Sarrazin ruhet balde nun auch

Ja, das hatte Herr Plasberg sich zum krönenden Abschluß des gestrigen hart aber fair-Tribunals über Thilo Sarrazin schön zurechtgelegt.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Sah man auch sei­nem Gesicht schon an. Da stie­fel­te man also samt Kame­ra in eine Goe­the­schu­le und frag­te Ober­stu­fen­schü­ler sowie Lehr­kräf­te nach dem Wort­laut von Goe­thes „Wand­rers Nacht­lied“ – in Anleh­nung an die in Sar­ra­zins Buch gestell­te rhe­to­ri­sche Fra­ge: „Wer wird dann [in einem zu Ende umge­volk­ten Deutsch­land] noch ‘Wand­rers Nacht­lied’ kennen..?“

Plas­bergs mehr oder min­der tri­um­phie­ren­de Aus­sa­ge dazu vor dem Abfah­ren der Ein­spie­lung: „Nun schau­en Sie sich das mal an!“ Da sah man dann eine Hand­voll ver­schüch­tert vor sich hin­stam­meln­der Drei­zehnt­kläss­ler, die noch nie etwas von dem gleich­na­mi­gen Gedicht gehört hat­ten und die „inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­ten“ schließ­lich an den Lehr­kör­per ver­wie­sen. Der sich, wie zu erwar­ten war, auch nicht viel bes­ser zu behel­fen wuß­te. Heißa, da gab es natür­lich gro­ßes Geläch­ter im „hart aber fair“-Studio.

Zumin­dest so lan­ge, bis Frank Plas­berg die ver­sam­mel­te Run­de nach ihren eige­nen Kennt­nis­sen in Sachen Goe­the befrag­te. Und sie­he da! Weder SPD-Mann Rudolf „Bloß nicht das J‑Wort!“ Dress­ler, noch WDR-Mode­ra­to­rin Asli „Sie keh­ren mich in Ihrem Buch unter den Tisch!“ Sevin­dim, noch Pao­lo Michel „Wo sind mei­ne 50–80% mehr Intel­li­genz?“ Fried­man kann­ten „Wand­rers Nacht­lied“. Arnulf Baring war – laut eige­ner Aus­sa­ge – zumin­dest die Hand­lung des Gedichts bekannt, wäh­rend Sar­ra­zin selbst es frei vor­tra­gen konn­te. Zwar etwas über­eif­rig und zwei Ver­se unter­schla­gend, aber immerhin!

Was die­se Ein­spie­lung und den Kon­text, in den Plas­berg sie stell­te, so absurd und – frei nach Baring – bei­na­he schon „infam“ macht, ist die Tat­sa­che, daß sie Sar­ra­zins The­se von der fort­schrei­ten­den Ver­dum­mung nur unter­stützt, und das ganz mas­siv. Aller­dings nicht im Hin­blick auf gene­tisch indu­zier­te Intel­li­genz oder ähn­li­che, schon drei Tage nach Erschei­nen des Buchs hun­dert­fach durch den feuil­le­to­nis­ti­schen Wolf gedreh­ten mensch­li­chen Eigen­schaf­ten. Statt­des­sen ist hier­bei die Schuld aus­nahms­wei­se ein­mal dort zu suchen, wo all die auf­ge­scheuch­ten Inte­gra­ti­ons­a­pos­tel sie gern hin­ver­schie­ben möch­ten, näm­lich in den viel­be­müh­ten „sozia­len Umständen“.

Maß­geb­li­cher „sozia­ler Umstand“ ist hier die Schul­bil­dung, und zwar in der Form, wie sie seit bald vier­zig Jah­ren über Lehr­plä­ne und Schul­bü­cher gesteu­ert wird. Betrof­fen sind in die­sem Fall aber nicht maß­geb­lich „Migra­ti­ons­hin­ter­gründ­ler“, son­dern eben­so – wenn nicht schlim­mer! – deut­sche Jugend­li­che, die in ihren (je nach Bun­des­land) bis zu 13 Schul­jah­ren sys­te­ma­tisch von einem Zugang von deut­scher Hoch­kul­tur, beson­ders in der Lite­ra­tur, fern­ge­hal­ten wer­den. Natür­lich, Rich­ters „Damals war es Fried­rich“ und Har­ry Mulischs „Das Atten­tat“ sind kano­ni­siert und wer­den wohl noch auf lan­ge Sicht kaum einem Schü­ler in die­sem Land erspart blei­ben. Die­se bei­den Autoren ste­hen aber auch nicht im Ver­dacht, „Steig­bü­gel­hal­ter des Natio­nal­so­zia­lis­mus“ gewe­sen zu sein, eben­so­we­nig wie Chris­ta Wolf, Hein­rich Böll, Alfred Andersch und all die ande­ren deut­schen Schrift­stel­ler, mit denen man heu­te zumin­dest als Gym­na­si­ast gepie­sackt wird. Was nicht unbe­dingt hei­ßen soll, daß die genann­ten Autoren durch­ge­hend nur Schund fabri­zier­ten; Schund ist ein­zig der schu­li­sche Kanon, der dem jun­gen Men­schen leicht ver­dau­li­che lite­ra­ri­sche Häpp­chen ser­viert, die ihre gesell­schaft­li­che „Moral von der Geschicht“ zumeist wie eine Mons­tranz vor sich hertragen.

Bei eini­gen weni­gen ande­ren Lite­ra­ten stellt sich nur lei­der das Pro­blem, daß man sie nicht ein­fach tot­schwei­gen kann. Als ich in der Ober­stu­fe war, konn­te ein Unter­richts­ab­schnitt zum Expres­sio­nis­mus erst wei­ter­ge­führt wer­den, nach­dem es eine Debat­te gege­ben hat­te, ob Gott­fried Benn nun „so’n Nazi“ (O‑Ton!) gewe­sen sei oder nicht – sein Gedicht „Mor­gue“, um das es eigent­lich ging und das wohl­ge­merkt von 1912 stammt, lasen wir nach (!) die­ser knapp zwan­zig­mi­nü­ti­gen Diskussion.

In die­sem Land, wo vie­le noch immer eine direk­te Tra­di­ti­ons­li­nie von Mar­tin Luther bis hin­un­ter zu Hit­ler rei­chen sehen (wol­len), ist jede schu­li­sche Behand­lung der deut­schen Klas­sik schlicht­weg unmög­lich, ohne wäh­rend­des­sen oder im direk­ten Anschluß „sozi­al­päd­ago­gisch“ dar­über belehrt zu wer­den, wie die­ses und jenes Werk nun zu ver­ste­hen und „in einen sozia­len Kon­text ein­zu­ord­nen“ sei. Es bleibt schlicht­weg kei­ne Zeit, sich an Sprach­for­men, kul­tu­rel­ler Potenz und Lese­genuß zu erfreuen.

Deutsch­un­ter­richt besteht heu­te dar­aus, jede Lek­tü­re über Schul­stun­den, Tage, teils Wochen hin­weg zu zer­re­den und zu zer­le­gen. Ganz egal, ob es sich dabei um Georg Büch­ners auf­wüh­len­den „Woy­zeck“ han­delt oder nur um die lin­gu­is­ti­schen Abtrei­bun­gen eines Ernst Jandl. Nichts bleibt am Ende übrig von der Mys­tik, die Lite­ra­tur und vor allem Lyrik inne­wohnt. Nichts mehr vom Mythos, der jedem gro­ßen Schrift­werk inne­wohnt und der die fun­da­men­ta­le, archai­sche Bot­schaft ist, die durch das Lesen und geis­ti­ge Nach­voll­zie­hen stets über­tra­gen wird – solan­ge der Leser nicht per Haus­auf­ga­be damit gequält wird, auf Teu­fel komm raus Moti­ve, Meta­phern und „sozia­le Kon­tex­te“ herauszulesen.

Und: Ich beken­ne mich. Auch ich kann­te „Wand­rers Nacht­lied“ bis zum Beginn mei­nes Ger­ma­nis­tik­stu­di­ums, wo wir es für eine Klau­sur aus­wen­dig­ler­nen muß­ten, nicht. Dafür durf­te ich als Schü­ler mit­ab­stim­men, ob unser „Dar­stel­len­des Spiel“-Kurs über das Schul­jahr hin­weg lie­ber „Die Wel­le“ oder „Town­ship Blues“ ein­stu­die­ren soll­te; das eine, weil es „voll gegen Nazis“ war, das ande­re, weil „die Lei­den der Far­bi­gen in Süd­afri­ka ja auch mal the­ma­ti­siert wer­den müs­sen, und so“. Wir Schü­ler ent­schie­den uns damals ein­stim­mig für die ers­te Opti­on. Sehr zur Ver­stim­mung unse­rer Leh­re­rin, die die im Buch „Town­ship Blues“ geschil­der­te Ver­ge­wal­ti­gungs­sze­ne, auf der Büh­ne von uns authen­tisch umge­setzt, für „rich­tig wich­tig“ hielt, um dem Publi­kum den „sozia­len Kon­text“ klarzumachen.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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