Anetta Kahane und der kleine Heil Odin

Zwei Frauen haben Angst um ihre Pfründe. Anders kann man das, was sich da heute in den Medien Bahn bricht, wohl kaum bezeichnen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Dr. Hei­ke Rad­van und Anet­ta Kaha­ne, bei­de von der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung, war­nen vor der Unter­wan­de­rung von Kin­der­gär­ten durch Rechts­ex­tre­mis­ten, vul­go Nazis.

Ihre Stra­te­gie ist offen­sicht­lich: Nach­dem die Nach­rich­ten voll von links­ex­tre­mis­ti­scher Gewalt waren, haben Poli­ti­ker ver­ein­zelt ihr Augen­merk dar­auf gerich­tet und es schwebt die Dro­hung im Raum, daß Mit­tel umver­teilt wer­den könn­ten. Das bedeu­tet, Kaha­ne und Rad­van hät­ten weni­ger Geld. Also drückt man in bes­ter anti­fa­schis­ti­scher Manier den Alarm­knopf (Kin­der!!!): Wenn wir jetzt nichts tun, ist es zu spät und die Saat der Gewalt wird auf­ge­hen. Aus den Kin­der­gär­ten wer­den bald unzäh­li­ge Neo­na­zis auf die Mensch­heit losgelassen.

Glück­li­cher­wei­se gibt es jeman­den, der das ver­hin­dern kann. Es ist nicht Bat­man und auch nicht Oba­ma. Es sind die Rechts­ex­tre­mis­mus­ex­per­ten, die uns die Augen öff­nen und in müh­sa­mer Auf­klä­rungs­ar­beit den Welt­un­ter­gang bzw. die Macht­er­grei­fung der Neo­na­zis ver­hin­dern. Denn die Lage ist dramatisch:

Groß­kauf­hal­le zum Fei­er­abend in Prenz­lau oder Lud­wigs­lust: Vor mir, ein jun­ger Mann, sport­lich, mun­ter, selbst­be­wußt; er kauft Bio, auf sei­nem T‑Shirt steht “Brau­ne Musik Frak­ti­on”, in Frak­tur­schrift. Gitar­re und Maschi­nen­ge­wehr kreu­zen sich auf dem Rücken. Eine Regal­wei­te ent­fernt steht eine jun­ge Mut­ter, schlank, tot­schwarz-pink gefärb­tes Haar. Sie stopft ihr Kind in den Sitz des Ein­kaufs­wa­gens, wort­los. Bei den Nudeln tref­fen sich die jun­gen Eltern.

Kaha­ne weiß also nicht mehr, wo sie die­ses Nazi­idyll beob­ach­tet hat. Ist ja auch nicht so wich­tig. Schließ­lich ist das über­all so:

Ich schaue mich um. Außer mir scheint nie­man­dem etwas auf­zu­fal­len. Ja, und? Weiß man doch. Jun­ge Fami­li­en im länd­li­chen Raum. Nazi­mi­lieu. Sie sind mit­ten­drin im All­tag: beim Kin­der­arzt, auf Ämtern, in der Kita, auf dem Spiel­platz, mit ande­ren Fami­li­en bei Kin­der­fes­ten mit Gril­len am See. Die Fra­ge, sonst aus­schließ­lich und mit Nach­druck an Migran­ten gestellt, lau­tet: Wie steht es mit der Integration?

Gute Fra­ge. Sind Neo­na­zis inte­griert? Kei­ne Ahnung. Auf jeden Fall dür­fen sie auf nicht so viel Ver­ständ­nis hof­fen wie ande­re pro­ble­ma­ti­sche Zeit­ge­nos­sen, z.B. Gewalt­tä­ter mit Migra­ti­ons­hin­te­grund bei Ehren­mord­de­lik­ten. Aber wir schwei­fen ab. Wich­ti­ger sind fol­gen­de Fragen:

Wenn Nazi-Eltern beim Spiel­platz­bau initia­tiv wer­den, neh­men dann die ande­ren in Kauf, daß Kin­der aus Flücht­lings­fa­mi­li­en nicht mit­spie­len dür­fen? Oder daß beim Kin­der­arzt, die Fotos von schwar­zen Babys ver­schwin­den, weil sich eini­ge Müt­ter freund­lich, aber ener­gisch beschwe­ren? Und was pas­siert, wenn die neue Kita gleich voll ein­steigt in die Welt der Ario­so­phen und des “rei­nen Blu­tes”? Und den Kin­dern daher rät, ihre “natür­li­che” Wut an schwar­zen Pup­pen aus­zu­las­sen? Stört es die Mit­ar­bei­te­rin des Jugend­amts, beim Haus­be­such unter einer Haken­kreuz­fah­ne Platz zu neh­men, mit der Kli­en­tin ein Käff­chen zu trin­ken und dabei Adolf und Odin beim Spie­len zuzuschauen?

Das ist wahr­haft aus dem Leben gegrif­fen und begeg­net einem auf Schritt und Tritt. Was die Vor­na­men betrifft, legt Mit­ar­bei­te­rin Rad­van noch einen drauf:

Wir beob­ach­ten, daß Päd­ago­gin­nen und Päd­ago­gen im früh­kind­li­chen Bereich zuneh­mend mit Kin­dern arbei­ten, die in rechts­ex­tre­men Fami­li­en auf­wach­sen. Das heißt, daß sie zuneh­mend auch mit Eltern aus rechts­ex­tre­men Krei­sen kon­fron­tiert sind. Sie müs­sen daher Ent­schei­dun­gen tref­fen, wenn zum Bei­spiel Kin­der in die Ein­rich­tung kom­men, die Odin hei­ßen oder Heil Odin.

Auch das ist ein bei deut­schen Stan­des­äm­tern extrem belieb­ter Vor­na­me. Aber anstatt jetzt die Ver­schwö­rung zwi­schen Neo­na­zis und Stan­des­amt bei der Namen­ver­ga­be auf­zu­de­cken, hat Rad­van eine ande­re Per­fi­die ausgemacht:

Es gibt laut Recher­chen eine Stra­te­gie in der rechts­ex­tre­men Sze­ne, daß Mäd­chen oder jun­ge Frau­en sozi­al­päd­ago­gi­sche Beru­fe ergrei­fen sol­len. Auch Teams in der offe­nen Jugend­ar­beit sind sol­che Fäl­le schon auf­ge­fal­len. Und Leh­ren­de an Fach­hoch­schu­len bemer­ken in Fächern wie Sozi­al­ar­beit und Sozi­al­päd­ago­gik in den ver­gan­ge­nen Jah­ren immer öfter Stu­den­tin­nen mit rechts­ex­tre­mer Gesin­nung. Das sind zwar wei­ter­hin Ein­zel­fäl­le, aber es gibt sie und es wer­den mehr.

Der Radi­ka­len­er­laß aus MV ist also nur ein Trop­fen auf den hei­ßen Stein. Es kommt alles noch viel schlim­mer als wir bis­lang dach­ten. Es ist wahr­lich bereits weit nach zwölf und die Uhr läßt sich nicht zurück­dre­hen. Viel­leicht aber doch: Solan­ge Kaha­ne und Rad­van ihr Bes­tes geben, ist Deutsch­land nicht verloren.

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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