Sezession
1. Juni 2008

Ikonen schaffen – Vom Kampf um Aufmerksamkeit

Felix Menzel

pdf der Druckfassung aus Sezession 24/Juni 2008

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Die Kritik am sonntäglichen ARD-Polittalk direkt nach dem Tatort ist auch nach dem Wechsel von Sabine Christiansen zu Anne Will nicht abgerissen. Nach jeder Sendung vergnügen sich die Feuilletonisten der überregionalen Tageszeitungen mit dem Herummäkeln an dieser politischen Bühnenshow. Abwechselnd machen sie die Moderatorin oder die anwesenden Politiker für die inhaltsschwache Vorstellung verantwortlich. Eine argumentativ hochwertige Debatte ist dabei im Fernsehen gar nicht zu erwarten. Die Strukturen dieses Mediums und des Formats „Politainment" sprechen grundsätzlich dagegen.

Wie Neil Postman (1931-2003) in seinem bekanntesten Werk Wir amüsieren uns zu Tode ausführt, überzieht das Mitte der sechziger Jahre zum Leitmedium aufgestiegene Fernsehen alle seine Inhalte mit einer Schicht „Unterhaltung". Anhand eines Vergleichs des Buchdruck- mit dem Fernsehzeitalter demonstriert der vor fünf Jahren verstorbene, ehemalige New Yorker Professor für „Medien-Ökologie", daß Fakten und Zusammenhänge von emotionalisierenden Bildern und authentischen Gesichtern zurückgedrängt worden sind. Da „Denken keine darstellende Kunst ist", begünstige der durch die Erfindung von Telegraphie, Foto und Film eingeleitete Paradigmenwechsel in der Wissensvermittlung Des-Information und De-Politisierung. Postman knüpft damit an den kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan (1911-1980) an, der sich insbesondere mit Fragen einer Epistemologie der Medien unter besonderer Berücksichtigung des „Endes der Gutenberg-Galaxis" beschäftigte. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang sein Postulat „Das Medium ist die Botschaft". Damit meinte McLuhan, daß jedes neue Leitmedium einen spezifischen Diskurs hervorbringt, sich eine eigene Umwelt schafft, die Wahrnehmung der Rezipienten revolutioniert und „das gesamte Feld der Aufmerksamkeit durchdringt". Von der strikten Trennung von Inhalt und Form hält McLuhan also herzlich wenig; diese Vorstellung sei ein Relikt der „Gutenberg-Galaxis".
Im Gegensatz zur Tradition linker Medienkritiken - angefangen bei der Kritik an der „Kulturindustrie" von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno über den „Baukasten zu einer Theorie der Medien" von Hans Magnus Enzensberger bis hin zu Pierre Bourdieus Vorträgen „Über das Fernsehen" -, die insbesondere das Eindringen des ökonomischen Feldes in das journalistische kritisieren, erfaßt McLuhan Medien und technische Innovationen ganzheitlich als etwas Unausweichliches, die lediglich etwas erweitern was physisch oder psychisch bereits im Menschen angelegt ist. Demnach seien die modernen Medien „Ausweitungen des menschlichen Körpers und der menschlichen Sinne", die das gesamte Nervensystem erweitern und mit denen man jederzeit überall sein kann.


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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