Sezession
1. Juni 2008

Im Schwarzen Loch – Masse und Sexus

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession 24/Juni 2008

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

sez_nr_244Die „pandemische Verbreitung des Interesses für Sexus und Frau" sei ein Kennzeichen jeder alternden Zivilisation, stellte Julius Evola 1958 fest. Damit sei „dieses Phänomen eines von vielen, die uns anzeigen, daß eine solche Zeit die äußerste Endphase eines regressiven Prozesses darstellt", befand der italienische Religionsphilosoph. Nun, die Phänomene, unter deren Eindruck Evola (nebenbei selbst ein ungebundenes, promiskuitives Leben führend; ihm galt dies als Privileg einer Elite) von einem „Bann des Sexus" sprach, entlocken uns Heutigen allenfalls ein Schmunzeln: ein paar Pin-Ups, die Popularisierung des Striptease, die ersten, noch ganz biederen Aufklärungsschriften. Privat fand sich Sexualität weitgehend in der Ehe kanalisiert, andere Triebventile (also Bordelle, außereheliche Liebschaften und gewisse Angebote zur Befriedigung voyeuristischer Bedürfnisse) funktionierten ähnlich gut wie in all den Jahrhunderten zuvor. Es gab sie, obgleich weitgehend tabuisiert. Sex war weit entfernt davon, per Attribut, Dauerangebot und Frage-Antwort-Thema als öffentliches Gut gehandelt zu werden, Pornographie eine Sache, die ihr Dasein eher unterhalb des Ladentisches führte. Sexualität war Privatsache.

Und heute? Die Ratgeber für erfolgsorientierten Beischlaf boomen (austauschbare Web.de-Schlagzeile in dieser Stunde: „Auf dem Gipfel der Lust: Kommt sie oder kommt sie nicht? Wir lüften für Sie das letzte große Geheimnis der Frauen!"), und wer noch ein Betätigungsfeld für seine Ich-AG sucht, dürfte mit Sextoys ein sicheres und gar nicht übel beleumundetes Geschäft machen. Die Moderatorin und Mutter Charlotte Roche, weibliches role model erster Güte, bespricht ihre Vorliebe für Hardcore-Pornos und schreibt einen Roman über Masturbationsgewohnheiten. Mit Elfriede Jelinek, Gabriel Garcia Marquez und Philip Roth haben wir zwei Literaturnobelpreisträger und einen in spe, die ihre sexuellen Träume und Traumata ohne erotische Finesse, aber mit unappetitlicher Direktheit zu Markte tragen. Ein Vater erzählt, daß in der Klasse seiner fünfzehnjährigen Tochter ein Mädchen erst dann zum „Club" gehört, wenn sie auf ihrem Photo-Handy das (Selbst-)Bild einer stattgefundenen Kopulation herzeigen könne. Ach, wir finden kein Ende: Kein Nachmittag ohne Talkgäste mit Potenzproblemen, keine Frauenzeitschrift ohne Antidiskriminierungsaufruf gegenüber Alterssex, kein Gratis-Wochenblatt ohne einschlägige Kontaktannoncen in schärfster Sprache, kein Heranwachsender ohne Kenntnis der Massensex- und Vergewaltigungsphantasien einschlägiger „Liedermacher" wie Sido, Bushido und Frauenarzt.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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