Sezession
10. September 2010

Sarrazins „strategischer Rückzug“

Erik Lehnert

kam doch etwas überraschend. Die Meldung platzte mitten in seine gestrige Lesung in Potsdam vor 750 überwiegend begeisterten Zuhörern. Zuerst wollte er nichts dazu sagen, dann äußerte er sich zum Ablauf: Die Bundesbank habe die Vorwürfe der Ausländerdiskriminierung fallen gelassen und ihren Ablösungsantrag zurückgezogen, daraufhin habe er beim Bundespräsidenten um Auflösung seines Vertrages gebeten. Die Abfolge sei ihm wichtig.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Daß der Weg zu diesem Kompromiß kein schöner war, kann man sich denken. Als Grund nannte er den Druck, dem er ausgesetzt war. Er habe sich überlegt, ob er es sich leisten könne, sich mit der „gesamten politischen Klasse“ anzulegen. Beim obersten Repräsentanten dieser Klasse war die Erleichterung nicht zu überhören. Er ließ seinen Sprecher mitteilen: „Der Bundespräsident wird dem Antrag von Herrn Doktor Sarrazin entsprechen und begrüßt die einvernehmliche Lösung mit der Deutschen Bundesbank.“ Was nach den letzten beiden Wochen, in denen Sarrazin so ziemlich alle Instrumente gezeigt wurden, über die die politische Inquisition verfügt, natürlich wie Hohn klingt.

Daß Sarrazin massiv erpreßt wurde, können wir nicht ausschließen (die Meldungen, wonach er Bundesbankressourcen für sein Buch verwendet habe, weisen in diese Richtung). Näher liegt indes, daß der Druck anders erfolgte. Die Gefahr, daß Sarrazin den Bundespräsidenten in eine Niederlage treibt und dauerhaft nackt dastehen läßt, war zu groß. Das dürfte den Verantwortlich spätestens aufgefallen sein, als Sarrazin den Bundespräsidenten ausdrücklich vor einem „Schauprozeß“ warnte. Hätte Wulff ihn entlassen und Sarrazin wäre vor Gericht dagegen erfolgreich vorgegangen, der maximale Schaden für das höchste Staatsamt (und seinen unbeliebten Inhaber) wäre die Folge gewesen.

Also wird man Sarrazin permanent auf die Nerven gegangen sein und an sein Gewissen appelliert haben: „Das kannst Du doch nicht wollen. Thilo, denk doch mal nach. Es liegt in Deinen Händen, Schaden von Deutschland abzuwenden. Und, und, und.“ Und, das ist das perfide, gerade weil Sarrazin etwas am deutschen Staat liegt, waren sie damit erfolgreich. Sein Rückzug ist eine systemstabilisierende Maßnahme, für die ihm die „politische Klasse“ in der jetzigen Situation nicht genug danken kann. Jetzt kann wieder über „alles“ geredet werden, ohne Konsequenzen. Ob unser Land vor die Hunde geht, spielt keine Rolle. Der Kaiser ist zwar nackt, das hat sich herumgesprochen, aber Sarrazin hat ihm im letzten Moment den Bademantel zurückgegeben.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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