Sezession
1. Juni 2010

Amazonen

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 36 / 2010

von Karlheinz Weißmann

Wenn man lange genug lebt, hat man Gelegenheit zu beobachten, wie auf wissenschaftlichen Feldern die Gewißheiten von gestern zu den Irrtümern von heute werden. Das gilt für die Geisteswissenschaften ebenso wie für die Naturwissenschaften und deshalb auch für Disziplinen wie Archäologie und Vor- und Frühgeschichte.

Insofern ist die Entdeckung, daß es Amazonen gab, nicht so ungewöhnlich, wie auf den ersten Blick zu vermuten steht. Bis zum 19. Jahrhundert war man mehr oder weniger sicher, den antiken Berichten von einem kriegerischen, männermordenden Frauenvolk, das nördlich des Schwarzen Meers lebte, trauen zu dürfen. Dann erschienen sie unter dem Einfluß des positivistischen Zeitgeistes plötzlich als Phantasma, Herodots Fabulierlust entsprungen oder der Misogynie des alten Griechenlands. Dabei blieb es im Grunde, auch wenn Bachofen einen Rettungsversuch im Rahmen des Matriarchat unternahm und die Völkerkunde auf bewaffnete Weiber in Afrika und Amerika hinweisen konnte. Und nicht einmal der radikale Feminismus wagte mehr zu behaupten als einen Mythos, zu heikel erschienen so aggressive Vorfahrinnen, die Männer nur zum Zweck der Zeugung oder als verstümmelte Diener duldeten und sich eine Brust ausbrannten, um den Bogen besser führen zu können.
Wenn die üblichen Positionen in der Amazonen-Frage revidiert werden müssen, dann vor allem, weil im Süden der ehemaligen Sowjetunion immer neue, überraschende Funde gemacht werden. Seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems verstärkt sich außerdem der wissenschaftliche Austausch mit dem Westen und auch hier erfährt man nun von der Menge an Überresten, die in den großen Grabhügeln der Steppe – den »Kurganen« – ausgegraben werden und die darauf hinweisen, daß unter Skythen, Saromaten und Sarmaten, sowie unter ihren Nachfolgern, den Völkern des Altai, vom 6. bis zum 1. Jahrhundert vor Christus, mit abnehmender Tendenz bis zum Hochmittelalter, Kriegerinnen eine Rolle spielten. Eine Verbindung mit diesen Randvölkern hatte auch die Antike hergestellt, und der in Paris lehrende Althistoriker Iaroslav Lebedynsky macht in einer gerade erschienen, aber bisher nur auf Französisch vorliegenden Arbeit (Iaroslav Lebedynsky: Les Amazones. Mythe et réalité des femmes guerrières chez les anciens nomades de la steppe, Paris: Errance 2009, kart., 126 S., zahlreiche SWAbb., 25.– €) deutlich, wie viele Indizien dafür vorliegen, daß die Rede von den Amazonen mehr als einen wahren Kern enthielt.
Die Existenz eines Volks der Amazonen behauptet allerdings auch Lebedynsky nicht. Seiner Meinung nach erklärt sich aus der extremen Hochschätzung des Krieges bei den Nomaden, daß sie auch Frauen – genauer wohl: Mädchen – militärisch erzogen. Alles spreche dafür, daß sie dieselbe Kleidung und dieselbe Ausrüstung wie Männer trugen (bei deutlicher Bevorzugung des Bogens). Nichts spreche für die Annahme eines »Mütterreichs«, auch wenn weibliche Gottheiten und Priesterinnen wichtig waren. Eher sei ein erhebliches Maß an Gleichberechtigung der Geschlechter vorauszusetzen, das sich eben auch auf den Kampf bezog. Erst die Islamisierung dieses Raums habe die Tradition gebrochen, wenngleich sich unter den Turkvölkern bis zur Gegenwart ein erstaunlicher Grad an Emanzipiertheit der Frauen erhielt.


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