Sezession
1. Juni 2008

Die Maßregel der Gleichberechtigung – Von der grauen Masse zur Vielfaltsmasse

Gastbeitrag

In dem Bestreben, gleich behandelt zu werden, treibt sich jede Merkmalsgruppe das Diskriminieren aus. Sofern sie jedoch nicht nur eine statistische Größe, sondern auch Schicksalsgemeinschaft war, lebte sie - inbrünstig - aus bejahender und verneinender Diskriminierung. Nunmehr gibt sie also ihren Geist auf. In hoffnungsvoller unendlicher Anpassung an die Standards der Anerkennung und des Wettbewerbs um Budgets wird sie gleichgeschaltet. Machen wir die Probe aufs Exempel. Der Ort männlicher Homosexualität entstand einst im Zusammenwirken von minderheitlichem Begehren und mehrheitlichem Abscheu. Ihre Nischenkultur überdauerte in abtrünniger Verschworenheit. Heute ist „Schwulsein" eine genetisch zu Ende erklärte und allerorten vorgeführte, somit beliebig gewordene Alternativbetätigung. Das Begehren ist eine Beute des Marketings für das Gay-Segment, der Abscheu (auch vor dem Unbekannten) verdampft in apathischer Toleranz. Und wie steht es mit der Weltanschauung? Dem Katholizismus, dem Euroislam? Den bis zum Hinsinken aufs Pflegebett weiterschaffenden Senioren? Den Jungen, die nach Schulabschluß ihre restliches Leben vorwegnehmen sollen?
Ein Kollektiv von isolierten, eigensinnig auftretenden, doch gleichgeschalteten Individuen lag außerhalb des Vorstellungsbereichs von Le Bon, Ortega y Gasset und Canetti. Diese Denker stellten sich unter „Masse" etwas Gleichförmiges vor. Extremer Individualismus, identisch mit fugenloser Willfährigkeit, erfordert ein ganz anderes „Masse"-Konzept. Aber auch die Kritik an der „Marktförmigkeit der Individualität" wird dem lebenslangen Dienst am Einzel-Selbst nicht gerecht. Denn unsere anspruchsvolle Individualität, das Nonplusultra der Pädagogik, ist kein offener Charakter, in den sich durch symbolischen Konsum und Teilnahme an bejubelten Ereignissen (Love-Parades, Festivals, Casting-Shows, Messen) „die Masse einlagert". Sie selbst ist die Masse, hervorgegangen aus der Verneinung des Massenhaften.
Stetig wachsen die Lebenschancen und wächst die Zuversicht der Entpflichteten. Gleichzeitig nehmen die Risiken der Deklassierung und mit ihnen die Gerechtigkeitsfragen überhand. Frauen und Männer, Junge und Alte, Eltern und Kinderlose, besser und schlechter Abgesicherte beharren auf Chancengleichheit, um sich die Mittel für Eigenes, ihr ganz besonderes Leben, zu sichern. Sie bleiben dann aber zeitlebens im Sichern und Absichern stecken. Wer um abstrakte Gleichberechtigung kämpft, wird diese anschließend nicht für Ungleichartiges nutzen können. In der Fron der Selbstvermarktung kehren die überwunden geglaubten Verpflichtungen als persönlich gleichgültige Zwänge zurück. Ausufernde Arbeit, die Selbstbehauptung gegenüber anderen „Arbeitskraftunternehmern" und der Kampf um Aufmerksamkeit vereinnahmen die Wahrnehmung und die Willenskraft des einzelnen auf Dauer. Doch die Welt der Proletarier ist Vergangenheit - heute beutet sich der einzelne selbstgesteuert aus. Er produziert sich lasziv, originell, schräg, selbstsicher, frech und trendy, und bleibt dabei doch eine Marionette des Vergleichens. Die neue Gestalt der Vermassung ist Vielförmigkeit und die Pose von Autonomie.
Gibt es ein Entkommen aus der Vielfaltsmasse? Durchdringt sie uns vollständig? Wenn wir lauthals Ansprüche vertreten, tönen diese zwangsläufig wie Gleichheitsforderungen. Aber fast alles, was (uns) geschieht, unterläuft die Vergleichsrechnung, sabotiert die Lebensplanung und wäre, in Worte gefaßt, nicht plausibel. Die Ohnmacht der Verwertungszwänge gründet in ihrer Allmacht (nicht im Widerstand gegen sie). Da sie allein das Sagen haben, bleibt im Verständigungsbetrieb fast alles ungesagt. Über dieses Unsagbare aber ist nicht zu verfügen. Die „schweigende Mehrheit" hört den Weckruf nicht, denn sie ist kein fester Bestand. Sie ist das jederzeit Mögliche, Masse ohnegleichen, Volksmasse, die plötzlich auf den Plan tritt, in einem Ereignis, das uns ins Unvergleichliche wirft und nur gemeinschaftlich zu bewältigen ist.


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