Sezession
30. September 2010

Nazis gegen Kinderschänder

Martin Lichtmesz

Lang zeigt, wie die Untaten eines Kindermörders eine Stadt (eindeutig, aber nie genannt: Berlin) in Atem halten und in die Hysterie und Paranoia treiben. Der denkwürdigste Geniestreich des Films ist seine gewaltige Schlußsequenz. Die organisierte Unterwelt der Stadt hat die im Zuge der Fahndung nach dem Kindermörder intensivierten Polizeirazzien satt; sie schafft es, den Täter (Peter Lorre, einer der genialsten Schauspieler aller Zeiten)  zu kidnappen und vor eine Art Volkstribunal zu stellen, wo über dessen Leben und Tod entschieden werden soll.  Nun kommt es zu der grotesken Situation, daß ausgerechnet die Raubmörder, Diebe, Einbrecher, Schieber und Prostituierten der Stadt darüber debattieren, ob dieser Schädling der Gesellschaft ausgemerzt werden darf oder nicht.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Deren Anführer, der "Schränker" (Gustaf Gründgens), begründet die Notwendigkeit der Unschädlichmachung des Täters damit, daß der Staat mit seinesgleichen zu nachsichtig umgehe, ihn voraussichtlich wegen mangelnder geistiger Zurechnungsfähigkeit am Leben lassen werde, "und dann brichste aus, oder es kommt ne Amnestie, und du gehst wieder fröhlich auf die kleenen Kinder los!". Seine Argumentation und Diktion ist beinahe wörtlich dieselbe, wie sie auch in den  "Volksgerichten" der NPD-Demos gepflegt wird. "Ich kann doch nichts dafür!!" schreit der Mörder mit schriller Stimme in einem der schrecklichsten, schaurigsten Momente der Filmgeschichte. Als sich  schließlich die Meute auf ihn stürzen will, greift in letzter Sekunde die Polizei ein - der Staat übernimmt nun seine Verurteilung, und, wie angedeutet wird, seine Hinrichtung.

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Ich sage nun nicht, daß die NPD-Demonstranten Verbrecher wären; sie werden von der Gesellschaft aber als solche - oder zumindest als ethisch schwer Defekte - wahrgenommen und gebrandmarkt, und sie selbst spielen in diesem Koordinatensystem allzu willig und blindlings die Rolle des bösen Buben und der "satanischen" Gegenfigur, bis zu einem Grad, in dem sie sich ihre Positionierungen, ja selbst ihren Habitus geradezu ex negativo diktieren lassen. Was motiviert diese jungen Männer, auf die Straße zu gehen, sich in die Schocker-Pose eines "gnadenlosen" Pogromhelden zu werfen und die physische Ausmerzung von jenen zu fordern, die als wohl einzige in der ethischen Werteskala der linksliberalen Gesellschaft noch unter den "Nazis" stehen? Ich verstehe es immer noch nicht so recht. Eine authentische Sorge um etwaige gefährdete Kinder ist es bestimmt nicht; und wenn, dann wäre eine solche Reaktion eher ein Zeichen von Unreife und Hysterie.

Was da auch immer psychologisch dahinterstehen mag: politisch ist die Kinderschänder-Obsession, mehr noch als die "Holocaustleugnung", eine reine Verlierernummer, die den Outsiderstatus der NPD noch zementiert und den Linken und den Berufskämpfern "gegen Rechts" einen willkommenen Popanz liefert, um ihr Business weiter zu rechtfertigen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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