Autorenportrait Michael Klonovsky

pdf der Druckfassung aus Sezession 37 / August 2010

von Günter Scholdt

Die kollabierte DDR hat uns Bewohnern der alten Bundesrepublik nicht nur eine Welle schriftstellerischer oder kabarettistischer Ostalgie beschert, darüber hinaus Politcharaktere vom Schlage Thierses und Gysis oder eine Kanzlerin, deren anpassungsgeniale Kompatibilität mit westdeutschen zivilreligiösen Netzwerken geradezu gespenstisch anmutet, sondern als heilsames Serum auch zwei Publizisten, deren Erscheinung die ausgepowerte Kulturszene nun wirklich bereichert.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Der ers­te ist Thors­ten Hinz, des­sen soli­tä­re ana­ly­ti­sche Intel­li­genz nicht zuletzt dar­aus her­vor­geht, daß ihm die Main­stream-Jour­nail­le rigo­ros die Talk­show-Platt­for­men ver­wei­gert. Der zwei­te ist Micha­el Klo­n­ovs­ky, des­sen lite­ra­ri­sches Talent eben­so bestaunt wer­den kann wie der Umstand, daß sein publi­zis­ti­scher Frei­mut ihn noch nicht in die übli­che kor­rekt­heits­be­ding­te Aus­gren­zung geführt hat. Sol­che Kon­stel­la­ti­on erregt Inter­es­se, das die fol­gen­de bio­gra­phi­sche Skiz­ze wei­ter för­dern möge. Klo­n­ovs­ky wur­de 1962 in Schle­ma (Erz­ge­bir­ge) gebo­ren. Umge­zo­gen nach Ost­ber­lin, folg­ten Mau­rer­leh­re, Abitur und diver­se Hilfs­ar­bei­ter­jobs, zuletzt als Kor­rek­tur­le­ser bei der LDPD-Tages­zei­tung Der Mor­gen. Seit 1990 arbei­te­te er als Jour­na­list, erhielt bei­zei­ten den »Wäch­ter­preis der Tages­pres­se« für die »Auf­de­ckung von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen durch die DDR-Jus­tiz und den Staats­si­cher­heits­dienst «. 1991 erschien Klo­n­ovs­kys ers­te Buch­pu­bli­ka­ti­on über das dor­ti­ge Lager­sys­tem. 1992 zog er nach Mün­chen, arbei­te­te dort zunächst als Redak­teur und bis heu­te als Text­chef beim Focus. Er ist in zwei­ter Ehe mit der israe­li­schen Pia­nis­tin Ele­na Gurevich ver­hei­ra­tet. »Vier Kin­der. Kei­ne Kir­chen- oder Par­tei­mit­glied­schaft. Kein Wahlverhalten.«
Ergän­zen wir die Kurz­vi­ta durch eine knap­pe Mus­te­rung sei­ner wich­tigs­ten Wer­ke: Der ver­dienst­vol­len DDR-Doku­men­ta­ti­on von 1991 folg­te die bemer­kens­wer­te Edi­ti­on eines Autis­ten-Tage­buchs (Ich will kein Inmich mehr sein) und zehn Jah­re spä­ter sein bel­le­tris­ti­sches Debüt mit einem his­to­ri­schen Roman über Jean-Fran­çois Cham­pol­li­on. Dar­in wird der Ent­zif­fe­rer der Hie­ro­gly­phen in sei­nem 41jährigen genia­len Forscher­le­ben geschil­dert, in sei­ner beses­sen ver­folg­ten Mis­si­on auf der Gren­ze zwi­schen Ego­ma­nie und Ver­ein­sa­mung, vol­ler Bedräng­nis­se, Unver­ständ­nis und dem bran­chen­üb­li­chen aka­de­mi­schen Kol­le­gen­n­eid. Ein seriö­ser Wis­sen­schafts­ro­man erfor­dert vom Autor den Spa­gat zwi­schen anspruchs­vol­ler Infor­ma­ti­on und den Unter­hal­tungs­wün­schen vie­ler Leser. Der ver­kaufs­för­dern­de Titel Der Ram­ses-Code und man­che Zuge­ständ­nis­se an Schmö­ker-Freun­de zeu­gen von letz­te­rem, ent­wer­ten das Buch aber nicht für Fach­leu­te, so daß sich selbst der Ägyp­to­lo­ge Jan Ass­mann begeis­tert zeigte.
2005 erschien der Roman Land der Wun­der, eini­ge Jah­re vor und nach der Wen­de spie­lend. Bereits der vom alten Ägyp­ten inspi­rier­te iro­ni­sche Titel arti­ku­liert jenes Stau­nen über ein Land, des­sen Bewoh­ner spä­tes­tens seit dem poli­ti­schen Geschenk der Wie­der­ver­ei­ni­gung alle Chan­cen gehabt hät­ten, frei zu sein und sich ent­spre­chend zu beneh­men, statt unter dem Sie­gel der Auf­ge­klär­ten so zu tun, als säßen die (dies­mal anders gepol­ten) geis­ti­gen Sta­si-Spit­zel und Block­war­te noch mit­ten unter ihnen.
Land der Wun­der ist der oft her­bei­ge­wünsch­te Wen­de­ro­man respek­ti­ve ein wesent­li­cher Ver­tre­ter die­ser Gat­tung. Er ist zudem Gesellschafts‑, Medi­en- und meta­po­li­tisch akzen­tu­ier­ter Schel­men­ro­man, der die hier­zu­lan­de nicht eben häu­fig ver­tre­te­ne Kunst des Leich­ten prä­sen­tiert – teils über­dreht, aber mit Witz und Tie­fen­schär­fe. Dane­ben wid­met er sich ein­ge­hend dem Eros, prak­ti­ziert als Frei­zeit-Dop­pel­le­ben jen­seits der sozia­lis­ti­schen Offi­zi­al­exis­tenz oder als Sur­ro­gat in einem Milieu west­li­cher Sinn­lee­re. Der Tenor sol­cher Schil­de­run­gen hat sich dabei etwas ver­än­dert. Was im Ram­ses-Code noch im Stil der Deka­denz-Roma­ne Hein­rich Manns eher schwüls­tig aus­ge­brei­tet war, ent­fal­tet sich im Land der Wun­der vor allem als Sexualgroteske.

Die Zen­tral­fi­gur des Romans, Johan­nes Schön­bach, hat Klo­n­ovs­ky als »Labor­maus der Wie­der­ver­ei­ni­gung« kon­zi­piert. Er über­dau­ert die letz­te DDR-Pha­se als illu­si­ons­lo­ser Anarch, dras­tisch gespie­gelt in Sze­nen eines Alko­hol­la­gers auf tiefs­ter Kar­rie­re­sta­ti­on. Die Ereig­nis­se von 1989 för­dern dann sei­nen Auf­stieg zum begab­ten poli­ti­schen Jour­na­lis­ten, bis er, ange­wi­dert von der täg­li­chen Mei­nungs­ma­ni­pu­la­ti­on, bei einem Bou­le­vard-Maga­zin anheu­ert. Er lan­det damit im nächs­ten Gol­de­nen Käfig, der ihn kor­rum­piert, aber nicht zu per­sön­li­chen Schuf­te­rei­en ver­lei­tet. Schön­bachs Per­spek­ti­ve, schreibt der Autor, sei »inso­fern reiz­voll, als er statt der erhoff­ten Frei­heit zunächst deren neu­er­li­che Ein­schrän­kung und danach die skru­pel­lo­se Ver­ram­schung aller ihm hei­li­gen Din­ge ken­nen­lernt.« Zu eli­tär, um dage­gen zu rebel­lie­ren, ver­fei­ne­re er vor allem sei­nen Sinn für Komi­sches wie Kuli­na­ri­sches. Denn »Humor und Lebens­stil sind immer rich­ti­ge Ant­wor­ten.« Er glau­be »an das Pathos der Distanz, auch wenn er es oft nur mit Klug­schei­ße­rei auf­recht­erhal­ten kann.«
Nach die­sem Buch hat Klo­n­ovs­ky jähr­lich min­des­tens ein wei­te­res her­aus­ge­bracht, vor allem Essay­is­ti­sches. 2006 erschien das Bänd­chen Rad­fah­ren. Klei­ne Phi­lo­so­phie der Pas­sio­nen, 2008 die Puc­ci­ni-Stu­die Der Schmerz der Schön­heit, eine bio­gra­phi­sche Streit­schrift für den ver­ehr­ten Kom­po­nis­ten gegen die Nor­men der heu­te favo­ri­sier­ten künst­le­ri­schen Avant­gar­de mit ihrem Haupt­kri­te­ri­um eman­zi­pa­to­ri­scher Kunst.
Auch der 2009 erschie­ne­ne Band Lebens­wer­te mit Kurz­essays, Impres­sio­nen oder Kon­fes­sio­nen nähert sich sei­nem Gegen­stand aus radi­kal sub­jek­ti­ver War­te. Es geht um die klei­nen und gro­ßen Din­ge, die einem gebo­re­nen Ein­zel­gän­ger Wer­te set­zen, dar­un­ter so Unter­schied­li­ches wie »High­heels«, »Hotels«, »Reli­gi­on«, »Bil­dung« oder »Selbst­iro­nie«. Der Band kom­bi­niert Hal­tun­gen, Life­style-Befind­lich­kei­ten und per­sön­li­che Genüs­se. Amü­san­tes, Kurio­ses oder Sati­ri­sches mischt sich mit erns­ter Selbst­be­fra­gung. Zum Lese­e­in­stieg für geplag­te Eltern oder sol­che, die es wer­den wol­len, eig­net sich der humor­vol­le Bei­trag »Kin­der«. Er schil­dert eine Fül­le von per Nach­wuchs ver­ur­sach­ten Miß­lich­kei­ten und ergeht sich in schel­mischd­ras­ti­schen Warn­ru­fen, bis das Gan­ze in einem anti­al­ar­mis­ti­schen Schluß­satz auf­ge­fan­gen wird: »Aber als sich zum ers­ten­mal die­se klei­nen Ärm­chen um mei­nen Hals leg­ten, war ich für alle Zeit geheilt vom Nihilismus.«
Zum Stärks­ten im Band gehört der pro­vo­ka­ti­ve Kurz­essay »Geschichts­sinn «, den man jedem Stu­den­ten und der Mehr­heit der Pro­fes­so­ren der his­to­ri­schen »Wis­sen­schaf­ten« zur Lek­tü­re drin­gend emp­feh­len möch­te. Im übri­gen steht auch der (zeit­ge­mäß aus­ge­leb­te) Min­ne­dienst im Zen­trum sei­ner Wer­te­welt, was Über­schrif­ten wie »Frau­en­ver­eh­rung«, »Orgas­men« oder »Brüs­te« bele­gen. Die­sem The­men­schwer­punkt ent­geht kein Klo­n­ovs­ky-Leser, wobei die ver­ba­lero­ti­sche Dau­er­balz in der Regel (ganz im Sin­ne des »Ratgeber«-Bändchens Wel­cher Wein zu wel­cher Frau?) mit der kuli­na­ri­schen Fei­er liiert ist. Wenn also Klo­n­ovs­ky im Kapi­tel »Manie­ren« den Ver­lust von Dezenz und Dis­kre­ti­on beklagt, bleibt die Vor­stel­lung vom »Kava­lier, der genießt und schweigt« außer Betracht.
Tex­te wie die­ser machen Appe­tit auf künf­ti­ge Essay-Bän­de, gespeist aus der Fül­le im letz­ten Jahr­zehnt ver­faß­ter Arti­kel: dar­un­ter Buch­be­spre­chun­gen, Gesprächsim­pres­sio­nen oder Por­traits von Haber­mas bis Mose­bach, Kant bis Schil­ler. Geschichts­phi­lo­so­phi­sche Erör­te­run­gen sind eben­so ver­tre­ten wie Bei­trä­ge zum Sprach­ver­fall, dem his­to­ri­schen Moses, Hel­den­bil­dern im post­he­roi­schen Zeit­al­ter oder Sta­lins Kriegs­plä­nen – alles in allem exzel­len­ter Jour­na­lis­mus, nicht sel­ten lite­ra­risch verdichtet.

Den Gip­fel­punkt bis­he­ri­gen Schaf­fens erklimmt der Autor mit Apho­ris­men. 2007 hat­te er bereits Sinn­sprü­che von Gómez Dávi­la ediert. 2008 stell­te er einen eige­nen Band zusam­men mit dem Titel Jede Sei­te ist die fal­sche. In ihm wer­den Hei­li­ge Kühe gleich im Dut­zend geschlach­tet, dar­un­ter als wich­tigs­te Femi­nis­mus und Gen­der main­strea­ming, Regis­seur­thea­ter und Migra­ti­on, Oppor­tu­nis­men in Medi­en, Poli­tik oder Geschichts­schrei­bung, Ver­wechs­lung von wider­stän­di­gem kri­ti­schem Den­ken mit lin­kem Zeit­geist und das Dau­er­the­ma »Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung«.
Hät­te der Autor sonst nichts ver­faßt, allein die­ses Bänd­chen (und man­che Ergän­zung im Netz) recht­fer­tig­ten sei­ne Bewer­bung für einen Sitz im zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur-Pan­the­on. Das gilt für den stil­si­che­ren Wort­künst­ler und muti­gen Ana­ly­ti­ker glei­cher­ma­ßen. Hier eini­ge Beispiele:

Zu den Basal­my­then der Demo­kra­tie gehört, daß es sie gibt.

Der Sozi­al­staat ist am belieb­tes­ten bei den Asozialen.

Taci­tus zufol­ge waren die Ger­ma­nen stolz, krie­ge­risch, faul, frei­heits­lie­bend, groß­zü­gig und exzes­siv gast­freund­lich. Wir kön­nen also nicht von ihnen abstammen.

»Zivil­ge­sell­schaft« ist anschei­nend der Gegen­be­griff zu »zivi­li­sier­te Gesellschaft«.

Was macht die Attrak­ti­vi­tät sol­cher Sen­ten­zen aus? Sind es ein­sa­me, andern nicht zugäng­li­che Erkennt­nis­se? Natür­lich wis­sen wir vie­les sel­ber. Aber es ist dem Deu­tungs­im­pe­ri­um unse­rer soge­nann­ten Eli­te gelun­gen, ein­fa­che Wahr­hei­ten hin­ter einem Para­vent hoch­tra­ben­der Bedenk­lich­kei­ten zu ver­ber­gen, ein­schließ­lich der ihnen zugrun­de­lie­gen­den Inter­es­sen ein­fluß­rei­cher Grup­pen. Den Mut, aus­zu­spre­chen, daß der Kai­ser nackt ist, fin­det man hier­zu­lan­de eher sel­ten bei Per­so­nen­grup­pen, die noch etwas zu ver­lie­ren haben. Genie­ßen wir also man­che Enthüllung:

Eman­zi­pa­ti­ons­grup­pen sind Sucht­kol­lek­ti­ve: Je mehr man ihnen gibt, des­to mehr wer­den sie fordern.

Daß jüdi­sche Ein­rich­tun­gen hier­zu­lan­de aus­schau­en wie Fes­tun­gen, bekla­gen bevor­zugt die­je­ni­gen, die mit ihren Leit­ar­ti­keln und TVBei­trä­gen zur Ein­wan­de­rung zahl­lo­ser Anti­se­mi­ten emsig beitragen.

Wenn sich ein Deut­scher und ein Immi­grant prü­geln und der Immi­grant gewinnt, han­delt es sich um ein Inte­gra­ti­ons­pro­blem. Gewinnt der Deut­sche, ist es Rechtsextremismus.

Vie­le Immi­gran­ten schät­zen sich nicht so gering, daß sie, nach­dem ihnen deut­sche Lin­ke die deut­sche Kul­tur als ver­ächt­lich prä­sen­tiert haben, noch deren Lan­des­spra­che erlernen.

Erkennt­nis hängt von Vor­aus­set­zun­gen ab, die ihr för­der­lich sind. Klo­n­ovs­ky hat das auf eine ein­fa­che For­mel gebracht und in einem Inter­view mit der Jun­gen Frei­heit (13. Mai 2008) pro­vo­ka­tiv lächelnd ein­ge­stan­den: Er habe vie­les von der momen­ta­nen Ent­wick­lung bereits erfah­ren. Er kom­me aus der DDR, »das könn­te mög­li­cher­wei­se hei­ßen: Ich kom­me aus der Zukunft.« Da las­se sich leich­ter dia­gnos­ti­zie­ren. Denn die­se »Repu­blik ist mit­un­ter auf eine sanft per­ver­se Wei­se DDR­nah. Etwa wenn ein Bun­des­tags­prä­si­dent bei einer Kranz­nie­der­le­gung im Ber­li­ner Bend­ler­block zum Geden­ken an den 20. Juli 1944 mehr Enga­ge­ment gegen Rechts­ex­tre­mis­mus for­dert, wäh­rend ihn die Poli­zei vor ran­da­lie­ren­den Links­ex­tre­men schützt. Oder ein Minis­ter­prä­si­dent den Ver­tre­tern der Sin­ti und Roma ver­si­chert […], daß Ange­hö­ri­ge ihrer Volks­grup­pe in Poli­zei­be­rich­ten nicht mehr als sol­che benannt wer­den dür­fen, obwohl oder eben weil Ange­hö­ri­ge die­ser Volks­grup­pe bis dato durch­aus gehäuft in den Poli­zei­be­rich­ten auf­tau­chen. […] Die­se Art von Wirk­lich­keits­zu­recht­bie­ge­rei ähnelt der frü­her im Osten prak­ti­zier­ten durchaus.«

Bei soviel »unkor­rek­tem« Klar­text stellt sich die Fra­ge: »Ja, darf der denn das?« Oder prä­zi­ser: Wo blei­ben die lan­des­ty­pi­schen Maul­korb­sank­tio­nen, die sol­che Gesin­nungs­de­lik­te übli­cher­wei­se nach sich zie­hen? Ande­re haben schon für viel weni­ger Abwei­chung poli­ti­sche Prü­gel bezo­gen, von Jen­nin­ger bis Nol­te, von Wal­ser bis Hoh­mann, von Eva Her­man bis Peter Krau­se usw. usf. Die Ant­wort ergibt sich allen­falls aus einem Bün­del ver­schie­dens­ter Ursachen:

1. Der Autor wur­de bis­her noch als publi­zis­ti­scher Nischen­be­woh­ner betrach­tet, wort­mäch­tig zwar, aber eher Geheim­tip und Außen­sei­ter, im Gegen­satz zu Staats­dich­tern wie Grass oder Wal­ser, dem sei­ner­zeit mei­nungs­prä­gen­den His­to­ri­ker Nol­te oder akti­ven Poli­ti­kern wie Jen­nin­ger bzw. Peter Krau­se. Den Ein­zel­gän­ger ohne direk­te Ver­än­de­rungs­ab­sicht, der sich im Dschun­gel der Unter­hal­tungs­bran­che sei­ne pro­vo­ka­ti­ve Spiel­wie­se erstrit­ten hat, glaubt man wohl noch als Frei­geist dul­den zu dür­fen. Und in der Tat fin­den sich Schnitt­men­gen mit ande­ren Ver­tre­tern unse­rer Spaß­ge­sell­schaft in ihrer Nei­gung zu Kör­per­kult, Sex, Life­style oder Comedy-Effekten.

2. Es ist Klo­n­ovs­ky offen­bar gelun­gen, ein Netz aus per­sön­li­chen Bezie­hun­gen zu knüp­fen, das ihn bis­her vor Abstür­zen schützt. Auch besitzt er im liber­tä­ren Gegen­mi­lieu von eigen­tüm­lich frei oder im Focus publi­zis­ti­sche Platt­for­men. Damit ent­fällt eine typi­sche Schwä­che kon­ser­va­ti­ver Oppo­si­tio­nel­ler, die ja gewiß nicht dar­in besteht, daß sie schlech­te­re Argu­men­te hät­ten, son­dern daß man sie schlicht nicht zu Wort kom­men läßt.

3. Klo­n­ovs­ky hat sich ähn­lich wie Slo­ter­di­jk mit sei­ner Schlag­fer­tig­keit und pole­mi­schen Klas­se einen Ruf erwor­ben. Es scheint zumin­dest ris­kant, mit ihm die Klin­ge zu kreu­zen. Er beschränkt sich nicht auf Defen­si­ve, bet­telt nicht demü­tig um Ver­ständ­nis, son­dern klotzt eher in Karl-Kraus-Manier. Klo­n­ovs­ky nimmt sei­ne Geg­ner direkt ins Visier und klas­si­fi­ziert sie ohne Scheu als das, was sie mehr­heit­lich sind: bös­ar­ti­ge Kon­for­mis­ten, skla­vi­sche Oppor­tu­nis­ten, Inqui­si­toren­na­tu­ren, Denun­zi­an­ten und Dummköpfe:

Sich unter Gleich­mei­nen­den immer etwas unwohl zu füh­len, unter­schei­det den gebil­de­ten Men­schen vom vulgären.

Gesin­nun­gen sind bio­gra­phisch bedingt und fast immer tole­rier­bar. Unver­zeih­lich bleibt allein die Denunziation.

Man sieht auch am demo­kra­ti­schen Ver­hal­ten, wer zum Nazi getaugt hätte.

Und der Königs­apho­ris­mus, allen deut­schen Poli­ti­kern, (Netzwerk-)Profiteuren und Tugend­ter­ro­ris­ten ins Stamm­buch geschrieben:

Mit dem­sel­ben Eifer wie am Holo­caust betei­lig­te sich Diede­rich Heß­ling am Bau des Holocaust-Mahnmals.

Heß­ling ist die Haupt­fi­gur in Hein­rich Manns Roman Der Unter­tan, einer sati­ri­schen Sozi­al­ma­rio­net­te, die angeb­lich als Men­tales­senz des Deut­schen Mil­lio­nen Schü­lern im Lite­ra­tur­un­ter­richt auf­ge­pfropft wur­de. Ich habe dar­in lan­ge ein Zerr­bild gese­hen, aber der gera­de­zu freu­di­ge Natio­nal­ma­so­chis­mus, den nun schon meh­re­re umer­zo­ge­ne Genera­tio­nen an den Tag legen, läßt mich zwei­feln. Das umschließt auch die weni­gen tat­säch­li­chen Gut­men­schen, die so naiv wie selbst­quä­le­risch ihr soge­nann­tes Auf­klä­rungs­amt wahr­neh­men. Denn mein Ver­ständ­nis endet, wo sie in Rudeln nach ver­meint­li­chen Ket­zern fahn­den und ihre Mit­leid­lo­sig­keit mit den Skan­da­li­sier­ten im Tiefs­ten auf ganz ande­re Beweg­grün­de schlie­ßen läßt. Dazu Klonovsky:

Wenn man die deut­schen demo­kra­ti­schen Öffent­lich­keits­ar­bei­ter bei ihrer vom guten Gewis­sen befeu­er­ten, völ­lig außer Rand und Band gera­te­nen Hatz auf ver­meint­li­che Rechts­ab­weich­ler vom Schla­ge der Heit‑, Mölle‑, Hoh- oder Herman(n) beob­ach­tet, däm­mert düs­ter die Fra­ge her­an: Ob ihnen eines Tages der pure Ruf­mord nicht mehr genügt?

Eine der Leh­ren von 1933 ff. besteht dar­in, daß man als anstän­di­ger Mensch an kon­for­mis­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen wie dem »Auf­stand der Anstän­di­gen« eben nicht teilnimmt.

Die ech­ten Sadis­ten brin­gen Kin­der in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, die heim­li­chen Jahr­zehn­te spä­ter Schul­klas­sen. Vor den Opfern der Nazis das Haupt nei­gen – jeder­zeit. Aber nie­mals auf Geheiß jener Gau­ner, die es unent­wegt von einem fordern.

Ein star­ker Tobak! Ist Klo­n­ovs­ky also stram­mer Kon­ser­va­ti­ver oder gar – hor­ri­bi­le dic­tu – ein Rech­ter? Wohl kaum. Eher ein Ein­zel­gän­ger, an dem zwei­mal mit kon­tra­dik­to­ri­schem Erfolg poli­ti­sche Sozia­li­sa­ti­ons­ver­su­che unter­nom­men wur­den – ein­mal per DDR-Erzie­hung, ein­mal durch (beruf­li­che) Anpas­sungs­zwän­ge an die Regeln der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Scheu­klap­pen-Demo­kra­tie. Als Ergeb­nis hat man ihm offen­bar jeg­li­ches par­tei­po­li­ti­sche Den­ken wie Enga­ge­ment gründ­lich aus­ge­trie­ben, ähn­lich wie so vie­len nach 1945, als das Schlag­wort vom »tota­len Ideo­lo­gie­ver­dacht« kursierte.
»Jede Sei­te ist die fal­sche« lau­tet sein Cre­do. Distanz gehört zu sei­nem publi­zis­ti­schen Geschäft, zuwei­len auch ein Schuß Unernst und unge­hemm­te Poin­ten­jagd. So äußer­te er zwar sei­ner­zeit in wün­schens­wer­ter Deut­lich­keit, daß ihn die per­fi­de Anti-Krau­se-Kam­pa­gne abstieß. Aber wirk­li­chen Ekel emp­fin­de wohl nur, wer sich mit Lei­den­schaft für Frei­heit, Demo­kra­tie etc. inter­es­sie­re. Er wie­der­um habe »letzt­lich nur ein pathe­ti­sches Ver­hält­nis zu Bach, Puc­ci­ni oder Veláz­quez, und mir ist es ziem­lich Wurst, wer in Thü­rin­gen Kul­tus­mi­nis­ter wird.« Bei Wil­de lesen wir im Dori­an Gray: »You would sacri­fice any­bo­dy for the sake of an epigram.«
Klo­n­ovs­ky ist also kein siche­rer Kan­to­nist für ein bestimm­tes poli­ti­sches Lager, mehr Frei­geist als Frei­heits­kämp­fer, zudem beken­nen­der Hedo­nist, aller­dings mit einer bemer­kens­wer­ten Abwei­chung von der Norm. Leis­tet er sich doch unter sei­nen sub­lims­ten Genüs­sen nicht nur Gän­se­le­ber und Quilce­da Creek Caber­net Sau­vi­gnon, son­dern sozu­sa­gen als unver­zicht­ba­res Des­sert auch etwas, was vie­ler­orts nicht auf dem geis­ti­gen Spei­se­plan steht: unbe­schränk­te Meinungsfreiheit.

Die exqui­si­te Vor­lie­be für das offe­ne Wort unter­schei­det ihn fun­da­men­tal von jener schein­frei­en Talk- und Come­dy-Sze­ne à la Ker­ner, Jauch, »Dir­ty Har­ry«, Hil­de­brandt, Ker­ke­ling e tut­ti quan­ti, die ganz genau wis­sen, wel­che Rich­tun­gen ihre pole­mi­schen Unter­hal­tungs­gags zu neh­men haben und wel­che Gren­zen ihnen gesetzt sind. Dem­ge­gen­über hat Klo­n­ovs­ky längst den Rubi­kon über­schrit­ten. Mit Apho­ris­men wie

Die nur zu berech­tig­te Kla­ge über die Aus­mer­zung des jüdi­schen Geis­tes durch Hit­ler und die Sei­nen erhält nahe­zu wöchent­lich neue Nah­rung durch irgend­ein State­ment des Zentralrats.

oder:

Die Medi­en der Bun­des­re­pu­blik haben jene Rede, die zum Par­tei­aus­schluß des CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Hoh­mann führ­te, unge­fähr genau­so ten­den­zi­ös-ent­stellt zitiert wie die Nazi­pres­se die Richard-Wag­ner-Rede Tho­mas Manns, die letzt­lich zu sei­ner Aus­bür­ge­rung führ­te. Man ist doch beru­higt über gewis­se Kon­stan­ten im Volkscharakter.

ist eine Posi­ti­on bezo­gen, bei der Funk- und Fern­seh­an­stal­ten übli­cher­wei­se die Zug­brü­cken hoch­klap­pen. Daß er den­noch sei­ne Wahr­hei­ten uner­schro­cken ver­ficht, macht ihn in Deutsch­land fast schon zum Exoten.
Wer aller­dings von ihm gene­rel­le Soli­da­ri­tät erwar­tet, möge beden­ken, daß ein Schrift­stel­ler durch zu star­ke Bin­dun­gen auch beschä­digt wer­den kann. Ich wün­sche mir kei­ne lini­en­treue Bestä­ti­gungs­li­te­ra­tur, son­dern für Autoren zuwei­len auch göt­ter­glei­che Posi­tio­nen der Distanz, kein »Gut gemeint« als Gegen­satz zur Kunst, kei­ne Scheu, sich in wech­seln­de Stand­punk­te ein­zu­le­ben. Klo­n­ovs­ky mag zwi­schen den Fron­ten hin und her tän­zeln und dar­aus sei­ne Schlüs­se zie­hen. Wenn er sich als Schrift­stel­ler treu bleibt, wird ihn nicht zuletzt sein Niveau­be­wußt­sein dar­an hin­dern, kor­rum­piert im Main­stream zu ertrin­ken und im Zwei­fels­fall auf der siche­ren Sei­te der Mei­nungs­un­ter­drü­cker zu ste­hen. Einen sol­chen Vor­aus­kre­dit hat sich der Autor frag­los bereits verdient.

Etli­che Essays und Apho­ris­men sind auf­find­bar im Internet:
www.michael-klonovsky.de

Zwei Titel sind über unse­ren Buch­dienst lieferbar:
Jede Sei­te ist die Fal­sche. Apho­ris­men und Ähnliches
Lebens­wer­te (dar­in der wich­ti­ge Text “Geschichts­sinn”)

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