Sarrazins Buch

Eigentlich hätten wir bis heute warten müssen, um das Buch kaufen zu können. Der Erfolg der Vorabdrucke in Bild und Spiegel... 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

war aber offen­bar so groß, daß sich der Ver­lag ent­schloß, das Buch schon Mit­te letz­ter Woche auf den Markt zu brin­gen. Und auch die Sperr­frist für Bespre­chun­gen (mit 500.000 Euro abge­si­chert) war damit vom Tisch.

Die ers­te Auf­la­ge (70.000 Exem­pla­re) war sofort ver­grif­fen, die drit­te Auf­la­ge wur­de noch in der letz­ten Woche gedruckt. Wenn man den Reak­tio­nen aus Poli­tik und Medi­en glaubt, muß es sich um ein kru­des Mach­werk han­deln. Nach der Lek­tü­re ist klar: es ist alles ganz anders.

Deutsch­land schafft sich ab hat 463 Sei­ten, ent­hält zahl­rei­che Sta­tis­ti­ken und Dia­gram­me, ist stre­cken­wei­se red­un­dant und um eine betont nüch­ter­ne Dik­ti­on bemüht. Sar­ra­zins The­sen klin­gen nicht mehr ganz so pro­vo­ka­tiv wie noch im legen­dä­ren Lett­re-Inter­view. Hin­zu kommt, daß das Buch ver­hält­nis­mä­ßig wenig Neu­es ent­hält – gemes­sen an dem, was man seit 30 Jah­ren wis­sen konn­te, wenn man nur die Bücher von Robert Hepp oder Mar­tin Neuffer zur Kennt­nis genom­men hätte.

Aller­dings: Ver­gli­chen mit dem, was sich gegen­wär­tig Poli­tik und Medi­en ent­lo­cken las­sen, ent­hält es bri­san­tes Mate­ri­al: „Die sozia­len Belas­tun­gen einer unge­steu­er­ten Migra­ti­on waren stets tabu, und schon gar nicht durf­te man dar­über reden, daß Men­schen unter­schied­lich sind […]. Es war tabu dar­über zu reden, […] daß der ein­zel­ne selbst für sein Ver­hal­ten ver­ant­wort­lich ist und nicht die Gesellschaft.“

Sar­ra­zin ana­ly­siert dage­gen die Zustän­de in unse­rem Land – fak­ten­ge­sät­tigt, rea­lis­tisch und dif­fe­ren­ziert. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, wenn es um die The­men Armut, Bil­dung, Arbeit, Inte­gra­ti­on und Demo­gra­phie geht. Kurz zusam­men­ge­faßt lau­ten sei­ne Erkennt­nis­se: In Deutsch­land gibt es rela­ti­ve Armut, die von Lob­by­is­ten zu einer abso­lu­ten auf­ge­bauscht wird. Dabei ist Armut für die Betrof­fe­nen weni­ger ein finan­zi­el­les als ein geis­ti­ges Pro­blem, aus dem die Unfä­hig­keit resul­tiert, mit den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln ein selbst­ver­ant­wort­li­ches Leben zu füh­ren. Die über­mä­ßi­ge Ali­men­tie­rung des Nichts­tuns führt dazu, daß es wenig Anrei­ze gibt, dem zu ent­kom­men. Ähn­lich ver­hält es sich beim Bil­dungs­sys­tem, das nicht in der Lage ist, den hoch­qua­li­fi­zier­ten Nach­wuchs her­vor­zu­brin­gen, den Deutsch­land benötigt.

Ver­schärft wer­de die­se Pro­ble­ma­tik durch isla­mi­sche Migran­ten, die nicht zuletzt des­halb nach Deutsch­land kom­men, weil es hier ein Aus­kom­men ohne Arbeit gibt, so Sar­ra­zin wei­ter. Des­halb kom­men vor allem die Zuwan­de­rer, die in ihrer Hei­mat zu den unters­ten Schich­ten zäh­len. Hoch­qua­li­fi­zier­te mei­den Deutsch­land, weil ihnen hier wegen der Gleich­heits­ideo­lo­gie die Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten feh­len. Der Islam ver­schärft die Situa­ti­on zusätz­lich, da Mos­lems den gerings­ten Wil­len zur Anpas­sung an deut­sche Nor­men und Wer­te zei­gen. Damit hat die Ein­wan­de­rung für Deutsch­land kei­ne posi­ti­ven Effek­te. Weil Dum­me mehr Kin­der bekom­men als Klu­ge, Aus­län­der mehr als Deut­sche, und Intel­li­genz zu 50 bis 80 % ver­erbt wür­de, kommt Sar­ra­zin zu dem Schluß, daß Deutsch­land auf natür­li­chem Weg immer düm­mer wird. (Hier­bei bezieht sich Sar­ra­zin auf Volk­mar Weiss!)

Des­halb war die Ein­wan­de­rung laut Sar­ra­zin ein „gigan­ti­scher Irr­tum“ und muß in Zukunft aus mus­li­mi­schen Län­dern unter­bun­den wer­den. Inte­gra­ti­on ist eine Bring­schuld der Zuge­wan­der­ten nicht der Ein­hei­mi­schen. Es muß mehr Anrei­ze zur Arbeits­auf­nah­me geben. Die Intel­li­gen­ten müs­sen ange­hal­ten wer­den, mehr Kin­der zu bekom­men. Die Ehe darf nur dann pri­vi­le­giert wer­den, wenn dar­aus Kin­der fol­gen könn­ten, die bei gleich­ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaf­ten „aller­dings nicht zu erwar­ten“ sind. Wei­ter­hin plä­diert er für eine durch­ge­hen­de Betreu­ung der Kin­der, um sie dem nega­ti­ven Ein­fluß des Eltern­hau­ses zu entziehen.

Aller­dings ist es für Sar­ra­zin „eine offe­ne Fra­ge, ob und inwie­weit es über­haupt mög­lich ist, Refor­men gegen struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen von Wirt­schaft, Gesell­schaft und deren bestän­dig sich ändern­de Rah­men­be­din­gun­gen durch­zu­set­zen.“ Immer­hin hält Sar­ra­zin das Bewußt­sein dafür wach, daß vie­les mög­lich ist, wenn man nur will. Para­do­xer­wei­se sind wir bei der Ret­tung des Welt­kli­mas auch zu vie­len bereit, bei der Ret­tung Deutsch­lands nicht. Und er zeigt abschlie­ßend in einem “Alp­traum”, was pas­siert, wenn die Ent­wick­lung so wei­ter­geht wie bisher.

Das war’s. Selbst wer nur die Bücher von Ste­fan Luft, Her­wig Birg, Bern­hard Bueb und Nec­la Kelek kennt, weiß das alles. Natür­lich fin­den sich auch eini­ge grif­fi­ge For­mu­lie­run­gen in dem Buch. Aber gene­rell dürf­ten die Leser, die Kra­wall erwar­tet haben, ent­täuscht sein. Jetzt kann man über den gro­ßen Tabu­bruch jubeln und Sar­ra­zin als Licht­blick am trü­ben Him­mel des Kar­tells der Ver­schwei­ger ver­göt­tern. Und jeder, der die Wahr­heit sagt, bahnt zumin­dest der Mög­lich­keit, daß sich etwas ändert, den Weg. Hin­zu kommt: Nie­mand hat bei die­sen The­men zuvor solch eine Reso­nanz in der Bevöl­ke­rung gehabt wie Sar­ra­zin. Der Auf­schrei in Poli­tik und Medi­en ist ver­rä­te­risch genug.

Da ist es eine merk­wür­di­ge stra­te­gi­sche Fehl­leis­tung von Sar­ra­zin, daß er in einem sei­ner ers­ten Inter­views nach Erschei­nen des Buches, u.a. auf die “Gene der Juden” zu spre­chen kommt. Damit will er zei­gen, wie legi­tim sei­ne Auf­fas­sung von der Ver­erb­bar­keit der Intel­li­genz ist. Erreicht hat er damit aber nur, daß die­je­ni­gen, die über die wirk­li­chen Pro­ble­me nicht reden wol­len, einen Grund gefun­den haben, ihn als Irren abzu­stem­peln. Eine Aus­ein­an­der­set­zung ist also nicht mehr not­wen­dig. Der Fall Sar­ra­zin ist aber noch längst nicht abgeschlossen.

Sicher ist es mutig, die Wahr­heit auch hier so vehe­ment zu ver­tei­di­gen. Aber es weckt lei­se Zwei­fel an sei­ner Ernst­haf­tig­keit. Geht es Sar­ra­zin wirk­lich um Deutsch­land, um den Erhalt des deut­schen Staa­tes? Oder will er nur pro­vo­zie­ren und sein Ego strei­cheln? Immer­hin war Sar­ra­zin über drei­ßig Jah­re Teil die­ses Kar­tells und er betont am Anfang des Buches selbst, daß er sei­nen Dienst­her­ren Reden geschrie­ben hat, in denen die Pro­ble­me ganz bewußt aus­ge­spart wur­den. Fakt ist zudem, daß das Lett­re-Inter­view bald ein Jahr her ist und sich seit­dem nicht das gerings­te im Wahl­ver­hal­ten der Deut­schen geän­dert hat. Hier liegt das eigent­li­che Pro­blem, das auch Sar­ra­zin nicht angeht: War­um haben die Deut­schen kei­nen Selbstbehauptungswillen?

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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