Sigmar Gabriel in der Defensive

Zur Zeit geistert die Schlagzeile "Gabriel gibt Sarrazin teilweise recht" durchs Netz. Der Tagesspiegel zitiert aus einem Interview mit SPD-Chef Sigmar Gabriel im rbb:...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

„Ich fin­de, vie­les, was er dar­in beschreibt, erle­ben wir ja. Ist doch gar kei­ne Fra­ge. Dafür muß er auch nicht aus der SPD und schon gar nicht aus der Bun­des­bank flie­gen.“  Vie­les davon erle­ben wir ja. Ist doch gar kei­ne Fra­ge. Sag bloß. War­um denn auf ein­mal? Das ist beson­ders aus dem Mun­de eines Gabri­el ein erstaun­li­ches Zuge­ständ­nis, gefolgt von einem deut­li­chen Rück­zie­her in Sachen Maul­korb­tak­tik. Damit wirkt der Nach­fol­ge­satz aber nicht beson­ders überzeugend:

Der Grund für den ange­streb­ten Aus­schluß Sar­ra­zins sei viel­mehr die „Kern­the­se“ in des­sen Buch, wonach die Inte­gra­ti­ons­pro­ble­me damit zu tun hät­ten, „daß Men­schen gene­tisch dis­po­niert sind und bestimm­te Ver­hal­tens­wei­sen sich nicht etwa kul­tu­rell ver­er­ben, son­dern gene­tisch, biologisch“.

Wor­auf liegt nun die Beto­nung der Empö­rung? Der Behaup­tung, daß “Men­schen gene­tisch dis­po­niert” sei­en, oder daß die “Inte­gra­ti­ons­pro­ble­me damit zu tun hät­ten”?  Ers­te­res kann ja offen­bar wis­sen­schaft­lich unter­mau­ert (neben­bei kann es kei­ne “kul­tu­rel­le Ver­er­bung” geben, son­dern nur eine kul­tu­rel­le Erzie­hung) oder zumin­dest inner­halb des aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­ses “umstrit­ten” argu­men­tiert wer­den, und damit hät­te Gabri­el erneut Erklä­rungs­not, einen Aus­schluß oder sons­ti­ge Sank­tio­nen zu rechtfertigen.

Aber selbst wenn Sar­ra­zin unrecht hät­te und gene­ti­sche Prä­dis­po­si­tio­nen nach­weis­bar kei­ne sozia­le Rol­le spie­len wür­den, dann wirkt Gabri­els Begrün­dung der Aus­schluß­be­stre­bun­gen ja doch etwas mau: War­um soll denn die eine The­se nun böser und sank­ti­ons­wür­di­ger als die ande­re sein? War­um soll man denn jeman­den für einen Irr­tum gleich aus dem Sand­kas­ten schmei­ßen? Ist Gabri­el denn über­haupt ein Wis­sen­schaft­ler und Gene­ti­ker, der so genau über Gene und Intel­li­genz Bescheid wüß­te, daß er mit einer sol­chen Selbst­si­cher­heit auf­tre­ten kann? Das zieht alles ein­fach nicht mehr. Auch die Absicht, den Sara­ze­nen unter dem Vor­wand der Gene­tik-Kon­tro­ver­se aus dem Dis­kurs aus­zu­schlie­ßen und gar von sei­nem Pos­ten zu feu­ern, wirft ein ziem­lich schlech­tes Licht auf die Betreiber.

Das spürt wohl auch Gabri­el, denn zur Recht­fer­ti­gung schiebt er die alte abge­dro­sche­ne  “Du, du”-Stanze und All­zweck­zau­ber­for­mel nach: “Wer im Geschichts­un­ter­richt etwas auf­gepaßt habe, wis­se, wo eine sol­che Argu­men­ta­ti­on enden kön­ne”, refe­riert der Tages­spie­gel. Dem folgt wie­der ein Schritt zurück: „Ich unter­stel­le ihm gar nicht, daß er da enden will.“ (Und das will offen­bar nie­mand von Bedeu­tung so rich­tig, nicht ein­mal Ste­phan Kramer.)

Bleibt nur noch die alte Rede vom “Men­schen­bild”.  Die SPD müs­se laut Gabri­el, “dar­auf ach­ten, daß es nicht belie­big sei, ‘wel­ches Men­schen­bild man ver­tritt’.” Das klingt nun auch schon ziem­lich abge­klap­pert. Neu­lich durf­te sich Gabri­el von ein paar Zehnt­kläß­lern über “Inte­gra­ti­ons­de­fi­zi­te” auf­klä­ren las­sen, und sich dabei auch Kri­tik an einem Real/Haupt­schu­le-Kom­bi-Expe­ri­ment anhören:

Die Tücken zei­gen sich auch, als er mit rund 40 Schü­lern einer Main­zer Real­schu­le dis­ku­tiert, die vor kur­zem mit einer Haupt­schu­le zusam­men­ge­legt wur­de. Für “kom­plet­ten Schwach­sinn” hält eine Zehnt­kläss­le­rin das eige­ne Kom­bi-Schul­mo­dell: “Der Haupt­schü­ler ist am Ende über­for­dert, der Real­schü­ler unter­for­dert.” Naja, kon­tert Gabri­el leicht irri­tiert, so leicht sei die Sache ja nicht. Gera­de die Kin­der von Ein­wan­de­rern, die die Haupt­schu­le oft ohne Abschluß ver­lie­ßen, hät­ten im Kom­bi-Modell doch bes­se­re Chancen.

Naja, sagt die Zehnt­kläss­le­rin, sie behaup­te jetzt mal “ganz dreist”, daß die hohe Zahl der Abbre­cher unter Ein­wan­de­rer­kin­dern damit zu tun habe, daß sie sich nicht rich­tig integrierten.

“Sach­te, sach­te”, sagt Gabriel.

Aber Ruhe bringt das nicht. Als eine ande­re Schü­le­rin sich beklagt, die Haupt­schü­ler wür­den das Leis­tungs­ni­veau drü­cken, wirft Gabri­el ihr ein „ent­setz­li­ches“ Men­schen­bild vor.

Da ist es wie­der, das “Men­schen­bild”, das dafür her­hal­ten muß, daß bestimm­te Din­ge nicht aus­ge­spro­chen wer­den dür­fen, weil sie laut Mer­kel­sprech “Men­schen in die­sem Land ver­let­zen” könn­ten. Karl­heinz Weiß­mann spricht in der aktu­el­len Jun­gen Frei­heit in Anleh­nung an Odo Maquard von einem “Anthro­po­lo­gie­ver­bot” , das

die Lin­ke seit den sieb­zi­ger Jah­ren erfolg­reich ver­an­kern konn­te. Offe­ne Dis­kus­si­on oder Ratio­na­li­tät haben dafür nie eine Rol­le gespielt, nur ein bestimm­tes ’sozio-psy­cho-kul­tur­po­li­ti­sches Gemein­ver­ständ­nis’ (Die­ter E. Zim­mer), dem sich der Rest der Gesell­schaft Stück für Stück unterwarf.

Viel­leicht hat der Besuch in der Main­zer Real­schu­le ja etwas gefruch­tet: In Gabri­els Stel­lung­nah­me schwingt deut­lich mit, daß der Glau­be an die eige­nen Grund­la­gen auch nicht mehr so fest ist, wie er ein­mal war. Jetzt steht er vor Sar­ra­zin nicht anders als vor den Zehnt­kläß­lern, stam­melt “Sach­te, sach­te” und irgend­was von einem ganz furcht­bar ent­setz­li­chen “Men­schen­bild”.  Aber in der Sache hat er genau­so­we­nig zu sagen, wie gegen­über den Schü­lern, die gegen die Expe­ri­men­te der Sozi­al­inge­nieu­re revoltieren.

Übri­gens ist nun auch laut dem­sel­ben Bericht des Tages­spie­gels Mer­kel herself mit Zuge­ständ­nis­sen nachgerückt:

Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel (CDU) plä­dier­te dafür, Pro­ble­me im Zusam­men­le­ben mit Migran­ten offen anzu­spre­chen. Sie sprach sich in der „Bild am Sonn­tag“ dafür aus, die sta­tis­tisch erhöh­te Gewalt­be­reit­schaft streng­gläu­bi­ger (sic! M. L.) mus­li­mi­scher Jugend­li­cher nicht zu tabui­sie­ren: „Das ist ein gro­ßes Pro­blem und wir kön­nen offen dar­über spre­chen, ohne daß der Ver­dacht der Frem­den­feind­lich­keit aufkommt.“

Nie­mand hat so eine untrüg­li­che oppor­tu­nis­ti­sche Wit­te­rung wie Angie, die vor einem Jahr noch anläß­lich der Kam­pa­gne “361 Grad Tole­ranz” ganz ande­re Töne gespuckt hat, mit dem Ergeb­nis, daß You­tube inzwi­schen rand­voll mit sar­kas­ti­schen Par­odien und Kon­ter­vi­de­os ist: Sie­he hier. 

Bild: sigmar-gabriel.de

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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