Sezession
22. September 2010

Autorenportrait Michael Klonovsky

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 37 / August 2010

von Günter Scholdt

Die kollabierte DDR hat uns Bewohnern der alten Bundesrepublik nicht nur eine Welle schriftstellerischer oder kabarettistischer Ostalgie beschert, darüber hinaus Politcharaktere vom Schlage Thierses und Gysis oder eine Kanzlerin, deren anpassungsgeniale Kompatibilität mit westdeutschen zivilreligiösen Netzwerken geradezu gespenstisch anmutet, sondern als heilsames Serum auch zwei Publizisten, deren Erscheinung die ausgepowerte Kulturszene nun wirklich bereichert. Der erste ist Thorsten Hinz, dessen solitäre analytische Intelligenz nicht zuletzt daraus hervorgeht, daß ihm die Mainstream-Journaille rigoros die Talkshow-Plattformen verweigert. Der zweite ist Michael Klonovsky, dessen literarisches Talent ebenso bestaunt werden kann wie der Umstand, daß sein publizistischer Freimut ihn noch nicht in die übliche korrektheitsbedingte Ausgrenzung geführt hat. Solche Konstellation erregt Interesse, das die folgende biographische Skizze weiter fördern möge. Klonovsky wurde 1962 in Schlema (Erzgebirge) geboren. Umgezogen nach Ostberlin, folgten Maurerlehre, Abitur und diverse Hilfsarbeiterjobs, zuletzt als Korrekturleser bei der LDPD-Tageszeitung Der Morgen. Seit 1990 arbeitete er als Journalist, erhielt beizeiten den »Wächterpreis der Tagespresse« für die »Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen durch die DDR-Justiz und den Staatssicherheitsdienst «. 1991 erschien Klonovskys erste Buchpublikation über das dortige Lagersystem. 1992 zog er nach München, arbeitete dort zunächst als Redakteur und bis heute als Textchef beim Focus. Er ist in zweiter Ehe mit der israelischen Pianistin Elena Gurevich verheiratet. »Vier Kinder. Keine Kirchen- oder Parteimitgliedschaft. Kein Wahlverhalten.«
Ergänzen wir die Kurzvita durch eine knappe Musterung seiner wichtigsten Werke: Der verdienstvollen DDR-Dokumentation von 1991 folgte die bemerkenswerte Edition eines Autisten-Tagebuchs (Ich will kein Inmich mehr sein) und zehn Jahre später sein belletristisches Debüt mit einem historischen Roman über Jean-François Champollion. Darin wird der Entzifferer der Hieroglyphen in seinem 41jährigen genialen Forscherleben geschildert, in seiner besessen verfolgten Mission auf der Grenze zwischen Egomanie und Vereinsamung, voller Bedrängnisse, Unverständnis und dem branchenüblichen akademischen Kollegenneid. Ein seriöser Wissenschaftsroman erfordert vom Autor den Spagat zwischen anspruchsvoller Information und den Unterhaltungswünschen vieler Leser. Der verkaufsfördernde Titel Der Ramses-Code und manche Zugeständnisse an Schmöker-Freunde zeugen von letzterem, entwerten das Buch aber nicht für Fachleute, so daß sich selbst der Ägyptologe Jan Assmann begeistert zeigte.
2005 erschien der Roman Land der Wunder, einige Jahre vor und nach der Wende spielend. Bereits der vom alten Ägypten inspirierte ironische Titel artikuliert jenes Staunen über ein Land, dessen Bewohner spätestens seit dem politischen Geschenk der Wiedervereinigung alle Chancen gehabt hätten, frei zu sein und sich entsprechend zu benehmen, statt unter dem Siegel der Aufgeklärten so zu tun, als säßen die (diesmal anders gepolten) geistigen Stasi-Spitzel und Blockwarte noch mitten unter ihnen.
Land der Wunder ist der oft herbeigewünschte Wenderoman respektive ein wesentlicher Vertreter dieser Gattung. Er ist zudem Gesellschafts-, Medien- und metapolitisch akzentuierter Schelmenroman, der die hierzulande nicht eben häufig vertretene Kunst des Leichten präsentiert – teils überdreht, aber mit Witz und Tiefenschärfe. Daneben widmet er sich eingehend dem Eros, praktiziert als Freizeit-Doppelleben jenseits der sozialistischen Offizialexistenz oder als Surrogat in einem Milieu westlicher Sinnleere. Der Tenor solcher Schilderungen hat sich dabei etwas verändert. Was im Ramses-Code noch im Stil der Dekadenz-Romane Heinrich Manns eher schwülstig ausgebreitet war, entfaltet sich im Land der Wunder vor allem als Sexualgroteske.


 Gastbeitrag

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