Sezession
17. August 2010

Hermann von Laer: Euro-Dämmerung

Gastbeitrag / 7 Kommentare

Hermann von Laer - Professor für Wirtschaftspolitik in Vechta - fiel der Redaktion mit einem Leserbrief auf, den die FAZ abdruckte. Darin spottete von Laer über den unbegründeten Stolz der deutschen Wirtschaft auf ihren Titel eines "Exportweltmeisters". In seinem Beitrag für die Sezession geht er über die Kritik an solcher Kurzsichtigkeit hinaus: Er hält es gar für das beste, wenn Deutschland zu seiner nationalen Währung zurückkehrte.

Euro-Dämmerung
von Hermann von Laer
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Nach der Weltfinanzkrise 2008/09 erschütterte im Frühjahr dieses Jahres die griechische Schuldenkrise den Euro-Raum und die Finanzmärkte. Plötzlich stellte man fest, daß Griechenland praktisch pleite war und die Warnungen vor der Einführung des Euro ihre volle Berechtigung hatten.

Unter solchen Umständen fanden sich schlagartig keine privaten Anleger mehr, die bereit waren, dem griechischen Staat zu halbwegs akzeptablen Konditionen weiterhin Geld zu leihen. Die Zinsen griechischer Anleihen stiegen auf bis zu 20 Prozent, Griechenland war faktisch pleite. Bekanntlich griffen daraufhin die europäischen Regierungen ein und garantierten nicht nur Griechenlands Schulden, sondern die Schulden anderer Pleitekandidaten gleich mit.

Damit scheint in den Augen der Politiker alles ausgestanden zu sein: Eine Währungsreform oder eine Hyperinflation gab es bisher nicht, die Arbeitslosigkeit sinkt wieder und auch andere Kennzahlen erreichen das Vorkrise-Niveau. Zwar weiß jeder auch nur halbwegs Informierte, daß die »Kreditgarantie« für Griechenland den deutschen Steuerzahler letztlich mit Milliardensummen belasten wird, aber die Politiker betonen vorsorglich immer wieder, daß eine solche Hilfe völlig gerechtfertigt sei und letztlich im deutschen Interesse liege. Denn Deutschland profitiere nun einmal ganz besonders von der EU: Die deutschen Exporte seien hoch, die Einkommen nähmen zu und der riesige Leistungsbilanzüberschuß führe nicht nur zu hoher Beschäftigung, sondern demonstriere auch Deutschlands wirtschaftliche Macht.

Richtig ist an diesen Aussagen allein, daß freier Handel allen nutzt, die ihn betreiben. Das wissen wir spätestens seit Ricardo, also seit nunmehr fast 200 Jahren. Dennoch kann man natürlich aus guten Gründen gegen freien Handel sein, wie dies Friedrich List schon in den 1830er Jahren darlegte. So kann man etwa auf die Abhängigkeit verweisen, die der Handel mit sich bringt und schon aus verteidigungspolitischen Gründen oder allgemein unter Sicherheitsaspekten mehr Autarkie fordern. Solche Autarkie »kostet« aber in jedem Falle materiellen Wohlstand.

Der Aspekt der Wohlfahrtssteigerung lag – neben politischen Überlegungen – auch dem europäischen Einigungsprozeß zugrunde: Im Rahmen der EWG wurden die Binnenzölle abgeschafft und – anders als bei der EFTA – auch ein gemeinsamer Außenzoll eingeführt. Diese Maßnahmen hatten, da sind sich heute fast alle Ökonomen einig, insgesamt positive wirtschaftliche Folgen für die beteiligten Staaten.

Bei der Einführung des Euro standen im Gegensatz dazu nicht ökonomische Erwägungen im Vordergrund, sondern politische. Letztlich wurde der Euro allein geschaffen, um das durch die Wiedervereinigung vermeintlich so stark gewordene Deutschland stärker »einzubinden«. Alle kritischen Stimmen, die vor allem aus der Wirtschaftswissenschaft kamen, wurden dabei in den Wind geschlagen. Während es bisher in der Geschichte immer so war, daß erst ein wirtschaftlicher Zusammenschluß erfolgte (etwa der Deutsche Zollverein 1833), dann die politische Einheit kam (Reichsgründung 1871) und erst am Ende – quasi als Krönung – die gemeinsame Währung eingeführt wurde (Einführung der Mark 1873), so wurde jetzt ein umgekehrtes Vorgehen gewählt: Die gemeinsame Währung sollte die gemeinsame Politik und damit letztlich den gemeinsamen Staat herbeizwingen. Denn eine gemeinsame Währung führt zwangsläufig zu gleichen Zinsen, gleicher Inflation und zumindest ähnlichen Löhnen, Sozialsystemen und Steuern. Für die nationalen Regierungen bleibt dabei nicht mehr viel zum Regieren übrig.


 Gastbeitrag

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Kommentare (7)

Freedy
17. August 2010 15:56

Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Von Laer formuliert Tatsachen, die so schon seit einiger Zeit durch den Untergrund-Blätterwald rauschen.
Ich habe Zweifel, daß dem Problem mit Politik beizukommen ist, ebensowenig glaube ich, daß irgendeine Regierung einsichtig und also reumütig werden könnte, denn sie würde nur dann gestützt, wenn sie glaubhaft Versprechungen machen könnte, die den Interessen des Beamtenheers und aller weiteren im aufgeblähten Staatsapparat Tätigen nicht zuwiderlaufen.
Eins ist offensichtlich: Wer sich heute noch Gehorsam gegenüber der gegenwärtigen kapital-, wohlstand- und moralvernichtenden Obrigkeit leistet, handelt sehr kurzsichtig.

Sugus
17. August 2010 16:27

"Es ist faszinierend, daß diese Senkung des Lebensstandards bisher noch gar nicht ins kollektive Bewußtsein vorgedrungen ist. "
Es ist faszinierend, daß der Professor dies wirklich glaubt. Seit den neunziger Jahren stöhnt der Facharbeiter, stöhnt der Mittelstand, daß die Löhne stagnieren, die Preise aber steigen, daß die Infrastruktur verfällt, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, aber Deutschland überall die Welt retten muß.
Es ist für Otto Normalverbraucher durchaus fühlbar, daß der Lebensstandard seit vielen Jahren sinkt. Wie wäre sonst der Einzug der Linkspartei fast überall in Westdeutschland zu erklären? Das sind keine DDR-Nostalgiker und Altstalinisten, das sind Ex-SPD'ler, die sich von der SPD völlig zu Recht verraten fühlen.

Abraxas
17. August 2010 19:52

Eine sehr gute Zusammenfassung des Tatbestandes. Leider fehlen die öffentlichen Ankläger und die Richter.

Friedrich
17. August 2010 21:54

Ich denke das die Profiteure der Einführung des Euro,
hauptsächlich die Banken, die Exportwirtschaft, und die Europabürokraten den Euro bis zum bitteren Ende verteidigen werden.

Eine öffentliche Debatte findet nicht statt bzw. wird vom Mainstream mit Totschlagsargumenten unterbunden, egal wie absurd die Thesen sind.

Wiseo die Einführung einer europäischen Währung eine Frage von Krieg und Frieden ist, erschliesst sich mir bis heute nicht im Ansatz.

Die deutsche politische Klasse versagt hier, insbesondere die SPD
da die Lasten hauptsächlich von Ihrer Wählerklientel zu tragen sind.

MF
17. August 2010 22:45

"... so wurde jetzt ein umgekehrtes Vorgehen gewählt: Die gemeinsame Währung sollte die gemeinsame Politik und damit letztlich den gemeinsamen Staat herbeizwingen"

Schon die Gründung der Bundesrepublik ist nach diesem Schema verlaufen. Erst kamen Währung und Wirtschaftsordnung, dann der westdeutsche Staat. Eine souveräne politische Einheit hat es seither also nie wieder gegeben. Dasselbe gilt auch für Europa.

Juergen
18. August 2010 00:06

Es ist schon lustig: "pötzlich stellte man fest, dass Griechenland praktisch pleite" war. Wer ist man? Die Ratingagenturen, die amerikanische Schrottpapiere bis zur Finanzkrise als hervorragend bewertet haben? Goldman Sachs, die Griechenland beim Frisieren des Haushalts halfen? Und wie pleite ist Griechenland eigentlich mit einem Schuldenstand von 112% (2009)? Pleiterererer als Italien (114% 2009) oder vieleicht doch eher Japan (190% des BIP)? Klar im Zuge der Finanzkrise musste ordentlich draufgezahlt werden, immerhin galt es das Bankenwesen zu retten, denn wer sollte den Staaten sonst das Geld zur Rettung der Banken leihen? Aber in Deutschland hat die Neuverschuldung im Zuge der Finanzkrise wesentlich stärker angezogen als in Griechenland , was ja auch mehr als fair ist, immerhin hat die Deutsche Bank ja bei den Ramschhypotheken ganz vorne mitgemischt. Und "pötzlich" haben alle gemerkt, dass die Griechen ein Haufen korrupter Beamtenärsche sind oder was? Hat sich vorher keiner drum gekümmert, wem er da das Geld leiht? Ach ne, ich vergaß, das ist in Zeiten von globaler Risikostreuung ja nicht mehr in, dass man seinen Gläubiger kennt.

Mit seiner Kritik am Titel des Exportweltmeisters hat der Autor natürlich recht. Das ist allerdings auch keine neue Erkenntnis der Ökonomie sondern ergibt sich zwingend aus den Grundrechenarten. Wenn A an B mehr Waren verkauft als B an A, dann muss B bei A Geld leihen um das mehr an Waren zu bezahlen. Zu jedem Export- gehört auch ein Import-Weltmeister. Dabei handelt es sich allerdings nicht um Griechenland sondern um die USA. Ist aber egal, Imperien dürfen das, da nennt sich der Importüberschuss Tribut.

BuergeJoerg
19. August 2010 14:34

Der Artikel ist eine gute Beschreibung der Situation und des Dilemma in dem sich die sog. politischen Entscheidungsträger befinden.

Die zwei beschriebenen Auswege werden beide als nicht gangbar qualifiziert.

Das bringt mich zur Überlegung, wie es zu einer solch verzwickten Situation überhaupt kommen konnte.

Daß die damals verantwortlichen Personen die Fehler im System nicht kannten, werden wohl die Wenigsten hier glauben. Demnach ist man also sehenden Auges in die heutige Situation eingetreten.

Warum? Nun - folgt man der These, daß in der Politik nichts zufällig geschieht, so scheint es für die Beteiligten ein Drehbuch zu geben.

Wenn wir sie nun an ihren Taten/Früchten messen - wo stehen wir dann heute? Die Schlagwörter unserer Politiker lassen es erahnen:

- europäische Ratingagentur
- europäische Wirtschaftsregierung
- europäische Steuern
- europäische Armee

usw.

Tja - das hat schon was - man schafft ein Problem und präsentiert gleichzeitig die Lösung, die da heißt: Zentralismus in Europa.

Es werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Hochfinanz wird bedient und der Supranationalstaat Europa wird weiter ausgebaut.

Stramm nach Drehbuch......

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