Stasimuseum Berlin

pdf der Druckfassung aus Sezession 23/April 2008

sez_nr_232von Günter Scholdt

Berlin-Lichtenberg: ein grauer Novembertag des Jahres 2007. Regen und Kälte, die frösteln macht, passen zur Szenerie. Wir sind auf der Suche nach dem Stasimuseum, auf das uns ein Schild beim Ausstieg aus der U-Bahn-Station Magdalenenstraße aufmerksam gemacht hat. Bald stehen wir ein wenig ratlos zwischen mächtigen Häuserblocks, die eine zentrale Informationstafel vermissen lassen. Auch andere Besuchswillige irren zunächst unschlüssig herum, bis sie uns in ein Gebäude folgen, mit der Aufschrift „Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße".

 Gastbeitrag

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Ja, hier sei­en wir rich­tig, bestä­tigt uns die Dame am Schalter.
Das Foy­er prä­sen­tiert ein Holz­mo­dell, das mit­tels Lämp­chen den Rie­sen­kom­plex ver­deut­licht, den die­se Staats-„Sicherheits”-Krake allein schon räum­lich ein­ge­nom­men hat. Eine Land­kar­te ver­weist auf die Hun­dert­schaft von „Guck-und-horch”-Filialen auf DDR-Gebiet. Beson­de­re Auf­merk­sam­keit ver­dient ein Gefan­ge­nen­wa­gen mit fünf kaum vor­stell­bar klei­nen Zel­len von einem hal­ben Qua­drat­me­ter, in dem die Delin­quen­ten, in Hand­schel­len gefes­selt und nicht sel­ten wohl auch ein­mal halb erstickt, zu ihren Pei­ni­gern trans­por­tiert wurden.
Über eine Trep­pe gelan­gen wir zu wei­te­ren Reli­qui­en der Aus­spä­hung und des Ter­rors: Riech­pro­ben von Ver­däch­ti­gen zum Bei­spiel, hin­ter Vogel­häus­chen oder Baum­stäm­men ver­bor­ge­ne Kame­ras, uni­for­mier­te Klei­der­pup­pen in Glas­vi­tri­nen, dar­über hin­aus Hun­der­te von Fotos, Akten­stü­cke und sons­ti­ge Tex­te mit den satt­sam bekann­ten Pro­pa­gan­da­phra­sen der Zei­tun­gen, Pro­kla­ma­tio­nen oder Dokumente.
Beson­ders beein­druckt die Eta­ge mit den Amts­räu­men des letz­ten Sta­si-Minis­ters Erich Miel­ke, die weit­ge­hend im Ori­gi­nal­zu­stand belas­sen sind. In die­sem funk­ti­ons­be­zo­ge­nen holz­ge­tä­fel­ten Ambi­en­te wirkt der geni­us loci des büro­kra­ti­schen Schre­ckens unmit­tel­bar. Dar­über hin­aus fes­seln zwei Räu­me mei­ne Auf­merk­sam­keit, voll­ge­stopft mit Geschen­ku­ten­si­li­en, die neben Geld­prä­mi­en den Dienst­ei­fer der Sta­si­män­ner und ‑frau­en ansta­cheln soll­ten. Wir ent­de­cken zahl­rei­che Expo­na­te einer skur­ri­len Nip­pes­in­dus­trie zum Segen jener, die offen­bar zusätz­li­cher mora­li­scher Auf­rüs­tung bedurf­ten, da sie die Früch­te ihrer licht­scheu­en Ver­diens­te viel­fach fern­ab öffent­li­cher Aner­ken­nung aus­kos­ten mußten.
Sie galt es, bei Lau­ne zu hal­ten, im Sin­ne jener Himm­ler­schen For­mu­lie­rung eines „nie­mals geschrie­be­nen und nie­mals zu schrei­ben­den Ruh­mes­blatts unse­rer Geschich­te”. Für sie wur­den alle erdenk­li­chen Schleu­sen einer mit Blut und Leid grun­dier­ten Kitsch­pro­duk­ti­on geöff­net. Zusam­men mit der gewal­ti­gen Aus­deh­nung des Sta­si-Gebäu­de­kom­ple­xes, der sich – wie mir eine Zeit­zeu­gin bestä­tig­te – kaum dem durch­schnitt­li­chen DDR-Bür­ger erschloß, ver­deut­licht ein sol­cher offen­bar reich­lich beschäf­tig­ter Berufs­zweig von Tep­pich­we­bern, Gra­veu­ren oder Sou­ve­nir-Desi­gnern schon vom Öko­no­mi­schen her jene Unpro­duk­ti­vi­tät, die dem Regime ja dann letzt­lich zum Ver­häng­nis wur­de. Es rech­ne­te sich eben auf Dau­er nicht, daß bei nur 16,3 Mil­lio­nen Ein­woh­nern immer­hin 265.000 zum Teil hoch­qua­li­fi­zier­te Fach­leu­te damit beschäf­tigt waren, den Rest der Bevöl­ke­rung ein­falls­reich zu bespit­zeln und kilo­me­ter­lan­ge Akten­be­stän­de zu fabrizieren.

So ver­meint­lich unab­weis­bar vie­le Expo­na­te ein Sys­tem demas­kier­ten, das sei­ner­zeit nicht weni­gen ver­blen­de­ten (West-)Utopisten oder zyni­schen Pro­fi­teu­ren als bes­se­re Alter­na­ti­ve zur Bun­des­re­pu­blik erschien, und so unver­zicht­bar die­se polit­päd­ago­gi­sche Lek­ti­on gera­de für schon wie­der ver­geß­lich gewor­de­ne Sozia­lis­mus-Nost­al­gi­ker auch sein dürf­te, so zuneh­mend ver­stimmt folg­te ich die­sem Auf­klä­rungs­kreuz­weg, je län­ger er dau­er­te. Denn es wur­de hier, um das Bild zu wech­seln, wahr­lich muse­ums­di­dak­ti­sches Schwarz­brot gereicht, und ich spür­te immer stär­ker, daß trotz eines immensen Auf­wands eine gro­ße Chan­ce ver­tan wurde.
Dazu eine Vor­be­mer­kung: Ich möch­te gewiß nach Kräf­ten dazu bei­tra­gen, daß die­se Gedenk­stät­te auch künf­tig die ihr gebüh­ren­de Auf­merk­sam­keit erfährt und das im Dop­pel­sinn über­wäl­ti­gen­de Mate­ri­al vie­len zu Auf­klä­rung ver­hilft. Nichts liegt mir also fer­ner, als daß sich jemand von mei­nen (aus Empa­thie viel­leicht beson­ders kri­ti­schen) Wor­ten von einem Besuch abhal­ten lie­ße. Und es geht mir auch wahr­lich nicht dar­um, den tat­kräf­ti­gen Idea­lis­mus und Non­kon­for­mis­mus zu dis­kre­di­tie­ren, mit denen vie­le Ein­zel­ne die­se umfang­rei­che Samm­lung zusam­men­ge­tra­gen haben. Ich erken­ne enor­men Fleiß, ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment, beträcht­li­chen Mut und das trot­zi­ge Behar­ren auf Posi­tio­nen, die offen­bar nicht (mehr) popu­lär sind.
Aber reden wir um der Sache wil­len Klar­text: Ich sehe auch man­chen Dilet­tan­tis­mus am Werk. Zahl­rei­che Zim­mer oder Vitri­nen sind text- und kopf­las­tig gestal­tet und appel­lie­ren kaum an die Emo­tio­na­li­tät vor allem jün­ge­rer Besu­cher. Sie quel­len über von mehr­sei­ti­gen Doku­men­ten und meist durch­schnitt­lich aus­sa­ge­kräf­ti­gen Fotos in viel zu gro­ßer Zahl. „Wer vie­les bringt, wird man­chem etwas brin­gen”, heißt es zwar im Faust. Doch als Aus­stel­lungs­kon­zep­ti­on rate ich drin­gend davon ab. Eher gilt hier, daß wer alles zei­gen will, letzt­lich nichts oder nur weni­ges vermittelt.
Die Kom­men­ta­re die­ser Aus­stel­lung sind häu­fig zu lang oder feh­len völ­lig. Irgend­wo steht sinn­ge­mäß, daß man dar­auf ver­zich­tet habe, weil die Doku­men­te für sich sel­ber sprä­chen. Das ist rich­tig und gleich­zei­tig rüh­rend naiv. Sie spre­chen in der Tat für sich selbst – für his­to­risch Infor­mier­te, Lern­wil­li­ge oder Betrof­fe­ne, die auf Grund eige­ner schmerz­li­cher Erfah­rung zu Spe­zia­lis­ten gewor­den sind und sie somit mühe­los ent­zif­fern kön­nen. Aber sie blei­ben weit­ge­hend stumm für eine apo­li­ti­sche Schü­ler­ge­nera­ti­on, deren geball­tes Des­in­ter­es­se an die­ser Mate­rie sich bei gele­gent­li­chen Füh­run­gen exem­pla­risch artikuliert.

Fazit: Das hier reicht heu­te weni­ger denn je. Die Kon­zep­ti­on die­ser Sta­si-Schau blieb die Sache von Ama­teu­ren, zwar in des Wor­tes Dop­pel­sinn mit durch­aus sym­pa­thi­scher Kon­no­ta­ti­on, aber lei­der ohne die gewünsch­te bewußt­s­eins­än­dern­de Durch­schlags­kraft. Wie man es bes­ser macht, kann man in der glei­chen Stadt viel­fach bewun­dern, wo im Auf­trag von lei­der kon­kur­rie­ren­den Opfer­grup­pen tat­säch­li­che Gedächt­nis­pro­fis am Wer­ke sind. Dort wer­den in der Tat ein­dring­li­che Akzen­te gesetzt. Dort weiß man, daß nicht gekle­ckert, son­dern geklotzt wer­den muß, um siche­re Effek­te zu garan­tie­ren. Dort ist man sich aber vor allem – und das trifft den Kern – einer öffent­li­chen Ali­men­tie­rung gewiß, die eine nach­hal­ti­ge­re Muse­ums­kon­zep­ti­on ermöglicht.
Soweit sind mei­ne Über­le­gun­gen gedie­hen, als ich, ein wenig erschöpft, von einer Sitz­ge­le­gen­heit im obe­ren Flur Gebrauch mache. Dabei kom­me ich mit einer Muse­ums­an­ge­stell­ten ins Gespräch. Ich fra­ge sie, wer die Kos­ten für die­ses Haus trägt, und erfah­re, daß sich die Gedenk­stät­te zunächst ein­mal vor allem über das Enga­ge­ment einer Ver­ei­ni­gung (ehe­mals) Betrof­fe­ner finan­ziert: die Antis­ta­li­nis­ti­sche Akti­on Ber­lin-Nor­man­nen­stra­ße (ASTAK e.V.).
Eine ursprüng­lich brei­te­re öffent­li­che Unter­stüt­zung sei inzwi­schen zurück­ge­fah­ren. Sie per­sön­lich ver­die­ne ja auch weni­ger als Mit­ar­bei­ter ande­rer staat­li­cher Muse­en. War­um das so sei, will ich wis­sen. Sie zuckt mit den Ach­seln. Sie habe in der DDR-Zeit schwei­gen gelernt – viel­leicht sei dies auch jetzt das Beste.
Sie erzählt, daß sie ver­schie­dent­lich Schul­klas­sen füh­re, die sich aber meist wenig moti­viert oder infor­miert zeig­ten. Ich wen­de ein, daß man dies zumin­dest teil­wei­se ver­ste­hen kön­ne. Die Aus­stel­lungs­ob­jek­te sei­en schließ­lich nicht all­zu attrak­tiv arran­giert und nur sel­ten an die Seh- und Hör­ge­wohn­hei­ten der Jugend­li­chen angepaßt. (Län­ge­res) Lesen sei ohne­hin eine aus­ster­ben­de Kul­tur­tech­nik. Aber wir dre­hen uns hier im Kreis. Denn gera­de um das zu ändern, brauch­te es Spe­zia­lis­ten, wah­re Effekt­künst­ler. Und die kos­ten respek­ti­ve ver­brau­chen nun mal ganz ande­re Sum­men als die­je­ni­gen, die hier offen­sicht­lich zur Ver­fü­gung ste­hen. Mir fiel schon vor Jah­ren beim Muse­um am Check­point Char­lie auf, wie lai­en­haft dort vie­les insze­niert war, ver­gli­chen mit den Ein­rich­tun­gen von Opfer­krei­sen, die offen­bar an zen­tra­le Geld­flüs­se ange­schlos­sen sind.
Das mit der Finan­zie­rung läßt mir kei­ne Ruhe, und ich bit­te eine Kol­le­gin um wei­te­re Aus­künf­te. Immer­hin, höre ich, sit­zen neben der ASTAK noch der Ber­li­ner Lan­des­be­auf­trag­te zur Auf­ar­bei­tung der Sta­si-Unter­la­gen und die Bun­des­stif­tung zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur als Geld­ge­ber mit im Boot. Aber gleich schränkt sie ein, es man­ge­le an kon­ti­nu­ier­li­cher För­de­rung und lang­fris­ti­ger Fol­ge­fi­nan­zie­rung. Stets müß­ten zum Jah­res­en­de aus­lau­fen­de Pro­jekt­mit­tel neu bean­tragt wer­den. Ehren­amt­li­che und kurz­fris­ti­ge Hil­fen per ABM könn­ten die Lücken nur not­dürf­tig schlie­ßen. Und daß die 4½ stän­di­gen Mit­ar­bei­ter für die viel­fäl­ti­gen Auf­ga­ben eine Unter­be­set­zung dar­stel­len, sieht man selbst bei einer Stippvisite.

Mein Rund­gang nähert sich sei­nem Ende. Ich schä­me mich nun plötz­lich, beim Bezah­len der Ein­tritts­kar­te den einen Euro Tou­ris­tener­mä­ßi­gung wahr­ge­nom­men zu haben, und wer­fe ihn in den Spen­den­kas­ten. Aber die­se läp­pi­sche Ges­te beschwich­tigt mein schlech­tes Gewis­sen kaum. Noch weni­ger mil­dert sie mei­ne Erbit­te­rung über die hier herr­schen­de poli­ti­sche Klas­se, die ein sol­ches stei­ner­nes Skan­da­lon zwar nicht gänz­lich besei­tigt, aber offen­bar leich­ten Her­zens marginalisiert.
Wenn dies zudem in einer Stadt und einem Land geschieht, die sich sonst in Sachen Zeit­ge­schich­te erin­ne­rungs­süch­tig bis an die Gren­ze zur Neu­ro­se zei­gen, dann liegt dar­in im güns­tigs­ten Fal­le ein Rie­sen­quan­tum an Nai­vi­tät, das als Fol­ge die nicht ganz unpro­ble­ma­ti­sche Ost­al­gie zumin­dest bil­li­gend in Kauf nimmt. Im weni­ger güns­ti­gen Fall kommt hier­in jedoch ein fata­ler poli­ti­scher Wil­le zum Aus­druck, der, aus wel­chen Moti­ven auch immer, Gedächt­nis­trü­bun­gen favo­ri­siert. Es wird den heu­te Her­an­wach­sen­den unter sol­chen Vor­aus­set­zun­gen aller­dings schwer­ge­macht zu erah­nen, daß die anti­kom­mu­nis­ti­schen Breit­sei­ten und Ver­här­tun­gen der Ade­nau­er­zeit leicht erklär­lich und die zeit­wei­li­gen For­men poli­ti­scher Nibe­lun­gen­treue zur USA ange­sichts der Dro­hung eines zwei­ten deut­schen Tota­li­ta­ris­mus nicht ganz unver­ständ­lich waren.
So mögen also wei­ter­hin links­ex­tre­me Tra­di­ti­ons­be­wah­rer viel­fa­cher Sym­pa­thien und Sub­ven­tio­nen gewiß sein und die ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter des MfS mögen in ihrer „Gesell­schaft zur Recht­li­chen und Huma­ni­tä­ren Unter­stüt­zung e.V.” unbe­hel­ligt ihren Kampf gegen „poli­ti­sche Straf­ver­fol­gung und Kri­mi­na­li­sie­rung von DDR-Bür­gern, für Reha­bi­li­tie­rung und Gerech­tig­keit (!)” füh­ren, und Bran­den­burgs Schü­ler mehr­heit­lich kei­nen Anlaß sehen, der Aus­sa­ge zu wider­spre­chen, daß die DDR kei­ne Dik­ta­tur war. Es genügt ja offen­sicht­lich für uns demo­kra­ti­sches Stimm­vieh, wenn wir unse­re geball­te Erin­ne­rungs­en­er­gie auf einen bereits seit lan­gem vor­ge­ge­be­nen Ziel­punkt kon­zen­trie­ren, der um des ver­meint­li­chen poli­ti­schen See­len­heils wil­len anschei­nend kei­ne nen­nens­wer­te Hori­zont­er­wei­te­rung verträgt.
Auch der MDR befaßt sich immer mal wie­der mit der Auf­ar­bei­tung von Zeit­ge­schich­te. Neu­lich, am 17. Janu­ar, wie­der­hol­te man im Fern­se­hen Jan Loren­zens und Chris­ti­an Klem­kes „Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit – All­tag einer Behör­de”, zur bes­ten Sen­de­zeit zwi­schen 0.05 und 1.35 Uhr. „Nachts schla­fen die Rat­ten doch”, wuß­te schon Wolf­gang Bor­chert. Und das taten sie denn ja auch wohl bes­ten Gewis­sens, wäh­rend sich ihre obers­ten Char­gen in die­ser Auf­klä­rungs­do­ku­men­ta­ti­on par excel­lence rei­hen­wei­se selbst ent­larv­ten. Denn die O‑Töne höchs­ter „Staats­schüt­zer” sind die eigent­li­che Sen­sa­ti­on die­ses Films.

Daß sich die unein­sich­ti­gen Schutz­be­foh­le­nen die­se zu Trä­nen rüh­ren­de Staats­für­sor­ge irgend­wann ein­mal ener­gisch ver­ba­ten, wel­che Undank­bar­keit! Fast hät­ten die Heger und Pfle­ger einer bes­se­ren Welt sogar erns­te Repres­sio­nen gewär­ti­gen müs­sen und veri­ta­blen Haß. Aber rich­tig gewalt­tä­tig wur­de es dann doch nicht, ver­mut­lich – wie einer erklär­te – weil man frü­her selbst ja stets so rela­tiv sanft ver­fah­ren war. So blieb es nach der Wen­de bei Gehalts­ein­bu­ßen; sogar rich­tig schin­den muß­te sich einer im Ren­ten­al­ter durch den Ver­trieb von Rekla­me­zet­teln. Den­noch hält – wir ver­neh­men es vol­ler Freu­de – die Groß­fa­mi­lie zusam­men. Kei­ne Vor­wür­fe sei­tens der Jün­ge­ren oder der­glei­chen. Viel­mehr volls­tes Ver­ständ­nis für die Bra­ven. Wo doch deren obers­ter Reprä­sen­tant Erich Miel­ke in einem unfrei­wil­lig komi­schen par­la­men­ta­ri­schen Slap­stick-Bei­trag gar ver­si­chern konn­te: „Ich lie­be euch doch alle”.
Na, wohl bekomm’s, und mit ihm, dem so San­ges­freu­di­gen, ein tüch­ti­ges Lied geschmet­tert, etwa in der Art wie es eine Film­se­quenz über­lie­fert: „Prost, Prost, Prös­ter­chen, was soll das schlech­te Leben?/ Prost, Prost, Prös­ter­chen, man muß doch einen heben./ Prost, Prost, Prös­ter­chen, drum laßt uns fröh­lich sein./ Prost, Prost, Prös­ter­chen, hin­ein, hin­ein, hinein!”
Nun könn­te es aller­dings pas­sie­ren, daß dem einen oder ande­ren zuse­hen­den Sta­si-Opfer bei sol­chen Klän­gen schau­er­li­cher Jovia­li­tät ganz ande­re Töne und Ver­se in den Sinn kom­men, etwa die­je­ni­gen von Fran­çois Vil­lon in der „Drei­gro­schen­oper”: „Man schla­ge ihnen ihre Fressen/ Mit schwe­ren Schmie­de­häm­mern ein./ Im übri­gen will ich vergessen,/ Und bit­te sie, mir zu ver­zeihn.” Auch das wäre ein nicht unver­ständ­li­ches poli­ti­sches Tes­ta­ment – und ihren Brecht wer­den die­se mehr oder weni­ger Ahnungs­lo­sen ja wohl oft genug gehört oder zitiert haben.

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