Sezession
30. September 2010

Nazis gegen Kinderschänder

Martin Lichtmesz

Auf Endstation Rechts findet sich ein Bericht über eine von der NPD organisierte Demo in Schwerin, in der wieder einmal das Evergreen "Todesstrafe für Kinderschänder" gefordert wurde. Mir erschien die aufgeregte Besessenheit, mit der diese fixe Idee im einschlägigen Milieu vorgetragen wird, immer schon als reichlich bizarr. In jedem Fall ist sie ein Symptom für die komplette politische Instinktlosigkeit und die nageldichte Gehirnverbretterung der NPD- Szene.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Vor allem aber scheint sich hier wieder einmal etwas typisch BRD-Pathologisches die Bahn zu brechen. Der "BRD-Nazi", das ist eine in Europa vermutlich einzigartige Spezies der heimischen politischen Fauna, nicht weniger als der "Antideutsche" und seine verwandten Artgenossen.

Vorausschicken möchte ich, daß ich hier nicht als liberaler Gutmensch rede, und es bezüglich der Todesstrafe mit Michael Klonovsky halte:

Die Abschaffung der Todesstrafe gestattet dem Lustmörder, ein Leben lang die erlebte Lust am Mord weiterzuempfinden. Bis er stirbt, wird die Qual des Opfers in der Welt sein. Nur die kalte Rache löscht die Tat aus.

Darüberhinaus habe ich noch keine Meinung dazu, ob die Justiz in Deutschland mit dem Delikt des Kindesmißbrauchs nun tatsächlich zu lax verfährt, und ob dadurch nun wirklich Kinder gefährdet werden. Aber daß Pastörs und Co angesichts dieses Themas den Boden der Rationalität längst hinter sich gelassen haben, ist unübersehbar. Das Bild, das NPD-Demos dieser Art vom "Kinderschänder" verbreiten, ist dabei erster Linie das des auf zwanghaft auf Beutezug gehenden Lustmörders. Mit der Angst vor solchen doch eher selten auftretenden Gestalten wird ebenso scham- wie geschmacklos versucht, eine veritable Hysterie zu schüren, um darin ein politisches Süppchen zu kochen.

Wie auch im Fall der historischen Opfer von Dresden werden hier die Opfer der Kinderschänder als Vorwand benutzt, um sich in eine szenennarzißtische Inszenierung und Gefühlsaufputschung hineinzusteigern. Dabei gibt es wohl niemanden außerhalb der Szene, der diesen Fimmel wirklich nachvollziehen kann und nicht irgendwie unheimlich findet. Trotzdem wird vom Milieu daran verbissen festgehalten, ohne daß sich daraus ein politischer Gewinn ergäbe.

Wie kam das zustande? Ich vermute mal ganz banal als Rechtsrock-Subgenre, nachdem einmal irgendeine Band begonnen hat, über das Thema einen Song aufzunehmen, und dieses seither von jeder nachkommenden Jung-Nazi-Combo für einen obligaten Glaubensartikel gehalten wird. Für den Rest der Welt wirkt die Nummer eher wie der Ausdruck einer gerade noch unterdrückten Pogromlust, die gierig nach einem Opfer sucht, an dem sie sich ohne schlechtes Gewissen austoben kann. Das gute Gewissen ist ja die Voraussetzung, um dergleichen zu entfesseln, wofür es genug historische Beispiele gibt. Es gibt offenbar tief drinnen im Menschen eine Bestie, die immer wieder darauf wartet, diese Erlaubnis erteilt zu bekommen.

Der Effekt dieser Aufmärsche ist daher ironischweise, daß auf normale Menschen, die noch alle Tassen im Schrank haben (oder im NS-Slang: ein "gesundes Volksempfinden" besitzen), eher die finster einherschreitenden Kameraden selbst wie unterdrückte Lustmörder wirken. Harald Harzheim hatte recht, als er neulich im JF-Blog bemerkte, daß zuviel Reden über "Gesundheit" ein untrügliches pathologisches Anzeichen sei. Das riecht man diesen Demos auf Kilometerentfernung an. Schon allein deswegen sind diese Aktionen von einer kaum zu überbietenden, knalldämlichen Kontraproduktivität: man muß schon wirklich tief im Saft des eigenen Ghettokollers brutzeln, um derlei ernsthaft für einen Weg zu halten, Sympathien in der Bevölkerung heischen zu können. Das krasse Gegenteil ist der Fall: eher treibt sich die NPD damit noch mehr in die gesellschaftliche Isolation. Das verstärkt mithin noch den Eindruck einer triebhaften, fast schon hypnotisierten Irrationalität.

Irgendwo ist das schon wieder auf verquere Weise faszinierend, wie ein Autounfall oder eine ethnologische Bizarrerie. Diese Aufmärsche haben die Aura einer nur dürftig rationalisierten gewalttätigen Archaik an sich, wie sie etwa Réne Girard in seinem Klassiker "Das Heilige und die Gewalt" beschrieben hat: am Anfang der Gesellschaft stehe immer die vom einzelnen auf ein sakrales Opfer, einen Sündenbock abgelenkte Gewalt, die solchermaßen als kollektive Gründungs- und Einigungsgewalt wirkt.

Wenn die BRD-Nazis mit finsteren Mienen, stramm "faschistischem" Bürgerschreck-Look und Landsknechtstrommeln mal wieder eine Lynchmob-Show in Szene setzen, um die Tötung von anonymen "Kinderschändern" zu fordern, und sich dabei als Retter und Rächer der Unschuldigen aufspielen, dann muß ich immer an den Klassiker "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" von Fritz Lang denken. Gedreht 1931, am Vorabend der NS-Herrschaft, als Reflex auf die Prozesse um Haarmann, Kürten und andere Serienmörder der Weimarer Republik, ist dieser Film nach beinah 80 Jahren immer noch aktuell, ja beinah zeitlos geblieben. Die Phänomene, die er beschreibt, und die Fragen, die er aufwirft, tauchen zuverlässig immer wieder auf, wenn sinnlose, pathologische Bluttaten die Gesellschaft erschüttern, besonders, wenn sie sich gegen ihre schwächsten Glieder richten.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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