Sezession
1. Juni 2010

Vom schwulen Eros

Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 36 / Juni 2010

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Es sei »absolut Kokolores«, urteilte Max Goldt 1989 in der Titanic über die »normalen Homos«, aus einem »kleinen, unterhaltsamen Defekt wie der Homosexualität einen ganzen Lebensstil zu destilieren … Die kultische Überhöhung einer unbedeutenden Norm-Abweichung führt natürlich zwangsläufig dazu, daß alle individuellen Eigenschaften gegenüber dem Schwulsein verblassen; es laufen Leute herum, die nicht mehr links, nicht mehr rechts, nicht mehr musisch, nicht mehr Mensch, sondern nur noch schwul sind und nichts anderes.«

Theoretisch könnte man die Homosexuellen-Frage an dieser Stelle stehen lassen, zumal die einst zentrale Forderung der Homosexuellenbewegung nach Entkriminalisierung seit den Entschärfungen des berüchtigten Paragraphen 175 in den Jahren 1969 und 1973 schon geraume Zeit erfüllt worden ist. Daß die Abschaffung dieses Relikts aus Kaiser Wilhelms Zeiten gerechtfertigt war, ist heute Konsens. Selbst unter den Konservativen gibt es nur wenige, die wie Gabriele Kuby Homosexualität für grundsätzlich ethisch problematisch und pathologisch halten. Diese Sichtweise blendet aus, daß hier nicht bloß eine abweichende Form der Triebabfuhr, sondern auch ein authentischer Eros am Werk ist, wofür sich als klassische Zeugen immerhin ein Platon, ein Shakespeare oder ein Michelangelo aufrufen lassen.
Mit der Entkriminalisierung stand freilich weiterhin die Frage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz offen, und diese ist der Punkt, an dem Homosexualität eine fortgesetzte politische Problematik mit sich bringt: dank der zahlreichen Handreichungen staatlich subventionierter Institutionen (mit Tips zum Coming-Out u.ä.) läßt sich heute von einer soliden Übererfüllung der alten Schwulenprogrammatik sprechen.
Wenn nun der Bürgermeister von Berlin (SPD) anläßlich seines Amtsantritts öffentlich verkündet »Ich bin schwul, und das ist gut so«, dann ist das ein gezielter politischer Akt, der weit über das private »Outing« hinausweist. Ebenso ist es Teil einer umfassenderen Strategie, wenn gegenüber dem Berliner Holocaust-Mahnmal zum Gedenken an die im Dritten Reich verfolgten Homosexuellen ein großer schwarzer Quader mit einem eingebautem Guckkasten aufgestellt wird, in dem in einer Dauerschleife ein Paar sich küssender Männer gezeigt wird.
Mindestens seit den sechziger Jahren steht die Homosexualität einschlägig im Dienst des Kulturkampfes der Linken – obwohl sie durchaus nicht deren Vorrecht ist, denkt man an Dichter wie Stefan George und Yukio Mishima, publizistische Pioniere wie Adolf Brand und Hans Blüher, Nationalsozialisten wie Ernst Röhm und seinen Epigonen Michael Kühnen oder Rechtspopulisten wie (vermutlich) Jörg Haider und Pim Fortuyn. Es genügte der Schwulenbewegung ab einem bestimmten Punkt nicht mehr, Toleranz für eine Minderheit einzufordern, die abweichende Sexualität wurde zum Hebel, um die Legitimität der Werte der Mehrheit, ja deren sexuelle Identität selbst in Frage zu stellen. Dies konnte freilich nur verfangen, weil die Argumentation der »Gender-Bender« ein gutes Stück Wahrheit auf ihrer Seite hat: tatsächlich ist die Sexualforschung heute kaum über Freud, Weininger, Blüher, Hirschfeld oder Kinsey hinausgekommen, die allesamt in verschiedenen Fassungen eine prinzipielle, latente Bisexualität des Menschen postulierten. Auf dieser Grundlage basieren letztlich auch jene heute stark bekämpften Theorien, die im scharfen Gegensatz zu den Schwulenlobbys Homosexualität als nicht wünschenswerte, weil primär sozialisationstechnisch erworbene Fehlprägung betrachten: ex nihilo nihil fit.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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