Sezession
1. April 2008

Der Balkan in mir – Zur Sehnsucht nach einer „Loslösung“ vom Politischen

Gastbeitrag

Sezession 23/April 2008

sez_nr_234von Wiggo Mann

Große Revoltengeburtstagsparty.
Da vierzig plus neunzehnhundertsiebenundsechzig gleich zweitausendsieben ist, schüttete uns die deutsche Presse im letzten Jahr mit Rückblicken und „kritischen" Auseinandersetzungen mit den 68ern zu, die sich im Jahr 2008 wohl noch einmal exorbitant vermehren werden. Am 2. Juni 1967 wurde bei den Protesten gegen den Schah-Besuch in Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen, und glaubt man den öffentlich gewichtigen Stimmen der Bundesrepublik war das in etwa der offizielle Startschuß für die sogenannte Revolte des Jahres 1968. Freund wie Feind scheinen von dieser bis heute fasziniert zu sein. Auch wenn der Begriff „Revolte" möglicherweise nur Teil einer Selbstinszenierung ist, die wir alle mittragen, kann man relativ schnell auf etwas unheilige Ähnlichkeiten stoßen. Und zwar in dem Sinne, daß nämlich Freund wie Feind bis heute von den Revolten von 1917 und 1933 scheinbar ebenso fasziniert sind. Allerdings wurde bei diesen beiden Revolten ziemlich schnell viel Böses ausgemacht, bei der einen mehr und etwas schneller als bei der anderen. Die Entwicklungen, die durch das Jahr 1968 und seine Protagonisten ausgelöst wurden, umschreibt man lieber „nur" mit dem Begriff der „Kulturrevolution", liebevoll auch oft: Protestbewegung, denn mit Wörtern, die irgendwie zu viel in eine mögliche Relation stellen könnten, geht man mit Bedacht um, auch wenn es für die folgende Thematik hilfreich sein könnte. Und so darf über die Resultate dieser Kulturrevolution, wie auch immer sie wahrgenommen werden, weiterhin fleißig gestritten werden.


1917 und 1933 sind klar als Grundlage und Ursache für diverse Verbrechen auszumachen, zum Beispiel der Mord an den Juden durch den nationalsozialistischen Staat oder der Vernichtungszug gegen die Kulaken seitens der Bolschewiken in Rußland. - Sind nun aber die Auflösungen von Familie, Gesellschaft und Institutionen und deren Auswirkungen der Revolte von 1968 anzukreiden? Immerhin ging's doch bloß um Vietnam, die Abrechnung mit der Elterngeneration und Rock' n' Roll? Wurde Wind gesät und Sturm geerntet? Oder ist das nur der Zahn der Zeit, der an allem nagt? Darüber versucht man seit Jahren mit großer Lust zu streiten, jedes harte Wort gegen die, realen oder angeblichen, Verheerungen dieser berühmten westlichen Kulturrevolution an den einzelnen Menschen und ihren Lebensumständen, wie sie beispielsweise Michel Houellebecq in seinem Romanessay Elementarteilchen beschrieb, wird sogleich kritisiert und in Frage gestellt: regelmäßige Tauchgänge in die seichten Gewässer eines ermüdenden Diskurses.
Vielleicht wird das, was von manchen im Zusammenhang mit dem Jahr 1968 als negative Auswirkungen, als etwas Schlechtes und Falsches wahrgenommen wird, ja nur durch den Pop-Appeal dieser Generation und die von ihr hervorgebrachten Veränderungen verdeckt. Der ist nämlich amtlich bestätigt: Che-Guevara-T-Shirts an jungen und auch nicht mehr ganz so jungen Körpern, Andreas Baader als „rebel without a cause" auf der Leinwand, Jimmy Hendrix in Woodstock, repressionsfreies Kiffen in einer Studentenwohngemeinschaft, Sponti-Sprüche im Kopf und an den Wänden begleiten den bemerkenswerten Marsch durch die Institutionen. Die von vielen vielleicht als notwendig empfundenen Veränderungen im Zusammenleben, der Sitten, der Moral und der Anschauungen, von denen wir zu einem großen Teil zehren und Gebrauch machen, wären wahrscheinlich auch ohne diese wirkungs- und deutungsmächtige Protestbewegung über uns gekommen. Das Problem, das bei allem Wohlwollen bleibt, ist die politische Verbrämung der ganzen Sache.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.