Sezession
1. Juni 2008

Die Maßregel der Gleichberechtigung – Von der grauen Masse zur Vielfaltsmasse

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 24/Juni 2008

sez_nr_243von Frank Böckelmann

„Masse" ist ein suggestiver Begriff. An ihm haftet der Eindruck von Dichte, Schwere und Menge. In den Gesellschaftslehren des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts, aber auch in unzähligen Romanen, wird die entfesselte „Masse" als das bedrohliche Signum der Epoche beschworen. Sie markiert den äußersten Gegensatz zu „Individualität" und „Autonomie" - deren Ende.

Heute jedoch fördern Wirtschaft, Medien und Institutionen mit vereinten Kräften die Selbstbestimmung der einzelnen als die Ultima ratio der sozialen Entwicklung. Was kann, von Armut und Teuerung abgesehen, die Frauen und Männer in ihrem Drang nach eigenwilliger Lebensgestaltung noch aufhalten? Offensichtlich ist damit das Massenzeitalter beendet. Oder etwa nicht?

Die der „Masse" zugesprochenen Eigenschaften haben sich in gut zweihundert Jahren kaum verändert. In Abgrenzung gegenüber dem „Volk" und der „Nation" einerseits und der „Elite" andererseits gerät in den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution die „Masse" zum Inbegriff amorpher Kollektivität. Der Bürger beansprucht für sich den Part des freien, selbstgewissen Subjekts. Sein Schreckbild ist die unkontrollierbare Menschenansammlung. Da pferchen sich zufällig anwesende Personen unterschiedlichen Standes zu einem Haufen mit eigener „Massenseele" zusammen. Ohne sich zu verständigen, folgen die Verzückten der Eigendynamik des Zuges, einem unbewußt heraufdämmernden Ziel entgegen. Durch das Gewehrfeuer der Ordnungskräfte werden sie oftmals in Panik versetzt - so plötzlich die Masse entsteht, so plötzlich zerfällt sie -, oftmals aber zu rasender Angriffswut gereizt. „Der einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat", schreibt Gustave Le Bon in seiner grundlegenden Psychologie der Massen. Die spontane Zusammenrottung läßt sich auch inszenieren; der Drahtzieher muß nur die Schlüsselreize kennen. Was die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft, Arbeiter eingeschlossen, sich mühsam erworben haben, im Massenauflauf geht es verloren: Identität, Persönlichkeit, soziale Distanz, Status, Wohlverhalten, Ich-Grenzen und Selbstkontrolle, selbst die Furcht vor dem Namenlosen.

Aufgehen in einem „monströsen Raubtier" (Gabriel Tarde) und von ihm hinweggerissen werden...

Elias Canetti betrachtet sowohl in seiner Autobiographie als auch in seinem essayistischen Hauptwerk Masse und Macht (1960) die „Masse" nicht nur kulturkritisch von außen, sondern auch teilnehmend von innen. Er beschreibt, was das Individuum verlockt, von der Masse aufgesogen zu werden: den Rausch der Erweiterung des Ichs zur vielköpfigen Ekstase, die „Erfahrung dröhnender Selbstlosigkeit" in einer Welt der „Selbstsucht". Für den Kontrollverlust entschädigt das Erlebnis der Verschmelzung mit den anderen. Der Verzicht auf Selbstschutz, das Gleichwerden, bereitet ungeahnte Lust. „In der Entladung werden die Trennungen abgeworfen und alle fühlen sich gleich."


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