Kosovo – eine islamische Parallelgesellschaft wird zum “Staat”

pdf der Druckfassung aus Sezession 23/April 2008

sez_nr_236von Daniel Leon Schikora und Vuk Milojevic

Auf die einseitige Unabhängigkeitserklärung des Kosovo am 17. Februar 2008 reagierte die Republik Serbien prompt: Die (ethnisch-albanische) politische Führung der Sezessions„republik" habe sich - so das serbische Innenministerium - einer schweren Straftat gegen die Verfassung Serbiens und die Sicherheit des Landes schuldig gemacht, weshalb namentlich „Ministerpräsident" Thaçi, „Präsident" Sejdiu und „Parlamentspräsident" Krasniqi wegen Hochverrats angeklagt wurden. Des weiteren hat Serbien - nach dem Muster der bundesdeutschen „Hallstein-Doktrin" von 1955 - seine Botschafter aus all jenen Staaten zurückberufen, die die „Republik Kosova" offiziell anerkannt hatten, deren Territorium aus 15 Prozent des serbischen Staatsgebietes besteht. Dies betrifft auch die diplomatischen Beziehungen zwischen Serbien und Deutschland.

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Bemer­kens­wer­ter­wei­se war es die Isla­mi­sche Repu­blik Afgha­ni­stan, die sich als ers­ter Staat bereit fand, das alba­nisch-mus­li­misch domi­nier­te Koso­vo offi­zi­ell anzu­er­ken­nen. Zu den welt­po­li­tisch gewich­ti­ge­ren Vor­rei­tern einer sol­chen Aner­ken­nungs­po­li­tik gehört – neben den USA, die den Koso­vo-Alba­nern (und nicht nur die­sen) als der eigent­li­che Garant ihrer „Staats­grün­dung” gel­ten – die Fran­zö­si­sche Repu­blik. Die­se hat­te bereits unter Staats­prä­si­dent Chi­rac mit ihrer „pro-ser­bi­schen” Jugo­sla­wi­en-Poli­tik gebro­chen, in deren Zen­trum unter Chi­racs Amts­vor­gän­ger Mit­ter­rand der Ver­such gestan­den hat­te, einer Zer­stü­cke­lung Jugo­sla­wi­ens ent­ge­gen­zu­wir­ken. So kam Frank­reich mit sei­ner Aner­ken­nungs­er­klä­rung, die es als ers­ter Staat inner­halb der EU abgab, selbst Deutsch­land noch zuvor.
Dem­ge­gen­über ste­hen so unter­schied­li­che poli­ti­sche Gemein­we­sen wie Ruß­land, Kasach­stan, Chi­na, Indi­en, Sri Lan­ka oder Indo­ne­si­en einer völ­ker­recht­li­chen Aner­ken­nung des Koso­vo ableh­nend gegen­über. Inner­halb der EU sind es in ers­ter Linie Spa­ni­en, Grie­chen­land, Zypern, die Slo­wa­kei und Rumä­ni­en, die erklär­ter­ma­ßen die War­nun­gen Ser­bi­ens vor einem Umsich­grei­fen der Nicht­be­ach­tung völ­ker­recht­li­cher Nor­men in „eth­nisch” auf­ge­la­de­nen ter­ri­to­ri­al­po­li­ti­schen Kon­flik­ten teilen.
Wie wenig jedoch in Ser­bi­en die Abspal­tung des Koso­vo als eine rein „juris­ti­sche” Fra­ge begrif­fen wird, die (neben den dafür zustän­di­gen Behör­den) aus­schließ­lich die unmit­tel­bar Betrof­fe­nen – so die Hun­dert­tau­sen­de ver­trie­be­ner Koso­vo-Ser­ben – tan­gie­re, führ­ten die ser­bi­schen Demons­tra­tio­nen in den Tagen nach der „koso­va­ri­schen” Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung ein­drucks­voll vor Augen. Nicht nur inner­halb der Gren­zen der Repu­blik Ser­bi­en, son­dern auch in der bos­nisch-ser­bi­schen Repu­blik Srps­ka und in Mon­te­ne­gro fan­den Pro­test­ver­an­stal­tun­gen statt. Die Pro­tes­te erreich­ten am 21./22. Febru­ar ihren Höhe­punkt in einer Groß­de­mons­tra­ti­on in Bel­grad, an der allein 200.000 bis 500.000 Men­schen teilnahmen.

„Nie­mals hat sich deut­li­cher gezeigt, war­um Ser­bi­en bes­tia­lisch von Nato-Bom­ben zer­stört wur­de”, so hat­te der ser­bi­sche Minis­ter­prä­si­dent Kost­u­ni­ca bereits unmit­tel­bar nach der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung der Koso­vo-Alba­ner die­sen Akt der Grün­dung eines „fal­schen Staa­tes” kom­men­tiert. Daß die Pro­tes­te gegen die Tei­lung Ser­bi­ens von einem nicht unbe­trächt­li­chen Teil der ser­bi­schen Jugend getra­gen wur­den, führt vor Augen, daß die Koso­vo-Poli­tik des poli­ti­schen „Euro­pa” auch in einer Genera­ti­on, die den Bom­ben­krieg gegen Jugo­sla­wi­en 1999 noch nicht poli­tisch bewußt mit­ver­folg­te, als ein fort­ge­setz­ter Angriff auf Ser­bi­en in sei­ner Gesamt­heit ange­se­hen wird.
Die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung kam nicht umhin, die Kund­ge­bung in Bel­grad für die ter­ri­to­ria­le Ein­heit Ser­bi­ens mit dem 5. Okto­ber 2000 zu ver­glei­chen, als die Regie­rung Milo­se­vic gestürzt wur­de. „Doch auch wenn sich die Bil­der glei­chen mögen, an die­sem Abend ist es anders. Damals hat­ten die Ser­ben ihre Geschich­te in der Hand, jetzt hat ihre Geschich­te sie in der Hand.” (FAZ, 23.2.2008) Wie­der ein­mal wird hier von deut­scher Sei­te den Ser­ben, die kein Ver­ständ­nis für die „Not­wen­dig­keit” einer „Lega­li­sie­rung” der alba­ni­schen Land­nah­me im ser­bi­schen Herz­land Koso­vo-Meto­hi­ja (Kos­met) auf­zu­brin­gen ver­mö­gen, beschei­nigt, als poli­ti­sche Roman­ti­ker dem „Mythos” ver­haf­tet zu sein, der mit der ser­bi­schen Nie­der­la­ge gegen das Osma­ni­sche Reich auf dem Amsel­feld (= Koso­vo Pol­je) 1389 ver­bun­den ist. Pole­mi­ken die­ser Art beru­hen auf der sys­te­ma­ti­schen Aus­blen­dung der Tat­sa­che, daß der ser­bisch-alba­ni­sche Ant­ago­nis­mus in Kos­met – weit davon ent­fernt, das Pro­dukt eines auf „1389” fixier­ten archai­schen ser­bi­schen Chau­vi­nis­mus zu sein – ein Kon­ti­nu­um der moder­nen ser­bi­schen respek­ti­ve jugo­sla­wi­schen Natio­nal­staats­bil­dung darstellt.
Im Kos­met wur­de erst infol­ge des I. Bal­kan­krie­ges (1912/13), als das Ter­ri­to­ri­um in das Staats­ge­biet des seit 1878 unab­hän­gi­gen ser­bi­schen König­rei­ches inkor­po­riert wur­de, die osma­ni­sche Fremd­herr­schaft über­wun­den. Erst in den letz­ten Jahr­zehn­ten der osma­ni­schen Prä­senz im west­li­chen Bal­kan hat­te sich in dem Ter­ri­to­ri­um eine demo­gra­phi­sche Umwäl­zung zuun­guns­ten der Ser­ben voll­zo­gen. Nach der Kon­sti­tu­ie­rung des König­rei­ches der Ser­ben, Kroa­ten und Slo­we­nen (ab 1929: Jugo­sla­wi­en) wur­de – in den Jah­ren 1922–29 und 1933–38 – die Revi­si­on der Mar­gi­na­li­sie­rung der Ser­ben im Kos­met staat­li­cher­seits durch Rück­kehr eines Teils der ver­trie­be­nen Ser­ben geför­dert. Nach der Beset­zung Jugo­sla­wi­ens durch die Ach­se kam es im August 1941 zu der bis zum Febru­ar 2008 ein­zi­gen alba­ni­schen „Staats­grün­dung” im Kos­met in Gestalt der Ein­ver­lei­bung des Ter­ri­to­ri­ums in ein unter Ita­li­ens Ägi­de ste­hen­des „Groß­al­ba­ni­en”.

Unge­ach­tet der eth­ni­schen Ver­trei­bung und des Mas­sen­mor­des, denen die Ser­ben des Kos­met ins­be­son­de­re nach dem Rück­zug der Ita­lie­ner (1943) sei­tens ach­sen­freund­li­cher Alba­ner aus­ge­setzt waren, zwang Tito Ser­bi­en eine Poli­tik der alba­ni­schen Mas­sen­ein­wan­de­rung in das Kos­met auf. Im Ver­lau­fe der ers­ten Nach­kriegs­jahr­zehn­te sahen sich die Ser­ben (und ande­re Nicht-Alba­ner) in den Sta­tus einer allen­falls gedul­de­ten Min­der­heit gebracht. Ins­be­son­de­re unter den Bedin­gun­gen der tref­fend als „neo­os­ma­nisch” cha­rak­te­ri­sier­ten eth­no-föde­ra­lis­ti­schen jugo­sla­wi­schen Ver­fas­sung von 1974 wur­den die im Kos­met behei­ma­te­ten Nicht-Alba­ner den Will­kür­ak­ten der (alba­nisch domi­nier­ten) loka­len Behör­den schutz­los aus­ge­setzt. In gewis­ser Hin­sicht könn­te die völ­ker­recht­li­che Aner­ken­nung eines „unab­hän­gi­gen” Koso­vo – eines wei­te­ren isla­mi­schen Staa­tes inmit­ten Euro­pas – durch einen Teil der „inter­na­tio­na­len Staa­ten­ge­mein­schaft” als ein „erfolg­rei­cher” Abschluß der mit dem „Neo­os­ma­nis­mus” Titos in Angriff genom­me­nen Poli­tik einer Auf­tei­lung des jugo­sla­wi­schen Kern­staa­tes Ser­bi­en in eth­ni­sche „Revie­re” inter­pre­tiert werden.
Nach­dem der tür­ki­sche Minis­ter­prä­si­dent Erdo­gan vor weni­gen Tagen durch eine Pole­mik gegen die (ver­meint­lich) dro­hen­de „Assi­mi­la­ti­on” tür­ki­scher Ein­wan­de­rer an die deut­sche Mehr-heits­ge­sell­schaft her­vor­trat, übt Deutsch­land nun den Schul­ter­schluß mit der Tür­kei bei der „Lega­li­sie­rung” jenes alba­nisch-mus­li­mi­schen Natio­na­lis­mus, unter des­sen Gewalt­herr­schaft seit 1999 Hun­dert­tau­sen­de von Nicht-Alba­nern kei­nes­wegs „assi­mi­liert”, son­dern ermor­det oder ver­trie­ben wur­den. Die weni­gen zehn­tau­send im Koso­vo ver­blie­be­nen Ser­ben müs­sen, soweit sie nicht in dem infra­struk­tu­rell mit dem unbe­setz­ten Ser­bi­en ver­bun­de­nen Nor­den des Ter­ri­to­ri­ums leben, in ghet­to­ar­ti­gen Enkla­ven aus­har­ren. Die extre­mis­ti­schen alba­ni­schen Mili­zen der UCK sind nie­mals ent­waff­net wor­den (wie es die nach wie vor gül­ti­ge Reso­lu­ti­on 1244 des Welt­si­cher­heits­ra­tes vom 10. Juni 1999 fest­legt!), son­dern in den „zivi­len” Struk­tu­ren des Koso­vo auf­ge­gan­gen. Die­ses wird nun­mehr als „unab­hän­gi­ger Staat” durch eine „poli­ti­sche Eli­te” reprä­sen­tiert, die der ehe­ma­li­ge kana­di­sche Bot­schaf­ter in Bel­grad, James Bis­set, wie folgt cha­rak­te­ri­siert: „Sie haben unter der NATO-Besat­zung fast die gesam­te nicht­al­ba­ni­sche Bevöl­ke­rung ver­trie­ben und über 150 christ­li­che Kir­chen und Klös­ter zerstört.”

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