Sezession
1. Juni 2010

Vom faschistischen Eros

Gastbeitrag

Bereits Anakreons Dichterwort, Eros schlage auf ihn mit mächtigem Hammer und bade ihn dann wie der Schmied den glühend gewordenen Stahl im Gießbach, gemahnte an die Gewalt, die der Mensch sich selbst antun mußte, um jenes mit sich identische Selbst des phallozentrischen Mannes zu schaffen, dessen durchs Vatergesetz sanktionierte Kulturordnung ein heroisches Bollwerk gegen die archaische weibliche Naturmacht darstellte. Noch die frühen von Eros angeführten Mysteriengötter bilden nur das Gefolge der großen Muttergottheiten, die durchweg Schicksalsmächte sowohl des Lebens wie des Todes waren, und die griechische Mythologie allegorisiert immer wieder den tragischen Übergang von zyklisch in sich kreisender matriarchaler Vorgeschichte zur linear fortschreitenden patriarchalischen Kulturgeschichte. Jene mythische Vorwelt aber, die Bachofen kurzschlüssig als eine reale »Gynaikokratie« ausmalte, steht für nichts als die notorische Angst des auf seine Autonomie pochenden Mannes, in die chthonische Natur zurückzusinken und vom weiblichen Chaos verschlungen zu werden, wenn er der Verlockung nachgäbe, aus seinem starren Charakterpanzer herauszutreten und Tuchfühlung mit dem Lebendigen aufzunehmen.
In der Odyssee setzt Homer seinen Helden todbringenden weiblichen Versuchungen aus, die zum härteren Prüfstein seiner männlichen Souveränität werden, als es der Trojanische Krieg gewesen war. Vor der Sireneninsel, die mit Gebeinen modernder Menschen gesäumt ist, muß Odysseus den rudernden Gefährten die Ohren mit Wachs verstopfen und sich selbst an einen Mast binden lassen, um dem ebenso betörenden wie verderbenden Lied der Sirenen, dem keiner sich entziehen kann, gefahrlos lauschen zu können. Aber er weiß schon, daß er im Augenblick der Vorüberfahrt verzweifelt darum flehen wird ihn loszubinden, und so befiehlt er vorab, dann nicht zu gehorchen, sondern ihn nur noch fester zu fesseln und unerschrocken weiter zu rudern. Die von Horkheimer und Adorno als Allegorie der Dialektik der Aufklärung erschlossene Episode lehrt, warum ohne ein grundlegendes Weiblichkeitsopfer die abendländische Zivilisation nicht hätte entstehen können; sie zeugt aber nicht minder von den Grausamkeiten und Schmerzen männlicher Selbstkasteiung, welche die Geschichte des Patriarchats stets begleitet haben und die gerade angesichts seines drohenden Untergangs in eine blinde Entschlossenheit zu seiner bedingungslosen, nämlich faschistischen Verteidigung umschlagen sollten. In der Agonie der bürgerlichen Welt nach dem Ersten Weltkrieg suchte die Bohème eines geschlagenen und gedemütigten Volkes die kollektive Depression mit erotisch-narkotischen Euphorien zu übertäuben und die eigene politische Impotenz und mentale Effeminierung durch einen manischen Hedonismus zu verdrängen. Die Widerständigen dagegen, die der verzweifelten Libertinage der Goldenen Zwanziger nicht verfielen, hielten sich umso verbissener an die untergegangene Ordnung und erwarteten mit dem Ressentiment der Zukurzgekommenen den Triumph eines Willens, der diese haltlose Dekadenz durch Zucht und Ordnung bändigen, wenn nicht durch eine radikale Gewaltkur ausmerzen würde.
In einer bis zu den Lehren der Orphik zurückreichenden Geistestradition hatte bereits Otto Weininger das Männliche mit der »Form« und das Weibliche mit dem »Stoff« identifiziert, um die einbrechende Hierarchie der Geschlechter noch einmal in einer unverrückbaren Ordnung der Dinge zu verankern. Aber erst Goebbels zog aus dieser Erotisierung der Ontologie die faschistische Konsequenz einer Ästhetisierung der Politik: Der formgebende Künstlerpolitiker hatte die »Rohstoffmasse Mensch« zu einem stählernen Volk in einem schönen Staat zu schmieden.


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