1. Juni 2008

Masse und ökologische Frage

Götz Kubitschek

pfd der Druckfassung aus Sezession 24/Juni 2008

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

sez_nr_248Wer auch nur oberflächlich in Zeitungen schaut oder die Nachrichten im Fernseher verfolgt, muß zu der Überzeugung gelangen, daß es neben dem innenpolitischen Treiben austauschbarer Parteien wenigsten aus globaler Perspektive echte Aufgaben gibt: den Kampf gegen den Klimawandel, die Organisation des Überlebens der Menschheit und die Durchsetzung der weltweit gerechten Ressourcenverteilung.

Zusammenfassen lassen sich diese Aufgaben unter dem Stichwort „ökologische Frage", und man kann diese Frage als eine der wenigen offenen Flanken der ansonsten aufgrund ihrer Flexibilität so erfolgreichen „offenen Gesellschaft" begreifen: Dort, wo die Knappheit der Ressource Zuteilung erzwingt, endet die offene Gesellschaft und verwandelt sich zu gleichen Teilen in eine planwirtschaftliche (Öko)-Diktatur und in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der ein kleiner Teil aufgrund seiner finanziellen und politischen Macht weiterhin Zugang zum Verbrauchsgut hat, während der große Rest die Folgen der Verknappung mit voller Wucht zu spüren bekommt.
In globaler Hinsicht gibt es diese Zweiteilung längst, die pauschale Rede vom reichen Norden und armen Süden ist ja nicht falsch, auch wenn sie den Europäern (auch den nach Amerika ausgewanderten) immer gleich auch ein schlechtes Gewissen für eine jahrhundertelange, erfolgreiche räumliche und geistige Welteroberungspolitik einredet. Jedoch muß jeder, der alle Sinne beisammen hat, sofort zugeben, daß kein einziges Problem gelöst wäre, wenn der reiche Norden sich dem armen Süden durch freiwillige Entsagung angliche. Steigende Öl- und Milch-, Metall- und Papierpreise zeigen, was passiert, wenn zwei Milliarden Inder und Chinesen die ersten kleinen Schritte hin zu einem weltmarktorientierten Massenkonsum machen.
Vorgreifend sei gesagt: Angesichts der schieren Masse Mensch muß die ökologische Frage immer schon negativ beantwortet werden. Ein Beispiel: Die spürbare Bevölkerungszunahme im Deutschen Reich des 10. und 11. Jahrhunderts führte dazu, daß die Mittelgebirge beinahe entwaldet wurden, weil jeder noch so ungünstige Boden in einen Acker verwandelt werden mußte. Pest und Ostkolonisation minderten den Druck, schlechte Standorte konnten wieder aufgegeben und dem Wald zurückgegeben werden.
Weniger Mensch auf mehr Raum: Wer Platz um sich herum hat, muß nicht unbedingt haushalten, muß nicht ökologisch sein. Andersherum gilt: Wo sich viele Menschen drängen, steigen der Organisationsgrad, der Innovationsdruck und die Pflicht zur Beschränkung. Man kann mit solchen Formierungen auch in ökologischer Hinsicht weit kommen und das Vorhandene einfach besser nutzen, ohne es gleich zu vernutzen. Aber irgendwann muß dann doch von außen Ressource zugeführt werden, damit der steigende Anspruch der sich vermehrenden Masse befriedigt werden kann.
Massenkonsum und freier Warenaustausch: Das sind die zwei Gegenspieler jeder Nachhaltigkeit und jeder Ökologie. Die Stadt ist unter diesem Gesichtspunkt seit jeher vom Lande geschieden, und die richtigen Worte dazu finden sich bei Friedrich Georg Jünger, der einer der konservativen Erzväter der Grünen Bewegung ist. In seiner Perfektion der Technik (1939) schreibt er: „Masse gibt es und hat es zu allen Zeiten nur in den großen Städten gegeben, denn in ihnen allein liegen die Bedingungen vor, welche zur Massenbildung führen, so weithin immer das Massendenken auf das Land hinausgreifen mag. Zu den Kennzeichen der Massenbildung gehört, (...) daß die Fähigkeit aufhört, Verluste aus der eigenen Lebenssubstanz zu ersetzen und daß ein Konsum stattfindet, der um so zehrender wird, je mehr die Massenbildung fortschreitet."

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