Sezession
1. April 2008

Ethnische Brückenköpfe und das Ende des multikulturellen Experiments

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 23/April 2008

sez_nr_237von Cornelius Fischer

Eingebettet in die globalen Spannung zwischen dem abendländlich-westlichen Kulturraum und dem Islam, haben die Ereignisse „Erdogan" und „Kosovo" im Frühjahr 2008 deutlich gemacht, daß das postmultikulturelle Zeitalter angebrochen ist. Der Ausgang ist ungewiß, aber es bahnt sich zweifellos ein Prozeß der Destabilisierung Europas durch die Spätfolgen der Zuwanderung an.

Die Unabhängigkeit des Kosovo und der Auftritt des türkischen Staatschefs Erdogan vor der Brandruine in Ludwigshafen haben nämlich eines gemeinsam: Beide Ereignisse belegen, daß ethnische Minderheiten ab einer gewissen Größe zu staatspolitisch entscheidenden Akteuren werden können. Die durch die Globalisierung erhöhte Mobilität der Menschheit beschleunigt und erleichtert den Konflikttransfer, der zuvor durch staatliche Grenzen erschwert wurde. Historisch betrachtet, waren ethnische Minderheiten oft Sündenböcke. Aber sie waren auch oft „fünfte Kolonnen" oder „trojanische Pferde" bei Interessenkonflikten, in Grenz- und Gebietsstreitigkeiten, bei Migrationsbewegungen oder offenen Auseinandersetzungen zwischen Gast- und Herkunftsland. Sie waren Geiseln oder Druckmittel, aber selten neutral.
Auch die türkische Minderheit in Deutschland ist nicht neutral: Sie jubelt im Zweifelsfall mehrheitlich einem radikalen Politiker des Herkunftslandes bei einer Drohveranstaltung in Köln zu, einem Politiker, der gerne ein Gedicht des Dichters Ziya Gökalp zitiert: „Die Minarette [sind] unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme / Die Moscheen unsere Kasernen, die Gläubigen unsere Soldaten [...]."
Verwundert sind die deutschen Entscheidungsträger, wenn der Ton rauh wird und eine wachsende Minderheit den gesellschaftlichen Wertekonsens in Frage stellt oder ihre Funktion als ethnischer Brückenkopf offen zur Schau trägt. Dies ist lediglich die unbedachte Schattenseite des angestrebten Ziels der multikulturellen Gesellschaft, wieso also Verwunderung? Die zugewanderte Minderheit fühlt sich nicht mehr „fremd" - nur eben auch nicht „einheimisch". Die psychologische Geographie hat sich verändert. Bestenfalls sehen sich die Migranten berechtigt, formal ihre Wertevorstellungen (eigene Lebensabläufe, Sozialisationsinstanzen und die Wahrung der Herkunftsidentität) mit denen der Autochthonen als Gruppe gleichzustellen. Im schlimmeren Falle fühlen sie sich als Kolonisten auf fremdem Terrain, das es zur Kopie der Heimat umzuwandeln gilt. Sie sind bereit zur Partizipation im Erwerbsleben und im Sozialsystem, aber keineswegs zu Integration oder gar Assimilation.
Die Utopie einer multikulturellen Gesellschaft ist nicht einmal mehr in der Lage, den Teilnehmern einer Talkshow Glanz in die Augen zu zaubern. Die letzte Verteidigungslinie ist die Feststellung Heiner Geißlers, daß es zum Weiterwurschteln keine Alternative gebe. Bei der Suche nach Erklärungen für das Scheitern des Gesellschaftsentwurfs und dem wiederholten Bekenntnis zur kulturellen Unterwürfigkeit, schwingt auch etwas Angst mit.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.