Im Schwarzen Loch – Masse und Sexus

pdf der Druckfassung aus Sezession 24/Juni 2008

sez_nr_244Die „pandemische Verbreitung des Interesses für Sexus und Frau" sei ein Kennzeichen jeder alternden Zivilisation, stellte Julius Evola 1958 fest. Damit sei „dieses Phänomen eines von vielen, die uns anzeigen, daß eine solche Zeit die äußerste Endphase eines regressiven Prozesses darstellt", befand der italienische Religionsphilosoph. Nun, die Phänomene, unter deren Eindruck Evola (nebenbei selbst ein ungebundenes, promiskuitives Leben führend; ihm galt dies als Privileg einer Elite) von einem „Bann des Sexus" sprach, entlocken uns Heutigen allenfalls ein Schmunzeln: ein paar Pin-Ups, die Popularisierung des Striptease, die ersten, noch ganz biederen Aufklärungsschriften. Privat fand sich Sexualität weitgehend in der Ehe kanalisiert, andere Triebventile (also Bordelle, außereheliche Liebschaften und gewisse Angebote zur Befriedigung voyeuristischer Bedürfnisse) funktionierten ähnlich gut wie in all den Jahrhunderten zuvor. Es gab sie, obgleich weitgehend tabuisiert. Sex war weit entfernt davon, per Attribut, Dauerangebot und Frage-Antwort-Thema als öffentliches Gut gehandelt zu werden, Pornographie eine Sache, die ihr Dasein eher unterhalb des Ladentisches führte. Sexualität war Privatsache.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Und heu­te? Die Rat­ge­ber für erfolgs­ori­en­tier­ten Bei­schlaf boo­men (aus­tausch­ba­re Web.de-Schlag­zei­le in die­ser Stun­de: „Auf dem Gip­fel der Lust: Kommt sie oder kommt sie nicht? Wir lüf­ten für Sie das letz­te gro­ße Geheim­nis der Frau­en!”), und wer noch ein Betä­ti­gungs­feld für sei­ne Ich-AG sucht, dürf­te mit Sext­oys ein siche­res und gar nicht übel beleu­mun­de­tes Geschäft machen. Die Mode­ra­to­rin und Mut­ter Char­lot­te Roche, weib­li­ches role model ers­ter Güte, bespricht ihre Vor­lie­be für Hard­core-Por­nos und schreibt einen Roman über Mas­tur­ba­ti­ons­ge­wohn­hei­ten. Mit Elfrie­de Jeli­nek, Gabri­el Gar­cia Mar­quez und Phil­ip Roth haben wir zwei Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger und einen in spe, die ihre sexu­el­len Träu­me und Trau­ma­ta ohne ero­ti­sche Fines­se, aber mit unap­pe­tit­li­cher Direkt­heit zu Mark­te tra­gen. Ein Vater erzählt, daß in der Klas­se sei­ner fünf­zehn­jäh­ri­gen Toch­ter ein Mäd­chen erst dann zum „Club” gehört, wenn sie auf ihrem Pho­to-Han­dy das (Selbst-)Bild einer statt­ge­fun­de­nen Kopu­la­ti­on her­zei­gen kön­ne. Ach, wir fin­den kein Ende: Kein Nach­mit­tag ohne Talk­gäs­te mit Potenz­pro­ble­men, kei­ne Frau­en­zeit­schrift ohne Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­auf­ruf gegen­über Alters­sex, kein Gra­tis-Wochen­blatt ohne ein­schlä­gi­ge Kon­takt­an­non­cen in schärfs­ter Spra­che, kein Her­an­wach­sen­der ohne Kennt­nis der Mas­sen­sex- und Ver­ge­wal­ti­gungs­phan­ta­sien ein­schlä­gi­ger „Lie­der­ma­cher” wie Sido, Bushi­do und Frau­en­arzt.

Im Grun­de ist die Kla­ge über Früh- und Dau­er­se­xua­li­sie­rung ja so alt wie das Phä­no­men selbst. Daß Sexua­li­tät 50 Jah­re nach Evo­la zur Mas­sen­wa­re gewor­den ist, dürf­te com­mon sen­se sein. Die anhal­ten­de „Sex-Wel­le”, wie der gül­ti­ge Ter­mi­nus noch vor ein paar Jahr­zehn­ten lau­te­te, wird allent­hal­ben kon­sta­tiert – selbst dort, wo man sich ihr zynisch selbst anver­wan­delt; der Erfolgs­schrift­stel­ler Michel Hou-lle­becq mit sei­nen – groß­teils selbst­er­prob­ten – sexu­al­apo­ka­lyp­ti­schen Stim­mungs­bil­dern dürf­te ein pro­ba­tes Bei­spiel für letz­te­res sein. Sexua­li­tät ist kei­ne Pri­vat­sa­che mehr, und selbst ihr Voll­zug im hei­mi­schen Schlaf­zim­mer unter­liegt häu­fig genug dem Druck der ver­öf­fent­lich­ten Sta­tis­ti­ken, des unaus­weich­li­chen Bil­der­an­ge­bots, den Tabel­len­spar­ten der mus­ts, der dont’s oder der vor­geb­li­chen Ange­mes­sen­heit: Was (an Prak­ti­ken, Leis­tung, Gefühls­äu­ße­run­gen etc.) „geht” bezie­hungs­wei­se „geht gar nicht” oder soll­te „lau­fen” mit 16, was mit 66? Was beim Sei­ten­sprung, beim one-night-stand, was, wenn die Paa­rung um ein, zwei, mehr Per­so­nen erwei­tert wird? Soviel Auf­klä­rung war nie. Ande­rer­seits schwillt das Tote-Hose-Gejam­mer an. Selbst wer einen Zusam­men­hang zwi­schen Fri­gi­di­tät und gän­gi­ger Zeu­gungs- und Gebä­rent­hal­tung leug­net, kommt nicht an der stei­gen­den Zahl von Men­schen vor­bei, die sich auf­grund sexu­el­ler „Funk­ti­ons­stö­run­gen” oder schie­rer Unlust in Behand­lung bege­ben. Es ist eine logi­sche Fol­ge nicht nur des Über­flus­ses an Ange­bot, son­dern auch des all­zu hel­len Scheins jener öffent­li­chen „Auf­klä­rung”, daß eine Befind­lich­keits­rei­hung von auf­ge­klärt-abge­klärt-frus­tiert zu den Sym­pto­men einer ero­ti­schen Deka­denz gehört. Im Dun­keln, so scheint es, ließ sich’s bes­ser munkeln.
Dabei gibt es kei­ne über­zeit­li­che, schon gar kei­ne glo­ba­le Norm bezüg­lich der Balan­ce zwi­schen Inti­mi­tät und Öffent­lich­keit sexu­el­ler Gepflo­gen­hei­ten. Wir ken­nen jene anti­ken und vor­zeit­li­chen Plas­ti­ken mit ihren her­vor­ra­gen­den Geni­ta­li­en, wir wis­sen von Aphro­di­te­mys­te­ri­en, die sich in mas­sen­haf­tem sexu­el­lem Rausch ent­lu­den, von im christ­li­chen Mit­tel­al­ter gebräuch­li­chen Gebild­bro­ten, die eine Ver­schlin­gung männ­li­cher und weib­li­cher Geschlechts­tei­le sym­bo­li­sier­ten, vom ius pri­mae noc­tis. An ent­spre­chen­den Mythen und Mär­chen man­gelt es dem Abend­land nicht. Schon gar die Eth­no­lo­gie gibt uns eine Men­ge Bei­spie­le dafür, daß kei­ne zivi­li­sa­to­ri­schen End­zeit­zu­stän­de herr­schen müs­sen, um den sexu­el­len Ver­kehr als eine mehr oder weni­ger öffent­lich voll­zo­ge­ne bezie­hungs­wei­se regle­men­tier­te Sit­te anzu­se­hen: Den­ken wir nur an die indi­sche Sex­fi­bel Kama­su­tra, an den öffent­lich voll­zo­ge­nen Bei­schlaf in alt­ori­en­ta­li­schen Tem­peln, an die selbst in unse­ren abge­klär­ten Augen als hedo­nis­tisch emp­fun­de­nen sexu­el­len Gewohn­hei­ten indi­ge­ner Völ­ker der Gegen­wart; nicht zu schwei­gen vom sit­ten­stren­gen Islam der Schii­ten, wo die rein zu sexu­el­len Zwe­cken geschlos­se­ne Mut’a (Zeit­ehe) legi­tim und gän­gig ist. Sexua­li­tät ist nicht not­wen­dig ein heim­li­cher und ver­schwie­ge­ner Bereich.
Wes­halb also soll­ten wir unse­ren ent­pri­va­ti­sier­ten Umgang mit Sexua­li­tät als Bruch emp­fin­den? Ein Zusam­men­hang wenigs­tens ist klar: Die Aus­wei­tung von Sexua­li­tät als All­tags- und öffent­li­ches The­ma geht ein­her mit der Ent­kop­pe­lung des Aktes von der Fortpflanzung.

Der deutsch­stäm­mi­ge Ame­ri­ka­ner David Ries­man lie­fer­te dazu früh eine weg­wei­sen­de Typo­lo­gie. 1950 erziel­te der Sozi­al­psy­cho­lo­ge mit sei­nem Buch einen gran­dio­sen Erfolg. Ein­ein­halb­mil­lio­nen Exem­pla­re die­ses sozio­lo­gi­schen Werks wur­den ver­kauft. Ries­man geht dar­in von einer Deter­mi­na­ti­on des sozia­len Betra­gens aus, die zu einer rela­ti­ven Ver­hal­tens­gleich­heit unter Zeit­ge­nos­sen füh­re. Er unter­schei­det drei Cha­rak­te­re, die je zu unter­schied­li­chen Zei­ten prä­gend wirk­ten. Als den ältes­ten Typus macht er den tra­di­ti­ons­ge­lei­te­ten Men­schen aus. Sit­ten, Brauch­tum und Ritua­le in lan­ge gleich­blei­ben­den Situa­tio­nen wirk­ten hier auf das Ver­hal­ten des Ein­zel­nen ein. Sol­cher­art gepräg­te Gesell­schaf­ten zeich­nen sich laut Ries­man durch eine Fer­ti­li­tät aus, die die Sterb­lich­keits­ra­te über­steigt: Pha­sen des Bevöl­ke­rungs­wachs­tums sind dadurch gekenn­zeich­net. Der Typus des „innen­ge­lei­te­ten Cha­rak­ters” sei vor allem in der Epo­che der frü­hen Indus­tria­li­sie­rung zuta­ge getre­ten, die zugleich eine Zeit der aus­ge­gli­che­nen Gebur­ten­ra­te war. Als Trä­ger die­ses sozia­len Cha­rak­ters gel­ten dem Autor etwa Ban­kiers, Händ­ler und der Mit­tel­stand. Man ori­en­tiert sich an schichtspe­zi­fi­schem Ver­hal­ten und fami­liä­ren Tra­di­tio­nen und Wer­ten. Aus unse­rer Sicht als Schwund­stu­fe dür­fen wir den „außen­ge­lei­te­ten” (other-direc­ted) Cha­rak­ter begrei­fen. Es ist jener moder­ne Durch­schnitts­mensch, der nach Aner­ken­nung durch „die Ande­ren” strebt, sich nach der öffent­li­chen Mei­nung und ihren Signa­len rich­tet, das heißt nach Infor­ma­tio­nen der Mas­sen­pu­bli­ka­tio­nen, nach Kol­le­gen und Alters­ge­nos­sen. Jener Typus (Ries­man spricht vom „Büro­kra­ten” und gene­ra­li­sie­rend vom „kauf­män­ni­schen Ange­stell­ten”) zeich­ne sich durch frei­gie­bi­ges Kon­sum­ver­hal­ten, habi­tu­el­le Ober­fläch­lich­keit und Ver­hal­tens­un­si­cher­heit aus. Sei­ne Zeit sei demo­gra­phisch gekenn­zeich­net vom rapi­den Sin­ken der Gebur­ten­zif­fer. Sexua­li­tät bezeich­ne­te Ries­man noch als „das letz­te Aben­teu­er”. Sei­ne Ana­ly­se traf sei­ner­zeit auf brei­te Zustim­mung, etwa durch Hel­mut Schelsky. Schelsky argu­men­tier­te dabei dezi­dier­ter als sein ame­ri­ka­ni­scher Kol­le­ge. Wäh­rend Ries­man zwar Sex bereits als „Kon­sum­gut der Mas­se” iden­ti­fi­zier­te, unter­schied er jedoch deren Voll­zug als heim­li­che, ver­bor­ge­ne Akti­on von ande­ren Kon­sum­hand­lun­gen. Schelsky stell­te auch in die­sem Punkt den Ries­man­schen Ter­mi­nus der „Außen­len­kung” in den Vor­der­grund. Das war recht hell­sich­tig, wenn man bedenkt, daß er jen­seits der popu­lä­ren Erhe­bun­gen über sexu­el­le Gewohn­hei­ten durch den Zoo­lo­gen Alfred Kin­sey auf kei­ne empi­ri­sche Daten­la­ge zurück­grei­fen konn­te. Der „Sex-Papst” Oswalt Kol­le war da noch ein Unbe­kann­ter und der Bea­te-Uhse-Kon­zern erst im Aufbau.
Sex ist durch moder­ne – zuvör­derst che­misch-hor­mo­nel­le, sprich: die Pil­le – Ver­hü­tungs­mög­lich­kei­ten bei­lei­be nicht funk­ti­ons­los gewor­den. Er hat viel­mehr gera­de unter Ver­lust der not­wen­dig repro­duk­ti­ven Potenz eine Viel­zahl an Funk­tio­nen dazu­ge­won­nen: als Trost­spen­der, als pure Ent­span­nungs­tech­nik, eso­te­ri­sches Vehi­kel zur Bewußt­s­eins­er­wei­te­rung, als Mit­tel zur Rol­len­ver­ge­wis­se­rung, als Renom­mier­ob­jekt, ja Krea­ti­vi­täts­ven­til. Sex ist vie­ler­orts zu einer Ersatz­hand­lung gewor­den. Dabei ist kaum zu ver­mu­ten, daß bei ange­nom­me­ner Ver­hü­tungs­si­cher­heit in frü­he­ren Zei­ten die öffent­li­che Sexua­li­sie­rung der­art Raum hät­te grei­fen kön­nen wie heute.

Was es näm­lich weder zu Evo­las (also auch Ries­mans und Schelskys) Zei­ten – wir schrei­ben die Ära des „Wirt­schafts­wun­ders”, des ten­den­zi­ell bie­der­mei­er­lich-pri­va­tis­ti­schen Sozi­al­ver­hal­tens – noch kaum je zuvor gab (von den pri­vi­le­gier­ten Nischen der Fürs­ten­hö­fe und spä­te­ren Salons ein­mal abge­se­hen), war das Schwar­ze Loch des all­täg­li­chen Müßig­gangs. Einer­lei, ob wir es Frei­zeit nen­nen, Arbeits­lo­sig­keit oder Lan­ge­wei­le. Dies Schwar­ze Loch hat in der west­li­chen Welt kein his­to­ri­sches Vor­bild. Es erscheint uns als harm­lo­ses Strei­chel­tier (etwa in den vie­ler­lei For­men der well­ness – und ist ein Heer von müßig­ge­hen­den Tau­ge­nicht­sen nicht alle­mal bes­ser als kriegs­lüs­ter­ne Hor­den?) und ist dabei doch eine gefrä­ßi­ge Bes­tie. Wie­viel Mil­lio­nen Stun­den täg­lich allein an Fern­seh­kon­sum – mit Sicher­heit die pas­sivs­te Vari­an­te – absor­biert dies Schwar­ze Loch? Wie­viel Lebens- und Schaf­fens­zeit fällt bun­des­weit stünd­lich den viel­fäl­ti­gen „Netz­ak­ti­vi­tä­ten” (shop­pen, plau­dern, blog­gen, kurz: anti-vita­le Insze­nie­rungs­va­ri­an­ten) anheim? Zig­tau­send neue Urlaubs‑, Par­ty- und Baby­pho­tos wer­den täg­lich neu in die per­sön­li­chen Pro­fi­le auf Sei­ten wie My Space oder Stu­diVZ ein­ge­speist, sie wur­den zuvor „geschos­sen” (bekannt­lich auch eine Form der Repro­duk­ti­on), geord­net, benannt, for­ma­tiert, mit­un­ter unter erheb­li­chem Auf­wand und mit zwei­fel­haf­tem Kunst­sinn bear­bei­tet und ver­ziert. Ohne Über­trei­bung dür­fen wir hier von exhi­bi­tio­nis­ti­schem Ver­hal­ten reden. Die Ver­öf­fent­li­chung des Pri­va­ten wird als Phä­no­men mas­sen­haft greif­bar. Wohin auch sonst soll mensch mit sei­ner Krea­ti­vi­tät und Potenz, wenn sie im ganz pri­va­ten Umfeld zwi­schen Büro­all­tag und Miet­bu­de so schwer grei­fen kann? Das Schwar­ze Loch des Inter­nets ist alle­mal ein dank­ba­rer Abneh­mer sowohl für Erleb­tes als auch für Wünsch­ba­res. Nun haben wir unter­schied­li­che Stu­fen der Pri­vat­heit. Der male­di­vi­sche Son­nen­un­ter­gang oder der Schnapp­schuß vom kle­ckern­den Klein­kind dürf­ten zu den lang­wei­li­ge­ren For­men gehö­ren. Die Kate­go­rie bleibt die glei­che, doch wir wol­len die Gren­ze zum wahr­haft Inti­men weder hier noch bei der büro­kra­ti­schen Norm der soge­nann­ten Daten­si­cher­heit zie­hen, son­dern dort, wo der Intim­be­reich seit je für intim galt – beim Sexu­el­len also.
Wie sehr der Ver­öf­fent­li­chung sexu­el­ler Gewohn­hei­ten ein demo­kra­ti­sie­ren­des, also schichtspren­gen­des Ele­ment inne­wohnt, sehen wir über­deut­lich auf der Viel­zahl jener Inter­net­sei­ten, auf denen Män­ner ihre Erfah­run­gen mit Pro­sti­tu­ier­ten in – mehr oder weni­ger offe­nen – Foren aus­tau­schen. Das funk­tio­niert ähn­lich wie in den Bewer­tungs­spar­ten von ama­zon oder ebay. Und genau wie bei den Lai­en­re­zen­sen­ten des Buch­händ­lers kann man anhand sprach­li­cher Kri­te­ri­en recht zuver­läs­sig auf den sozia­len Stand der Kun­den schlie­ßen. Da trifft die aus­ge­feil­te, den ver­gan­ge­nen sexu­el­len Genuß reflek­tie­ren­de, bis­wei­len gar selbst­iro­ni­sche Voll­zugs-Ana­ly­se des offen­kun­di­gen Aka­de­mi­kers auf die unbe­hol­fen-bil­der­ar­me Schil­de­rung des Durch­schnitts­an­ge­stell­ten eben­so wie auf den unver­blüm­ten Pro­le­ten-Slang im Migran­ten­deutsch. Ob ela­bo­rier­te Koitus-Kri­tik oder def­ti­ger Por­n­o­lekt: am Ende spricht man doch die­sel­be Spra­che – und ver­steht sich. Viel­fäl­ti­ge Sze­ne­kür­zel, Prak­ti­ken und sons­ti­ge Extras betref­fend, inbe­grif­fen. Hier hät­ten wir eine Rand­zo­ne der Sex-Demokratie.
Den mis­sing link zwi­schen außen­ge­lenk­ter, ent­pri­va­ti­sier­ter Inti­mi­tät und mas­sen­kom­pa­ti­bler Per­mis­si­vi­tät fin­den wir in den gesell­schaft­li­chen Umwäl­zun­gen um 1968. Hier, in der pro­kla­mier­ten, heil­lo­sen Ver­qui­ckung von Poli­ti­schem und Pri­va­tem, in den aus­ge­häng­ten Klo­tü­ren der Kom­mu­nen, der pro­pa­gier­ten Bezie­hungs­mo­bi­li­tät („wer zwei­mal mit der der­sel­ben pennt, gehört schon zum Estab­lish­ment)” wur­zelt jene „Tyran­nei der Inti­mi­tät”, die die bei­den alten Ant­ago­nis­ten Lust- und Leis­tungs­prin­zip bis heu­te in ein ein­zi­ges – ein mas­sen­taug­li­ches – Sys­tem zusammenband.

Die Sache mit der Lust nun zeig­te sich reich­lich ambi­va­lent. Wie wäre denn die Balan­ce her­zu­stel­len zwi­schen den bei­den For­de­run­gen nach Indi­vi­dua­lis­mus (das heißt auch Abwehr der gän­gi­gen Sexu­al­re­geln) einer­seits und neu­em Kon­for­mis­mus (dem Ter­ror der neu­en Pro­mis­kui­täts­norm) ande­rer­seits? Ein Karl-Kraus-Apho­ris­mus bil­det das Dilem­ma nett ab: „Sie sagt sich: Mit ihm schla­fen, ja – aber nur kei­ne Intimität!”
Ein oft gehör­ter Beschwich­ti­gungs­satz lau­tet dahin­ge­hend, daß die gän­gi­gen Sex-Paro­len sei­ner­zeit wenig Nie­der­schlag in der Pra­xis gefun­den hät­ten. Dem ist zwei­er­lei ent­ge­gen­zu­hal­ten. Ers­tens die über Jah­re mul­ti­pli­ka­to­ri­sche, das heißt mas­sen­wirk­sa­me Wir­kung eben die­ser Paro­len und zwei­tens, daß es in den inne­ren Zir­keln sehr wohl zur Sache ging. In Ute Kät­ze­ls wohl­wol­len­dem Buch Die 68erinnen beschrei­ben die geal­ter­ten Prot­ago­nis­tin­nen jener Zeit sehr nach­drück­lich, wel­che Zumu­tun­gen die neue sexu­al cor­rect­ness für ihre Lei­ber und See­len bedeu­te­te. Die Rede ist von Abtrei­bun­gen, die über Kopf und Bauch der Mut­ter durch die Wohn­ge­mein­schaft (demo­kra­ti­sche Abstim­mung!) ange­ord­net wur­de, von Anti-Baby-Pil­len, die „kübel­wei­se” über die will­fäh­ri­gen Ver­suchs­ka­nin­chen aus­ge­schüt­tet wur­den, und vom Grup­pen­zwang, der die neue sexu­el­le Frei­heit zur zer­mür­ben­den Unfrei­heit wer­den ließ. O‑Ton Annet­te Schwar­zen­au (feder­füh­rend beim „Kin­der­ka­cke-Atten­tat” auf die Stern-Redak­ti­on 1969): „Die sexu­el­le Revo­lu­ti­on fand ich schon in Ord­nung. … Aber die­se Bumse­rei fand ich völ­lig blöd, trau­te mich aber nicht, es zu sagen. Ich könn­te jeden­falls nicht sagen, daß ich dabei grö­ße­re sexu­el­le Glücks­ge­füh­le hat­te.” Der Schritt vom alt­vä­ter­li­chen Gebot des Nicht-ja-sagen-Dür­fens zum Ja-sagen-Müs­sen erwies sich daher häu­fig genug als Fall vom Regen in die Trau­fe. Die emp­fun­de­ne Enge der Fami­lie war ja nicht auf­ge­ge­ben, son­dern nur trans­for­miert wor­den – in die Kom­mu­ne oder die je maß­ge­ben­de Grup­pe. Ob gemein­sa­me Wil­helm-Reich-Lek­tü­re (mit sei­ner aben­teu­er­li­chen Mix­tur aus Anti­fa­schis­mus, Psy­cho­ana­ly­se und sexu­el­lem Pro­let-Kult damals unge­heu­er popu­lär) mehr­mals wöchent­lich oder das Offen­le­gen scham­be­setz­ter Intim­sphä­ren in „Con­scious­ness-Rai­sing-Groups”: Frau­en began­nen sich ernst­haft zu fra­gen, wie sehr sie vor­ur­teils­be­las­tet sei­en, weil sie nicht mit schwar­zen GIs oder Arbei­tern pen­nen woll­ten. Die Akti­ons­künst­le­rin Sarah Haff­ner (Toch­ter von Sebas­ti­an Haff­ner) kon­sta­tiert rück­bli­ckend, daß die sexu­el­le Revo­lu­ti­on „abso­lut auf Kos­ten der Frau” gegan­gen sei. Man habe „sehr stark unter Druck” gestan­den, „Sachen zu machen, die man vor­her nicht so ohne wei­te­res gemacht hät­te, immer in dem Gefühl, ‚wenn du das nicht machst, bist du’ne Bür­ger­li­che‘.” Frig­ga Haug, füh­ren­de Theo­re­ti­ke­rin im „Akti­ons­rat zur Befrei­ung der Frau”, beschreibt ein pein­li­ches Erleb­nis: „Beim Ski­lau­fen haben mal alle Frau­en erzählt, mit wie vie­len Män­nern sie geschla­fen haben.

Die eine sag­te ‚hun­dert- acht­zehn‘ und die ande­re ‚nur acht­und­vier­zig‘, und ich zähl­te und zähl­te. Es wur­den nicht mehr als fünf, und selbst das war schon sehr groß­zü­gig gerech­net. Aber ich trau­te mich nicht, es zu sagen. Denn es wirk­te irgend­wie so, als hät­te ich auf die­ser Ebe­ne ver­sagt.” Heißt: Die sexu­ell befrei­te Atmo­sphä­re war eine tyran­ni­sche und dog­ma­ti­sche. Der Wider­spruch, oder bes­ser: die logi­sche Ver­ket­tung von frei­heits­ver­hei­ßen­dem Tabu­bruch und Herr­schaft des Sexus ist bis heu­te nicht auf­ge­ho­ben. Und mehr noch. Schon bei der Kom­mu­ne waren die Mas­sen­me­di­en von Anfang an mit­ten­drin und voll dabei. Robert Schurz: „Fast jeden Tag konn­ten die neu­gie­ri­gen bis empör­ten Bür­ger lesen, … was an ‚inti­men Schwei­ne­rei­en‘ in die­ser Wohn­ge­mein­schaft so alles vor sich ging.” Jedoch die Sym­bio­se zwi­schen Dis­kurs und Unter­leib miß­glück­te: „Irgend­wie war der Wurm drin. Statt der Revo­lu­ti­on kam nur die Sozi­al­de­mo­kra­tie an die Macht, und die Ver­öf­fent­li­chung der Sexua­li­tät über­nah­men Bea­te Uhse und spä­ter die Schmud­del­film-Indus­trie.” Die grund­sätz­li­chen Zusam­men­hän­ge, war­um mit jener Sex­wel­le im post­mo­der­nen Mas­sen­zeit­al­ter eben kei­ne Revo­lu­ti­on, son­dern nur ein wei­te­rer Zweig der Kon­sum­in­dus­trie ange­bahnt wur­de, hat Peter Slo­ter­di­jk in sei­nem schma­len, doch unnach­ahm­lich dich­ten Bänd­chen über Die Ver­ach­tung der Mas­sen dar­ge­legt. Er ver­weist auf den Unter­schied zwi­schen Ent­la­dung (faschis­to­id, ver­ti­kal unter einem „Füh­rer-Prin­zip” orga­ni­siert) und Unter­hal­tung (hori­zon­ta­les „Pro­gramm-Prin­zip”): „Die durch­me­dia­ti­sier­te Gesell­schaft vibriert in einem Zustand, in dem die Mil­lio­nen nicht mehr als aktu­ell ver­sam­mel­te Tota­li­tät, nicht mehr als kon­spi­ra­tiv zusam­men­strö­men­des und los­bre­chen­des Kol­lek­tiv­le­be­we­sen schwarz, dicht, hef­tig in Erschei­nung tre­ten kön­nen. Viel­mehr erlebt sich heu­te Mas­se nur noch in ihren Par­ti­keln, den Indi­vi­du­en, die sich als Ele­men­tar­teil­chen einer unsicht­ba­ren Gemein­heit genau den Pro­gram­men hin­ge­ben, in denen ihre Mas­sen­haf­tig­keit und Gemein­heit vor­aus­ge­setzt wird.”
Die Kehr­sei­te der Ent­ber­gung von Inti­mi­tät wur­de bei­zei­ten den Auf­klä­rern selbst bewußt. Schließ­lich waren es die Front­frau­en von ’68, die mit ihren bis heu­te immer wie­der ange­lei­er­ten (und erfolg­lo­sen) Anti-Por­no-Kam­pa­gnen den unter der Devi­se „sexu­el­le Befrei­ung” von der Lei­ne gelas­se­nen Hund domes­ti­zie­ren woll­ten. Doch die Gewäs­ser der Sexua­li­tät sind zu tief, um noch irgend­wo einen Anker­platz sich­ten zu kön­nen, wenn das Kom­man­do „Lei­nen los!” erst­mal aus­ge­führt wur­de. Längst ist unser Unter­leib glä­sern gewor­den – eine zer­brech­li­che Sache also, die sta­bil ein­zu­rüs­ten ein schwie­ri­ges, wenn nicht unmög­li­ches Unter­fan­gen wäre. Ein Sach­be­stand, der sich ja auch – ein wei­te­res wei­tes Feld! – im Bereich der Gebär­in­dus­trie zeigt. Das medi­zi­ni­sche Manage­ment zur Plan­bar­keit des „Kin­der­ma­chens” stellt eine zusätz­li­che Stu­fe auf dem Weg zur rund­um-demo­kra­ti­sier­ten, voll­ends ent­my­thi­sier­ten Sexua­li­tät dar. Was kön­nen wir tun? Zurück zur Innen­lei­tung, self-direc­ted­ness! Mas­sen­be­we­gun­gen wie die in den USA ver­brei­te­te True-love-waits-Initia­ti­ve mit ihren Absti­nenz-Gebo­ten und zu Mark­te getra­ge­nen Keusch­heits­sym­bo­len und ihre inter­na­tio­na­len Able­ger wir­ken dage­gen ver­krus­tet und prü­de: Eben wie der Boden, auf dem die gro­ße Ver­ir­rung einst wuchs. Ist doch klar: Wer den Keim­lin­gen Licht und Luft vor­ent­hält, ern­tet über kurz oder lang wuchern­de Trie­be – vom grund­sätz­li­chen Para­do­xon, das eine öffent­li­che Inti­mi­täts­be­kun­dung in sich trägt, ein­mal abge­se­hen. Innen­steue­rung klappt allen­falls fami­li­är. Inso­fern bie­tet Pri­vat­heit doch einen gro­ßen, frei­en Raum. Er harrt sei­ner Aus­fül­lung. Und das heißt dann doch wie­der: Ab ins Bett! Lie­bend und zeu­gend Wer­te set­zen! Aber – bit­te – diskret.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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