Sezession
1. April 2008

„Man erfreut sich des Wohlstands und liest Böll“ – Von der Heimatlosen zur Neuen Linken in der Bundesrepublik

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 23/April 2008

sez_nr_23aus dem Institut für Staatspolitik (IfS)*

Im Rückblick auf die Entwicklung der Studentenbewegung in den USA äußerte einer ihrer Führer, Abbott Howard „Abbie" Hoffman, man habe letztlich „die ganze Gegenkultur dazu benutzt, die Jugend anzusprechen, die den american way of life satt hatte. Wir haben uns auf die spontane Revolte einer ganzen Generation gestützt. Wir betrachteten die Jugend als eine soziale Klasse, die ihre eigenen Bedürfnisse, ihre eigenen Sehnsüchte hat, wir waren überzeugt davon, daß diese Klasse die Revolution machen würde". Hoffman konnte das auf Grund seiner intimen Kenntnis der Akteure und Ereignisse sagen, er hatte mit den Beatniks sympathisiert und Jahre als Hippie gelebt, bis ihn die allgemeine Politisierung erfaßte, hatte in SNCC und im SDS mitgearbeitet und war wegen seiner Beteiligung am Sturm auf den Konvent der Demokraten vor Gericht gestellt und verurteilt worden. Seine öffentlichen Auftritte hatten etwas Clowneskes, seine Aktionen erinnerten manchmal an Eulenspiegeleien, aber es war nicht zu verkennen, daß er einer radikalen Vorstellung von Theorie und Praxis folgte.

Die Kombination von Gegenkultur, Generationenkonflikt und revolutionärer Rhetorik bildete ein Ganzes, das als Ganzes aus den USA nach Europa importiert wurde. Es waren zuerst nicht die abstrakten Ideologeme, die Demonstranten auf die Straße brachten, sondern Bilder von den großen Unruhen in den USA und die Lieder von Joan Baez und Bob Dylan, später John Lennons „Give peace a chance" oder Jim Morrisons „We want the world and we want it now". „Wir wollen die Welt und wir wollen sie jetzt" kann man als gemeinsame Parole des Jugendprotestes im Wohlfahrtsgürtel bezeichnen. Die USA boten ein Modell und die westliche Welt ahmte es nach. Das entsprach dem Zuge der großen Amerikanisierung, die seit Jahrzehnten Kauf-, Kleidungs- und Ernährungsgewohnheiten, Mode, populäre Kultur und Sprache über den Atlantik kommen ließ.
Die „Lebensstilrevolution" (Rainer Bieling) der sechziger Jahre mit Hippie-Look und langen Haaren, Rockmusik und „Gammelei", Minirock und Gleichberechtigung der Frau, Freigabe der „Pille" und „Sex-Welle" bereitete den Boden. Die Politisierung konnte aber erst dann erfolgen, wenn man die Bedingungen vor Ort einbezog. Es gab einige Fälle, in denen Führer der Achtundsechziger direkten Anschauungsunterricht in den USA genossen hatten - Karl Dietrich „Ka-De" Wolff etwa, der als Austauschschüler die ersten Aktionen der Bürgerrechtsbewegung in Michigan miterlebte oder Ekkehart Krippendorff, der als Student in Berkeley die Go-Ins und Sit-Ins beobachten konnte -, und außerdem unterstützten linke Studenten in Berlin eine Gruppe von Amerikanern, die Deserteure der US-Armee versteckte, und dafür Lektionen in bürgerlichem Ungehorsam nach amerikanischem Muster erteilte.


 Gastbeitrag

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