Sezession
9. August 2010

Anetta Kahane und der kleine Heil Odin

Erik Lehnert

Zwei Frauen haben Angst um ihre Pfründe. Anders kann man das, was sich da heute in den Medien Bahn bricht, wohl kaum bezeichnen. Dr. Heike Radvan und Anetta Kahane, beide von der Amadeu-Antonio-Stiftung, warnen vor der Unterwanderung von Kindergärten durch Rechtsextremisten, vulgo Nazis.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

  • Sezession

Ihre Strategie ist offensichtlich: Nachdem die Nachrichten voll von linksextremistischer Gewalt waren, haben Politiker vereinzelt ihr Augenmerk darauf gerichtet und es schwebt die Drohung im Raum, daß Mittel umverteilt werden könnten. Das bedeutet, Kahane und Radvan hätten weniger Geld. Also drückt man in bester antifaschistischer Manier den Alarmknopf (Kinder!!!): Wenn wir jetzt nichts tun, ist es zu spät und die Saat der Gewalt wird aufgehen. Aus den Kindergärten werden bald unzählige Neonazis auf die Menschheit losgelassen.

Glücklicherweise gibt es jemanden, der das verhindern kann. Es ist nicht Batman und auch nicht Obama. Es sind die Rechtsextremismusexperten, die uns die Augen öffnen und in mühsamer Aufklärungsarbeit den Weltuntergang bzw. die Machtergreifung der Neonazis verhindern. Denn die Lage ist dramatisch:

Großkaufhalle zum Feierabend in Prenzlau oder Ludwigslust: Vor mir, ein junger Mann, sportlich, munter, selbstbewußt; er kauft Bio, auf seinem T-Shirt steht "Braune Musik Fraktion", in Frakturschrift. Gitarre und Maschinengewehr kreuzen sich auf dem Rücken. Eine Regalweite entfernt steht eine junge Mutter, schlank, totschwarz-pink gefärbtes Haar. Sie stopft ihr Kind in den Sitz des Einkaufswagens, wortlos. Bei den Nudeln treffen sich die jungen Eltern.

Kahane weiß also nicht mehr, wo sie dieses Naziidyll beobachtet hat. Ist ja auch nicht so wichtig. Schließlich ist das überall so:

Ich schaue mich um. Außer mir scheint niemandem etwas aufzufallen. Ja, und? Weiß man doch. Junge Familien im ländlichen Raum. Nazimilieu. Sie sind mittendrin im Alltag: beim Kinderarzt, auf Ämtern, in der Kita, auf dem Spielplatz, mit anderen Familien bei Kinderfesten mit Grillen am See. Die Frage, sonst ausschließlich und mit Nachdruck an Migranten gestellt, lautet: Wie steht es mit der Integration?

Gute Frage. Sind Neonazis integriert? Keine Ahnung. Auf jeden Fall dürfen sie auf nicht so viel Verständnis hoffen wie andere problematische Zeitgenossen, z.B. Gewalttäter mit Migrationshintegrund bei Ehrenmorddelikten. Aber wir schweifen ab. Wichtiger sind folgende Fragen:

Wenn Nazi-Eltern beim Spielplatzbau initiativ werden, nehmen dann die anderen in Kauf, daß Kinder aus Flüchtlingsfamilien nicht mitspielen dürfen? Oder daß beim Kinderarzt, die Fotos von schwarzen Babys verschwinden, weil sich einige Mütter freundlich, aber energisch beschweren? Und was passiert, wenn die neue Kita gleich voll einsteigt in die Welt der Ariosophen und des "reinen Blutes"? Und den Kindern daher rät, ihre "natürliche" Wut an schwarzen Puppen auszulassen? Stört es die Mitarbeiterin des Jugendamts, beim Hausbesuch unter einer Hakenkreuzfahne Platz zu nehmen, mit der Klientin ein Käffchen zu trinken und dabei Adolf und Odin beim Spielen zuzuschauen?

Das ist wahrhaft aus dem Leben gegriffen und begegnet einem auf Schritt und Tritt. Was die Vornamen betrifft, legt Mitarbeiterin Radvan noch einen drauf:

Wir beobachten, daß Pädagoginnen und Pädagogen im frühkindlichen Bereich zunehmend mit Kindern arbeiten, die in rechtsextremen Familien aufwachsen. Das heißt, daß sie zunehmend auch mit Eltern aus rechtsextremen Kreisen konfrontiert sind. Sie müssen daher Entscheidungen treffen, wenn zum Beispiel Kinder in die Einrichtung kommen, die Odin heißen oder Heil Odin.

Auch das ist ein bei deutschen Standesämtern extrem beliebter Vorname. Aber anstatt jetzt die Verschwörung zwischen Neonazis und Standesamt bei der Namenvergabe aufzudecken, hat Radvan eine andere Perfidie ausgemacht:

Es gibt laut Recherchen eine Strategie in der rechtsextremen Szene, daß Mädchen oder junge Frauen sozialpädagogische Berufe ergreifen sollen. Auch Teams in der offenen Jugendarbeit sind solche Fälle schon aufgefallen. Und Lehrende an Fachhochschulen bemerken in Fächern wie Sozialarbeit und Sozialpädagogik in den vergangenen Jahren immer öfter Studentinnen mit rechtsextremer Gesinnung. Das sind zwar weiterhin Einzelfälle, aber es gibt sie und es werden mehr.

Der Radikalenerlaß aus MV ist also nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es kommt alles noch viel schlimmer als wir bislang dachten. Es ist wahrlich bereits weit nach zwölf und die Uhr läßt sich nicht zurückdrehen. Vielleicht aber doch: Solange Kahane und Radvan ihr Bestes geben, ist Deutschland nicht verloren.

Bild: Rainer Sturm, pixelio.de


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.