Sezession
5. März 2009

Zweierlei Rentnerphilosophie: eine Ankündigung

Gastbeitrag

rentnerphilosophievon Adolph Przybyszewski

Es gibt da einen klugen Rentner der Bewegung, die 1968 zur Machtergreifung des Konsumismus geführt hat. Ich kenne ihn nicht persönlich, doch verfolge ich bereits länger seinen Weg. Seit einiger Zeit tourt er mit einem fast tausendseitigen Veteranenroman über sich und seine alten KameradInnen respective GenossInnen durch die Hinter- und Vorderstuben des Landes, weil er von den Idealen und der "alten demokratischen Unruhe" seiner Jugend nicht lassen mag.

Das will manch smartem Jüngling und Junggebliebenen lächerlich erscheinen. Dieser Rentner aber ist der konsumistischen Versuchung jener damals ganz anders gemeinten Revolte im Kern intellektuell nie erlegen, anders als Goldfasane wie Jockel Fischer und viele ehemalige Aktivisten unterschiedlichsten Formats: Sie sind längst angekommen in der neuen Berliner "Republik", die von außen, etwa von Polen her, doch so alt und lebensmüde wirkt.

"Wohin gehst Du?", lautet die stets aktuelle Frage, und Novalis' romantische Antwort hieß sintemalen: "Immer nach Hause". Der Heimweg der Romantiker hat diese paradoxerweise in die produktive Offenheit geführt; heute scheint der Weg im Eigenheim zu enden, mit family&friends, ein bißchen kommunalem Engagement und gepflegt kritischem Medienkonsum.

Damit wir uns dort auch so richtig wohlfühlen können, bedarf es für viele offenbar auch noch eines fröhlichen "think positive": Eigentlich ist doch alles gar nicht so schlecht, wir haben ja dazugelernt und sind schon ganz schön weit gekommen. Was nicht von unseren Leitmedien verhandelt wird, existiert nicht, was den Modus kritischen Einverständnisses durchbricht, fliegt zu Recht raus aus dem behaglichen Diskurs. Das ist, in Anlehnung an Brecht gesprochen, Rentnerphilosophie.

Nichts gegen urkonservative Inhalte wie Lust an Heim und Familie, Garten und Naturschutz, Verein und Bekannten, Freier Wählervereinigung und Süddeutscher Zeitung. Was aber von Jürgen Link zu lernen ist, so heißt jener kluge linke und noch immer ganz schön radikale Rentner, ist bei aller ideologischen Differenz eine andere Art von "Philosophie": Zum einen erkennen wir in ihm einen Intellektuellen, der sich durch Verbürgerlichung nicht entpolitisieren ließ und die Fähigkeit zum Doppelleben behielt - Erfolg durch Einhaltung der Regeln und Anpassung im Äußeren führte bei ihm nicht zum Konformismus im Geistigen. Zum anderen hat Link einen avancierten Beitrag zur Analyse des Zustands geleistet, der den wuchernden Konformismus in den bundesdeutschen Köpfen und die "repressive Toleranz" (Gerd Bergfleth) in der BRD bedingt.

Daß Link, vor allem aber das in seinem Gefolge auftretende Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) selbst einiges zur Vergiftung des intellektuellen Klimas beigetragen hat, ändert nichts am Wert seines 1997 erstmals veröffentlichten und dann immer weitergeführten "Versuchs über den Normalismus". Dieser befaßt sich nämlich mit der massenkulturellen "Normalisierung", die mit der Entwicklung des heutigen Mediensystems unmittelbar zusammenhängt. Der von Link so genannte "flexible Normalismus" insbesondere in der BRD, aber nicht nur dort, bildet unsere Ausgangslage, die wir erkennen und geistig durchdringen müssen, sonst gilt sein schöner Satz: "Du merkst nicht, daß du nichts merkst."

Von Link lernen heißt nun zwar nicht Siegen lernen, aber man gewinnt doch einiges beim prüfenden Blick über die Mauer. Im Sinne einer geistigen "Sezession" will ich daher an diesem Ort in lockerer Folge einige Überlegungen zum 'flexiblen Normalismus' vorstellen; eine Auseinandersetzung auch mit solchen jüngeren Ansätzen stünde einer intellektuellen Rechten gut an, will sie wirklich "neu" sein und nicht nur mit Altbewährtem immer wieder neu antreten. Denn es gilt, mit Nietzsche unzeitgemäß betrachtet, mehr denn je: "Alles moderne Philosophiren ist politisch und polizeilich, durch Regierungen, Kirchen, Akademien, Sitten und Feigheiten der Menschen auf den gelehrten Anschein beschränkt; es bleibt beim Seufzen 'Wenn doch' oder bei der Erkenntnis 'Es war einmal'."

Soll es dabei bleiben?


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