Sezession
1. Juni 2010

Sexpol – Die Linke, der Sex und die Politik

Gastbeitrag

Bernsteins Text stand im Zusammenhang mit einem Wandel der gesellschaftlichen Atmosphäre am Ende des 19. Jahrhunderts. Es gab ein wachsendes Interesse an »hygienischen« Fragen, und die Forderung nach »Sexualreform« stand neben Erwägungen zu Volksgesundheit, Bevölkerungswachstum, »Zwei-Kind-System«, ungewollter Schwangerschaft, Verstädterung und »Rassenfrage«. In gebildeten Kreisen wandte man sich Psychologie und seelischen Anomalien zu und intensivierte die Debatte über die Bedeutung der Sexualität im allgemeinen und der abweichenden Sexualität im besonderen. Einer von dem »Sexualwissenschaftler« Magnus Hirschfeld ausgehenden Initiative zur Beseitigung des Paragraphen 175, der homosexuelle Akte unter Strafe stellte, schlossen sich prominente Zeitgenossen von Gerhard Hauptmann bis Franz von Stuck an.
Gleichzeitig entstand in Deutschland und Österreich eine »Szene« von schwer abschätzbarer Bedeutung, angesiedelt zwischen Bürgerlichkeit und Aussteigerexistenz, akademischem Betrieb und Esoterik, Sexualtherapie und vagabundierendem Eros. Den Arzt Otto Groß, eine der zentralen Figuren dieses Milieus, hat Carl Schmitt als exemplarischen »Anarchisten« betrachtet. Dessen theoretisches Konzept und therapeutische Praxis zur Befreiung der Libido war nicht per se politisch, aber zwischen der Boheme, für die Groß stand, und der äußersten Linken gab es eine »negative Gemeinsamkeit« (Helmut Kreuzer), resultierend aus der Frontstellung gegen die Gesellschaft mit ihren Macht- und Eigentumsverhältnissen und moralischen Regeln. Das System war vor dem Ersten Weltkrieg allerdings nicht in Frage zu stelle. Das änderte sich während des Ersten Weltkriegs und der durch seine lange Dauer ausgelösten »Sexualkrise«. Die hatte nicht nur mit der Entfernung der Männer zu tun, sondern auch mit der Notlage in der Heimat, die die Frauen auf sich gestellt bewältigen mußten. Der Kriminologe Hans von Hentig war sogar der Auffassung, daß der deutsche Zusammenbruch von 1918 wesentlich durch die »Geschlechtsnot« und das Auftreten der »revolutionären Frau« verursacht sei, die in Folge der Trennung vom Gatten oder Geliebten und der schlechten Versorgung der Familie in eine immer radikalere Haltung getrieben wurde: »Die Frau revolutionierte erst ihren kleinen Kreis, erschütterte die Armee mit klagenden Briefen und gab sich, als der November kam, rückhaltlos dem Umsturz als der Rettung aus Hunger und seelischer Not, als dem Tag ausgleichender Gerechtigkeit im Reich ihrer stärksten Lebensbedürfnisse hin.« Hentig hat allerdings auch darauf hingewiesen, daß die Frau nach der Revolution zu einem konservativen Faktor ersten Ranges wurde. Schon ihr Abstimmungsverhalten bei den Wahlen zur Nationalversammlung zeigte das, als die Bürgerinnen nicht im erwarteten Maß für die Linke votierten, trotz deren Forderung nach Gleichberechtigung, Erleichterung der Ehescheidung und der Abtreibung. Und das, was man in bezug auf die roaring twenties mit sexueller Freizügigkeit, Erotisierung der Massenkultur, »Schönheitstanz «, »Halbdirnentum«, Vermännlichung der Frau, Verweiblichung des Mannes, Sichtbarwerden der Homosexualität, »Eheberatung« und steigenden Scheidungszahlen assoziiert, war in erster Linie ein (groß)städtisches Phänomen, löste bei der Mehrheit eher Befremden aus und in den nach wie vor einflußreichen kirchlichen Kreisen, der Mittel- und Oberschicht scharfe Abwehrreaktionen gegen »Schmutz und Schund« und den Aufstand der »Gosse«. Auch die Linke war weit davon entfernt, solche Erscheinungen per se zu begrüßen, eher sah sie darin typische Verfallserscheinungen des Kapitalismus und erst unter dem Druck des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und der Infragestellung der politischen wie sozialen Gesamtordnung weitete sich der Spielraum für eine radikalere Sexualpolitik.


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