Der Balkan in mir – Zur Sehnsucht nach einer “Loslösung” vom Politischen

Sezession 23/April 2008

sez_nr_234von Wiggo Mann

Große Revoltengeburtstagsparty.
Da vierzig plus neunzehnhundertsiebenundsechzig gleich zweitausendsieben ist, schüttete uns die deutsche Presse im letzten Jahr mit Rückblicken und „kritischen" Auseinandersetzungen mit den 68ern zu, die sich im Jahr 2008 wohl noch einmal exorbitant vermehren werden. Am 2. Juni 1967 wurde bei den Protesten gegen den Schah-Besuch in Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen, und glaubt man den öffentlich gewichtigen Stimmen der Bundesrepublik war das in etwa der offizielle Startschuß für die sogenannte Revolte des Jahres 1968. Freund wie Feind scheinen von dieser bis heute fasziniert zu sein. Auch wenn der Begriff „Revolte" möglicherweise nur Teil einer Selbstinszenierung ist, die wir alle mittragen, kann man relativ schnell auf etwas unheilige Ähnlichkeiten stoßen. Und zwar in dem Sinne, daß nämlich Freund wie Feind bis heute von den Revolten von 1917 und 1933 scheinbar ebenso fasziniert sind. Allerdings wurde bei diesen beiden Revolten ziemlich schnell viel Böses ausgemacht, bei der einen mehr und etwas schneller als bei der anderen. Die Entwicklungen, die durch das Jahr 1968 und seine Protagonisten ausgelöst wurden, umschreibt man lieber „nur" mit dem Begriff der „Kulturrevolution", liebevoll auch oft: Protestbewegung, denn mit Wörtern, die irgendwie zu viel in eine mögliche Relation stellen könnten, geht man mit Bedacht um, auch wenn es für die folgende Thematik hilfreich sein könnte. Und so darf über die Resultate dieser Kulturrevolution, wie auch immer sie wahrgenommen werden, weiterhin fleißig gestritten werden.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag


1917 und 1933 sind klar als Grund­la­ge und Ursa­che für diver­se Ver­bre­chen aus­zu­ma­chen, zum Bei­spiel der Mord an den Juden durch den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staat oder der Ver­nich­tungs­zug gegen die Kula­ken sei­tens der Bol­sche­wi­ken in Ruß­land. – Sind nun aber die Auf­lö­sun­gen von Fami­lie, Gesell­schaft und Insti­tu­tio­nen und deren Aus­wir­kun­gen der Revol­te von 1968 anzu­krei­den? Immer­hin ging’s doch bloß um Viet­nam, die Abrech­nung mit der Eltern­ge­nera­ti­on und Rock’ n’ Roll? Wur­de Wind gesät und Sturm geern­tet? Oder ist das nur der Zahn der Zeit, der an allem nagt? Dar­über ver­sucht man seit Jah­ren mit gro­ßer Lust zu strei­ten, jedes har­te Wort gegen die, rea­len oder angeb­li­chen, Ver­hee­run­gen die­ser berühm­ten west­li­chen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on an den ein­zel­nen Men­schen und ihren Lebens­um­stän­den, wie sie bei­spiels­wei­se Michel Hou­el­le­becq in sei­nem Roma­n­es­say Ele­men­tar­teil­chen beschrieb, wird sogleich kri­ti­siert und in Fra­ge gestellt: regel­mä­ßi­ge Tauch­gän­ge in die seich­ten Gewäs­ser eines ermü­den­den Diskurses.
Viel­leicht wird das, was von man­chen im Zusam­men­hang mit dem Jahr 1968 als nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen, als etwas Schlech­tes und Fal­sches wahr­ge­nom­men wird, ja nur durch den Pop-Appeal die­ser Genera­ti­on und die von ihr her­vor­ge­brach­ten Ver­än­de­run­gen ver­deckt. Der ist näm­lich amt­lich bestä­tigt: Che-Gue­va­ra-T-Shirts an jun­gen und auch nicht mehr ganz so jun­gen Kör­pern, Andre­as Baa­der als „rebel without a cau­se” auf der Lein­wand, Jim­my Hen­drix in Wood­stock, repres­si­ons­frei­es Kif­fen in einer Stu­den­ten­wohn­ge­mein­schaft, Spon­ti-Sprü­che im Kopf und an den Wän­den beglei­ten den bemer­kens­wer­ten Marsch durch die Insti­tu­tio­nen. Die von vie­len viel­leicht als not­wen­dig emp­fun­de­nen Ver­än­de­run­gen im Zusam­men­le­ben, der Sit­ten, der Moral und der Anschau­un­gen, von denen wir zu einem gro­ßen Teil zeh­ren und Gebrauch machen, wären wahr­schein­lich auch ohne die­se wir­kungs- und deu­tungs­mäch­ti­ge Pro­test­be­we­gung über uns gekom­men. Das Pro­blem, das bei allem Wohl­wol­len bleibt, ist die poli­ti­sche Ver­brä­mung der gan­zen Sache.

DWEM – „dead white Euro­pean men”.
Und das Poli­ti­sche, das ist das Böse. „Das Abend­land geht näm­lich mei­ner Mei­nung nach gar nicht zugrun­de an den tota­li­tä­ren Sys­te­men oder den SS-Ver­bre­chen, auch nicht an sei­ner mate­ri­el­len Ver­ar­mung oder an den Gott­walds und Molo­tows, son­dern an dem hün­di­schen Krie­chen sei­ner Intel­li­genz vor den poli­ti­schen Begrif­fen. Das zoon poli­ti­kon, die­ser grie­chi­sche Miß­griff, die­se Bal­ka­ni­dee, – das ist der Keim des Unter­gangs, der sich jetzt voll­zieht.” Dies schrieb im Jahr 1948 Gott­fried Benn an den Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift Mer­kur – der Ber­li­ner Brief. Der dich­ten­de Der­ma­to­lo­ge kann­te die Tücken des Poli­ti­schen nur zu gut. In den zwan­zi­ger und frü­hen drei­ßi­ger Jah­ren wur­de er unter ande­rem von lin­ken Autoren wie Johan­nes R. Becher und Egon Erwin Kisch wegen angeb­li­cher anti­hu­ma­ner Ten­den­zen in sei­nen Schrif­ten ange­grif­fen, da er jeg­li­che Art der „enga­gier­ten Lite­ra­tur” als sinn­los, künst­le­risch ver­fehlt und unnö­tig ablehn­te. Benn ver­stand es zu die­ser Zeit, Kunst und Leben zu tren­nen, ein „Dop­pel­le­ben” zu füh­ren – als Arzt ein hilfs­be­rei­ter und kor­rek­ter Zeit­ge­nos­se, als Schrift­stel­ler ein Herr im eige­nen Reich, dem Reich der „Aus­drucks­welt”. Sein Ver­ständ­nis von Kunst, sein Kunst-Selbst­ver­ständ­nis, sein phi­lo­so­phi­scher Glau­be waren maß­geb­lich von Nietz­sche und des­sen „Artis­ten­evan­ge­li­um” beein­flußt. Bis ans Ende sei­nes Lebens hat sich Benn mit dem Phi­lo­so­phen aus­ein­an­der­ge­setzt; die Brie­fe an Freund Oel­ze geben ein beein­dru­cken­des Zeug­nis davon: immer wie­der Nietzsche.
Von Nietz­sche nun stammt die Defi­ni­ti­on der „Sezes­si­on” als „gro­ße Los­lö­sung” – es ist nicht bekannt, ob Benn die­sen Aus­druck geson­dert zur Kennt­nis genom­men hat. Zur Kennt­nis genom­men wer­den soll­te aller­dings, daß Benn im Jah­re 1933 die „gro­ße Los­lö­sung” betrieb, und das für vie­le recht uner­war­tet. Sein kurz­zei­ti­ges Ein­tre­ten für den Natio­nal­so­zia­lis­mus sorgt immer noch und immer wie­der für rat­lo­ses Kopf­schüt­teln: Was gab den Aus­schlag für Ben­ns plötz­li­chen Glau­ben an die Ver­än­der­bar­keit der Welt zum ver­meint­lich Guten, Rich­ti­gen und Schö­nen? Den Aus­schlag dafür, sei­ne Stim­me öffent­lich für eine poli­ti­sche Sache zu erhe­ben und sein bis­he­ri­ges Kon­zept des künst­le­ri­schen Ichs, das mono­lo­gisch und aso­zi­al der Welt gegen­über­steht, auf­zu­ge­ben? Auch wenn mono­kau­sa­le Erklä­run­gen strikt abzu­leh­nen sind, ist man geneigt zu sagen: Nietz­sche, der gab den Aus­schlag. Nietz­sche, der tief in den Schlund des Res­sen­ti­ments geschaut hat­te und die­ses selbst betrieb, denn die „gro­ße Los­lö­sung” bedient sich ordent­lich an der reich gedeck­ten Tafel des Res­sen­ti­ments. Nietz­sche, der neben der Rol­le des uner­hört genia­len Phi­lo­so­phen sei­ner Zeit die Rol­le des gro­ßen „Ver­gif­ters” der nach­fol­gen­den Genera­ti­on – um 1890 warn­ten deut­sche Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren ein­dring­lich vor dem „Neo-Cynis­mus”, der von Nietz­sche aus­ge­hend die Jugend gefähr­de -, und der somit auch als der „Ver­gif­ter” Ben­ns zu bezeich­nen ist, auch wenn Benn selbst immer dar­auf hin­ge­wie­sen hat, daß er selbst und sei­ne Genera­ti­on, die Expres­sio­nis­ten, und deren Wer­ke ohne Nietz­sche undenk­bar wären.

Goe­the und die ande­ren.
Benn hat­te 1932, kurz vor sei­nem Jahr der Ent­schei­dung, im Son­der­heft der Neu­en Rund­schau zum hun­derts­ten Todes­jahr Goe­thes einen sei­ner bril­lan­tes­ten Essays ver­öf­fent­licht: Goe­the und die Natur­wis­sen­schaf­ten. Benn stellt den Dich­ter, Natur­for­scher und Staats­mann als bei­spiel­haf­te, ja exem­pla­ri­sche Exis­tenz dar, die noch Den­ken und Leben, Sein und Bewußt­sein, Form und Inhalt ver­band, schein­bar ohne Rück­griff auf die Krü­cke eines Dop­pel­le­bens. Und Benn ent­fernt sich in die­sem Text von den Vor­bil­dern sei­ner frü­he­ren Jah­re. „Das heißt: Benn voll­zieht in den Kri­sen­es­says auf sei­ne Wei­se jene ‚Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on‘, an deren poli­ti­sche Ver­wirk­li­chung er nicht mehr glaub­te. In dem Goe­the-Auf­satz kommt es zu einer Apo­theo­se der antik-mit­tel­al­ter­li­chen Kos­mos- und Adels­welt und ihres ‚natür­li­chen Welt­bil­des‘, deren Aus­läu­fer Benn in sei­ner Sel­li­ner Jugend noch erlebt hat­te. Der rebel­lie­ren­de Sohn kehrt heim in die Welt der Väter und tauscht das ästhe­ti­sche Vater­bild Hein­rich Mann gegen die fort­an lei­ten­de kon­ser­va­ti­ve Vater­fi­gur Goe­thes aus.” Die­se Ein­schät­zung des Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Jür­gen Schrö­der rela­ti­viert Benn 1933 auf merk­wür­di­ge Art und Wei­se wie­der. Die Sehn­sucht und das Bedau­ern des Ver­lusts eines kon­ser­va­ti­ven, eines gefes­tig­ten Welt­bil­des und des „kon­struk­ti­ven Geis­tes” einer frü­he­ren Zeit wird nun durch den Glau­ben an etwas Neu­es, an Ver­än­de­rung über­la­gert, und mag das Neue auch nur der akti­ve Ver­such einer Hin­wen­dung zum Alten sein. Es ist viel­leicht die Über­sprungs­hand­lung eines Intel­lek­tu­el­len, der wie vie­le kurz­zei­tig zwi­schen den Begrif­fen „kon­ser­va­tiv” und „revo­lu­tio­när” auf­ge­rie­ben wur­de – zur „Ach­se des Bösen” gehört näm­lich neben dem Poli­ti­schen gleich­falls das Pri­mat des Begriff­li­chen und des­sen zwang­haf­ter und per­ver­tier­ter Drang zur Ver­wirk­li­chung von Theo­re­men und Träu­men: nachts am Schreib­tisch schaut häu­fig die Escha­to­lo­gie vorbei.
In wel­cher Rich­tung hier, bei Benn, die „gro­ße Los­lö­sung” auch immer voll­zo­gen wor­den sein mag, die Absa­ge an die „Vater­fi­gur” Hein­rich Mann und damit auch an Nietz­sche – Ben­ns Ver­eh­rung für Hein­rich Mann bezog sich immer auf des­sen frü­he, „artis­ti­sche” Wer­ke – scheint gera­de 1933 noch oder wie­der in wei­ter Fer­ne zu sein: tota­ler Staat, tota­le Kunst, die „Ästhe­ti­sie­rung des Poli­ti­schen”, Züch­tungs­phan­ta­sien. Nietz­sche taugt ein­fach mehr zur Revol­te von 1933 als Goe­the, denn der reprä­sen­tiert ja höchs­tens das „Glück” einer ver­gan­ge­nen Zeit, einer ver­sun­ke­nen Welt. Doch Goe­the, als Prin­zip, trug Benn durch die Wir­ren der Zeit bis zu sei­nem Tod, und das ver­mö­gen Uto­pien wohl nicht.

Nichts und viel.
Zu den von Schrö­der erwähn­ten „Kri­sen­es­says” gehört auch der Text Nach dem Nihi­lis­mus, 1932 erst­mals in der natio­nal-kon­ser­va­ti­ven Wochen­schrift Der Vor­stoß erschie­nen. Benn schreibt am Beginn des Auf­sat­zes: „Haben wir noch die Kraft, so fragt sich der Ver­fas­ser, dem wis­sen­schaft­lich deter­mi­nie­ren­den Welt­bild gegen­über ein Ich schöp­fe­ri­scher Frei­heit zu behaup­ten, haben wir noch die Kraft, nicht aus öko­no­mi­schen Chi­li­as­men und poli­ti­schen Mytho­lo­ge­men, son­dern aus der Macht des alten abend­län­di­schen Den­kens her­aus die mate­ria­lis­tisch-mecha­ni­sche Form­welt zu durch­sto­ßen und aus einer sich selbst set­zen­den Idea­li­tät und in einem sich selbst zügeln­den Maß die Bil­der tie­fe­rer Wel­ten zu ent­wer­fen? Also kon­struk­ti­ver Geist als beton­tes und bewuß­tes Prin­zip weit­ge­hen­der Befrei­ung von jedem Mate­ria­lis­mus, psy­cho­lo­gi­scher, des­zen­denz­theo­re­ti­scher, phy­si­ka­li­scher, ganz zu schwei­gen sozio­lo­gi­scher Art -, kon­struk­ti­ver Geist als der eigent­li­che anthro­po­lo­gi­sche Stil, als die eigent­li­che Homi­ni­den­sub­stanz, die, mythen­bil­dend sich ent­fal­tend, ewig meta­pho­risch über­glänzt, den Mensch­heits­weg voll­ende­te in der Irrea­li­tät des Lichts, in dem Phan­tom­cha­rak­ter aller Din­ge, in einer Art von weit­her betrie­be­nem Spiel zwi­schen die Ster­ne ihren Raum und ihr Unend­li­ches ergie­ßend und die Geni­en der eige­nen Brust mit den Him­meln und den Höl­len wei­ter Schöp­fer­scha­ren mischend.” Nun, haben wir noch die Kraft? Und wenn ja, wie kann der Ein­zel­ne die­se Kraft gegen­über der von Benn umris­se­nen Welt ein­set­zen? In wel­cher Form wird sich also die­se Kraft dar­stel­len? Ver­mut­lich ist es von die­ser Fra­ge und deren Impli­zie­run­gen nicht weit zum Begriff der „Sezes­si­on”, zur Mög­lich­keit der Sezes­si­on – wie auch immer sie dann aus­se­hen mag: mit Fackeln durchs Bran­den­bur­ger Tor lau­fend, sich aufs Land zurück­zie­hend – Aktio­nis­mus, Rück­zug, Resignation.
Es ist Fluch und Segen unse­rer plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft, daß sie so vie­les nivel­liert und dar­um auch so vie­les zuläßt. Wenig kann sie gefähr­den, und so ver­steht man auch, daß schon mal vor­schnell von einem „Ende der Geschich­te” gespro­chen wird. Es ist also vie­les erlaubt und angeb­lich alles mög­lich. Sicher, man kann nicht ohne grö­ße­re Pro­ble­me in einer SS-Uni­form die Stra­ße ent­lang­spa­zie­ren – da gibt es Gren­zen -, aber man kann sich nur von Äpfeln und Nüs­sen ernäh­ren, kann sei­ne Kin­der zu Hau­se ver­fas­sungs­feind­li­che Lie­der vor­sin­gen las­sen, kann die Wän­de sei­ner Woh­nung schwarz anma­len, kann eine gro­ße Samm­lung an Por­no­gra­phie sein eigen nen­nen, kann sich der Stil­le und dem Gebet in sei­nem All­tag wid­men, kann das gan­ze Jahr über bar­fuß lau­fen, sehn­süch­tig die Ankunft von Außer­ir­di­schen erwar­ten oder vehe­ment die Geset­ze der Schwer­kraft ableh­nen – und wenn das ent­spre­chen­de sozia­le Umfeld da ist, und das sucht man sich ja meis­tens, die Nische, dann geht das schon in Ord­nung und man wird auch irgend­wie akzep­tiert. Wir haben eine Welt, also rich­ten wir uns in ihr ein. Sie ist nicht mehr tra­gisch, sie ant­wor­tet kaum: eine sich dahin­wäl­zen­de Farce.

Moral als Beu­te – Beu­te als Moral.
Und wie kommt nun das Gift in die Welt, in der wir uns ein­rich­ten und ein­ge­rich­tet haben? Wohl durch vie­ler­lei, aber auch, und dies wäh­rend der letz­ten Jahr­zehn­te ganz beson­ders, durch das Poli­ti­sche. Daß sich also ein Sub­jekt als ein poli­ti­sches Wesen ver­steht, sich gemein macht mit der von Benn als „Bal­ka­ni­dee” denun­zier­ten Sache. Wenn man nun der Auf­fas­sung sein soll­te, daß sowie­so alles, auch und vor allem das Pri­va­te, das oben kurz umris­sen wur­de, poli­tisch sei, dann dürf­te die Dis­kus­si­on hier­mit been­det sein. Falls man aber davon aus­ge­hen möch­te, daß alles eher pri­vat ist, auch das Poli­ti­sche, dann kann eigent­lich erst rich­tig abge­rech­net wer­den, und die Sache wird inter­es­sant. Dann müß­te für den poli­ti­schen Men­schen die Fra­ge, was man nun tun müs­se und kön­ne, immer schwe­rer zu beant­wor­ten sein. Aber für das poli­ti­sche Wesen, für das Poli­ti­sche über­haupt, scheint zu gel­ten, daß mit einer Akti­on, Idee, einem Gesetz, einer Bewe­gung und all den ande­ren Sachen, die uns vor allem das 20. Jahr­hun­dert bereit­hielt, auf Not­wen­dig­kei­ten geant­wor­tet wird – hier herrscht eisern und treu die Mono­kau­sa­li­tät. Dem muß man einen von Benn vor 1933 for­mu­lier­ten All­ge­mein­platz ent­ge­gen­hal­ten: „Die Not­we­nig­keit ruft, und der Zufall ant­wor­tet.” Wer dies ver­steht, akzep­tiert, ver­in­ner­licht, der müß­te wis­sen von Tra­gik, von Schei­tern, von Far­ce, von Resi­gna­ti­on, und der soll­te sogar dar­aus neue und viel­leicht unbe­kann­te Kräf­te schöp­fen. Aber irgend­wie blieb das bis­her aus. – Wann ist die­se Rei­fe denn zu erwar­ten, wann und wo eine inne­re Ent­wick­lung des Men­schen? Was kommt nach dem Politischen?
Der poli­ti­sche Mensch, wenn er uns als Idea­list begeg­net, was wohl oft, wenn auch ver­bor­gen, der Fall ist, ope­riert mit Begrif­fen und ver­dummt mit Ideen, macht aus einer Sezes­si­on einen Sezes­si­ons­krieg, offe­riert kon­kre­te Para­die­se und Lösungs­mög­lich­kei­ten, will den­je­ni­gen, der mög­li­cher­wei­se danach strebt, frei und unpo­li­tisch zu wer­den, aus­lö­schen. Auch wenn er es nie ver­wirk­li­chen soll­te und sicher nie zuge­ben wird: Er wür­de die Lager bau­en, die dann immer zu einem Groß­teil mit Leu­ten gefüllt sind, die ein­fach nur in Ruhe gelas­sen wer­den wol­len. Und Ruhe ist bekannt­lich die ers­te Bür­ger­pflicht. Jedoch nicht für Hys­te­ri­ker. – Goe­b­bels froh­lock­te 1940 in Posen: „Denn das deut­sche Volk ist heu­te ein ande­res als ehe­dem. Wir sind ein erwach­tes und ein poli­ti­sches Volk.” Bei ande­ren Red­nern ist der Begriff „deut­sches Volk” durch „Arbei­ter­klas­se” aus­zu­tau­schen. Inter­es­sant, daß hier nicht von Stolz, son­dern von Poli­tik und Erwa­chen gespro­chen wird. An ihren Begrif­fen sollt ihr sie erkennen!
Aller­dings: Man wird doch all­zu oft her­aus­ge­for­dert und fast unsicht­bar über­kommt immer wie­der ein lächer­li­cher Zwang zum Non­kon­for­mis­mus den Ein­zel­nen und auch gan­ze Grup­pen. Ori­en­tiert sich die Gesell­schaft poli­tisch eher links, posi­tio­nie­re ich mich rechts, gegen die über­mäch­ti­ge und alles absor­bie­ren­de Iro­nie stel­le ich mei­nen hei­li­gen Ernst, und so wei­ter. So unge­fähr ver­läuft die­ses belieb­te Spiel, das natür­lich erns­te Hin­ter­grün­de hat, denn schein­bar gibt es immer wie­der Men­schen, die mit ihren Mei­nun­gen gehört wer­den wol­len. Irgend­wie par­ti­zi­piert man also am gro­ßen Dis­kurs, kann sich nicht ent­zie­hen, und jede poli­ti­sche Posi­tio­nie­rung, mag sie auch noch so sinn­voll, nach­voll­zieh­bar und mög­li­cher­wei­se „not­wen­dig” sein, ist daher kei­ne Los­lö­sung vom „Spiel”, gegen das man fun­da­men­tal etwas zu haben meint. Ich mache mit, und der Sta­tus quo aus Über­zeu­gun­gen, Hys­te­rie und Res­sen­ti­ment wird aus­ge­baut, bis er irgend­wann nicht mehr ein­zu­rei­ßen ist. Man ent­zieht sich schein­bar den gän­gi­gen Dis­kur­sen, mel­det zag­haft Wider­stand an, oder auch laut. So wird dann schnell Pas­si­vi­tät mit Träg­heit ver­wech­selt, der aktio­nis­ti­sche Impe­tus ver­hin­dert, daß die Revol­te zu lahm aus­fällt. Die Ant­wort, die Posi­tio­nie­rung, die „Los­lö­sung” im Gän­gi­gen, also im Poli­ti­schen, gau­kelt eine rie­si­ge Rele­vanz vor: Jetzt machen wir das eben so, und sol­len die alle mal sehen, wie dage­gen wir sind – die geis­ti­ge Erb­fol­ge der ein­gangs erwähn­ten 68er. Daher gilt es zu sagen: Streue den Zwei­fel! Näh­re die Skep­sis! Sor­ge dich – lebe! Aber ach, Herr Goe­the sagt: „Was bringt zu Ehren? / Sich wehren!”

Post­he­ro­en wurs­teln sich durch.
Uns bren­nen Fra­gen auf den Nägeln. Die Pro­ble­me, die ange­gan­gen wer­den müs­sen, schei­nen sich meter­hoch zu sta­peln. Lösun­gen müs­sen her. Was neh­men wir also: Libe­ra­lis­mus oder star­ken Staat? Könn­te sogar sein, daß uns für bei­de Sachen die pas­sen­den Men­schen feh­len, die das Gan­ze tra­gen, die Fähi­gen, die „Steu­er­leu­te” (Karl­heinz Weiß­mann), jene, die frei, ver­ant­wor­tungs- und selbst­be­wußt tun und machen und ent­schei­den. Nein, dies scheint eine ande­re Zeit zu sein. „Durch­wurs­teln” ist das Gebot der Stun­de, das neue Gebrauchs­ethos, das Kon­zept, das trägt bezie­hungs­wei­se tra­gen soll. – Will­kom­men bei den Post­he­ro­en! Wer ein Held sein will, der muß heu­te zum Fuß­ball oder zum Mit­tel­al­ter­rol­len­spiel geschickt wer­den, der wird es viel­leicht auch mit einem Amok­lauf ver­su­chen, sich für ande­re Arten des Ter­rors ent­schei­den oder Zuflucht in der Kunst und Pop­kul­tur suchen: Die Gitar­re: mein Gewehr. Mei­ne Pin­sel­füh­rung: der Widerstand.
Die „post­he­roi­sche Gesell­schaft” (Her­fried Münk­ler) also. Viel­leicht nimmt sie uns ja die Ent­schei­dun­gen ab und schickt in abseh­ba­rer Zeit das Poli­ti­sche ins Reich der Mythen und Hero­en. Zumal der all­täg­li­che und wenig hel­den­haft wir­ken­de Kom­pro­miß und sein Kon­zept nicht das Schlech­tes­te zu sein schei­nen, zwar Poli­tik, aber weni­ger „Bal­ka­ni­dee”. So vie­le Men­schen, so vie­le Eth­ni­en, Reli­gio­nen, Lebens­ein­stel­lun­gen, All­tags­an­sät­ze – wie soll man das alles unter einen Hut brin­gen? Durch Unter­drü­ckung? Durch Kapi­tu­la­ti­on? Und wer sich mit die­sen Fra­gen und Pro­ble­men nicht auf die typisch halb­ga­re Art und Wei­se aus­ein­an­der­set­zen und her­um­är­gern möch­te, der kann ja abhau­en, das Modell des Aus­stiegs wäh­len, von Tei­len der 68er genutzt und wie­der salon­fä­hig gemacht – die Ver­wirk­li­chung einer Lebens­re­form im Pri­va­ten, das, so ist zu hof­fen, bald ein­mal nicht mehr poli­tisch sein wird und Begrif­fe wie „Kul­tur­re­vo­lu­ti­on” und „Schaf­fung einer Gegen­öf­fent­lich­keit” in den wohl­ver­dien­ten Ruhe­stand der Wör­ter­bü­cher schickt. Und dann leben wir zurück­ge­zo­gen in einem Kom­man­do­st­and des Post­he­roi­schen und blät­tern leicht weh­mü­tig in ihnen. Schlag nach bei „So war es früher”.

Weder „Pas­sa­gier” noch „Steu­er­mann”?
Viel­leicht kom­men sie ja auch ein­mal wie­der, die Hel­den und die Zei­ten, in denen man sich hero­isch bewäh­ren muß und kann – Umstür­ze, Atten­ta­te, Revol­ten, Kom­plot­te, Tyran­nen­mor­de, Ver­schwör­er­treffs, Aus­ga­be von Waf­fen und von Plä­nen. Viel­leicht aber tau­gen die­se Kon­zep­te der Ver­än­de­rung auch nicht mehr, und Erfolg ver­spricht nur etwas, das sich am Kon­kre­ten aus­rich­tet, wie es die gro­ßen und klei­nen Bür­ger­be­we­gun­gen der west­li­chen Welt vor­mach­ten: Befrei­ung der Skla­ven, Kampf für die Gleich­be­hand­lung der Frau, Frie­dens- und Umwelt­be­we­gung, kein Groß­flug­ha­fen Ber­lin-Schö­ne­feld in der Nähe mei­nes Klein­gar­tens. Enga­ge­ment: Dop­pel­le­ben ja, aso­zi­al nein. Und auch hier schwingt die Fra­ge mit, was denn der Ein­zel­ne tun kann zur Ver­bes­se­rung der Welt und Ver­meh­rung der Glück­se­lig­keit unter den Men­schen. Also doch ein biß­chen der Wil­le, sich zum „Steu­er­mann” auf­zu­schwin­gen, dem es viel­leicht ein „Ret­te dich selbst (und wenn du es schaffst, noch dei­nen Nächs­ten)!” ent­ge­gen­zu­hal­ten gilt. Ein Ethos, das es immer wie­der zu ent­de­cken gibt und das in der Visi­on eines Men­schen liegt, wie es viel­leicht der Bau­er Isak in Ham­suns Segen der Erde ist, sein eige­ner Steu­er­mann und Pas­sa­gier, der nie in die Nähe und Ver­su­chung von Los­lö­sung und Dop­pel­le­ben geriet und der immer wie­der unse­re Sehn­sucht nährt, das Rich­ti­ge zu tun, ohne die gan­ze Schla­cke des Begriff­li­chen. Die Sehn­sucht nach einer Welt voll schein­ba­rer Ereig­nis­lo­sig­keit: „Klei­nes und Gro­ßes geschieht, ein Zahn fällt aus, ein Mann aus den Rei­hen her­aus, ein Sper­ling auf die Erde herunter.”
Und so kom­men wir am Ende noch ein­mal auf die bei­den alten Män­ner, Goe­the und Benn, zurück, zurück zu Ereig­nis­sen, die einst statt­fan­den und mäch­tig schie­nen, und zurück auf das, was sie schon ande­re Men­schen wis­sen lie­ßen. Der Jün­ge­re der bei­den zitiert am Ende sei­nes Auf­sat­zes Goe­the und die Natur­wis­sen­schaf­ten den Älte­ren mit einer Rede vom 24. Febru­ar 1784. Goe­the ist Prä­si­dent der Berg­werks­kom­mis­si­on des Her­zogs von Wei­mar und eröff­net nach Jah­ren der Arbeit das alte Ilmen­au­er Berg­werk wie­der, der neue Johan­nis­schacht soll ein­ge­schla­gen wer­den. Und Goe­the hält eine kur­ze Rede an die anwe­sen­den Bür­ger Ilmen­aus, die Berg­leu­te und Mit­glie­der der Kom­mis­si­on und bit­tet sie dann zur Besich­ti­gung des neu­en Berg­werks: „Ich freue mich mit einem jeden, der heu­te sich zu freu­en die nächs­te Ursa­che hat, ich dan­ke einem jeden, der an unse­rer Freu­de auch nur ent­fern­tes­ten Anteil nimmt. … Ich bin von einem jeden, der bei der Sache ange­stellt ist, über­zeugt, daß er das Sei­ne tun wird. Ich erin­ne­re nie­man­den mit weit­läu­fi­gen Wor­ten an sei­ne Pflicht, ich will und kann das Bes­te hof­fen. Mei­ne Her­ren, ein jeder Ilmen­au­er Bür­ger und Unter­tan kann dem auf­zu­neh­men­den Berg­werk nut­zen und scha­den. Es tue ein jeder, auch der Gerings­te, das Sei­ni­ge, was er in sei­nem Kreis zu des­sen Beför­de­rung tun kann, und so wird es gewiß gut gehen … Wenn es Ihnen gefäl­lig ist, wol­len wir gehen.” Ja, könn­ten wir noch das Bes­te hof­fen, ja, wür­de doch ein jeder mit­ma­chen und sei­nen gerin­gen Teil bei­tra­gen zum Gelin­gen des Klei­nen und des Gro­ßen, und mögen wir nach einem Jahr­hun­dert der „gro­ßen Los­lö­sung” in eines der „Hin­wen­dung” tre­ten, voll Lie­be, uns selbst und uns gegen­sei­tig ret­tend – aber ach, es schlie­ßen sich die Tore, es schlie­ßen sich die Her­zen, und an wen wen­det man sich nun? Nie­mand da, von dem es sich zu lösen lohnt.

 Gastbeitrag

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