Sezession
1. Juni 2010

Sexpol – Die Linke, der Sex und die Politik

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 36 / Juni 2010

von Karlheinz Weißmann

Von dem Schriftsteller Alexander Lernet-Holenia ist das kryptische Wort überliefert, daß er den Sturz der Monarchie vor allem bedauere, weil man seither in Wien keine Orgie mehr feiern könne. Die Äußerung ähnelt der eines anderen Aristokraten, des wandlungsfähigen Talleyrand, der meinte, wer nicht das Frankreich vor der Revolution gekannt habe, der wisse nichts von der Süßigkeit des Lebens. Zu dieser Süßigkeit gehörte auch eine bestimmte Raffinesse des Erotischen, die das Ancien Régime erlaubt hatte, allerdings nur für die Elite und nur unter dem Deckmantel der Diskretion. Libertinage gehörte zu den Privilegien einer fest umrissenen Klasse, die wußte, was allgemeine Enthemmung bedeutet.
Daher rührt die Empörung des sittenstrengen Bürgers angesichts der Amoral des Adels, die für den Gang der Ereignisse genauso eine Rolle spielte wie die Untergrundliteratur, die nicht nur den Vorwurf der Lasterhaftigkeit gegen die Oberschicht erhob, sondern auch eine Gattung schuf, in der sich subversive politische Forderung und Pornographie merkwürdig durchdrangen. Der Aufstieg der Du Barry aus dem Bordell in das Bett Ludwigs XV.; die jahrelange Unfähigkeit Ludwigs XVI., die Ehe mit Marie Antoinette zu vollziehen; deren angebliche Liasion mit dem Bruder des Königs oder mit einem Kardinal im Rahmen der »Halsband-Affäre«; Impotenz oder Perversität der Höflinge – die Art, wie diese Dinge in illegalen Liedern, Flugblättern oder Broschüren – den libelles – präsentiert wurden (in einer Mischung aus Wahrheit, Halbwahrheit, delikaten Details und schlüpfrigen Anspielungen), brachte Jean-Charles-Pierre Lenoir, den Polizeichef des letzten Königs, zu der resignierten Feststellung, »… die Pariser waren eher geneigt, den böswilligen Gerüchten und den heimlich zirkulierenden libelles Glauben zu schenken als den im Auftrag und mit der Erlaubnis der Regierung gedruckten und veröffentlichten Tatsachen«.
Der Verbreitung der libelles war durch schärfere Zensur so wenig beizukommen wie dem Erfolg der Bücher von Rousseau oder d’ Holbach. Die einen wie die anderen nannte man livres philosophiques, was der Bezeichnung »philosophisches« Buch einen zwielichtigen Charakter gab. Im Werk des notorischen Marquis de Sade kamen beide Kategorien des »Philosophischen « zur Geltung, denn seine Bücher waren nicht nur pornographisch, sondern vertraten auch eine atheistische, naturalistische und materialistische Weltanschauung. Allerdings hat nicht die Theorie, sondern die Praxis zu seiner Inhaftierung geführt. Als Mitglied des Adels waren ihm seine Ausschweifungen, zu denen auch Vergewaltigungen gehörten, lange nachgesehen worden, erst die Entehrung seiner Schwägerin hatte die Festsetzung auf königlichen Befehl in der Bastille zur Folge. Mit dem – bewußt irreführenden – Ruf »Sie töten die Gefangenen!« soll er am Vorabend des 14. Juli 1789 einen wesentlichen Anstoß zum Sturm auf die Bastille gegeben haben. Die Besatzung wurde vom revolutionären Mob auf grausame Weise niedergemacht, dem Kommandanten der Kopf abgeschnitten, die Veteranen und Invaliden, die als Wachen gedient hatten, massakriert: Ein sadistischer Akt im verkürzten Sinn des Wortes, ohne sexuelle Komponente, anders als das, was noch folgte: die fessades der Sansculotten (Hochheben der Röcke und Auspeitschen auf offener Straße), die Vergewaltigungen von Nonnen, die Kastration von Priestern, die den Eid auf die Verfassung ablehnten, die Verstümmelung der Schweizer Gardisten an den Genitalien oder der Opfer der Septembermorde. Ihnen etwa fiel auch die Prinzessin Lamballe zum Opfer, der »Patrioten« nach der Hinrichtung Brüste und Vulva abschnitten und den Leichnam unter dem Ruf »Die Dirne! Jetzt wird sie keiner mehr vögeln!« durch die Straßen schleiften.


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