Unser Standpunkt – winterlicher Nachtrag zu einem sommerlichen Aufruf

pdf der Druckfassung aus Sezession 23/April 2008

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Vor­weg: Hier steht für die­je­ni­gen nichts Neu­es, die unser Insti­tut, unse­ren Ver­lag und die Sezes­si­on seit der Grün­dung im Jah­re 2000 beglei­ten. Es ist eine neu­er­li­che Selbst­ver­ge­wis­se­rung, die noch­ma­li­ge Fest­le­gung eines Aus­gangs­punkts, unse­res Stand­punkts, der ja immer ein Aus­gangs­punkt ist und den wir viel­fäl­tig for­mu­liert und ver­dich­tet haben.

Zunächst also das Wich­tigs­te: Wir (also: die Leu­te um unse­re Pro­jek­te) wären immer so, wie wir sind. Wir wür­den stets Ver­la­ge grün­den und an Gym­na­si­en unter­rich­ten, in Zei­tun­gen ver­öf­fent­li­chen und eine Zeit­schrift her­aus­ge­ben, leb­ten mit unse­ren Fami­li­en auf mit­tel­deut­schen Schol­len oder in Wohn­vier­teln gro­ßer Städ­te, wür­den vor Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen, aka­de­mi­schen Zir­keln und Jugend­grup­pen vor­tra­gen, in Wort und Tat unser Erbe pfle­gen und dar­über wachen, daß unse­rer Leben unser Leben bleibt und unse­re Kin­der auf dem schma­len Grat zwi­schen den Not­wen­dig­kei­ten und dem Wider­wär­ti­gen unse­rer Zeit die Balan­ce nicht ver­lie­ren. Viel­leicht könn­te der ein oder ande­re von uns sei­ne Offi­zier­kar­rie­re fort­ge­setzt haben, wenn die Zei­ten ande­re gewe­sen wären, und viel­leicht stün­den wir alle­samt nicht vor dem Dilem­ma, die Wirk­lich­keit unse­res Staa­tes ableh­nen zu müs­sen, um auf sei­ne Idee zu ver­wei­sen; aber davon hängt nichts ab: Um Sol­dat zu sein, bedarf es der Schul­ter­klap­pen nicht, und um dem Staat zu die­nen, muß man kein Staats­die­ner sein.
Wir wären immer so, wie wir sind. Wir wären auch dann nicht iro­nisch, wenn über­all Pathos oder eine exis­ten­ti­el­le Ernst­haf­tig­keit aus­zu­ma­chen wäre, und wir sind nicht des­we­gen ernst, weil in jeder talk­show ein Witz­lein die Ant­wort auf unge­müt­li­che Gesprächs­la­gen ist; wir sind nicht des­halb rechts, weil alle eher links sind, und mor­gen links, weil alle eher rechts sind. Wir sind im Wesent­li­chen stets ernst­haft und poli­tisch immer rechts, und weil dies so ist, weil wir also nicht reagie­ren oder sonst auf eine selt­sa­me Art außen­ge­lei­tet sind, haben wir einen Standpunkt.
Fle­xi­bel sind die Metho­den, mit­tels derer wir den eige­nen Stand­punkt kenn­zeich­nen und ver­tei­di­gen, um jene „Bal­ka­ni­dee” zu kon­kre­ti­sie­ren, deren Abge­sang der Trä­ger des Prei­ses der Sezes­si­on, Wig­go Mann, anstimmt. Er hat ja einer­seits recht: Ord­ne jeder sei­nen Ort, dann ist viel getan! Ande­rer­seits kom­men wir doch nicht an der Poli­tik und ihrem Über­bau – der Meta­po­li­tik – vor­bei, wenn wir unse­re Pro­gno­sen ernst neh­men: daß näm­lich die Bruch­li­ni­en, an denen ent­lang der Kampf um die Gestal­tungs­macht im Land und vor allem: der Kampf um eine bestimm­te, von Deutsch­land erreich­te kul­tu­rel­le Höhe aus­ge­foch­ten wird, bereits mit­ten durch unser Land ver­lau­fen. Und so lie­gen denn auch die Grün­de für vie­ler­lei Sezes­sio­nen, für Los­lö­sun­gen von unpas­sen­den Begrif­fen, kleb­ri­gen Vor­den­kern, zemen­tier­ten Behaup­tun­gen auf der Hand.
Unser Stand­punkt: Er ist gut beschrie­ben in den bei­den Kapla­ken-Bänd­chen, die im Som­mer erschie­nen sind. Man muß die­se Bänd­chen hin­ter­ein­an­der­weg­le­sen (zuerst Das kon­ser­va­ti­ve Mini­mum, dann Pro­vo­ka­ti­on), denn die eine Per­spek­ti­ve ergänzt und spie­gelt die ande­re, und eben­so ver­hält es sich mit den Unter­schie­den im Ton: hier der kleins­te gemein­sa­me Nen­ner, dort die Zuspitzung.

Das kon­ser­va­ti­ve Mini­mum mar­kiert unse­re Rück­zugs­li­nie und beschreibt das Pro­blem der begriff­li­chen Unschär­fe in der Bezeich­nung der Ver­tei­di­ger die­ser letz­ten Stel­lung. Wer nennt sich nicht alles kon­ser­va­tiv? Doch auch jene unent­schlos­se­nen, wert‑, kul­tur- oder beschwich­ti­gungs­kon­ser­va­ti­ven Figu­ren, die das, was sie ver­lie­ren, mög­lichst lang­sam ver­lie­ren wol­len, nie jedoch den Gedan­ken in Erwä­gung zie­hen, daß man Opfer brin­gen könn­te, um eine Stel­lung zu halten.
Das kon­ser­va­ti­ve Mini­mum umschreibt des­halb fol­ge­rich­tig zunächst jenen Leit­spruch, den sich jüngst ein Ver­lag als Mot­to wähl­te: „Die Ent­de­ckung des Eige­nen”. Aber das reicht nicht, und des­halb geht selbst das Mini­mum weit dar­über hin­aus: Es ist eine Kampf­an­sa­ge nach Innen (gerich­tet gegen den soge­nann­ten „nach­fa­schis­ti­schen Defai­tis­mus” der Rech­ten) und nach Außen (gerich­tet gegen jene, die unser Land auf den Hund haben kom­men las­sen). Und es ist dies ein not­wen­di­ger Schritt, einer, der von der blo­ßen „Ent­de­ckung” zu einer „Ver­tei­di­gung des Eige­nen” führt.
Die­ses Eige­ne, die­ses aus der Geschich­te gespeis­te So-Sein unse­rer Nati­on, muß ver­tei­digt wer­den, das ist unse­re Über­zeu­gung. Und gera­de in letz­ter Zeit haben wir deut­lich gemacht, daß die­se unse­re Iden­ti­tät nicht nur gegen jene ver­tei­digt wer­den muß, die Deutsch­land aus dem ver­meint­lich schwar­zen Nichts her­aus und mit­tels Ver­dam­mung von tau­send Jah­ren Geschich­te noch­mals neu gegrün­det und erfun­den haben. Sie muß eben­so ver­tei­digt wer­den gegen alle, die unter „deutsch” und „natio­nal” vor allem eine nost­al­gi­sche KdF-Damp­fer­fahrt über die toll geschwun­ge­nen Reichs­au­to­bah­nen zu Hit­lers Berg­hof ver­ste­hen, oder aber eine schau­rig-schö­ne Über­nach­tung in Etzels Saal vor Sta­lin­grad (alles in Far­be und mit einem wis­sen­den Wir-wür­den-schon-wenn-wir-nur-dürf­ten-Zwin­kern im Auge): Genau so sieht näm­lich eine Unter­art des nach­fa­schis­ti­schen Defai­tis­mus aus, und wir ken­nen nicht nur einen Fall, nicht nur einen jun­gen Mann, der für jede deut­sche Waf­fen­tat einen Bild­band aus einem ein­schlä­gi­gen Ver­lag griff­be­reit hat, sei­ne eige­ne Kraft aber selt­sam frucht­los abflie­ßen läßt: Wochen­en­de für Wochen­en­de gewinnt an den Com­pu­tern sol­cher Gestal­ten die Wehr­macht den Zwei­ten Welt­krieg, und nach der Schlacht sieht man den Schreib­tisch-Feld­mar­schall dann im Flecktarn­jäck­chen zum Kon­zert einer in die Jah­re gekom­me­nen Neo­folk-Band ziehen.
So darf man nicht enden, aber so oder ähn­lich unfrucht­bar enden vie­le, blei­ben in einem bes­ser­wis­se­ri­schen Defai­tis­mus ste­cken und bli­cken läs­sig auf jene, die auf eine per­sön­li­che Kar­rie­re ver­zich­ten, um dort­hin zu gehen, wo es weh tut. Weh tat es dort, Ver­zicht auf Kar­rie­ren wur­de dort geleis­tet, wo Die­ter Stein mit sei­ner Redak­ti­on stand, um die Jun­ge Frei­heit auf­zu­bau­en, jah­re­lang ohne die Gewiß­heit, daß die­ser Lebens­ein­satz ein­mal etwas aus­tra­gen wür­de. Mitt­ler­wei­le ist die JF nicht mehr weg­zu­krie­gen, und kaum ein Pro­jekt, kaum ein Mann hat den Erfolg so sehr verdient.

Die Jun­ge Frei­heit hat vor­ge­macht, daß mit der Fixie­rung auf jene zwölf Jah­re deut­scher Geschich­te Schluß sein kann. Das meint nicht, daß der ver­ord­ne­te Kon­sens über his­to­ri­sche Bege­ben­hei­ten ein­fach so hin­ge­nom­men wer­den muß; wie wich­tig ist doch die­ser Revi­sio­nis­mus auf Sam­met­pfo­ten, den jüngst etwa Bog­dan Musi­al in der FAZ mit sei­ner Unter­su­chung der Angriffs­plä­ne und ‑zie­le Sta­lins im Früh­som­mer 1941 betrieb! Aber wie sim­pel wird ein Leben, das alles, was ihm nicht gelin­gen mag, auf die Nie­der­la­ge von 45 schiebt. Geht es den Sie­gern heu­te wirk­lich bes­ser als uns?
Wir rücken ande­re Fra­ge­stel­lun­gen in den Mit­tel­punkt unse­rer Über­le­gun­gen, etwa die, woher Legi­ti­ma­ti­on und Ener­gie für geziel­te Regel­ver­stö­ße im öffent­li­chen Raum kom­men. Das sind die The­men des ande­ren Bänd­chens (Pro­vo­ka­ti­on), das von einem Vor­satz (1. Kapi­tel) aus­geht und über ein Zögern (2. Kapi­tel) in den Anlauf (3. Kapi­tel) und schließ­lich in den Sprung (4. Kapi­tel) fin­det. Vor­satz wozu, Sprung wohin?
Wir tre­ten mit dem Vor­satz an, die Sub­stanz unse­rer Nati­on zu ret­ten und ihr die Mög­lich­keit zu bewah­ren, wie­der zu sich selbst zu gelan­gen und als die Mit­te Euro­pas auf­zu­strah­len. Und weil wir uns die­ser Auf­ga­be wid­men, ste­hen wir in einem geis­ti­gen Bür­ger­krieg gegen die Lob­by­is­ten der Zer­set­zung: Es sind deut­sche Poli­ti­ker und Mei­nungs­ma­cher, die gegen ihr Land und gegen ihr Volk arbei­ten und das Expe­ri­ment einer neu­en Gesell­schaft nicht (und auch nach der zwan­zigs­ten Lek­ti­on noch immer nicht) been­den wol­len. Und es sind im Kiel­was­ser die­ser Vor­bil­der die Deut­schen selbst, die ihre Zukunft abtrei­ben oder gar nicht erst zeu­gen und sie so in frem­de Hän­de geben. Das sind nur Bei­spie­le, das ist nur eine von vie­len Fronten.
Wir tre­ten mit dem Vor­satz an, unter jun­gen Deut­schen eine Epi­de­mie des Mutes aus­zu­lö­sen. Wir for­dern den Mut zur Authen­ti­zi­tät, den Mut, die Sche­re zwi­schen dem, was einer für rich­tig hält und dem, was er dann äußert und tut, nicht zu weit geöff­net zu hal­ten. Wir for­dern den Mut, mit neu­en, zuge­spitz­ten Begrif­fen die Wirk­lich­keit zu beschrei­ben. Gera­de dafür gibt es ein gutes Bei­spiel. Es fin­det sich im Rah­men des Pro­jekts Blaue Nar­zis­se, das täg­lich wach­sen­de Besu­cher­zah­len und neue Mit­strei­ter ver­zeich­nen kann. Dort ver­öf­fent­lich­te jüngst ein Simon Mey­er den Auf­ruf „Wir Posi­ti­ven” und for­der­te eben dies: den Mut, mit eige­nen Begrif­fen das viel tref­fen­der zu beschrei­ben, was mit einem main­stream-Begriff im Grun­de nur ver­tuscht wird. „Einen Gau­ner einen Gau­ner nen­nen” lau­tet die Formel.
Viel­leicht kommt es noch in die­sem Jahr zum Sprung in die Akti­on. Die­ser Sprung ist vor­be­rei­tet, orga­ni­sa­to­risch und begriff­lich: Wer einen Stand­punkt hat, kann absprin­gen, kann unge­be­ten dort auf­schla­gen, wo sich der Geg­ner sicher fühlt, kann selbst­be­wußt sein „Ich nicht” sagen – und mehr. Es wird eini­ge bei­spiel­haf­te Aktio­nen geben müs­sen, eini­ge Bil­der müs­sen kur­sie­ren kön­nen, Bil­der, die Schu­le machen. Dann wer­den wir erle­ben, wie­viel Was­ser in den Reser­voiren auf­ge­staut ist. Spe­ku­lie­ren wir also dar­auf, daß die­sem win­ter­li­chen Nach­trag zu einem som­mer­li­chen Auf­ruf zur Pro­vo­ka­ti­on ein wie­der­um som­mer­li­cher Aus­bruch folgt.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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