Vom Nutzen und Nachteil nationaler Mythen

Dieser Tage stehe ich noch ganz im Bann der Eindrücke einer mehrtägigen Reise durch Niederschlesien. Wer einmal offenen Auges dort war,...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

wird zögern, die­se Regi­on als “Polen” zu bezeich­nen. Von “Deutsch­land” kann man aller­dings auch nicht mehr spre­chen. Den­noch spürt man noch die deut­sche kul­tu­rel­le Prä­gung, beson­ders in der Archi­tek­tur.  Dabei ist es beson­ders anrüh­rend, wenn in einem frem­den Land plötz­lich die Stei­ne in der eige­nen Mut­ter­spra­che zu einem zu spre­chen beginnen.

Fährt man durch die Stra­ßen der Dör­fer und Städ­te, in denen nun pol­nisch gespro­chen wird, dann wird einem das Unge­heu­er­li­che die­ses Vor­gangs, den man euphe­mis­tisch “Bevöl­ke­rungs­tausch” nennt, erst rich­tig bewußt. Der pol­ni­sche Cha­rak­ter des heu­ti­gen Schle­si­ens ist die Fol­ge eines krie­ge­ri­schen Rau­bes und einer blu­ti­gen und bru­ta­len eth­ni­schen Säu­be­rung, die Hun­dert­tau­sen­de Opfer gefor­dert hat.

Auch wenn jeg­li­cher Revan­chis­mus abzu­leh­nen ist, muß man die­ses Kind ehr­lich beim Namen nen­nen. Alles ande­re ist mora­lisch nicht zu ver­tre­ten, und ohne Ehr­lich­keit ist auch das Geschwätz von der “Ver­söh­nung” nur lee­res Papier. Ich den­ke, daß sich der hef­ti­ge Wider­stand von pol­ni­scher Sei­te gegen das geplan­te “Zen­trum gegen Ver­trei­bun­gen” und die lan­des­üb­li­che Het­ze gegen die nun wirk­lich mode­ra­te Eri­ka Stein­bach, die in den pol­ni­schen Medi­en als eine Art rech­te Hand Mer­kels dar­ge­stellt wird, auch aus einem tief­sit­zen­den schlech­ten Gewis­sen erklä­ren lassen.

Ich hat­te wäh­rend mei­ner Rei­se das Glück, gleich mit drei über­durch­schnitt­lich guten Ken­nern des Lan­des unter­wegs zu sein (unter ihnen ein alter, letz­ter Mohi­ka­ner aus Wal­den­burg), die noch jeden Ort, – und in man­chen Orten jede Straße‑, unter ihren deut­schen Namen ken­nen. Die Spu­ren der Ver­gan­gen­heit begeg­nen einem auf Schritt und Tritt, mal als ver­ges­se­ner Über­rest in Form einer vom Wald­wuchs ver­schlun­ge­nen Kir­chen­rui­ne, mal als kaum sicht­ba­re Inschrift auf einer Bahn­ge­lei­se, als ver­fal­le­ner Fried­hof oder auch expo­nier­ter als kul­tu­rel­le Tou­ris­ten­at­trak­ti­on wie die berühm­ten Frie­dens­kir­chen aus Holz in Jau­er und Schweid­ni­tz.

Letz­te­re birgt auch, gut ver­steckt in einer Abstell­kam­mer zwi­schen restau­rie­rungs­be­dürf­ti­gen Kru­zi­fi­xen und Engels­fi­gu­ren, die Erin­ne­rung an einen deut­schen Mythos: auf den ver­staub­ten Tafeln eines Denk­mals für die Gefal­le­nen der Jah­re 1914–18 fin­det sich auch ein gewis­ser Man­fred Frei­herr von Richthofen.

Ver­fal­len und ver­wil­dert ist auch der in einem Wald­stück ver­steck­te, nicht gekenn­zeich­ne­te deut­sche Fried­hof von Kreis­au, mit der Aus­nah­me der Grä­ber der Fami­lie Molt­ke, die gut gepflegt sind. Hier ist auch Freya von Molt­ke begra­ben, die Anfang die­ses Jah­res im Alter von sagen­haf­ten 99 Jah­ren ver­starb. Die Über­res­te des berühm­ten Gene­ral­feld­mar­schalls sind seit Kriegs­en­de verschwunden.

Ganz in der Nähe befin­det sich das Kreis­au­er Schloß, das nach der Wen­de reno­viert wur­de und heu­te als “Inter­na­tio­na­le Jugend­be­geg­nungs­stät­te” dient.  Eine Dau­er­aus­stel­lung mit Schwer­punkt auf dem “Kreis­au­er Kreis” um Hel­muth James Graf von Molt­ke wür­digt den Wider­stand gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus; ergänzt wird sie durch eine Aus­stel­lung über den Wider­stand gegen Sta­li­nis­mus und Kom­mu­nis­mus. Von den Ver­schwö­rern des 20. Juli und der Wei­ßen Rose ist in Polen wenig bekannt. “Alle Polen soll­ten die­se Aus­stel­lung sehen, damit sie erfah­ren, daß es vie­le muti­ge Deut­sche gab, die gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus gekämpft haben!” sag­te unser wei­ser Mohikaner.

Im Kreis­au­er Schloß befin­det sich neben dem Trep­pen­auf­gang eine um die Jahr­hun­dert­wen­de ent­stan­de­ne Wand­ma­le­rei. Im For­mat eines Breit­wand-Kino­films zeigt die eine Sei­te eine dra­ma­ti­sche Sze­ne aus dem Jahr 1806: napo­leo­ni­sche Trup­pen drin­gen plün­dernd in Lübeck ein, wäh­rend die Fami­lie Molt­ke, unter ihnen der sechs­jäh­ri­ge Hel­muth Karl Bern­hard, ver­ängs­tigt und hilf­los zusieht. Die ande­re, gegen­über­lie­gen­de Sei­te zeigt eine kom­ple­men­tä­re Sze­ne aus dem Jahr 1871. Preu­ßi­sche Trup­pen, in ihrer Mit­te der nun sieb­zig­jäh­ri­ge “gro­ße Schwei­ger” Molt­ke, rei­ten nun in einer ver­spä­te­ten Revan­che gegen Paris, das in Form des Arc de Triom­phe visi­ons­ar­tig am Hori­zont erscheint. Im Gegen­satz zu Napo­le­ons Maro­deu­ren tra­ben die preu­ßi­schen Trup­pen gesit­tet an der flie­hen­den fran­zö­si­schen Zivil­be­völ­ke­rung vor­bei, die kei­ne Angst zeigt, sie ver­höhnt und ihnen mit den Fäus­ten droht.

Bei­de Sze­nen waren ziem­lich ein­präg­sam gestal­tet, dra­ma­tisch, aber nicht all­zu pathe­tisch. Molt­ke selbst etwa ist eher bei­läu­fig in Sze­ne gesetzt. Die Stoß­rich­tung der Geschichts­deu­tung war auf Anhieb zu erken­nen, wobei die “Mon­ta­ge” durch die räum­li­che Gegen­über­stel­lung einen beson­de­ren Reiz ent­fal­te­te. Ein paar Details waren mir aller­dings unklar, so frag­te ich eine älte­re deut­sche Dame, dem Anschein nach Aka­de­mi­ke­rin, die in dem Muse­um Auf­sicht hat­te. Die­se mein­te sofort, sich für die Bil­der qua­si ent­schul­di­gen zu müs­sen, und beton­te mehr­fach, daß sie his­to­risch nicht kor­rekt sei­en, blo­ße Pro­pa­gan­da­schin­ken, üble Geschichts­fäl­schun­gen, und daß man über­haupt urspüng­lich über­legt hat­te, sie gänz­lich zu ent­fer­nen, “weil sie nicht in die neue Zeit pas­sen”. Mein Ver­gnü­gen an den Bil­dern, die auch künst­le­risch recht gelun­gen sind, berei­te­te ihr sicht­li­ches Unbe­ha­gen, und sie bemüh­te sich aus Kräf­ten, mir den Spaß zu verderben.

Dabei muß sie mich für ganz schön doof gehal­ten haben, denn als nächs­tes häng­te sie einen Grund­satz­mo­no­log an, daß ja nicht bloß abs­trak­te, son­dern auch gegen­ständ­li­che Gemäl­de nicht exakt die Wirk­lich­keit abbil­den, son­dern eben­falls erläu­tert und kon­tex­tua­li­siert wer­den müs­sen usw. usf. Na, das war mir armen, unge­bil­de­ten Tropf voll­kom­men neu! In ihrer Beflis­sen­heit drück­te sich eine bei­nah magi­sche Angst aus, ich könn­te nun die Gemäl­de nai­ver­wei­se für bare Mün­ze neh­men, der “Pro­pa­gan­da” Glau­ben schen­ken, und dann … – ja was? “Heil Dir im Sie­ger­kranz” schmet­tern, mich mit Pickel­hau­be auf ein Pferd schwin­gen und das Elsaß zurückerobern?

Es frap­piert mich jeden­falls immer wie­der zu sehen, wie das deut­sche schlech­te Gewis­sen sich bis in feins­te Ver­äs­te­lun­gen hin­ein zu einem ein­ge­fleisch­ten Ver­hal­tens- und Reflex­mo­dus aus­ge­bil­det hat. Hier wirkt immer noch die Psy­cho­lo­gie der Unter­wor­fe­nen und der Nie­der­la­ge nach. Die aber­gläu­bi­sche Scheu und Infek­ti­ons­angst vor natio­na­len und his­to­ri­schen Mythi­sie­run­gen, und lägen sie so weit zurück wie die Bis­marck-Zeit, hat auch etwas Klein­ka­rier­tes und Ver­drucks­tes an sich. Dies fällt umso mehr im Ver­gleich mit Polen auf, das voll­ge­pflas­tert ist mit Monu­men­ten die­ser Art, die aller­dings mit Stolz und Ehr­furcht betrach­tet wer­den. Hier läßt man sich die epi­schen Gefüh­le ungern durch his­to­risch-kri­ti­sche Zer­set­zung verderben.

Pas­sen­der­wei­se lag in dem Muse­um eine Aus­ga­be des Maga­zins “Dia­log” zur frei­en Ent­nah­me auf einem Tisch, das einen klu­gen Auf­satz von Adam Krze­min­ski über die “poli­ti­schen Mythen” der Deut­schen und Polen ent­hielt. Dazu dem­nächst mehr.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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