Jud Süß revisited (2)

Nun habe ich mich endlich, lustlos und aus purem Pflichtgefühl, in den Oskar Roehler-Streifen Jud Süß - Film ohne Gewissen geschleppt,...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

über den ich schon im Febru­ar anläß­lich der Ber­li­na­le-Pre­mie­re berich­tet hat­te. Spät­nachts im Cine­ma­xx am Pots­da­mer Platz war ich der ein­zi­ge Zuschau­er, und ich kann nicht gera­de sagen, daß ich mei­ne Pri­vat­vor­stel­lung genos­sen hätte.

Der Film über den Film, den in Deutsch­land außer­halb von ritu­el­len Rah­men­be­din­gun­gen nie­mand sehen darf (der aber inzwi­schen ohne­hin im Inter­net zuhauf zu fin­den ist), kon­zen­triert sich auf das Schick­sal sei­nes Haupt­dar­stel­lers Fer­di­nand Mari­an, wobei sich die Autoren erheb­li­che Frei­zü­gig­kei­ten her­aus­ge­nom­men haben. Das Ergeb­nis ist durch­weg unge­nieß­bar, aber als Sym­ptom zum Sta­tus Quo der “Bewäl­ti­gung” ein paar nähe­re Betrach­tun­gen wert.

Der Ori­gi­nal­film Jud Süß aus dem Jahr 1940 ist ein “Fall” der deut­schen Film­ge­schich­te, des­sen Stu­di­um aus vie­ler­lei Hin­sicht auf­schluß­reich ist, und zwar nicht allein wegen der Fra­ge nach den Umstän­den der Film­pro­duk­ti­on im “Drit­ten Reich” und der Rol­le des Künst­lers und sei­ner Ver­führ­bar­keit in tota­li­tä­ren Sys­te­men, son­dern auch wegen grund­sätz­li­che­ren ästhe­ti­schen Pro­ble­men – was “darf” ein Film, was “kann” ein Film tat­säch­lich poli­tisch errei­chen? Wo sind die Gren­zen der künst­le­ri­schen Frei­heit, wo fängt die mora­li­sche Ver­ant­wort­lich­keit an?

Wie sehr der Film nun tat­säch­lich den Juden­haß beför­dert hat, ist heu­te umstrit­ten. Inwie­fern Veit Har­lan direkt für den Inhalt ver­ant­wort­lich war, scheint mir durch eine neue, skru­pu­lös recher­chier­te Bio­gra­phie weit­ge­hend geklärt zusein – mei­ne aus­führ­li­che Bespre­chung in der Jun­gen Frei­heit ist nach­zu­le­sen. Danach besteht kein Zwei­fel, daß sowohl Har­lan als auch die Haupt­dar­stel­ler Mari­an und die bei­den Jahr­hun­dert­schau­spie­ler Wer­ner Krauß und Hein­rich Geor­ge ohne Chan­ce aus­zu­wei­chen in die Mit­ar­beit an dem Film hin­ein­ge­preßt wur­den, und sich zum Teil nur unter schwers­ten Gewis­sens­qua­len beteiligten.

Dies war aber nur der eine Teil der Geschich­te. Die Goebbel’sche Zucker­brot- und Peit­sche-Tak­tik ziel­te näm­lich auch dar­auf ab, die Künst­ler, sobald sie sich ihrem Schick­sal gefügt hat­ten, bei ihrem Ehr­geiz zu packen, und genau hier schnapp­te die Fal­le zu, beson­ders im Fal­le von Wer­ner Krauß. Har­lan lag ein Dreh­buch auf “Stürmer”-Niveau vor, des­sen Ten­denz er zu kor­ri­gie­ren und abzu­schwä­chen ver­such­te, indem er den “Jud Süß” Oppen­hei­mer in der Tra­di­ti­on des Shy­lock als ehe­mals Gejag­ten und Gede­mü­tig­ten zei­gen woll­te, der nun sei­ner­seits zum Jäger gewor­den war.

Die Juden­dar­stel­lun­gen von Krauß und Mari­an knüpf­ten dabei in ihrem Habi­tus an eine Thea­ter­tra­di­ti­on an, wie man sie etwa noch in Fritz Kort­ners atem­be­rau­ben­der Inter­pre­ta­ti­on des “Kauf­manns von Vene­dig” in dem Film von Hans-Jür­gen Syber­berg sehen kann. Die Autoren des Jud Süß waren frei­lich alles ande­re als Shake­speares, und die Juden­ka­ri­ka­tu­ren in dem Film um ein viel­fa­ches ein­sei­ti­ger und pri­mi­ti­ver als etwa in dem obi­gen Aus­schnitt mit Kort­ner. Sie waren aber in die­ser Form auch für ein gebil­de­tes Publi­kum akzep­ta­bel, wozu zusätz­lich die Ein­bet­tung des Pro­pa­gan­da­su­jets in die Form des His­to­ri­en­films und in Ele­men­te des bür­ger­li­chen Trau­er­spiels beitrug.

Nun berich­ten die Augen­zeu­gen über­ein­stim­mend, daß Har­lan ursprüng­lich tat­säch­lich eine Art Director’s cut gedreht hat­te, der stär­ker das Shylock’sche Ele­ment beton­te, und in dem der “Jud Süß” bei sei­ner Hin­rich­tung auf­recht, dämo­nisch-stolz und mit alt­tes­ta­men­ta­ri­schen Flü­chen auf den Lip­pen abtrat.  Die­se Schluß­sze­nen muß­ten auf Geheiß von Goe­b­bels kom­plett neu gedreht wer­den, und dies­mal war der Schur­ke im Ange­sicht des Todes nur mehr ein krie­chen­der, hün­disch um Gna­de fle­hen­der Jam­mer­lap­pen, des­sen wei­ner­li­ches Selbst­mit­leid end­gül­tig den Nim­bus des “sexy Schur­ken”, der er die meis­te Lauf­zeit des Films hin­durch eben gewe­sen war, zer­stö­ren soll­te. Nun war er nur mehr eine ver­ach­tens­wer­te Gestalt, ohne Grö­ße, Stolz und Gla­mour.

Dies war nicht die ein­zi­ge Sze­ne, die von Goe­b­bels zurecht­ge­schlif­fen wur­de, und nun zeig­te sich, daß Harlans Anstren­gun­gen, den Film doch noch aus den Nie­de­run­gen der blo­ßen Pro­pa­gan­da zu ret­ten, sei­ner dem­ago­gi­schen Wir­kung nur zugu­te kamen.  Spu­ren­ele­men­te der ursprüng­li­chen Kon­zep­ti­on sind in der über­lie­fer­ten Fas­sung noch erhal­ten – wenn etwa der jugend­li­che blon­de Held, ein höl­zer­ner Nuß­kna­cker­sieg­fried, dem frisch in Stutt­gart ein­ge­trof­fe­nen Süß mit feind­se­li­gem Fun­keln in den Augen zu ver­ste­hen gibt, daß er sei­ne Mimi­kry durch­schaut hat: “In der Resi­denz Stutt­gart gibt es kei­ne Judenher­ber­gen.”  Nun kommt der berühm­te, auch bei Roeh­ler betont aus­ge­spiel­te Moment, in dem der getrof­fe­ne, ent­larv­te Süß lang­sam die Augen nie­der­senkt, sich einen Moment sam­melt, und mit wie­der­ge­won­ne­ner Façon höf­lich lächelnd ant­wor­tet: “Mein Kom­pli­ment zu Ihrer Menschenkenntnis!”

Süß wird also schon ange­gif­tet, bevor er über­haupt etwas Böses getan hat, aber in der Bin­nen­lo­gik des Films ist das eben jenes berech­tig­te Vor­ur­teil, des­sen Gül­tig­keit er bewei­sen will:  eine Viper wird eben immer eine Viper blei­ben. Aber den­noch scheint in dem Moment von Süß’ Augen­nie­der­schlag und zöger­li­cher Ant­wort eine ande­re Dimen­si­on des Cha­rak­ters durch. In jedem Fall war er, wie auch die bei­den ande­ren Schur­ken, der kor­rup­te Her­zog (Geor­ge) und der jid­deln­de, dia­bo­li­sche Sekre­tär Levi (Krauß), der kom­ple­xes­te und inter­es­san­tes­te Cha­rak­ter des Films, wäh­rend die “Guten” eher blaß und sche­ma­tisch ausfielen.

Dem hat nun Roeh­ler in sei­nem Film inso­fern Rech­nung getra­gen, als die Ver­su­che, das Goe­b­bels-Mach­werk in eine ande­re Rich­tung zu steu­ern, expli­zit Erwäh­nung fin­den und gänz­lich den Bemü­hun­gen Mari­ans (dar­ge­stellt von Tobi­as Moret­ti) zuge­spro­chen wer­den. Die­sem haben die Dreh­buch­au­toren zusätz­lich eine zum Teil jüdisch­stäm­mi­ge Frau (was his­to­risch nicht stimmt) und einen fik­ti­ven jüdi­schen Schau­spie­ler­kol­le­gen zur Sei­te gestellt, den er auch noch über Mona­te in sei­nem Haus ver­steckt. Die­ser Schau­spie­ler mit dem über­poin­tiert gesetz­ten Namen Wil­helm Adolf Deut­scher taucht im Lau­fe des Films immer wie­der als die Neme­sis und das schlech­te Gewis­sen Mari­ans auf.

Die­ser wird nun trotz sei­nes hef­ti­gen Wider­stands von Goe­b­bels mit einem Mix aus Schmei­che­lei­en, Dro­hun­gen, Mani­pu­la­tio­nen und Erpres­sun­gen zur Akzep­tanz der Rol­le gedrängt, bis ihm kei­ne ande­re Mög­lich­keit mehr bleibt, als anzu­neh­men. Mari­an klam­mert sich nun an die eben­so voll­mun­di­gen wie hoh­len Wor­te Harlans, daß man kei­ne “anti­se­mi­ti­sche Pro­pa­gan­da”, son­dern “Kunst” machen wol­le, und sein Vor­satz, den Süß “als Men­schen” zu spie­len, wird zur hilf­lo­sen Ratio­na­li­sie­rung, um sei­ne Kom­pli­zen­schaft vor sich selbst, sei­ner Frau und sei­nem ehe­ma­li­gen Kol­le­gen Deut­scher zu rechtfertigen.

Nun ist die Dar­stel­lung der Erpres­sung Mari­ans trotz aller Dreh­buch­frei­hei­ten durch­aus rea­lis­tisch gelun­gen. Und nicht nur das. Es ist erstaun­lich, wie sehr Mari­an von Roeh­ler nicht nur weit­ge­hend von der per­sön­li­chen Ver­ant­wor­tung ent­las­tet wird, er wird gera­de­zu zum ver­zwei­fel­ten Wider­ständ­ler hoch­in­sze­niert, wobei er sich gegen Goe­b­bels Din­ge erlaubt, die in Wirk­lich­keit kaum durch­ge­gan­gen wären: so schreit er ihm sei­ne Wei­ge­rung ins Gesicht und schmeißt ihm einen Aschen­be­cher zu Füßen. Mit dem eher lächer­li­chen Goe­b­bels des Moritz Bleib­treu kann man sich das aller­dings irgend­wie glaub­haft erlau­ben, und hier zeigt sich eine der größ­ten Schwä­chen des Films: Bleib­treu gibt sich zwar alle Mühe, den Sprach­duk­tus des Pro­pa­gan­da­mi­nis­ters wie­der­zu­ge­ben, er bleibt aber doch immer der Moritz mit dem drol­li­gen Kaul­quap­pen­ge­sicht, und wenn die Outra­ge über­hand nimmt, dann ist Syl­ves­ter Groths Slap­stick-Goe­b­bels aus Mein Füh­rer resp. Ing­lou­rious Bas­ter­ds nicht mehr fern. Das ist jeden­falls kein Goe­b­bels, vor dem man wirk­lich Angst bekommt, und hier ist auch am deut­lichs­ten die Unent­schlos­sen­heit von Jud Süß – Film ohne Gewis­sen zu spü­ren, ob er nun eine schwar­ze Far­ce oder eine Tra­gö­die sein will.

Der Grund dafür liegt wohl nicht nur in Roeh­lers Hang zum Faß­bin­de­res­ken, zu grel­len Effek­ten und Über­zeich­nun­gen, zum Tra­shi­gen wie auch zu unap­pe­tit­li­chen Sex­sze­nen (die dem gan­zen Unter­neh­men so ein gewis­ses Geschmäck­le geben). Es kos­tet näm­lich einen Preis, daß Mari­an – man den­ke: der Haupt­dar­stel­ler des berüch­tigs­ten aller NS-Hetz­fil­me!-  als Opfer des Sys­tem­zwangs geschil­dert und gar als Sym­pa­thie­trä­ger und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur auf­ge­baut wird. Je skru­pu­lö­ser, gewis­sen­haf­ter, lei­den­der,  wider­stän­di­ger, mensch­li­cher er erscheint, umso kras­ser wer­den alle, aber auch wirk­lich alle ande­ren wich­ti­gen Betei­lig­ten wie eben Veit Har­lan, Kris­ti­na Söder­baum, Krauß, Geor­ge, Eugen Klöp­fer, Mal­te Jae­ger mit geziel­ter Per­fi­die von sei­ten des Regis­seurs als arro­gan­te Hohl­köp­fe, beflis­se­ne, kar­rie­re­g­ei­le Arsch­krie­cher, gewis­sen­lo­se Schuf­te und will­fäh­ri­ge Mit­läu­fer denun­ziert: ver­dammt sind sie alle! Inmit­ten all der bös­ar­tig über­zeich­ne­ten Car­toon-Gestal­ten des Films wirkt Mari­an-Moret­ti bei­na­he wie der ein­zi­ge ech­te Mensch. (Eine Meta-Iro­nie der Film­ge­schich­te: wie auch Fer­di­nand Mari­ans Leis­tung den Jud Süß von 1940 heu­te noch halb­wegs erträg­lich macht, so ist es Tobi­as Moret­ti zu ver­dan­ken, daß man sich den Jud Süß 2010 eini­ger­ma­ßen angu­cken kann.)

Dabei geht Roeh­ler mit einer hem­mungs­lo­sen Skru­pel- und Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit gegen­über der Geschich­te zu Werk, bei der einem die Spu­cke weg­bleibt. Liegt das an man­geln­der Recher­che oder an ihrer dezi­dier­ten Ver­wei­ge­rung?  Die his­to­ri­schen Fak­ten wer­den näm­lich nicht nur ver­fälscht und ver­zerrt, son­dern zum Teil gar völ­lig auf den Kopf gestellt. Denn auch die ande­ren Betei­lig­ten wur­den auf eben dies­sel­be Wei­se wie Mari­an in den Film gepreßt. Aber hät­te Roeh­ler das auch noch gezeigt, hät­te er dann über­haupt sei­nen Film dre­hen können?

Man kann sich die Atta­cken, die dar­auf gefolgt wären, mühe­los aus­ma­len, vor allem, wenn er das Tabu gebro­chen hät­te, Har­lan zumin­dest teil­wei­se zu ent­las­ten, genau­so wie er es auch mit Mari­an tut. Statt­des­sen zeigt er, wie Mari­ans eigen­mäch­ti­ger Ver­such, den Süß zu “ver­mensch­li­chen” auf den hef­ti­gen Wider­stand des Regis­seurs stößt, der als bor­nier­ter, auf­ge­bla­se­ner und talen­tar­mer Schleim­beu­tel hin­ge­stellt wird. Es war aber gera­de Har­lan, der dem Film die­se mil­dern­de Ten­denz geben woll­te. Roeh­ler jedoch zeigt gro­tes­ker­wei­se, wie aus­ge­rech­net Goe­b­bels Mari­ans Dar­stel­lung unter­stützt, und den holz­köp­fi­gen Har­lan drängt, den Film “sub­til” und “künst­le­risch” zu machen.  Genau das Gegen­teil war der Fall.

So aber hat Roeh­ler das ohne­hin schon in Grund und Boden ver­fem­te Paar Har­lan-Söder­baum wie­der ein­mal aus der Gruft gezerrt, um es als bil­li­ge Schieß­bu­den­fi­gu­ren auf­zu­stel­len, unter völ­li­ger kalt­schnäu­zi­ger Igno­ranz der Har­lan-For­schung, ohne auch nur einen Ver­such zu Fair­neß und Gerech­tig­keit, der ange­bracht wäre, wenn man sich zum gro­ßen Rich­ter auf­schwin­gen will. Zusam­men mit ihnen wer­den auch Hein­rich Geor­ge, Wer­ner Krauß und ande­re der Ver­ach­tung und dem Spott preis­ge­ge­ben. (Sogar der gute, alte Hans Moser, der um Hil­fe für sei­ne jüdi­sche Frau bet­telt, wird trotz des erns­ten Hin­ter­grun­des als Witz­fi­gur insze­niert – dies nur einer von vie­len geschmack­li­chen Fehl­grif­fen des Regisseurs.)

Das hat eine beson­de­re Schä­big­keit, wenn man bedenkt, daß es sich hier immer­hin trotz allem um her­aus­ra­gen­de Künst­ler han­delt, die in der deut­schen Film­ge­schich­te tie­fe­re und bedeu­ten­de­re Spu­ren hin­ter­las­sen haben, als es Roeh­ler wohl jemals gelin­gen wird. Umso mie­ser auch, als sich der Film, wie in die­sem Gen­re üblich, den Anschein his­to­ri­scher Kor­rekt­heit gibt, obwohl er zu mas­si­ven Fik­tio­na­li­sie­run­gen gegrif­fen hat. Fragt sich  nur, wozu die­se for­cier­ten Denun­zia­tio­nen die­nen sol­len. Was bringt es, ein wei­te­res Mal auf Söder­baum-Har­lan zu spu­cken, und sie einem heu­ti­gen Publi­kum als ver­ächt­li­che Haß-Iko­nen und däm­li­che Stum­per zu prä­sen­tie­ren? Die­nen die­se zu Knall­char­gen ver­stüm­mel­ten Figu­ren als Ali­bis und Sün­den­bö­cke, damit man wenigs­tens Mari­an bei­nah als “Opfer”, sei­ne Schuld als tra­gi­sche Ver­stri­ckung, als über­mäch­ti­ges Ver­häng­nis zei­gen darf? Wie in den US-Fil­men, die als “dif­fe­ren­ziert” gel­ten, weil sie von Die jun­gen Löwen bis zu Schind­lers Lis­te einen, aber wirk­lich auch nur einen ein­zi­gen “guten” Aus­nah­me­deut­schen inmit­ten einer Mas­se von nie­der­träch­ti­gen Ver­bre­chern zeigen?

Und an letz­te­ren herrscht auch in Jud Süß – Film ohne Gewis­sen kein Man­gel: eine kli­schee­haft gezeich­ne­te bös­ar­tig-hohn­la­chen­de Nazi-Char­ge und ‑hack­fres­se jagt hier die ande­re. In einer beson­ders gemei­nen Sze­ne zeigt Roeh­ler ein paar feis­te, trach­ten­ja­cken­tra­gen­de, schnauz­bär­ti­ge Bay­ern, die den Krieg offen­bar locker über­stan­den haben und schon wie­der lus­tig am Bier­tisch schun­keln und sich auf­re­gen, daß die befrei­ten Juden aus den KZs schlech­te Lau­ne ver­brei­tend her­um­lun­gern, und auf “Staats­kos­ten” durch­ge­füt­tert wer­den, wäh­rend “das deut­sche Volk hun­gert!” Ohne pro­vo­ka­ti­ve Absicht und ganz ernst gefragt: wor­in unter­schei­det sich eine solch hin­ter­fot­zi­ge Kari­ka­tur eigent­lich nun genau von der Metho­de Goebbels?

Und spä­tes­tens hier wird auch Jud Süß – Film ohne Gewis­sen zum “Fall”. Denn auch wenn Roeh­lers stark fik­tio­na­li­sier­ter Mari­an gegen sei­nen Wil­len und gegen sei­ne guten Absich­ten durch ein über­mäch­ti­ges Schick­sal in die Ver­stri­ckung gezo­gen wur­de, so gibt es kei­ne Erlö­sung und kei­ne Ver­ge­bung für ihn. Nach­dem er erkennt, daß aus dem Jud Süß natür­lich genau jener Hetz­strei­fen gewor­den ist, den er von Anfang an befürch­tet hat, und daß sei­ne schau­spie­le­ri­sche Leis­tung zur pro­pa­gan­dis­ti­schen Unter­stüt­zung des sich anbah­nen­den Geno­zids miß­braucht wird,  beginnt Mari­an-Moret­ti zu sau­fen und sich in eine ver­zwei­fel­te Selbst­zer­stö­rung zu stür­zen, bis er nur mehr ein her­un­ter­ge­kom­me­ner Schat­ten sei­ner selbst ist, der mit sei­nen alten Rol­len durch die Gegend tin­gelt. Dabei erin­nert er an die zahl­lo­sen ande­ren halt­lo­sen Ner­ven­bün­del und hys­te­ri­schen Neu­ro­sen­würsch­tel, die in Roeh­lers Fil­men so oft auftauchen.

Nach dem Krieg begeg­net Mari­an sei­ner Neme­sis Wil­helm Deut­scher wie­der,  der das KZ über­lebt hat, einen haßer­füll­ten Fluch über ihn aus­spricht, und ihm mit­teilt, daß auch sei­ne (Mari­ans) jüdisch­stäm­mi­ge Frau ver­gast wur­de. Die befrei­ten Juden im Gefol­ge Deut­schers fal­len über Mari­an her, schla­gen ihn zusam­men und tre­ten mit den Füs­sen nach ihm. Der jun­ge amer­ka­ni­sche Sol­dat, der ihn vor dem Über­griff ret­tet, lan­det bald dar­auf im Bett sei­ner jet­zi­gen Gelieb­ten. Als Mari­an die bei­den zusam­men sieht, stol­pert er besof­fen zu sei­nem Wagen und fährt mit Voll­gas an einen Baum. Aus. Kei­ne Kathar­sis, kei­ne Süh­ne, nur ein unrühm­li­ches und jam­mer­vol­les Ende.

So wird Roeh­lers Mari­an zu Sym­bol­fi­gur des deut­schen Selbst­has­ses: auch für die­je­ni­gen, die gegen ihren Wil­len in die Müh­len des Regimes gezerrt wur­den, gibt es kei­ne Recht­fer­ti­gung und Ent­schul­dung. Besiegt, unsühn­bar befleckt mit frem­dem Blut und dem sei­ner Nächs­ten, sei­ner Selbst­ach­tung ver­lus­tig gegan­gen, ver­las­sen von der gelieb­ten Frau, die nun in den Armen des Sie­gers liegt, bleibt dem geschla­ge­nen und wider­leg­ten deut­schen Mann nichts übrig, als sich selbst den Gna­den­stoß zu versetzen.

Das ist im Grun­de die über­ge­ord­ne­te Moral von der Geschich­te, und wenn eine sol­che unterm Strich her­aus­kommt, dann regt sich offen­bar auch kein Mensch auf über die Fahr­läs­sig­keit, mit der hier mit der His­to­rie umge­gan­gen wird, was in ande­ren Fäl­len ja ger­ne skan­da­li­siert wird. Film ohne Gewis­sen? Oder ein Film des guten, alten deut­schen schlech­ten Gewis­sens und sei­nen Selbst­quä­le­rei­en, Affek­ten, Projektionsmechanismen?

Der Film kam übri­gens bei der Kri­tik durch­weg schlecht an. Andre­as Kilb etwa schrieb in der FAZ, das Miß­lin­gen von Jud Süß – Film ohne Gewis­sen zei­ge, “wie weit das deut­sche Kino noch davon ent­fernt ist, mit den Gespens­tern sei­ner Ver­gan­gen­heit fer­tig zu wer­den.” Rich­tig. Aber war­um genau das so ist, dazu fehlt auch ihm der Schlüssel.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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