Achtung: Rechter Straßenterror hält an

Frank Jansen, Rechtsextremismusexperte des Tagesspiegel und nach eigener Aussage seit 20 Jahren mit  sogenannter rechter Gewalt beschäftigt, hat mit Kollegen der Zeit und nach „intensiver Recherche“ ermittelt, daß es in eben diesem Beschäftigungszeitraum nicht 47 Todesopfer rechter Gewalt gegeben habe, wie Polizei und Bundesministerien vorrechnen, sondern mindestens 137.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die­se erschre­cken­de Nach­richt wird die­ser Tage – zeit­lich pas­send in der Mit­te zwi­schen Sar­ra­zin-Debat­te und Ein­heits­jub­liäum – auf allen Kanä­len verkündet.

Zeit-online hat dazu eine dras­tisch anmu­ten­de inter­ak­ti­ve Kar­te kon­zi­piert, bei der es im Ver­lauf der Jah­re scheint, als wer­de das Land suk­zes­si­ve mit Blut­sprit­zern über­sät. Text­lich wird hef­tig an der Mahn­glo­cke gezerrt:

Der Rechts­ex­tre­mis­mus, mit sei­nem Hass, sei­ner Het­ze, sei­ner Gewalt, trifft Deutsch­land seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung in einem Maße, das sich nie­mand vor dem 3. Okto­ber 1990 hät­te vor­stel­len kön­nen. Rech­ter Stra­ßen­ter­ror hat in den 20 Jah­ren Ein­heit min­des­tens 137 Men­schen das Leben gekos­tet. In die Freu­de über zwei Jahr­zehn­te Ein­heit mischen sich Ent­set­zen und Scham. (…)Es gibt kei­nen Fle­cken in der Bun­des­re­pu­blik, in dem ein rechts­ex­tre­mer Mord unvor­stell­bar ist. Die­se bit­te­re Lek­ti­on hat das Land in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren ler­nen müs­sen. (…)Es ist zu befürch­ten, dass der rech­te Stra­ßen­ter­ror anhält.

Natür­lich ist die nun als sen­sa­tio­nell vor­ge­tra­ge­ne Sache mit den „ver­schwie­ge­nen Opfern rech­ter Gewalt“ ein älte­rer Hut. Die Künst­le­rin Rebec­ca For­ner arbei­te­te schon 2000–2004 an einer ent­spre­chen­den Aus­stel­lung, die mit eben die­sen Zah­len ope­riert und durch die Lan­de tourt. Bereits bezo­gen auf die­se Schau zu „Opfern rech­ter Gewalt“ zog Andre­as Nach­a­ma („Topo­gra­phie des Ter­rors“) den so unver­meid­li­chen wie haar­sträu­ben­den Vergleich:

Vie­len Besu­chern geht es bei der Betrach­tung der Opfer aus den letz­ten zwölf Jah­ren so wie vie­len, die die Doku­men­te aus dem Natio­nal­so­zia­lis­mus sehen.

Wie kommt es zur Dis­kre­panz zwi­schen den Zah­len der Behör­den und denen der „Exper­ten“? Bis 2001, sagt Jan­sen, wur­de als „rechts­ex­tre­me Straf­tat“ nur gewer­tet, wenn der Täter mit sei­ner Tat das gesam­te poli­ti­sche Sys­tem atta­ckie­ren woll­te. Heu­te habe zwar auch jeder Angriff auf eine Per­son allein auf­grund deren sozia­len Sta­tus als „rechts­ex­tre­mer Über­griff“ zu gel­ten (also etwa, wenn ein Obdach­lo­ser ver­prü­gelt wird), aber das sei noch nicht zu allen zustän­di­gen Behör­den durch­ge­drun­gen bzw. wer­de absicht­lich nicht beherzigt.

Jan­sen wies bereits 2005 unter Ver­weis auf Ein­las­sun­gen des Kri­mi­no­lo­gen Chris­ti­an Pfeif­fer dar­auf hin, daß „die tat­ver­stär­ken­de Wir­kung rech­ter Ideo­lo­gien, selbst wenn es sich nur um Frag­men­te han­delt, bei der Bewer­tung vie­ler Gewalt­ta­ten von den Behör­den nicht ange­mes­sen berück­sich­tigt“ wer­de. Eine rech­te Ein­stel­lung oder auch nur das unre­flek­tier­te Mit­mi­schen in einer als „rechts“ gel­ten­den Jugend­kul­tur gilt als poten­ti­ell „tat­ver­stär­kend“. Also: Wenn ein NPD-Mit­glied sei­ne Freun­din erstä­che, wäre das kei­ne bös­ar­ti­ge Bezie­hungs­tat, son­dern ein Fall rechts­ra­di­ka­ler Gewalt.

Die­sem Mus­ter ent­spre­chend liest sich auch die Viel­zahl der von unse­ren Exper­ten ange­pran­ger­ten Fäl­le. Auf sämt­li­chen Netz­sei­ten, die sich nun mit dem angeb­lich ver­schwie­ge­nen Nazi­ter­ror auf unse­ren Stra­ßen beschäf­ti­gen, äußern sich die Leser in Kom­men­ta­to­ren über­wie­gend skep­tisch zu der als auf­ge­bauscht emp­fun­de­nen Gefahr. Die „Exper­ten“ haben bei­spiels­wei­se auch Fäl­le auf­ge­nom­men, bei denen der „Täter“ wegen Not­wehr frei­ge­spro­chen wur­de. Immer wie­der wird gefragt, ob es ähn­li­che Sta­tis­ti­ken auch zu „umge­kehr­tem Ras­sis­mus“ gäbe, oder ob von lin­ker Gewalt heu­te nicht eine grö­ße­re Bedro­hung aus­ge­he.  (Übri­gens hat es nicht den Anschein, daß sol­che Kom­men­ta­to­ren dezi­diert „Rech­te“ wären.) Gute, wich­ti­ge Fra­gen, die von den redak­tio­nel­len Mode­ra­to­ren sol­cher Dis­kus­sio­nen gern mit der ste­reo­ty­pen Anwei­sung gekon­tert wer­den: “Keh­ren Sie bit­te zum The­ma des Arti­kels zurück”.

Bei­spiels­wei­se Mar­kus auf netzpolitik.org:

Das sind natür­lich 141 Tode (es gibt eine stark schwan­ken­de „Dun­kel­zif­fer“, E.K.) zu viel, aber trotz­dem ein spit­zen Ergeb­nis. Es ster­ben wahr­schein­lich die dop­pel­te oder drei­fa­che Anzahl an Men­schen auf den glei­chen Zeit­raum an Bie­nen­sti­chen oder an ros­ti­gen Nägeln.Der Kampf gegen Rechts hat sich ein­deu­tig gelohnt. Ich bin zufrieden!

Auf sueddeutsche.de schreibt ein Leser:

Beson­ders per­fi­de wird die Sache mit der “rech­ten Gewalt”, wenn poli­ti­sche Vor­ga­ben die Defi­ni­ti­on bestim­men. Bei­spiel gefäl­lig? Ein Anhän­ger der tür­ki­schen rechts­ra­di­ka­len Orga­ni­sa­ti­on tötet in Deutsch­land einen ande­ren Mit­bür­ger. Als was fließt die­ser Getö­te­te in die Sta­tis­tik ein? Rich­tig, als Oper rech­ter Gewalt. Hier ver­hält es sich wie mit den Fuß­no­ten in den Mobil­funk­bro­schü­ren. Wer nicht ganz genau hin­schaut wird in die Irre geführt und über den Tisch gezo­gen. Die­se poli­tisch beein­fluß­ten Sta­tis­ti­ken sind ein­fach nur haarsträubend.

Und um die Zah­len ein­mal in eine Bezie­hung zu set­zen: Seit Jah­ren ster­ben in Deutsch­land rund 2500 Men­schen durch Mord oder Tot­schlag  – wohl­ge­merkt: Jahr für Jahr.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (1)

Rudolf

18. September 2010 10:45

Die Todes-Liste rechter Gewalt ist wohl ein "Mit Zahlen tricksen" für Anfänger.
Es findet sich z.B. folgendes darin:

104.) Daniela Peyerl, 18 Jahre
Sie wurde am 1. November 1999 von ihrem 16-jährigen Bruder in Bad Reichenhall
(Bayern) erschossen. Der Täter tötete sich anschließend selbst.

105.) Karl-Heinz Lietz, 54 Jahre
Er wurde am 1. November 1999 vom 16-jährigen Bruder von Daniela Peyerl in Bad
Reichenhall (Bayern) erschossen. Der Täter tötete sich anschließend selbst.

106.) Horst Zillenbiller, 60 Jahre
Er wurde am 1. November 1999 vom 16-jährigen Bruder von Daniela Peyerl in Bad
Reichenhall (Bayern) erschossen. Der Täter tötete sich anschließend selbst.

107.) Ruth Zillenbiller, 59 Jahre
Sie wurde am 1. November 1999 vom 16-jährigen Bruder von Daniela Peyerl in Bad

Reichenhall (Bayern) erschossen. Der Täter tötete sich anschließend selbst.

Da begeht ein Jugendlicher einen sogenannten "Amoklauf", tötet seine Schwester, drei Passanten und sich selbst, aber weil er anstatt eines "Che Guevera"-Posters "Ihn" im Zimmer hängen hat, gilt dies natürlich als rechte Gewalt.
Gut, dass der Täter von Winnenden nicht bei der Linksjugend war!

Eine Liste der rechten Mordtaten findet sich u.a. hier: https://www.gelsenzentrum.de/liste_opfer_gewalt.pdf

Ein gnadenloser Verharmloser, wer auch bei Fällen wie diesem:

3.) Klaus-Dieter Reichert, 24 Jahre
Am 11. Dezember 1990 wurde er in seiner Wohnung in Berlin-Lichtenberg von drei
Skinheads, die beauftragt waren bei ihm Schulden einzutreiben,
zusammengeschlagen. In Panik sprang er aus dem Fenster, fiel zehn Stockwerke tief
und starb.

sich seinen Teil denkt...

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