Sezession
1. Februar 2008

Wegbereiter – Seismograph

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 22/Februar 2008

sez_nr_221von Christian Vollradt

Das Wörtchen „umstritten" - einst ein unverzichtbarer Baustein in der Charakterisierung des Schriftstellers Ernst Jünger - droht aus diesem Zusammenhang zu verschwinden. Vor 25 Jahren, als dem bereits Hochbetagten der Frankfurter Goethe-Preis verliehen wurde, kam es zu einer Gegendemonstration; Stadtverordnete der „Grünen" hatten zuvor eine Zitatsammlung zusammengestellt, auf welcher der Geehrte als „Träger des Nationalsozialismus" und Kriegsverherrlicher erschien. Und noch 1995 verwunderte es eigentlich kaum, daß in der für ihre linke Szene bekannten Universitätstadt Göttingen die Schaufensterscheibe einer Buchhandlung zu Bruch ging, weil dahinter aus Anlaß des hundersten Geburtstags Jüngers entsprechend dekoriert worden war.

Wenn sich nun sein Todestag zum zehnten Mal jährt, ist dergleichen wohl nicht zu erwarten. In derselben Stadt ging vor kurzer Zeit eine Lesung des Jünger-Biographen Heimo Schwilk weitgehend diskussionsarm über die Bühne. So begrüßenswert es ist, wenn aus den Feuilletons jenes „antifaschistische" Geschichtsbild verschwindet, das Jünger einseitig auf die Rolle eines Bellizisten und - mindestens - Prä-Nazis festlegen will, so bedauerlich wäre umgekehrt eine fortschreitende biographische Glättung, die sein Wirken als einer der profiliertesten Köpfe der revolutionären Rechten ab der Mitte der zwanziger Jahre bis 1933 ausklammerte. „Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen ein. Man kann jedoch die Barometer nicht für die Taifune büßen lassen, falls man nicht zu den Primitiven zählen will."
Dieser Passus am Beginn von Jüngers Strahlungen ist berühmt geworden. Obwohl er unmittelbar an eine Bemerkung über das „Schicksal Nietzsches" anschließt, „den zu steinigen heute zum guten Ton gehört", ist evident, daß der Autor hier vor allem auf sein eigenes Schicksal anspielt. Als Seismograph oder Barometer wollte Jünger gesehen werden; als jemand, der lediglich angezeigt und aufgezeichnet hat, was an Veränderungen und Erschütterungen mit Gewalt über den Planeten und die Menschen gekommen ist. Der Seismograph löst nicht das Beben aus, das Barometer nicht den Taifun - und wer anderes behauptet, gehört eben zu den Primitiven. Dieses Verdikt träfe dann etwa auch Thomas Mann, der Jünger im Dezember 1945 diffamierend einen „Wegbereiter und eiskalte(n) Genüßling des Barbarismus" nannte.
Begünstigt wird die Wirkung dieses Bildes vom Seismographen durch den Verweis auf Jüngers Schriften Die totale Mobilmachung (1930) und Der Arbeiter (1932), die beide - revidiert - Eingang in die Gesamtausgabe fanden. In ihnen gibt es tatsächlich Anhaltspunkte, die die rückblickende Behauptung des Verfassers, es handele sich um „eine Feststellung, ... keine Wertung" (so Jünger 1982 in einem Spiegel-Interview) zutreffend erscheinen lassen. Mit dem Hinweis auf den geschichtsphilosophischen Gehalt dieser Essays begegnete Jünger auch den Einwänden Wohlmeinender, die wegen der politischen Brisanz von einer Kanonisierung abrieten. Und nicht zuletzt konnte sich Jünger auf die nationalsozialistische Kritik am Arbeiter berufen, die das Buch als „bolschewistisch" verriß.


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