Werte-Alternative: Die Tugend

Den sogenannten Sekundärtugenden (mit denen man bekanntlich ganz schlimme Dinge machen kann) gegenüber zeigt sich ...

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

… der Volks­mund gele­gent­lich respekt­los, wenn es etwa heißt: “Pünkt­lich­keit ist eine Zier, doch es geht auch ohne ihr.” Mit der Tugend funk­tio­niert die­se Belus­ti­gung nicht. Denn die Tugend ist etwas ganz ande­res als ein­zel­ne Ver­hal­tens­re­geln oder Maxi­me. Sie ist nach Aris­to­te­les das­je­ni­ge, das den Ein­zel­nen in die Lage ver­setzt, über­haupt erst Mensch zu werden.

Die immer wie­der anzu­tref­fen­de Unter­tei­lung der Tugen­den ist gefähr­lich, da die Beto­nung der einen Tugend zu einer Fehl­ent­wick­lung füh­ren kann. Die Tugen­den wer­den dann, weil zwi­schen ihnen gewer­tet wird, zu Wer­ten. Bei den Grie­chen war dies noch nicht der Fall. Sie fan­den, daß die Tugend den Mensch zum Men­schen macht, wie die Schär­fe das Mes­ser zum Mes­ser. Des­halb ist der grie­chi­sche Begriff der Tugend, die are­té, schwer zu über­set­zen. Ob es mit Best­heit, Tüch­tig­keit oder Tucht (Zucht und Tugend) ver­sucht wur­de, es bleibt ein Rest.

Unab­hän­gig davon kön­nen wir aber wis­sen, was damit gemeint sein soll. So defi­niert Kant die Tugend als

die mora­li­sche Stär­ke in Befol­gung sei­ner Pflicht, die nie­mals zur Gewohn­heit wer­den, son­dern immer ganz neu und ursprüng­lich aus der Den­kungs­art her­vor­ge­hen soll.

Es ist also weder allein etwas Äußer­li­ches, das von uns ver­langt wird, wie die Pflicht, noch etwas rein Inner­li­ches, das wir errei­chen kön­nen, wenn wir nur wollen.

Die Sie­ges­zug des Indi­vi­dua­lis­mus hat zur Abwer­tung der Tugend geführt, ohne daß es dafür einen adäqua­ten Ersatz gege­ben hät­te. Erst der soge­nann­te Kom­mu­ni­ta­ris­mus ermög­lich­te vor allem in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten eine klei­ne Renais­sance der Tugend, was in Deutsch­land aus nahe­lie­gen­den Grün­den aber noch kei­nen durch­schla­gen­den Erfolg hatte.

Alas­dair Mac­In­ty­re, einer der Haupt­ver­tre­ter, defi­niert Tugend als eine erwor­be­ne mensch­li­che Eigen­schaft, deren Besitz und Aus­übung es uns ermög­licht, Güter zu errei­chen, die allen die­nen. Tugend ist das Gefühl für Tra­di­ti­on und die Urteils­fä­hig­keit, wel­che Grund­sät­ze zu wäh­len und wie sie in bestimm­ten Situa­tio­nen anzu­wen­den sind.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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