Sezession
1. Juni 2010

Vom pädagogischen Eros

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 36 / Juni 2010

von Michael Stahl

Sokrates liebte die Knaben, und die Knaben liebten ihn. Das war für die alten Athener völlig in Ordnung, denn es geschah im Rahmen einer gesellschaftlich hoch geschätzten und institutionalisierten Praxis. Im Lykeion und in der Palaistra, bei den Agonen und beim Symposion trafen athenische Männer der Oberschicht sich mit den Adoleszenten zu gemeinsamem Tun, das der geistigen und körperlichen Erziehung diente. Es bildeten sich Paare von reifen Männern und Heranwachsenden, einem Liebhaber (erastes) und einem Geliebten (eromenos). Dieser war nach unseren Begriffen längst kein Kind mehr, sondern zumindest pubertierend oder gar schon ein junger Mann. Seine Beziehung zum Älteren sollte ihm helfen, sich in der Welt der Erwachsenen einzufinden. Er erfuhr von deren Erfahrungen, lernte kennen, was sich gehörte und nach welchen Idealen sich zu leben lohnte.

Ernste Unterweisungen und spielerische Betätigungen, gesellschaftliche Verpflichtungen und religiöse Anlässe boten den Raum für die Entfaltung dieser besonderen Beziehungen von Älteren und Jungen, die ein festes Band zwischen den Generationen knüpften.
Der Erfolg dieses Initiationsritus hing jedoch ganz und gar am Eros. Der ältere Liebhaber wandte sich dem Jüngeren nicht »platonisch« distanziert zu, er warb um ihn, er entbrannte in Leidenschaft für das Junge, Unbefangene, Schöne, er begehrte auch körperlich. Sexuelle Handlungen blieben nicht aus, unterlagen aber einer strengen Kodifizierung des Erlaubten und Verbotenen (etwa jeder Form des Eindringens), und vor allem war das Sexuelle nie Ziel, sondern nur Mittel, eine treibende Kraft im Prozeß der Erziehung und des Erwachsenwerdens. In einem solchen Sex steckt auch ein Stück archaischer Magie: die Übertragung und Weitergabe männlicher Lebenskraft. Die Liebhaber waren deshalb überwiegend ganz »normale« Familienväter, keine Homosexuellen, trotz der ausgeprägt virilen Atmosphäre, in der sie sich zumeist bewegten, und schon gar keine »Pädophilen« in heutiger psychosexueller Definition.
Vor diesem Hintergrund der päderastischen Liebe entwickelte Sokrates, der europäische Archetyp des Erziehers, seine Gedanken zur Erziehung und seine Weise des Erziehens. Die Bräuche seiner Zeitgenossen verwarf er keineswegs, sondern beteiligte sich durchaus selbst an ihnen. Auch er konnte dem Schönen nach eigenem Bekunden nicht widerstehen (Menon 76c), und charakterisierte sich selbst in der Runde der Symposiasten als einen, der nichts anderes verstünde als »die Erotika« (Symposion 177d).
Sokrates sieht sich als Erotiker in einem umfassenden und neuen Sinne. Er achtet die ehrenvolle Sitte der Athener, in der die Erziehung im Verhältnis zweier Individuen geschieht, die sich ganz aufeinander einlassen. Daran schließt Sokrates’ eigene Methode der Aufklärung und Unterweisung an. Seine Gespräche sind keine bloß rationalen, sachorientierten Erörterungen, in ihrem Mittelpunkt stehen die Personen, steht der einzelne Mensch, um dessen moralische und seelische Entwicklung zu einem neuen Zustand der Bewußtheit seiner selbst es Sokrates zu tun ist. Die »größte Wohltat« sei es, so bestimmt er sein Ziel, »jeden von euch zu bewegen, daß er weder für irgend etwas von dem Seinigen eher sorge, bis er für sich selbst gesorgt habe, wie er immer besser und vernünftiger womöglich werden konnte(…)« (Apologie 36c), und er mahnt: »(…) schämst du dich nicht, für Geld zwar zu sorgen, wie du dessen aufs meiste erlangest, und für Ruhm und Ehre, für Einsicht aber und Wahrheit und für deine Seele, daß sie sich aufs Beste befinde, sorgst du nicht?« (Apologie 29d-e) Diese Forderung der Selbstsorge bedeutete im alten Athen eine Revolution der Wertordnung: Durch die Entdeckung der Seele als einer inneren Instanz, die allein der Sitz von Tugend und Glück ist, zählen die bisherigen Äußerlichkeiten, Reichtum und Ruhm, nicht mehr, sondern einzig die innere Verfaßtheit des Menschen. Sie befähigt ihn, aus sich selbst heraus – und nicht in den Augen der anderen – zu handeln, in Freiheit und womöglich im Gegensatz zu allen Konformitätszumutungen.


 Gastbeitrag

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