Sezession
18. August 2010

Der Spiegel mal wieder

Martin Lichtmesz

It's Hitler-time again in Deutschlands größtem nationalmasochistischen Kolonialblatt. Ronald Gläser hat in seiner Netzglosse für die JF alles Nötige über die saudumme Aufwärmung der Churchill-Legende vom Retter des Abendlandes gesagt.  Darum an dieser Stelle nur noch ein ergänzender Zwischenruf. Damit das sich zweifellos wieder top verkaufende Nazi-Paket vollständig ist, gibt es als Gimmick noch eine DVD mit einer Dokumentation über die "Blitzkrieg-Legende",  auf deren Cover, und jetzt kommt's, vom "Überfall auf Frankreich" die Rede ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die inflationäre Verwendung des Begriffs "Überfall" in bezug auf die deutsche Seite des Weltkriegs habe ich schon letztes Jahr in diesem Blog aus einem ähnlichen Anlaß kommentiert. Im Falle Polens läßt sich ja noch über die Berechtigung des Begriffes streiten, aber daß nun auch der Frankreichfeldzug damit belegt wird, ist mir neu. Daß dergleichen durchgeht, ist wohl nur dank eines rapiden Schwundes des historischen Bewußtseins möglich.

Sonst würde man sich erinnern, daß im September 1939 Frankreich Deutschland den Krieg erklärt hat und nicht umgekehrt, und weiters, daß weder die mehr oder weniger auf englischen Druck handelnden Franzosen sonderlich interessiert am "mourir pour Danzig" waren (die Engländer selbst übrigens auch nicht), noch die Deutschen daran, ihre Nachbarn anzugreifen, gegen die sie erst zwei Jahrzehnte zuvor einen traumatischen, beide Seiten schwer beschädigenden Krieg geführt hatten. Nach mehr als einem halben Jahr "drôle de guerre" oder "phoney war" wurde der angespannte Zustand durch ein gezieltes, rasches Vordringen der Deutschen entschieden. Von einem "Überfall" kann also gar nicht die Rede sein.

Und schließlich sei noch angemerkt, daß sich meiner bescheidenen Meinung nach die Franzosen die Nemesis des 25. Juni 1940 wirklich redlich verdient hatten: denn das Pulverfaß, das im Sommer 1939 hochgegangen war, wurde bekanntlich maßgeblich in Versailles gestopft, was auch eine entscheidende Ursache für den Aufstieg von des Spiegels liebstem Coverboy war.

Mag sein, daß das dem Heft beigelegte Video selbst differenzierter ist, als die Aufmachung es nahelegt - ich habe es nicht gesehen und auch wenig Lust dazu. (Dies war schon in der Nummer zum Jahrestag des Beginns des Weltkriegs zum Teil auf überraschende Weise der Fall.) Und immerhin wird im Spiegel-Forum auch über den unheiligen Völkermörder Sir Winston recht "kontrovers" diskutiert. Bei der großen Mehrheit, fürchte ich, werden leider wieder vor allem  die "terribles simplifications" im Geiste der Selbstbezichtigung hängenbleiben.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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