50 Jahre Antibabypille

Urd heißt man eine,
die andere Werdandi –
sie schnitten Stäbe –,
Skuld die dritte;
Lose lenkten sie,
Leben koren sie,
Menschenkindern,
Männergeschick.

(aus der Edda/Völuspa)

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wenig wis­sen wir über die Nor­nen, die an den Wur­zeln des Wel­ten- und Lebens­bau­mes ihre Arbeit ver­rich­ten. Sie dürf­ten aufs engs­te ver­wandt sein mit den römi­schen Par­zen und den grie­chi­schen Moi­ren. Die ers­te der wei­sen Frau­en spinnt den Lebens­fa­den, die zwei­te ver­mißt ihn, die drit­te schnei­det ihn ab. Um Urd und Wer­dan­di ist es still gewor­den. Wel­che Frau läßt sich schon nach­sa­gen, sie spin­ne? Fäden ver­mes­sen, Maschen zäh­len – auch das zählt kaum zu den leben­di­gen Tra­di­tio­nen in unse­ren Brei­ten. Skuld aller­dings, die Uner­bitt­lichs­te der drei Wei­ber, hat durch­aus ihre spi­ri­tu­ell erleuch­te­ten, wenn auch ble­chern-abge­ma­ger­ten, Reprä­sen­tan­tin­nen in der Gegen­wart. Even­tu­ell tra­gen sie den ger­ma­ni­schen Namen Mar­got und pre­di­gen im katho­li­schen Lieb­frau­en­dom die Schnit­ter­hym­ne: »Die Pil­le ist ein Geschenk Gottes!«

Die Göt­ter, die sie meint, sind in der Tat Män­ner. Lud­wig Haber­landt, der 1921 das Grund­kon­zept zur hor­mo­nel­len Emp­fäng­nis­ver­hü­tung lie­fer­te, wich aus poli­ti­schen Grün­den erst nach Ungarn, dann in den Frei­tod aus. Ande­re Her­ren der Schöp­fung (der in die USA emi­grier­te Wie­ner Carl Dje­r­as­si, Luis Mira­mon­tes und John Rock, sämt­lich ohne reli­giö­sen Bezug zu abend­län­di­schen Schick­sals­göt­tin­nen) voll­ende­ten sein Werk. Die Tren­nung von Sex und Fort­pflan­zung ist nicht ein High­light des 20. Jahr­hun­derts, es ist die Revo­lu­tio­nie­rung der gesam­ten Mensch­heits­ge­schich­te. Im August 1960 kam das Prä­pa­rat mit dem ehr­li­chen Namen Anti-Baby-Pil­le auf den ame­ri­ka­ni­schen Markt, ein knap­pes Jahr spä­ter erober­te es im Sturm­lauf die Kör­per der deut­schen Frau­en. In der DDR wur­de sie kos­ten­los abge­ge­ben. Das gött­li­che Dana­er­ge­schenk, das sei­ner­zeit noch als Hor­mon­bom­be ein­schlug und trotz schwe­rer Neben­wir­kun­gen bereit­wil­lig im Namen sexu­el­ler Selbst­be­stim­mung geschluckt wur­de, ist heu­te mit ver­fei­ner­ter Rezep­tur lie­fer­bar. Die Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung emp­fiehlt es auch bei abwei­chen­der Indi­ka­ti­on: Die »Pil­le«, wie sie längst ver­nied­li­chend heißt, ver­bes­se­re »unrei­ne Haut.« Ist die Haut »rein« und die Pil­le geschluckt, so das offi­ziö­se Fami­li­en­hand­buch des Staats­in­sti­tuts für Früh­päd­ago­gik, wird ein »streß­frei­es Sexu­al­le­ben ermöglicht«.

Über wei­te­re posi­ti­ve Neben­wir­kun­gen des Hor­mon­cock­tails für das gelin­gen­de Fami­li­en­le­ben lesen wir iro­nie- und beweis­frei bei wiki­pe­dia: »Die Pha­se des Ken­nen­ler­nens lie­fer­te durch dank der Pil­le ermög­lich­ten sexu­el­len Kon­takt mehr Infor­ma­tio­nen über einen poten­ti­el­len Ehe­part­ner. Die Ent­schei­dung zur Ehe­schlie­ßung basier­te daher auf weni­ger Unge­wiß­heit, was die Wahr­schein­lich­keit einer spä­te­ren Schei­dung redu­zie­ren könnte.«

Bri­ti­sche Wis­sen­schaft­le­rin­nen hin­ge­gen sahen jüngst aber­mals die Tat­sa­che erhär­tet, daß die Pil­le den Ver­stand ver­ne­be­le: Das Medi­ka­ment, das dem Kör­per bestän­dig eine Schwan­ger­schaft vor­gau­kelt, ver­än­de­re die Wahr­neh­mung der Frau­en so, daß sie ande­re Geschlechts­part­ner aus­wähl­ten als hor­mo­nell natur­be­las­se­ne Frau­en. Die­se fühl­ten sich gera­de um die frucht­ba­re Pha­se des Eisprungs von beson­ders mas­ku­li­nen Män­nern ange­zo­gen, die ihnen weder in Ver­hal­ten noch »Gen-Pool« ähneln. Die­ser star­ke Unter­schied sor­ge dafür, daß der Nach­wuchs eine breit­ge­fä­cher­te Palet­te an Abwehr­fä­hig­kei­ten erbe und im evo­lu­tio­nä­ren Sinn »fit­ter« sei. Pil­len­kon­su­men­tin­nen bevor­zug­ten Män­ner, die mit weib­li­chen Eigen­schaf­ten har­mo­ni­sie­ren (»Nest­bau­trieb«), dadurch sei die gen­mä­ßi­ge Aus­beu­te (wenn es nach Abset­zung der Pil­le nicht zum spon­ta­nen Part­ner­wech­sel kommt) dünner.

In einer indi­vi­dua­li­sier­ten Gesell­schaft dürf­te man sol­che Fol­gen unter »per­sön­li­ches Pech« sub­su­mie­ren. Anders schaut es aus mit der hor­mo­nel­len Kon­ta­mi­na­ti­on des Trink­was­sers. Klär­an­la­gen sind nicht in der Lage, das syn­the­ti­sche Östro­gen aus­zu­fil­tern, das Mil­lio­nen Pil­le-Kon­su­men­tin­nen täg­lich über ihren Urin aus­schei­den. Die Aus­wir­kun­gen auf die Welt der Was­ser­le­be­we­sen (Femi­ni­sie­rung von Fischen etc.) sind wis­sen­schaft­lich stich­fest. Inwie­fern sich das auf die zuneh­men­de Unfrucht­bar­keit von Män­nern aus­wirkt, ist noch umstrit­ten. Beim Lebens­born der alten Urd wären wir damit wieder.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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