Sezession
1. Oktober 2010

Die Sache mit HartzIV …

Götz Kubitschek / 59 Kommentare

... ist nicht einfach, dat hat keiner behauptet, und man kann natürlich immer auf die Bonus-Zahlungen an verantwortungslose Banker ausweichen, wenn man nicht über Hartz-IV-Dynastien im Allgemeinen und im Konkreten sprechen möchte. Über diese Bonus-Zahlungen kein Wort, das ist abartig, das ist zynisch. Aber zu HartzIV doch noch ein Wort:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Wenn ich mir die Tabelle ansehe, die in der FAZ vor einigen Tagen abgedruckt war, dann verspüre ich den Hauch der "Sozialen Kälte" nicht. Soziale Kälte hat mein Großvater erlebt, der als mittelloser Sohn eines Tagelöhners aus dem bayrischen Wald für eine Suppe und einen Schlafplatz in einem Massenquartier von morgens bis abends Torf stach. "Soziale Kälte" wäre zu verspüren, wenn die Arbeits- und Mittellosen aus den Städten ausschwärmen und auf den Feldern das zusammenstoppeln müßten, was den Bauern vom Erntewagen fiel.

Von diese Stoppel-Kartoffeln, von denen wir hier (nicht aus Not, sondern weil es Freude macht und die Kinder nebenbei mit dem Kartoffelkraut ein Feuerchen machen können) in ein paar Stunden zwei Säcke für die Enten und Hühner zusammengesammelt haben (das ist keine tolle Leistung, sondern bloß eine andere Form des Spazierengehens), verrotten dennoch auch um unser Dorf herum zentnerweise in den Furchen, während sich Hartz-IV-Familien (übergewichtig, die Kinder ganztags in Krippe und Hort) mit Auto, Handy, Fernsehen, Internet recht normal am Konsumleben beteiligen können und nicht in Bewegung sind.

Kartoffeln sammeln, das Gras aus den Straßengräben mähen, ein paar Enten und ein paar Hasen fett machen: Was ist denn schlecht daran? In der DDR - diesem Fürsorgestaat - war noch jeder Birnbaum verpachtet, jeder hat geschaut, daß er noch ein bißchen Viehzeug nebenher halten konnte, damit Fleisch auf den Tisch kommt. Wäre das heute schon unwürdig, kalter sozialer Hauch?

Die Tabelle zeigt das ganz gut: Für einen Alleinstehenden mag der Hartz-IV-Satz knapp (aber keinesfalls zu knapp) sein, mit zwei Kindern ists materiell ein völlig normales, sogar recht stabiles Leben, und ich weiß nicht, woher dieser die Arbeitsdisziplin und die Anstrengungsbereitschaft zerstörende Anspruch kommt, der nun ständig formuliert wird. Ich halte das für billigsten Stimmenfang. Und mehr: Wer die Menschen so in Watte packt, verachtet sie, hält nicht viel von ihren Kräften, ihren Widerstandskräften, ihrer inneren Überwindungskraft.

Hier die Tabelle, sie ist ein Schlag ins Gesicht für jeden Wachmann und jede Altenpflegerin mit Familie.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.