Sezession
13. Oktober 2010

Jud Süß revisited (2)

Martin Lichtmesz

Nun habe ich mich endlich, lustlos und aus purem Pflichtgefühl, in den Oskar Roehler-Streifen Jud Süß - Film ohne Gewissen geschleppt, über den ich schon im Februar anläßlich der Berlinale-Premiere berichtet hatte. Spätnachts im Cinemaxx am Potsdamer Platz war ich der einzige Zuschauer, und ich kann nicht gerade sagen, daß ich meine Privatvorstellung genossen hätte.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Der Film über den Film, den in Deutschland außerhalb von rituellen Rahmenbedingungen niemand sehen darf (der aber inzwischen ohnehin im Internet zuhauf zu finden ist), konzentriert sich auf das Schicksal seines Hauptdarstellers Ferdinand Marian, wobei sich die Autoren erhebliche Freizügigkeiten herausgenommen haben. Das Ergebnis ist durchweg ungenießbar, aber als Symptom zum Status Quo der "Bewältigung" ein paar nähere Betrachtungen wert.

Der Originalfilm Jud Süß aus dem Jahr 1940 ist ein "Fall" der deutschen Filmgeschichte, dessen Studium aus vielerlei Hinsicht aufschlußreich ist, und zwar nicht allein wegen der Frage nach den Umständen der Filmproduktion im "Dritten Reich" und der Rolle des Künstlers und seiner Verführbarkeit in totalitären Systemen, sondern auch wegen grundsätzlicheren ästhetischen Problemen - was "darf" ein Film, was "kann" ein Film tatsächlich politisch erreichen? Wo sind die Grenzen der künstlerischen Freiheit, wo fängt die moralische Verantwortlichkeit an?

Wie sehr der Film nun tatsächlich den Judenhaß befördert hat, ist heute umstritten. Inwiefern Veit Harlan direkt für den Inhalt verantwortlich war, scheint mir durch eine neue, skrupulös recherchierte Biographie weitgehend geklärt zusein - meine ausführliche Besprechung in der Jungen Freiheit ist hier nachzulesen. Danach besteht kein Zweifel, daß sowohl Harlan als auch die Hauptdarsteller Marian und die beiden Jahrhundertschauspieler Werner Krauß und Heinrich George ohne Chance auszuweichen in die Mitarbeit an dem Film hineingepreßt wurden, und sich zum Teil nur unter schwersten Gewissensqualen beteiligten.

Dies war aber nur der eine Teil der Geschichte. Die Goebbel'sche Zuckerbrot- und Peitsche-Taktik zielte nämlich auch darauf ab, die Künstler, sobald sie sich ihrem Schicksal gefügt hatten, bei ihrem Ehrgeiz zu packen, und genau hier schnappte die Falle zu, besonders im Falle von Werner Krauß. Harlan lag ein Drehbuch auf "Stürmer"-Niveau vor, dessen Tendenz er zu korrigieren und abzuschwächen versuchte, indem er den "Jud Süß" Oppenheimer in der Tradition des Shylock als ehemals Gejagten und Gedemütigten zeigen wollte, der nun seinerseits zum Jäger geworden war.

Die Judendarstellungen von Krauß und Marian knüpften dabei in ihrem Habitus an eine Theatertradition an, wie man sie etwa noch in Fritz Kortners atemberaubender Interpretation des "Kaufmanns von Venedig" in dem Film von Hans-Jürgen Syberberg sehen kann. Die Autoren des Jud Süß waren freilich alles andere als Shakespeares, und die Judenkarikaturen in dem Film um ein vielfaches einseitiger und primitiver als etwa in dem obigen Ausschnitt mit Kortner. Sie waren aber in dieser Form auch für ein gebildetes Publikum akzeptabel, wozu zusätzlich die Einbettung des Propagandasujets in die Form des Historienfilms und in Elemente des bürgerlichen Trauerspiels beitrug.

Nun berichten die Augenzeugen übereinstimmend, daß Harlan ursprünglich tatsächlich eine Art Director's cut gedreht hatte, der stärker das Shylock'sche Element betonte, und in dem der "Jud Süß" bei seiner Hinrichtung aufrecht, dämonisch-stolz und mit alttestamentarischen Flüchen auf den Lippen abtrat.  Diese Schlußszenen mußten auf Geheiß von Goebbels komplett neu gedreht werden, und diesmal war der Schurke im Angesicht des Todes nur mehr ein kriechender, hündisch um Gnade flehender Jammerlappen, dessen weinerliches Selbstmitleid endgültig den Nimbus des "sexy Schurken", der er die meiste Laufzeit des Films hindurch eben gewesen war, zerstören sollte. Nun war er nur mehr eine verachtenswerte Gestalt, ohne Größe, Stolz und Glamour.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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