein­zel­nen sein und die Dia­lek­tik von Ein­zel­nem und Mas­se auf­ge­ho­ben wer­de. In Marx’ Deut­scher Ideo­lo­gie, an einer der weni­gen Stel­len sei­nes Wer­kes, die sich mit den Ver­hält­nis­sen in der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft – also der Mas­sen­ge­sell­schaft schlecht­hin – befas­sen, heißt es, daß in der Zukunft die „all­ge­mei­ne Pro­duk­ti­on” jedem „mög­lich macht, heu­te dies, mor­gen jenes zu tun, mor­gens zu jagen, nach­mit­tags zu fischen, abends Vieh­zucht zu trei­ben, auch das Essen zu kri­ti­sie­ren, ohne je Jäger, Fischer oder Hirt oder Kri­ti­ker zu wer­den, wie ich gera­de Lust habe.”

Es liegt der Ein­wand nahe, daß die­se Uto­pie der „wahr­haf­ten Auf­lö­sung des Wider­spruchs” – auch zwi­schen Mensch und Mas­se – aus­ge­rech­net jene Frak­ti­on der Lin­ken pro­pa­gier­te, die für ihre Skep­sis gegen­über den Mas­sen berühmt wur­de. Gemeint ist nicht die übli­che Ent­täu­schung des Revo­lu­tio­närs über den Wan­kel­mut der Anhän­ger, der auch Marx nicht fremd war, son­dern der von Lenin gezo­ge­ne Schluß, daß die Mas­sen zur akti­ven Gestal­tung der Poli­tik unfä­hig sei­en. Sei­ne Theo­rie der Kader­par­tei lief fak­tisch auf die For­de­rung nach einer Eli­te jen­seits der Mas­sen hin­aus, die die­se ledig­lich zum Zweck der Unter­stüt­zung auf­bot. Noch in der Fik­ti­on der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on, die rich­ti­ger als Okto­ber­putsch bezeich­net wird, kam die­ses Kon­zept zum Aus­druck. Die Fik­ti­on muß­te aller­dings auf­recht­erhal­ten wer­den, denn das Mas­sen­zeit­al­ter ver­langt auch von einem tota­li­tä­ren Sys­tem Zeit­ge­mäß­heit. Fak­tisch dien­ten die Mas­sen im sowje­ti­schen Sys­tem aber bloß als Deko­ra­ti­on, das Kol­lek­tiv wur­de zusam­men­ge­fügt aus gegen­ein­an­der iso­lier­ten Ein­zel­nen, der Zusam­men­halt war ein erzwun­ge­ner und mit­tels Ter­ror kontrollierter.
Es gab zwar so etwas wie einen „Leni­nis­mus” oder „Sta­li­nis­mus von unten”, das heißt ideo­lo­gi­schen Fana­tis­mus, frei­wil­li­ge Bereit­schaft das Sys­tem zu tra­gen, es durch Zuar­beit, Denun­zia­ti­on der Ver­däch­ti­gen oder Recht­fer­ti­gung indi­vi­du­el­len Leids zu sta­bi­li­sie­ren. Aber ent­schei­dend wirk­te doch der Aspekt der Mas­sen­bän­di­gung, der sogar auf der Rech­ten gele­gent­lich Bewun­de­rung her­vor­rief. Dabei gab es für Unter­le­gen­heits­ge­füh­le eigent­lich kei­nen Grund, wäh­rend umge­kehrt die Sor­ge der Lin­ken ange­sichts der Erfol­ge rech­ter Mas­sen­po­li­tik wirk­lich Ursa­che hat­te. Gemeint ist damit eine Ideo­lo­gie und ein Sys­tem, das man als „Bona­par­tis­mus” bezeich­net hat. Der Begriff ent­stand ähn­lich wie „Napo­leo­nis­mus” oder „Cäsa­ris­mus” in dem Moment, als deut­li­cher erkenn­bar wur­de, daß die Herr­schaft Napo­le­ons kei­ne Mili­tär­dik­ta­tur oder Des­po­tie im klas­si­schen Sinn war, son­dern eine neue Form cha­ris­ma­ti­scher Herr­schaft, die das Bedürf­nis nach Ord­nung und die Inte­gra­ti­on der Mas­sen auf bemer­kens­wer­te Wei­se zum Aus­gleich brach­te. Es heißt, unter den alten Gre­na­die­ren Napo­le­ons habe es Män­ner gege­ben, die den Kai­ser nicht vom Got­tes­sohn unter­schei­den konnten.
Die Abhän­gig­keit des Sys­tems von krie­ge­ri­schem Ruhm stell­te zwar eine gewis­se Schwä­che dar, aber trotz­dem haben bona­par­tis­ti­sche Kon­zep­te die poli­ti­sche Phan­ta­sie des 19. und 20. Jahr­hun­derts sehr nach­hal­tig beschäf­tigt. Das Spek­trum reich­te von Ent­wür­fen einer „auto­ri­tä­ren Demo­kra­tie”, deren Grund­kon­zept sich noch im Ruß­land Putins nach­wei­sen lie­ßen, über Dis­rae­lis Vor­stel­lung vom Zusam­men­ge­hen zwi­schen Adel und Arbei­ter­schaft zur Siche­rung des Empi­re und ähn­li­chen Ideen Bis­marcks bis zu Model­len, die übli­cher­wei­se zur Vor­ge­schich­te des Faschis­mus geschla­gen wer­den. Die Brei­te die­ses Spek­trums ist kein Zufall, son­dern hängt mit dem schil­lern­den Cha­rak­ter des Bona­par­tis­mus zusam­men, der sich wahl­wei­se demo­kra­tisch, ple­bis­zi­tär, libe­ral oder kon­ser­va­tiv inter­pre­tie­ren ließ.

Die wir­kungs­volls­te Vari­an­te war aber ohne Zwei­fel die, die für die Ent­ste­hung der „Mas­sen­psy­cho­lo­gie” eine ent­schei­den­de Rol­le spiel­te. Damit ist die theo­re­ti­sche Erfas­sung der Vor­gän­ge in der Kol­lek­tiv­see­le gemeint, die die beson­de­ren Eigen­schaf­ten der Mas­se nicht nur zu erklä­ren, son­dern auch zu beherr­schen leh­ren soll. Obwohl die Mas­sen­psy­cho­lo­gie vie­le Behaup­tun­gen bestä­tig­te, die die klas­si­sche Rech­te in bezug auf die Flüch­tig­keit der Mas­se und den Wan­kel­mut ihrer Stim­mun­gen auf­ge­stellt hat­te, unter­schied sich die Ana­ly­se der „Mas­sen­psy­cho­lo­gie” davon doch in zwei­er­lei Wei­se: Ihre Ver­tre­ter hat­ten begrif­fen, daß die Mas­se nicht wie­der abzu­schaf­fen war, und daß sie eben nicht nur fei­ge oder grau­sam, son­dern auch hero­isch sein konnte.
Als Vater der Mas­sen­psy­cho­lo­gie gilt der Fran­zo­se Gust­ave Le Bon, der 1895 ein Buch mit dem Titel Psy­cho­lo­gie des foules – Psy­cho­lo­gie der Mas­sen ver­öf­fent­lich­te. Zu des­sen zen­tra­len The­sen gehör­te, daß die „Mas­se” unab­hän­gig von ihrem Umfang zu einem irra­tio­na­len Ver­hal­ten nei­ge, unduld­sa­mer und rach­süch­ti­ger, aber auch tap­fe­rer sei, als das ver­nünf­ti­ge Indi­vi­du­um. Mas­sen ent­stan­den nach Mei­nung Le Bons ad hoc und wur­den erst durch Anfüh­rer in Akti­on gebracht, die über einen bestimm­ten „Nim­bus”, irgend­ei­ne außer­ge­wöhn­li­che Eigen­schaft, ver­füg­ten, die ihnen Gewalt über eine klei­ne­re oder grö­ße­re Zahl von Men­schen zu ver­lei­hen ver­moch­te. Obwohl sich Le Bon wie sei­ne Vor­gän­ger Sci­pio Sig­he­le und Gabri­el Tar­de vor allem für die „ver­bre­che­ri­sche Mas­se” inter­es­sier­te, den noto­risch unru­hi­gen Mob, und auch er unter dem Ein­druck der natio­na­lis­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Unru­hen, die Frank­reich seit 1889 erschüt­ter­ten, zu einer pes­si­mis­ti­schen Ein­schät­zung neig­te, waren die The­sen der neu­en Mas­sen­psy­cho­lo­gie von denen der älte­ren Pöbel­theo­rie doch deut­lich verschieden.
Vor allem schien es aus­ge­schlos­sen, die Mas­se wie in der Ver­gan­gen­heit ein­fach zu unter­drü­cken, viel­mehr gebo­ten, die Geset­ze des Mas­sen­ver­hal­tens zu iden­ti­fi­zie­ren, um des­sen Beherr­schung mög­lich zu machen. Gewalt moch­te dabei ein denk­ba­res Mit­tel sein, das aber nie­mals aus­schließ­lich ange­wen­det wer­den konn­te. Le Bon ging von psy­cho­lo­gi­schen Vor­stel­lun­gen sei­ner Zeit aus, die die Ursa­chen der Hys­te­rie sowie die Wir­kung von Sug­ges­ti­on und Hyp­no­se betra­fen, und glaub­te, daß sich ein Reper­toire von Hand­lungs­mög­lich­kei­ten schaf­fen las­se, das der Eli­te auch einer Mas­sen­ge­sell­schaft die Beherr­schung des Sys­tems erlau­ben wür­de. Als ent­täusch­ter Libe­ra­ler hät­te er wohl die Restau­ra­ti­on der kon­sti­tu­tio­nel­len Mon­ar­chie vor­ge­zo­gen, sah dafür aber unter den ver­än­der­ten sozia­len Rah­men­be­din­gun­gen kei­ne Erfolgs­aus­sicht mehr. Sein schließ­lich in dem 1910 erschie­ne­nen Buch La psy­cho­lo­gie poli­tique for­mu­lier­tes Pro­gramm für die mili­tä­ri­sche Erfas­sung und Orga­ni­sa­ti­on der gesam­ten Gesell­schaft resul­tier­te aus der Aner­ken­nung der Tat­sa­che, daß es in einer säku­la­ren und ato­mi­sier­ten Gesell­schaft kei­ne in der Reli­gi­on oder – ersatz­wei­se – dem Glau­ben an die Wis­sen­schaft fußen­de Ethik geben kön­ne und daß die Deka­denz, die die roma­ni­schen Völ­ker erfaßt hat­te, ange­sichts des bevor­ste­hen­den Kon­flikts mit dem „Erz­feind” Deutsch­land dras­ti­sche Mit­tel not­wen­dig mache, um über­haupt noch Abhil­fe zu schaffen.

Die­se Ideen – nach Le Bon der Ver­such, Machia­vel­li auf die Gegen­wart anzu­wen­den – haben wesent­lich dazu bei­getra­gen, daß sei­ne Theo­rien in Offi­zier­s­krei­sen gro­ßen Anklang fan­den (Foch, Pétain und spä­ter de Gaul­le haben sich aus­drück­lich zu ihnen bekannt) und Teil der Aus­bil­dung an den Kriegs­aka­de­mien wur­den. Dar­über hin­aus gehör­ten zahl­rei­che füh­ren­de Poli­ti­ker der Drit­ten Repu­blik zu Le Bons Bekann­ten, per­sön­lich befreun­det war er mit Aris­ti­de Bri­and und Ray­mond Poin­ca­ré, spä­ter näher­te er sich auch Geor­ges Cle­men­ceau. Er hat­te damit das selbst­ge­setz­te Ziel erreicht, die Poli­ti­sche Klas­se sei­nes Lan­des zu bera­ten und mit den Erkennt­nis­sen sei­ner Mas­sen­psy­cho­lo­gie zur Bewäl­ti­gung ihrer Auf­ga­ben aus­zu­rüs­ten. Spu­ren der Vor­stel­lun­gen Le Bons las­sen sich noch in der Ver­fas­sung der Fünf­ten Repu­blik oder im libe­ra­len Bona­par­tis­mus Sar­ko­zys nachweisen.
Man kann im Kon­zept Le Bons aber auch eine Vor­weg­nah­me des Faschis­mus sehen, wenn man den Ter­mi­nus eng genug faßt, als Kon­zept jeden­falls, eine zer­fal­len­de Mas­sen­ge­sell­schaft durch die Anwen­dung von Zwang nicht ein­fach still­zu­stel­len, son­dern zu for­mie­ren und aus­zu­rich­ten. Die Mas­se wur­de hier als Aggre­gat ver­stan­den, das bei ent­spre­chen­der Ein­fluß­nah­me zu „Volk” bezie­hungs­wei­se „Nati­on” gemacht wer­den konn­te, vor­aus­ge­setzt, man über­wand den übli­chen Defai­tis­mus der Rech­ten, jenes „depres­si­ve Sta­di­um des sozia­len Lebens” (Gui­do Bor­to­lo­t­to), in dem die Mas­sen selbst zur Herr­schaft gelangt zu sein glaub­ten, weil die beru­fe­nen Füh­rer deser­tiert oder mut­los gewor­den waren, wäh­rend Unbe­ru­fe­ne sich an die Spit­ze stell­ten und jeder For­de­rung der Mas­se nachgaben.
Die Kata­stro­phe des Faschis­mus ver­stellt den Blick dafür, wie erfolg­reich des­sen Mas­sen­po­li­tik war, wie­viel grö­ßer die frei­wil­li­ge Ein­ord­nungs­be­reit­schaft als im Fall des Kom­mu­nis­mus. Das kann aller­dings auch nicht über die Zwangs­läu­fig­keit sei­ner Nie­der­la­ge hin­weg­täu­schen, zwangs­läu­fig inso­fern, als die Dyna­mik der Faschis­men qua Mobi­li­sie­rung der Mas­sen zu Kon­flik­ten füh­ren muß­te, die sie nicht bestehen konn­ten. Davon abge­se­hen hat die Dis­kre­di­tie­rung des Faschis­mus auch jene Theo­rien und Bewe­gun­gen in Mit­lei­den­schaft gezo­gen, die mit ihm gewis­se Fra­ge­stel­lun­gen teil­ten, aber dann eine ande­re Ent­wick­lung nah­men. In dem Zusam­men­hang ist immer wie­der auf die Ähn­lich­keit der Vor­stel­lun­gen Le Bons und Geor­ges Sorels hin­ge­wie­sen worden.

Wie Le Bon war Sorel von der heroi­schen Mas­se fas­zi­niert. In sei­nen berühm­ten Betrach­tun­gen über die Gewalt hat er ihre Ein­satz­be­reit­schaft für den gro­ßen „Mythos” gefei­ert. Man darf dar­über aber nicht ver­ges­sen, daß Sorel trotz sei­ner Hoch­schät­zung der irra­tio­na­len Fak­to­ren im sozia­len Leben die Vor­stel­lung nie auf­ge­ge­ben hat, daß nach der Erhe­bung der Mas­sen und der Zer­stö­rung der abge­leb­ten bür­ger­li­chen Welt eine neue Ord­nung ent­ste­hen müs­se, die mehr mit den klas­si­schen repu­bli­ka­ni­schen Idea­len als mit faschis­ti­scher Orga­ni­sa­ti­on und Mobi­li­sie­rung zu tun hat­te. Auf­fal­lend ist auch, daß er den Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs nicht begrüß­te und im natio­na­lis­ti­schen Tau­mel von 1914 kei­nen pro­duk­ti­ven „Mythos” wirk­sam sah, son­dern fürch­te­te, so wer­de die Herr­schaft jener „Plu­to­kra­tie” ver­län­gert, die er wie nichts sonst ver­ach­te­te. Vor die Wahl gestellt, Euro­pa vom preu­ßi­schen Gene­ral­stab oder der Wall­street regie­ren zu las­sen, zie­he er den preu­ßi­schen Gene­ral­stab vor.
Sorels Hoff­nung war begrün­det in der Vor­stel­lung, daß Deutsch­land noch über gewis­se kul­tu­rel­le Reser­ven ver­füg­te, um der Moder­ni­sie­rung Wider­stand zu leis­ten oder Ideen zu ent­wi­ckeln, wie sich die qui­ri­ti­schen Tugen­den neu bele­ben lie­ßen, die in der Ver­gan­gen­heit die Gemein­schaf­ten begrün­det hat­ten. Der deut­sche „Eigen­weg” (Tho­mas Nip­per­dey) zwi­schen Indi­vi­dua­lis­mus und Kol­lek­ti­vis­mus, Bar­ba­rei und Zivi­li­sa­ti­on, schien dafür Ansatz­punk­te zu bie­ten. Sorels Sor­ge war, daß sich die Mas­se im Fall eines Siegs der West­mäch­te und der Über­nah­me ihres Gesell­schafts­mo­dells pazi­fi­zie­ren las­se, indem man ihr Wohl­le­ben sicher­te und einen Indi­vi­dua­lis­mus för­der­te, der der Eitel­keit schmei­chel­te, aber auch jedes Gefühl von Zusam­men­ge­hö­rig­keit tötete.
Das 20. als „Jahr­hun­dert des klei­nen Man­nes” hat die­se Befürch­tung voll­auf bestä­tigt und eine Mas­sen­ge­sell­schaft erzeugt, die in vie­lem dem ent­spricht, was die Mas­sen­ver­äch­ter vor­aus­ge­sagt haben. Umge­kehrt kann man die nivel­lier­te Mit­tel­stands­ge­sell­schaft im Wohl­stands­gür­tel auch als Erfolgs­ge­schich­te betrach­ten. Zu kei­nem ande­ren Zeit­punkt gab es so gro­ße und so sta­bi­le poli­ti­sche Ein­hei­ten, deren Füh­run­gen gelas­sen auf die Inte­gra­ti­ons­fä­hig­keit und Anzie­hungs­kraft ihres Modells set­zen kön­nen. Der moder­ne Sozi­al­staat will die Mas­se als das, was sie ist. Es geht sei­nen Gesell­schafts­in­ge­nieu­ren nicht um Trans­for­ma­ti­on, son­dern um Manage­ment; des­sen Haupt­zie­le sind, die Zusam­men­bal­lung der Mas­se zu ver­hin­dern oder unschäd­lich zu machen und durch the­ra­peu­ti­sche Ein­grif­fe einen voll­stän­di­gen Zer­fall zu verhindern.

Nach dem Schei­tern der radi­ka­len Vari­an­ten von bona­par­tis­ti­scher und rous­se­auis­ti­scher Mas­sen­po­li­tik glaub­ten vie­le, daß sich die­ses Modell end­gül­tig durch­set­zen wür­de und im glo­ba­len Maß­stab ver­wirk­li­chen las­se. Sol­che opti­mis­ti­schen Erwar­tun­gen haben aber viel an Über­zeu­gungs­kraft ver­lo­ren. Zwar kön­nen Mas­sen­pro­duk­ti­on und Mas­sen­kon­sum nach wie vor die Ent­ste­hung feind­li­cher Mas­sen­be­we­gun­gen ver­hin­dern, aber der Zer­fall der Rest­bin­dun­gen schrei­tet unüber­seh­bar fort.
Das hängt vor allem mit dem Pro­blem der Iden­ti­täts­be­stim­mung in einer „feind­lo­sen Demo­kra­tie” (Ulrich Beck) zusam­men. Das Ver­schwin­den der alten Geg­ner – des Faschis­mus und des Kom­mu­nis­mus – konn­te durch das Auf­fin­den neu­er – des Isla­mis­mus und der Natio­na­lis­men in der zwei­ten und der Drit­ten Welt – nicht kom­pen­siert wer­den. Außer­dem wird deut­li­cher erkenn­bar, daß das eigent­li­che Pro­blem in Ero­si­ons­er­schei­nun­gen liegt, die das Inne­re der Mas­sen­ge­sell­schaft erfas­sen und gera­de nicht auf den Ein­fluß ant­ago­nis­ti­scher Kräf­te zurück­zu­füh­ren sind, son­dern auf die Ent­fal­tung von Ten­den­zen, die in ihr selbst ange­legt sind. So wir­ken demo­gra­phi­scher Nie­der­gang, kul­tu­rel­ler Ver­fall und Auf­lö­sung der sozia­len Dis­zi­plin glei­cher­ma­ßen als Kon­se­quenz von „Ver­mas­sung” (Hen­drik de Man). Das­sel­be wird man von der Unfä­hig­keit zur Eli­ten­aus­wahl sagen müs­sen, denn die Befür­wor­ter einer mode­ra­ten Mas­sen­po­li­tik hat­ten immer ange­nom­men, daß an die Stel­le älte­rer Glie­de­run­gen spon­ta­ne Neu­bil­dun­gen tre­ten wür­den, so daß sich aus der Mas­se auf selbst­ver­ständ­li­che Wei­se stets funk­ti­ons­fä­hi­ge Füh­rungs­grup­pen bil­den könnten.
Das Kern­pro­blem liegt aller­dings in einem Phä­no­men, das der ame­ri­ka­ni­sche Sozio­lo­ge David Ries­man schon Mit­te des letz­ten Jahr­hun­derts als „ein­sa­me Mas­se” bezeich­net hat. Gemeint ist damit der Zustand, in dem die Indi­vi­du­en der moder­nen Mas­sen­ge­sell­schaft unter das Dik­tat von „Gleich­heit” und „accep­t­ance” gestellt wer­den, einer­seits gezwun­gen, sich der von oben ver­füg­ten und von den Mit­men­schen kon­trol­lier­ten Ega­li­sie­rung zu fügen, und gleich­zei­tig genö­tigt, jede Abwei­chung zu tole­rie­ren, soweit die­se der Infra­ge­stel­lung tra­di­tio­nel­ler Nor­men die­nen kann. In dem Maß, in dem sich der Ein­zel­ne sol­chem Druck fügt, zieht er sich zurück und erkennt sein Anders­sein, das um so dra­ma­ti­scher erscheint, je strik­ter die Gleich­heits­dok­trin aus­fällt. Die Fol­ge ist nach Ries­man eine Demo­ra­li­sie­rung, die nicht in Oppo­si­ti­on umschla­gen kann, da die Ein­zel­nen vor der offe­nen Abwei­chung zurück­scheu­en und die sozia­le Äch­tung als zu hohen Preis betrachten.
Das erklärt hin­rei­chend die außer­or­dent­li­che Sta­bi­li­tät der west­li­chen Mas­sen­ge­sell­schaf­ten, zeigt aber auch, daß ein so geschlos­se­nes Sys­tem nur dann grund­sätz­lich in Fra­ge gestellt wird, wenn es an die Gren­zen sei­ner Entwicklungsmöglichkei

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